Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 505 (18.10.1935)
- Date
- 1935-10-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 505 DIE NEUE WELT Seite 7 Wa§ sie brauchen Zwei Bilder von Tnnkeler Iii einem Gesdrfrrgesdiäft Ein Geschirrgeschäft betritt ein untersetzter Mensch, einen eingedrückten Hut auf dem Kopfe, einen Schirm in der Hand, hohe Galoschen über den Schuhen. Er reibt sich die Hände und sagt: „Guten Morgen! Bekommt man da bei Ihnen eine gute Teekanne?" „Gewiß. Bitte sehr. Hier haben Sie eine ausgezeichnete Teekanne", sagte der Kaufmann und reichte von der Stellage eine große weiße Teekanne herunter. „Eine so große Teekanne brauche ich nicht. Meine Frau hat große Teekannen nicht gern. Meine Frau ist eine empfindliche Seele. Sie bevoraugt feine Sachen..." „Oh, in diesem Falle kann ich Ihnen diene Teekanne hier anempfehlen, etwas besonders Schönes. Belgisches Porzellan. Qualitätsware mit goldenem Rand." „Das ist wiederum zu klein. Meine Frau hat Sachen mit Blümchen nicht gern. Ich würde am liebsten eine Teekanne haben — nicht groß, nicht klein, so Mittelgröße.. „Wenn es gefälligst beliebt, nehmen Sie diese« Gefäß. Schauen Sie sich nur die Teekanne an. Blaue Farbe, himmelblau. Nicht groß und nicht Wein. Mittelgröße. Genau das Maß, das Ihre Frau gern hat." „Ich brauche kein Himmelblau mit irgend welchen Verzierungen. Meine Frau sagt, daß kolorierte Gefäße nicht schön sind in einem Haushalt. Daß sie nach ordinärem und altmodischem Stil riechen.- Meine Frau ist keine altmodische Dame, sie ist ein fortschrittlicher Mensch." „Hier haben Sic eine andere Teekanne, eine weiße, mit roten Blümchen und grünen Blättern, handgemalt." „O pfui! Wie können Sie mir so etwas vorlegen? Meine Frau wird mich hinauswerfen. Meine Frau haßt Blümchen und Blüten und gar noch grüne Blätter dazu. Ist denn meine Frau irgendein Weib vom Dorf? Meine Frau hat einen feinen Geschmack. Sie hat schon einmal ein Feingefühl für Sachen." Der Kaufmann wird ungeduldig. „Wenn dem so ist, habe ich für Sie eine Teekanne, genau so eine, wie Ihre Frau gern hat. Eine echtweiße Teekanne, niedrig, bauchig, mittelgroß, holländisches Porzellan." „Danebengeraten. Meine Frau sagt, daß man solche Teekannen im frühen Mittelalter benützt hat. Solch eine Teekanne riecht nach Kleinstadt. Geben Sie mir eine schmale, schlanke Teekanne. Meine Frau ist sehr modern. Meine Frau ist ein großstädtischer Mensch. Meine Frau war schon einmal in Karlsbad. Jedes Jahr fährt sie in ein Bad." „So habe ich für Sie eine chinesische Teekanne, in echt chinesischem Stil, mit chinesischer Malerei, eingebrannt^ Blumen, echt modern und in neuester Fasson. Ein Kunstwerk!" „Ich hab' Ihnen doch schon gesagt, daß meine Frau Malerei mit Blumen haßt. Chinesisches Porzellan steht heutzutage schon in jeder Schusterstube." Da gerät der Kaufmann schon in Wut und sagt: „Hören Sie, mein Herr Glaubensbruder, sind Sie hergekommen, mir hier mit einer Teekanne den Kopf voll zu machen? Sie brauchen überhaupt keine Teekanne." Der Kunde blickt ihn verwundert an: „Was denn brauche ich?" „Sie brauchen eine Scheidung. Eine Scheidung brauchen Sie." Sie wollen sich scheiden lassen Im Gerichtszimmer der Gemeinde. Vor dem Tisch des Rabbi steht ein junges Paar. Beide noch sehr jung. Diet Gesichter kindlich, naiv. „Wir sind zu Ihnen gekommen, Herr Rabbi, um uns scheiden zu lassen." „Wie lang seid ihr verheiratet?" fragt der Rabbi und blickt auf das junge Paar. „Ein halbes Jahr." „Ein halbes Jahr erst nach der Hochzeit und schon sich scheiden lassen", sagt der Rabbi verwundert. „Ja", sagt der junge Ehemann. „Wir müssen uns scheiden lassen. Wir können nicht miteinander leben." „Und was sagt sie, die Frau?" fragt der Rabbi. „Will sie die Scheidung?" „Ja, Rabbi, ich will die Scheidung. Ich kann mit ihm nicht leben", sagt die junge Frau. „Habt ihr einander nicht gern?" „Gott soll hüten", antwortet das Paar wie aus einem Mund. „Im Gegenteil, wir haben uns sehr gern. Wir leben wie die Täubchen. Wir sind ein Leib und eine Seele." „Weshalb wollt ihr euch dann scheiden lassen?" „Weil wir uns herumschlagen." „Ihr habt euch gern und schlägt euch herum?" „Ja, so ist es." „Weshalb schlägt ihr euch herum?" „Wir schlagen uns herum, wer wen lieber hat. Ständig raufen und streiten wir und bälgen wir uns deswegen herum." Der Rabbi zuckt mit den Achseln. „Nun ja", erklärt der junge Ehemann, „gestern ist das Maß vollgeworden. Wir sitzen beide so wie die Täubchen, da pack ich sie — Rabbi, sind Sie nicht ungehalten — und geb' ihr einen Kuß und sag' zu ihr: Weißt du jetsti wie. lieb ich dich hab'.? So. Jetzt hast du einen Begriff, wie du in meinem Herzen eingegraben bist. Da gibt sie mir — sind Sie nicht ungehalten, Rabbi — einen Kuß zurück und sagt mir: Stell' dir vor, Nahumel meiner, daß ich dich noch lieber hab'. Du bist in meinem Herzen noch mehr eingegraben. Sag' ich zu ihr: Was redest du, Kätzchen meins. Du hast mich noch lieber? Ich glaube, daß niemand stärker lieben kann als ich. Ist sie beleidigt und fällt mich an: Ihre Liebe zu mir sei tausendmal stärker als meine zu ihr. Sie wisse gar nicht, wie sie ohne mich leben kann." „So" — warf die Frau ein — „sind die Männer, Rabbi. Man kommt nicht über sie herüber. Sag' ich ihm: Mein Liebling, du bist mein schwarzer Augapfel, siagt er: Gltich meins, du bist meine Seligkeit. Sag' ich ihm: Herzchen meins, du bist meine Sonne, mein Morgenatrahl, sagt er zu mir: Engelchen, du bist mein alles, mein Leben, meine Welt..." „Und auf diese Weise habt ihr euch zerschlagen?" „Ja, Rabbi." „Und ihr wollt euch scheiden lassen?" „Ja, scheiden lassen. Mit einem so unnachgiebigen Mann kann man nicht leben." „Und ich meine, mit einer so unnachgiebigen Frau kann man gewiß nicht leben." „Vielleicht macht ihr Frieden?" fragt der Rabbi, „Nein, nein", schreien beide, „nur scheiden lassen!" Der Rabbi denkt eine Weile nach und sagt dann: „Wißt ihr, wa3 ich euch sagen werde, meine lieben Leute: Ihr braucht keine Scheidung." „Was denn brauchen wir?" fragen beide wie aus einem Munde. „Einen Arzt braucht ihr, einen Arzt, der euch kuriert." der Pariser Sorbonne, JOUrna9iStv sucht Stunden für Französisch, Hebräisch und Esperanto, eventuell als Reisebegleiter. Gefällige Zuschriften an J. Fechter, Wien I, postlagernd Schulbücher für Volks-, Haupt- und Mittelschulen, neue und antiquarische, in der Buchhandlung M. Rath, IL, Taborstraße 20 A.