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Die neue Welt · 1935-10-04 · Heft 502 (4.10.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 502 (4.10.1935)
Date
1935-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang 9 freilag/ den 4« Olefober 1935 Nr« 502 V* b. b. Zeitung vom Verleger vers-nsit't „Journal expediö pur nr' R E Wte*1 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 11.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verzvaltung: IX, Universitätsstr.8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Kriegsrüstung - Palästinas Feuerprobe Im Hafen von Haifa ankern die gepanzerten Riesen d/er englischen Flotte. Auf den Flugplätzen Palästinas liegen Bombenflugzeuge startbereit. Auf dem Berge Karmel werden militärische Befestigungen angelegt. Die in normalen Zeiten ganz kleine Garnison wächst von Tag zu Tag. Die Art, in welcher hier aufgerüstet wird, deutet darauf hin, daß im Falle kriegerischer Verwicklungen Palästina die Rolle eines Stütz- und Ausfallpunktes ersten Ranges zugedacht ist. Es ist unverkennbar, daß die Führer des britischen Weltreiches dem kleinen Palästina eine ganz hervorragende strategische und politische Bedeutung zumessen. * In der Zionistischen Organisation ist um die Bedeutung Palästinas für die politische und wirtschaftliche Entwicklung des nahen und fernen Orients viel gestritten worden, und ganz besonders lebhaft dann, wenn es sich um die Stellung der Zionistischen Organisation zu England handelte. Weizmann begründete seine Politik der absoluten Nachgiebigkeit gegenüber England damit, daß der Zionismus dem großen England nichts zu bieten habe und auf dessen reines Wohlwollen angewiesen sei. Die Judenstaatler kämpften gegen diese Einstellung heftig an. Sie wiesen darauf hin, daß eine zionistische Politik, welche das jüdische Volk als politischen Almeisenempfänger hinstellt, der seinerseits nichts zu bieten vermag, zum Scheitern verurteilt ist. Sie wiesen darauf hin, daß es nicht nur unzionistisch, sondern auch eine krasse Verkennung der Wirklichkeit ist, wenn man das jüdische Palästina als politisch bedeutungslos für England und die Welt hinstellt. Schon seiner Lage nach ist Palästina einer der wichtigsten Schlüsselpunkte für die Welt im Mittelmeer, für Asien und Afrika. Es ist für England von höchster Bedeutung, wenn sich dieses Land in zuverlässigen jüdischen Händen befindet. Wenn England das zionistische Aufbauwerk fördert, so schenkt es den Juden nichts, es erweist nicht nur dem jüdischen Volk einen großen Dienst, sondern es dient damit auch seinem eigenen Lebensinteresse. Diese Auffassung muß der zionistischen Politik zu Grunde gelegt werden. Weizmann hatte darauf nur die eine, mitleidig-ironische Antwort: „Was bildet ihr euch ein? Das ist leeres Gerede. Das kleine Palästina bedeutet dem großen britischen Imperium mit seiner Flotte und seinem Suezkanal nichts, gar nichts!" Die Vorgänge in Palästina beweisen jetzt, daß Weizmanns Einstellung falsch war und die auf die Bedeutungslosigkeit" des kleinen Palästina gegründete zionistische Politik des Bittens und ständigen Nachgebens verfehlt ist. England hat es immer gewußt und weiß es heute, daß Palästina für das englische Imperium von höchster Wichtigkeit ist. Alles, was es jetzt in Palästina unternimmt, spricht von dieser Erkenntnis. H* Aus dieser Erkenntnis ergibt sich, daß die Juden Palästinas heute vor eine ganz große Aufgabe gestellt sind. Sie und mit ihnen der Zionismus haben eine Feuerprobe zu bestehen. Sie haben zu beweisen, daß sie ein Element sind, dem man vertrauen und auf das man sich stützen kann. Es kommen Nachrichten aus Palästina, daß manche Kreise in Palästina einerseits von Aengstlichkeit und andererseits von Spekulationssucht ergriffen sind. Kapitalsflucht, Hamsterei, Abkehr von. der normalen Wirtschaft. Es ist wohl unausweichlich, daß in unruhigen Zeiten gewisse Menschen furchtsam,, habgierig und unzuverlässig werden. Aber sie müssen vereinzelt bleiben. Ihr Geist darf nicht der. Geist des Volkes sein. Die Zionistische Organisaton muß alles daran wenden, die palästinensische Judenschaft moralisch zu stärken Die palästinensischen Juden müssen allen Ereignissen ruhig und würdig standhalten.. Sie müssen Opfer auf sich nehmen, treu an der Seite der britischen. Mandatsmacht ausharren und zuverlässige Helfer in schweren Tagen sein. Der Geist der Aengstlichkeit und Selbstsucht darf nicht ihr Geist sein. Der Zionismus hat jetzt eine Feuerprobe zu bestehen! Robert Stricker Ä LÄSTINA <J Schiffskarten und Gesellschaffsfahrten.Visunv besorqung billigst durch Reisebüro »BN DiE WELT« (Dr. S. Totker), Wien IX, IMtensteinstr. I, Tel M4-504 Die systematische „Enteignung" der Juden beginnt Aus Berlin: Es stellt sich heraus, daß die vom „Lokal-Anzeiger" entwickelte Methode der Liquidation der Geschäfte der Juden in Deutschland mit Hilfe einer nationalsozialistischen „Auf fang: ■ Gesellscha'ft" auf eine parteiamtliche Initiative zurückzuführen ist. Jetzt veröffentlichen fast alle reichsdeutschen Zeitungen eine „W enn Juden auswandern wollen..." überschriebenc, Mitteilung der Nationalsozialistischen Parteikori'espondenz, in der die Methoden des Auffangens jüdischer Geschäfte durch Nationalsozialisten näher umschrieben werden. Das Ganze geht darauf hinaus, eine Organisation zu schaffen, die die Geschäfte auswanderungsbereiter Juden möglichst billig an sich bringt, so daß der gezahlte Kaufpreis schon in ein bis zwei Jahren h e r a u s g e w i r t s c h a f t et werden kann. Den jüdischen Geschäftsinhabern wird in dieser parteioffiziösen Mitteilung „zugeredet", ihre Geschäfte so billig wie möglich der „Auffang-Gesellschaft" zu überlassen, von der sie „rasch Geld bekomme n". Das Ganze läuft offenbar auf eine Bereicherungsabsicht gewisser Kreise hinaus, die diese Absicht durch „Zureden" und „Drohen" zu verwirklichen trachten. * Der von einer Deutschland-Reise zurückgekehrte Sonderberichterstatter der J. T. A. stellt fest, daß die Boykottpropaganda mit unverminderter Stärke weitergeführt wird. Was aber die jüdischen Kreise noch mehr beunruhigt, ist der Umstand, daß die seit einiger Zeit lancierten Pläne zur Enteignung jüdischer .Vermögen immer realere Formen annehmen. Zuverlässige Nachrichten lassen erkennen, daß der Plan der Enteignung der Juden bereits greifbare Formen annimmt.. In erster Keine ist es der jüdische H a u s- und Grundbesitz, der die Begehrlichkeit gewisser Parteikreise geweckt hat. In vielen Städten und Landkreisen wurden die Juden, die Grundbesitz ihr Eigen nennen, von den Banken instruiert, daß ihre Hypotheken fristlos gekündigt seien und daß die Hypothekarschulden sofort bezahlt werden müssen. Solche Instruktionen ergingen von verschiedenen Stellen gleichlautend, so daß es offenbar ist, daß man es hier mit einem durchdachten System zu tun hat. Da die Banken den Juden seit längerer Zeit schon systematisch Kredite verweigern, sind die jüdischen Haus- und Grundbesitzer nicht in der Lage, der plötzlichen Zahlungsaufforderung nachzukommen. Ihr Besitztum kommt zur Versteigerung und es wird überall die Sache so arrangiert, daß der . Besitz „arischen Deutschen" zu Schleuderpreisen zugesprochen wird. Sehr viele jüdische Haus- und Grundbesitzer sind auf diese Weise ihres gesamten unbeweglichen Eigentums verlustig geworden, ohne auch nur einen Pfennig aus dem investierten Kapital rotten zu können; ja vielfach stehen sie vor der Notwendigkeit, noch restliche Hypothekarschulden sofort zu decken, da . die ersteigerte Summe zur Deckung der Hypothekarschulden nicht ausreicht. Niemand hofft hier mehr auf ein Eingreifen des Dr. Schacht zugunsten einer ruhigeren wirtschaftlichen Entwicklung. Man weiß, daß Schacht — einmal durch die Verkündung der Nürnberger Judengesetze überrumpelt — wie so manche andere nationalsozialistische Größe sein Heil und sein Fortkommen darin sucht, ein bedingungsloser Anbeter Hitlers zu werden. Rosdi HasdfeanasCtaEiße der amepofcanisdiett lerung Aus New York: Präsident Franklin D, R o o s ev e 11 und fast alle Gouvtirneure der achtundvierzig Staaten der nordamenikanischen Union haben anläßlich des jüdischen Neujahrs 5696 durch die Jüdische Telegraphen-Agentur an die jüdischen Bürger Amerikas und an die gesamte Judenheit Grußbotschaften und Glückwünsche gerichtet. Die Botschaft Präsident Roosevelts lautet: „Anlaß, lieh des Bosch Haschana-Festes möchte ich allen unseren Bürgern jüdischen Glaubens imeine aufrichtigen Grüße und besten Wünsche zum Neuen Jahr entbieten." Der Gouverneur des Staates New York, Oberst Herbert H. Lehma n, ein Jude, führt in seiner Neujahrsbotschaft aus: Sechshunderttausend Menschen unseres Glaubens sind ausgesondert und zum Untergang verurteilt worden. Fanatismus, Intoleranz und Haß haben in Deutschland einen treuen und patriotisch fühlenden Volksteil in die Tiefen von Verzweiflung und Not geführt. Tyrannei ist an die Stelle der Demokratie getreten, Unduldsamkeit hat das Zepter ergriffen. Gouverneur Lehman appelliert an die amerikanischen Juden zu brüderlicher Hilfe. Der Präsidentschaftskandidat und ehemalige New Yorker Gouverneur Alfred E. Smith, eüie der populärsten Persönlichkeiten Amerikas, fordert seine jüdischen Freunde auf, auch weiterhin Kraft aus dem Glauben der Väter zu schöpfen. Nur mit Hilfe dieses Glaubens, der in der Vergangenheit dem jüdischen Volk Lebensmut in einer Welt der Verfolgung und des Hasses gab, werde es seinen Fortbestand auch in der Zukunft sichern. Das jüdische Volk werde leben, wenn „die H i 11 ie r s längst ihr schimpfliches Ende gefunden haben w erde n". NACH VOLL/TANDIGER RENOVIERUNG

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