Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 502 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 502 DIE NEUE WELT Seite 3 Vot schwerer Entscheidung* Mittwoch, am 9. Oktober, um l/29 Uhr abends im Fesisaale des Hotel „Continental", II, Taborstraße 4, allgemein zugänglicher V o ■ „Der Ziottionpß in tarn.—Seine Folp " Referent: Oberbaurat Robert Stricker. Kleiner Regiebeitrag Vortrag* Robert Stricker 5695 - 2iek 5696 iUrz dUaHB-Bekacktutop Von Dr. J. Adler (Tel-Aviv). Die „stille Saison" des Palästina-Sommers ist vorbei, die Tausende, die nach Europa zum Besuch des Luzerner Kongresses und zu Geschäfts-, Studien-, Familien- und Erholungszwecken reisten, 3ind wieder heimgekehrt; die Immigranten, die aus Gründen der Akklimatisation den Herbst bevorzugen, treffen von Woche zu Woche in ständig wachsenden Scharen ein, und demgemäß nimmt auch die im Sommer ein wenig abgeflaute Bautätigkeit in Tel-Aviv, Jerusalem. Haifa und Fetach-Tikwah, in den Kolonien und Siedlungen heute wieder kräftig zu. Insbesondere kündigt sich ja auch schon der regelmäßige Höhepunkt des palästinensischen Wirtschaftskaicndcrs an, die Zitrus-Exportsaison. Allerdings,, das ökonomische Problem Palästinas in der Gegenwart und erst in der Zukunft ist keineswegs allein ein Orangenproblem. Die Massen- Immigration und der anhaltende Zustrom von Kapital, das Beschäftigung braucht, stellt uns vor mannigfache konstruktive Aufgaben, die noch vor kurzem für utopisch gegolten hätten. PRESSGASSE 28 B 20-2-38 PARKRING 12 R 20-3-57 1932 1933 1934 Kapitalzustrom: 2% Mill. Pfund 8 ,i » 14 „ 16 ii <> Immigration: 9.553 Juden 30.327 „ 42.359 „ Jänner bis September 1935 (geschätzt): 44.000 „ So glänzend dieser gewaltige Zuwachs an Arbeitskraft, an Unternehmungslust, an Vermögen die Entwicklung Palästinas gefördert hat, das hiermit heute wohl das wichtigste Immigrationsland der Welt überhaupt geworden ist, so ignorieren wir doch keineswegs die oft tragischen Ursachen dieses Wanderungsphänomens. Jeder Brief, den wir aus Europa erhalten, jeder Immigrant, der hier neu ankommt, berichtet uns von der ständig wachsenden Judennot in den Ländern Mittel- und Osteuropas und in den Flüchtlingsquartieren von Paris und Prag. Schon ist zwar Erez Israel für Zehntausende, die am Leben fast verzweifelten, der Platz des Wiederaufbaues geworden; aber Hunderttausende, ja Millionen richten noch aus der Ferne sehnsüchtig ihren Blick auf unser Land. Es kommen jedoch — um hier rein dem soziologischen Gesichtspunkt zu folgen und vom ideologischen im Moment ganz abzusehen — nicht nur Flüchtlinge zu uns, sondern auch schon in flott wachsender Zahl Menschen, denen es auch an ihren bisherigen Wohnsitzen in jeder Hinsicht noch relativ gut ging. Tausende von Juden aus England, Südafrika, Kanada und U. S. A. haben im Jahre 5695 das „Land of Promise" besucht; viele von ihnen haben bereits ihren Wohnsitz hierher verlegt; sie alle aber haben wohl ausnahmslos irgendwie persönlichen Anschluß an die weitere Bücher » Schwedenbrücke! BUCHHANDLUNG SCHNEIDER & CO., WIEN I, Franz-Josefs-Kai 7 Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren zu billigsten Preisen. Katalog gratis! Entwicklung Palästinas gefunden, sei es durch Kauf von Häusern oder Pflanzungen, sei es durch Beteiligung an Firmen und durch Erwerb von Wertpapieren, und ganz gewiß hat ein jeder von ihnen über sein privates Interesse hinaus auch zum allgemeinen Aufbau des jüdischen Nationalheimes beigetragen, worüber unsere nationalen Fonds, unsere kulturellen und karitativen Institutionen rühmend zu berichten wissen. Niemals hat Palästina aufgehört, das Herz der jüdischen Welt zu sein; heute ist es aber auch in ganz wunderbarer Weise der allgcgen wärtige Trost des jüdischen Volkes geworden. Oft haben wir, wenn uns verirrte Zeitungsblätter von fernen jüdischen Gemeinden in Bombay, Charbin oder Schanghai, in Batavia oder Melbourne, in Santos oder Valparaiso, in Durban oder Kapstadt, in New Orleans oder Vancouver Kunde brachten, darüber nachgedacht, wie man dort wohl die Isolierung von der Hauptmasse des jüdischen Volkes empfinden mag. Waren sie nicht unseren Blicken einst fast ganz entschwunden, wie jene zehn Stämme, die nach Assur geführt wurden? Besorgte Psychologen flüsterten uns ins Ohr, daß gegen die Uebermacht der Isolierung auch der stärkste Selbsterhaltungswillc nicht siegen könne. Heute sind solche Befürchtungen gegenstandslos geworden. Zwar haben sich die geographischen Entfernungn nicht verändert; aber geistig existiert keine Distanz mehr zwischen uns, dem ..Jischuw" in Palästina, und den jüdischen Gruppen auch in den abgelegensten Teilen des „British Empire" und der U. S. A., Ostasiens und Latein- Amerikas; sie sind uns heute seelisch ebenso nahe wie die jüdichen Massen der Alten Welt. Ein jeder neue Erfolg unserer Arbeit in Erez Israel stärkt das Selbstvertrauen unserer Freunde draußen. Noch wichtiger indessen für uns allesamt ist es, daß auch die innere Kraft vorhanden ist, um gewisse Lücken und Unvollkommenheiten des Aufbauwerkes, so wie es heute ist, zu verstehen und auch solche Wahrheiten zu ertragen, die nicht immer ganz angenehm klingen. Bei Dickleibigkeit regt der kurmäßige Gebrauch des natürlichen „Frane-Josef "-Bitterwassers die Darmtätigkeit kräftig an, beschleunigt sicher den Stoffwechsel und macht den Körper schlank. wmmmmmmmmmmmmmmmtmmmmmmmmmmmmmammmmmmma^ammai^^^mmmm Deshalb soll ein Jahresrückblick auf 5695, eine schlichte, aufrichtige Elul-Betrachtung, nicht nur von der „Pro sp e ri ty" erzählen, von den Tausenden der neuen Häuser, von den vielen Millionen Pfund an neuen Investierungen, von diesem und jenem Zeitgenossen, der in Palästina schnell reich geworden ist, von einem neuen „Klondyke", wo das Gold auf der Straße liegt, oder einem neuen „Kimberley", wo man die Diamanten bloß vom Boden aufzuheben braucht. Lieber sprechen wir von dem echten Palästina des harten Daseinskampfes für Individuum und Nation, jenem Palästina, das auch jeder Tourist kennenzulernen vermag, wenn er sich nur die Mühe nimmt, einmal abseits von der Hotelhalle und vom „Autocar" die Menschen bei ihrer Arbeit aufzusuchen und von ihren Sorgen und ihren Hoffnungen zu hören. Das Wichtigste, was wir da zur Kritik des Jahres 5695 vorbringen müssen und was uns auch die Aufgabe für 5696 erkennen läßt, lautet: „Unsere produktiven Kräfte haben sich noch nicht ganz in dem Maße entfaltet wie unsere konsumtive Kapazitä!" Rechnet man für jeden palästinensischen Juden durchschnittlich mit einem Jahreskonsum von etwa 60 Pfund für Ernährung, Bekleidung und sonstige Bedarfsartikel (außer Wohnung), so hat allein durch die Einwanderung des Jahres 1934 sich der Absatzmarkt für Nahrungsmittel und Industriewaren (außer Baubedarf); um reichlich 2% Millionen Pfund erweitert, im bisherigen Verlauf von 1935 sogar schon um einen noch höheren Wert. Leider hat davon in weitaus erster Linie der Import von Auslandswaren und nicht unsere e i nheimische Produktion profitiert. Palästinas Gesamt- Wareneinfuhr ist von 7,8 Millionen Pfund in 1932 auf 11,1 in 1933 und 15,1 in 1934 gestiegen und hat schätzungsweise in Jänner bis September 1935 bereits nicht weniger als mindestens 13 Millionen Pfund erreicht. Da nun auf der anderen Seite unser Export, der ja in der Hauptsache aus Zitrusfrüchten besteht, längst nicht so rapid zugenommen hat, ist der Passivsaldo unserer Handelsbilanz in den letzten Jahren ständig gewachsen, nämlich von 5,4 Millionen in 1932 auf 8,5 in 1933 und H,9 in 1934, und leider müssen wir befürchten, daß er 1835 wohl kaum weniger als IVA Millionen Pfund ausmachen wird. Heute können wir ein solches Defizit der Handelsbilanz zwar noch glatt aus unserem Kapitalimport bezahlen. Wie soll das aber werden, wenn der Kapitalimport wieder einmal nachläßt? Ganz besonders füllt hei unserer Wareneinfuhr das unablässig sich vermehrende Quantum an Gemüse und Obst, an Schlachtvieh und Geflügel, an Eiern, Butter, Konserven aller Art auf, nicht minder an Textilwaren, Holzwaren und Metallwaren. Warum stellen wir das noch nicht selber in ausreichendem Maße her? Diese wirklich entscheidende Frage unserer materiellen Existenz in Erez Israel hängt in ihrer Lösung teils von anderen ab, teils aber auch von uns selbst. Die britische Mandatsverwaltung nimmt eine schwere Verantwortung dadurch auf sich, daß sie die jUdische Arbeltereiinvanderung nicht in dem Grado sich entwickeln läßt, wie es unseren Produktionsnotwendigkeiten entspräche. Die großen, vorzüglichen Salonschiffe „Gaülea", „PalestinR" und „Gcrusalcmmc" der direkten Eillinie des verkehren jeden Mittwoch und jeden -/.weiten Freitag / Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzelten täglich bloß Lire 555.— / Auskünfte; Lloyd Triestino. Wien I, Käntnerring Nr. (i s«»«55ggi Di-x Anteil der Arbeiter (Immigrationskategoric „C", ohne Angehörige) an unserer „Alijah" ist von 36 Prozent in 1933 auf 26 Prozent in 1934 gesunken und vermutlich im bisherigen Verlauf von 1935 noch geringer geworden. Die schlimmen Folgen spüren wir hier auf Schritt und Tritt. In Stadt und Land fehlt es an jüdischen Facharbeitern, und dadurch wird nicht nur die Neugründung von jüdischen Landwirtschafts- und Industriebetrieben enorm erschwert, sondern es wird auch überhaupt die Position der jüdischen Arbeit, zumal in der Orangenwirtschaft und auch schon stellenweise in der Bauwirtschaft, auf das äußerste gefährdet. Ein zv/eites Hindernis für die Entwicklung unserer produktiven Kräfte in der g e m i s c Ilten Landwirtschaft, die unseren Inlandsmarkt mit Gemüse, Obst, Eiern, Milchprodukten und Fleisch versorgen soll, und in der Industrie ist. der unzulängliche Zollschutz Palästinas gegen fremdes, insbesondere japanisches Dumping. Darunter leiden bekanntlich vor allem unsere Textilindustrie und unsere Metallindustrie. Wir werden daher von der Palästina-Regierung im neuen Jahre 5696 vor allen Dingen fordern müssen, daß sie ihre restriktive Immigrationspolitik von Grund auf revidiert und sich in der Handelspolitik unzweideutig für den Schutz der einheimischen Erzeugung Erez Israels einsetzt. Wir hoffen, daß auch unsere Freunde draußen ihren ganzen Einfluß für diese lebenswichtigen Interessen des Jischuw aufbieten werden. CHARLIE GH AN- AB -Heute: :reuzkinoi. luxpalastbh. Leider haben wir aber nun auch noch von eigenen Unterlassungssünden und Fehlern zu sprechen. Vielfach hat man über die im Lande gesparten und vom Auslände eingeströmten Kapitalien falsch disponiert, hat .sie entweder bei geringster Verzinsung als Depositen in den Banken viele Monate lang fast nutslos lagern lassen (heutiger Depositenbestand Palästinas etwa 17 Millionen Pfund) oder man hat, ins andere Extrem verfallend, damit in in- und ausländischen Valeurs und Nonvaleurs spekuliert — während nur relativ wenige au den soliden Mittelweg dachten, das Kapital zu erträglichen Bedingungen für den systematischen Ausbau der einheimischen Landwirtschaft und Industrie bereitzustellen. Daß wir noch immer den langfristigen Agrar- und Industrickredit, zumal für mittlere und kleinere Kreditnehmer, nicht richtig organisiert haben, ist ein arger I-!omms;?Iiuli unserer produktiven Entwicklung. Noch drückender emp» finden wir eine andere Lücke im Fortsehritt der letzten Jahre, die unbegrefliche Vernachlässigung und BagatelB»