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Die neue Welt · 1935-10-04 · Heft 502 (4.10.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 502 (4.10.1935)
Date
1935-10-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 502 Das große Wiener Irilmerei«nis Uli Darvas Hans Jaray Tagebuch der Geliebten Maria BaschKirtzeff mit Szöke Szakall, Attila Hörbiger, Anna Kallina, Sylvia de Bettini, Eta von $lom Buch: Felix Joachimson . Regie: Hermann Kosterlitx. Musik: Paul Abraham Gartenbau- I, Kärntner- I, Busch- II, Haydn- Vi, Kolosseum-Kino IX ___■__ Ein Panta-Film im Verleih Paul Freiwirth _______ Kdnkkei In einigen Tagen werden sich überall, wo Juden wohnen, tausende in kleinen armen Bethäusern oder in prunkvollen Synagogen versammeln, um sich zur Versöhnung mit Gott vorzubereiten, nach jahrhundertealter Weise, in stiller, wehmutsvoller, banger Stimmung ihr Gebet in das von Kerzenlicht bestrahlte Gotteshaus hinaussendend zum Ewigen, Namenlosen, Unsichtbaren. Und es kommt der Augenblick, der erzittern macht, da die Pforte zur Heiligen Lade geöffnet wird und die Thorarollen sichtbar werden. Tiefes Schauern ergreift die Schar und leise hebt sich die Melodie, ein halb gesungenes, halb gesprochenes Gebet, in dem alles liegt, was ein gläubig-sittliches Herz bewegt: ein kräftiges zuversichtliches Jauchzen, das kühn aufsteigt, ein in die Tiefe der Seelen dringendes Schluchzen, dem ein Triller der Hoffnung antwortet, um wie eine Verheißung, eine Erfüllung zu Ende zu gehen. Und sie alle vernehmen den dreimal sich wiederholenden Ruf in der Höhe: „Es sei vergeben der ganzen Gemeinschaft Israel und dem Fremden, der in ihrer Mitte wohnt, denn das ganze Volk hat gesündigt aus Irrtum..." An unserem Kol Nidrej haben die Feinde des Judentums, schon im 13. Jahrhundert, zur Zeit der öffentlichen Disputationen und der Blut- und Hostienschändungsbeschuldigungen, versucht, die Heiligkeit der Eide und der Gelöbnisse zu unterminieren und dem sittlichen Gebäude des Judentums Vernichtung zu drohen. Die Verleumder beriefen sich in unzähligen Büchern, Broschüren und Flugschriften auf Kol Nidrej als den Beweis einer laxen, ja moralisch verwerfbaren Auffassung des Eides bei den Juden, denen erlaubt sei, Andersgläubigen gegenüber einen falschen Eid zu schwören, sie ver- FAHRRAD- FABRIK KINDERWAGEN* FABRIK Kinderwagen verkauf: von s 35-"~ VII, Neubaugasse 21 / I, Tuchlaubonhof 7 X, Laxenburgerstraße 82 / XX, Jägerstraße 41 Fahrradfabrik: Vll, Burggasse 110 Bequeme Teilzahlung! ' Kataloge gratis.' langten die Oeffnung „bisher verheimlichter Quellen"! und liefen Sturm gegen eine „geheime" jüdische" Institution, welche die Auflösung von Gelübden gestatte. Der Antisemitenkatechismus machte sich seine Aufgabe leicht, indem er den Text des Kol Nidrej in der Uebersetzung bewußt fälschte: „Alle Gelübde (Kol Nidrej.) und Verbindlichkeiten und Verschwörungen der Eide, die wir an diesem Verschwörungstag bis auf den nächsten geloben, schwören und zusagen werden, die reuen uns alle und sollen aufgelöst, erlassen, aufgehoben, vernichtet, unkräftig und ungültig sein, unsere Gelübde sollen keine Gelübde und unsere Schwüre sollen keine Schwüre sein." Dieser angeblich dem Schulchan Aruch entnommene Text strotzt von Fälschungen. „Essare" bedeutet nicht Verbindlichkeiten, sondern Verbote (Selbstverbote), von „Verschwörungen der Eide" steht überhaupt nichts im Gebet, und Jörn Kippur mit Verschwörungstag statt mit Versöhnungstag zu übersetzen, ist blanker Unsinn. Die gemeinste Fälschung aber begehen die antisemitischen „Gelehrten" dadurch, daß sie die zwei Worte „al nafschatana" (für unsere eigene Person) weglassen und aus diesem Trick die vergiftetsten Waffen in den „W eisen von Z i o n" gegen den jüdischen Glaubenskodex schmieden. Indem sie die Heiligkeit des Eides untergraben, v/ollen sie die jüdische Moral treffen, das jüdische Volk, Kol Nidrej, der Ausdruck des primitiven ,Ich lasse mich mit Diana - Franzbranntwein massieren!" .Warum gerade mit Diana-Franzbranntwein?" .Weil ich mich überzeugt habe, daß nur Massage mit DIANA FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL solche Schmerzen lindert, welche von U e b e ranatrengung und schwerer Arbeit herrühren. Eben darum kaufe ich nur DIANA-FRANZBRANNTWEIN und nichts anderes." In jedem besseren Geschäft erhältlich. Verlangen Sie ausdrücklich „Diana" und nehmen Sie nur „Diana". Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen, jüdischen Volksgcwissens. von einem unbekannten Autor in die Welt gesetzt, soll die Schlinge sein, in der das sittliche Anrecht des Judentums in der Welt sich verfängt. Aber das Kol Nidrej hat sich durchgesetzt, dem nüchternen Text zum Trotz, durchgesetzt durch die Melodie, der alle gehuldigt haben, Juden und Nichtjuden, und es hat allen Reformatoren standgehalten, die es durch Fsalmen oder andere Lieder ersetzen wollten, um eine Zielscheibe der Judenfeinde zu beseitigen. All das half nichts. Alle Angriffe gegen unser Kol Nidrej zerschellten, alle Verleumdungen trafen ins Leere. So wie das Pessachfest trotz der Ritualmordbeschuldigungen sich durch die Jahrhunderte in unverändertem Ritus erhielt, so konnten auch die Fälschungen des Kol Nidrej diesem einzigartigen Gebet nichts anhaben. Es erschallt in den kleinen Gebctsetuben und in den prunkvollen Synagogen mit der gleichen Innigkeit und mit dem gleichen Ergriffensein wie je als Symbol und als Mahnung zu reiner Gesinnung, zu edlem Fühlen, zu wahrer Versöhnung zwischen Menschen und — Völkern. So ist Kol Nidrej über den Rahmen der Frömmigkeit ein sittlicher Faktor für das jüdische Volk geworden, das selbst im Strom der Tränen, in der Epoche der Verfolgung und Vergewaltigung, die ewige Aufgabe „Frieden zu stiften" nicht vergessen hat, nicht hier bei uns in den Ländern der Zerstreuung, nicht dort bei unseren Brüdern in Erez Israel. o. r. HMkeme UeqMm in ihrem schönsten Film «Komödie um LiebeA mit CHARLES BOYER Ab Dienstag, den 8. Oktober 1935 SCHWEDEN-Kl NO Vzk, Vi6, y_8, y<r10 Uhr abends Der s/beleidigte" Reichskanzler Alle Welt weiß, was in Deutschland vorgeht. Man braucht hier keine Entdeckungen zu machen. Nur der Reflex auf die Vorgänge in Deutschland ist verschieden. Die nichtjüdische Welt distanziert sich — abgesehen von der durch Politik und Wirtschaft geforderten Einstellung — von einem Land, dessen Führer. durch Terror seine Macht behauptet. Die- Jüdische .Welt: verlangt in ihrem Gerechtigkeitssinn Satisfaktion für die .dem Judentum angetanen Greuel; sie verlangt aber selbstverständlich auch Abhilfe; sie wehrt sich, mit_dem einzigen, .pas-. siven, aber wirksamen Mittel: dem Boykott. Und Hitler-Deutschland schreit: Gewalt! Im vorigen Herbst ereignete sich eine pikante Episode. Die Dredner stramm-deutsche Firma „Elektrodental-Fischer" sandte dem Warschauer Kaufmann Abraham Nahum Halberstadt, an dessen jüdischer Abstammung wohl nicht zu zweifeln war, eine Offerte. Halberstadt schickte den Offertbrief uneröffnet zurück und versah den Umschlag mit folgender Bemerkung: „So lange in Deutschland Hitler mit seinem Gesindel regiert, wird kein ordentlicher Mensch mit Ihnen Geschäfte machen!" Es war dies eine Aeußerung des Unmuts über die Hakenkreuz-Firma, die mit einem Juden im Ausland Geschäfte machen will, obwohl im „Inland" schon ein bloßer Verkehr mit Juden als Rassenschande gilt. Halberstadt war aber als Jude auch verpflichtet, den Parolen des antihitlerischen Boykottkomitees zu folgen, also doppelt betroffen. Die polnische Post hielt sich nicht an den Modus, offene Karten oder Briefumschläge „beleidigenden Inhalts" von der Beförderung auszuschließen, ' sondern beförderte den Brief nach Deutschland zurück, v/o die Reichspost ihn an das Berliner Auswärtige Amt weitergab, das seinerseits die polnischen Behörden ersuchte, den Ketzer Halberstadt wegen Beleidigung des Reichsoberhauptes zu belangen. Vor dem Warschauer K r * i s g e r i c h t stand Halberstadt als Angeklagter. Er gab selbstverständlich zu, die erwähnte Bemerkung geschrieben zu haben und motivierte seine Handlungsweise damit, daß er als Jude gegen die Entrechtung und Diffamierung der Juden in Deutschland durch Verweigerung, ein Angebot über deutsche Waren entgegenzunehmen, protestiert habe. , Die, Stimmung der polnischen. Judenschaft gegenüber Deutschland kam in der Aussage eines Zeugen, des Leiters des antideutschen Boykottkomitees Sejm-Abgeordneten Wyszlicki, zum Ausdruck. „Wenn jemand auf die Anklagebank gehört", erklärte Wyszlicki, „dann bin ich es und nicht Halberstadt, der bloß die Gebote meines Komitees befolgt hat. Der Minister Pieracki hat das Komitee legalisiert, so daß dessen Arbeit gcsetzT mäßig ist". Man erfuhr aber noch weitere interessante Details: Wyszlicki zitierte Briefe deutscher Firmen an jüdische Kaufleute Polens, in denen erklärt wird, daß, wenn die ausländischen Juden deutsche Waren nicht kaufen, die Juden in Deutschland als — Geiseln genommen werden. Also nackteste Erpressung, ein Beweis, daß der antideutsche Boykott wirkt. Halberstadt wird nichtsdestoweniger verurteilt. Zu acht Monaten Gefängnis unbedingt. Man schüttelt den Kopf. Ein Jude hat — Hitler beleidigt! SCHUL Volks-. Haupt- und Mittelschulen neu und antiquarisch in den vorgeschriebenen Auflagen - in der Buch h a n d 1 u n g M. Rath, Wien II, Taborstr. 20A Ankauf und Umtausch antiquarischer Bücher zu höchsten Preisen! Halberstadt hat Berufung eingelegt. Vielleicht wird die höhere Instanz entscheiden, daß es nicht die Aufgabe eines polnischen Gerichtes ist, die Ehre von Menschen zu verteidigen, die erklären, daß ein Jude sie n i c h t beleidigen kann. Im übrigen wird Polen — das wird die Geschichte erweisen — an seiner Hitler-Freundschaft kaum viel Freude erleben. Gegen das Haus der Berliner Zionismen Aus Berlin (J. T. A.): Wie ernst das seitens der Führer ausgesprochene Verbot von „Einzelakti on e n" genommen wird, zeigt die Tatsache, daß das Haus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Berlin, Meinekestraße am Kurfürstendamm, also im Zentrum des Berliner Westens, am 22. September abends von einer Menge Nazis längere Zeit mit Steinen bombardiert wurde. Die draußen angebrachten Schilder der „Jüdischen Rundschau", der Zionistischen Vereinigung, des Kercn Hajessod u. v. a. wurden zertrümmert. Kmowesen judenrein Aus Berlin: Nach einem Bericht der Berliner „Morgenpost" erklärte Oberregierungsrat Racthcr in einer Ansprache in der Fachschule für Filmtheaterbesitzer, daß im Rahmen einer Planwirtschaft ein Konzessionszwang für Filmtheater eingeführt werden würde, um die gesunden Betriebe zu stärken. Die Produktion werde bis Ende des Jahres judenrein gemacht werden, der Verleih sei es Ende dieses Monats. Auch die Lichtspieltheaterbesitzer werden in absehbarer Zeit keinen Juden mehr in ihren Reihen haben. PogronuProzeß Aus Frankfurt: Laut einem Bericht der „Frankfurter Zeitung" hat in Lohra (Kreis Marburg); ein Judenpogrom stattgefunden. Mehrere Angeklagte hatten sich wegen Dandfriedensbruchcs, begangen durch Gewalttätigkeiten gegen jüdische Einwohner, zu verantworten. Drei Angeklagte wurden zu je sechs Monaten, weitere drei zu zwei Wochen bis vier Monaten, Gefängnis verurteilt. Wenn ein Gericht im heutigen Deutschland Gefängnisstrafe^nin dieser Höhe wegen Angriffs auf Juden verhängt, läßt das auf außerordentlich schwere Ausschreitungen, deren Opfer die Juden von Lohra geworden sind, schließen. Billige Reise nach Polen und Czernowitz Abfahrten: 3. u. 17. Oktober / Rückfahrten: 10. u. 21.Oktober „FRANCOP OL", Wien IM, R-niweg 1. Tel. U-16-4.90 Die Juden in Mainz ohne Elektrizität und Gas Aus Berlin: Die „Jüdische Rundschau" teilt mit, daß die Elektro-Gas-Gemeinschaft Mainz folgendes beschlossen hat: „Nur Arier und im Besitz von Ariern befindliche Geschäfte im Sinne des Reichsbürgergesetzes vom in. IX. 193,r> (Nürnberger Judengesetze) können Mitglieder der Elektro-Gas-Gemeinschaft sein." Der Ausschluß von der Elektro-Gas-Gemeinschaft bedeutet den Verlust des Rechtes auf Bezug von Gas und Elektrizität, was nicht nur für die jüdischen Haushalte unerträglich wäre, sondern auch den Zusammenbruch der jüdischen Betriebe und Geschäfte mit sich bringen müßte. Theater und Konzerte ohne Juden Aus Hamburg: Die NSDAP, in Hamburg hat mit den Leitungen aller Hamburger Theater und Konzertsäle eine Abmachung getroffen, wonach den Juden in Zukunft, der Besuch aller Veranstaltungen in diesen Sälen verboten wird. Die Juden flüchten aus dem Saargebiet Aus Saarbrücken: Je näher der Termin heranrückt, an dem die — wenigstens auf dem Papier stehende — Schutzfrist für die Juden im Saar gebiet abläuft, um so stärker setzt die Flucht der Juden aus dem Saargebiet ein. Viele jüdische Gemeinden des Gebiets stehen vor ihrer Auflösung. So hat z. B. die Gemeinde Homburg 17 Familien durch Wegzug verloren; die gleiche Anzahl von Familien wird in dem nächsten halben Jahre auswandern, so daß bestenfalls noch vier oder fünf Familien zurückbleiben. Aehnlich liegen die Verhältnisse in der Gemeinde S t. I n g b e r t, wo fast alle Familien fortgezogen sind, bzw. fortziehen werden. Die Gottesdienste an den hohen Feiertagen werden sich nur noch mit Mühe durchführen lassen. Mettsiatc ttkstem - Smmem Pensionspreis bei Min.dc Staufen In alt von 3 Tagen S 10-— inklusive Abgab«!

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