Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 501 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2712049-2712125--5347-2718952- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sfite S DIE NEUE WELT Nr. 501 $en der Fabriken ist, das erbarmenheischende 'Jammern, das ich vernehme. Da klingt eine alte liefere Sirene ah: Oh, oh, ich erinnere mich an alles! Ein Meer von Fabriken pflegten wir einst, in freudigen Stunden, zur Arbeit zu wecken, und jetzt — geht es oielleicht schon zum Letzten! Mit was für Gebeten blicken die bleichen Menschenkinder von unten zu uns herauf, wir aber können ihnen nicht helfen!... „Lnd ichhabe kürzlich solches gesehen, wovor ich noch heute zittere", krächzt und zittert die Stimme einer zweiten Fabrik, „wenn ich von der Höhe hinabblicke und plötzlich sehe: Von irgend einem Stockwerke fliegt ein Jude mit ausgespreizten Händen . .. Und wißt ihr, wer das gewesen ist? Mein ehemaliger Chef!... O, o, mein ehemaliger Chef!" „Oh, oh, oh", zirpt die letzte Fabrik mit benommener Stimme... und in angstvoller Eile reiße ich mich oon meinem Alpdruck los. Aber ich zitiere von oben bis unten und alle Glieder beben vor Mitleid: „Mein Heim, mein Heim! Was wird aus dir? Was wird aus dir?" 1/Hüh Veüec und dec Jmolidc Irgend jemand klopfte morgens an meine Tür, öffnete und ich erblickte auf der Schwelle meinem I etier aus dem Städtchen, den „Vetler, der vielleicht besser Bescheid weiß als der Faw" — wie ich mich oft meinen Kollegen gegenüber rühmte. IVas hat meinen J etier veranlaßt, hierher in die Kreisstadt zu kommen? Eine neue Bedrückung hat ihn hierhergebracht. Man nimmt ihm. beklagt er sich bei mir. den Tabakladen ab. der ihn jahrelang mit Weib und Kind ernährt hat. Man teilt ihn einem Invaliden, einem Kriegskrüppel zu, und er. der Vetter, bleibt wie auf dem offenen Meer. Darum ist er hergekommen, vielleicht daß es ihm gelingt, etwas durchzusetzen. Dtn ganzen Tag ist er herumgelaufen. Aber keiner konnte ihm einen Rat geben und um Mitternacht brachte ich ihn zurück zum Zug. Voller Kümmernisse, mit gebogenem Rücken und mit schmerzvoll blickenden schwarzen jüdischen Augen stapfte er in seinen alten Galoschen durch den schmutzigen Schnee, fortwährend seufzend hinter dem hohen Fuchskragen, der aus dem zerschlissenen Futter herauswuchs. Den ganzen Weg hatte er geschwiegen, mein kluger, redeseligsr Vetter, so sehr drückte ihn das Herz. Bloß als wir neben einem mattbeleuchteten Zigarettengeschäft vorübergingen, 100 ein Invalide in einem Schafspelz halbschlummernd auf einen nächtlichen Kunden wartete, sagte er still: „Was hätte es mich geniert, wenn ich bis jetzt so wie er gewesen wäre und mir eine Hand oder ein Fuß gefehlt hätte?"... Und er schleppte sich weiter, der Bemitleidenswerte, mein alter Vetter, der „Vetter, der vielleicht besser Bescheid weiß als der Raw..." TTP '• <vW&..;3^,Vk-> :• :'&i'MW$''i':4 V-MM^C^M 0S-4~'-'>:----,-- " \ \ .• « ':'.■**< f.T« ' V.'.'T » "H- 4 SM^ivi •; ----- r^ffii .....(. . -. , . .. ' .. jt* >v . ■ ' $ l ~ sK, --&t *W*Li^Ll7 , 1 - 1 '' ' .______—f , . ./. I ■■ "i r<j -~w~. lmn..jgt tfitrrthr * < Die große Synagoge in Tel-Aviv Jüdinnen an JlascU UascUana Von Dr. Rachel Offner. Rosen Haschana, das Fest, an dem Vergangenheit und Zukunft einander begegnen. In sich gekehrt und nachdenklich nimmt man Abschied vom alten Jahr... Feierliche Stille in den jüdischen Gassen des Galuth. Aus der Frauensynagoge ist ein durchdringendes Weinen zu hören... Jüdische Frauenträden, welche von oberflächlichen Menschen so oft verspottet werden! Die jüdische Frau empfindet am schwersten des Volkes Not. Die persönlichen Dinge der betenden Jüdinnen schwinden, ihr Einzelwunsch vermündet in dem Wunsch des ganzen Volkes. Ein seltsamer Ernst, eine unaussprechliche Weihe ruht auf dem Antlitz der jüdischen Frauen. Rosch Haschana, die Tage der Einkehr des Ich in die jüdische Gemeinschaft... « Am ersten Tage des Neujahrs wird in den Bethäusern von zwei großen Frauen in Israel erzählt: von Sarah und Channa. Zwei Ahnenmütter, die ihr Bestes für ein hohes Ideal opferten. Nicht mit lärmenden Worten bringt Channa ihr Opfer. Mit tiefen, stillen Rehungen ihres Herzens führt sie ihren Sohn Samuel CUaskd Sdtotkä und ein SäduUen Im htod-Ude I/öh A. A*pi* (Wie*) Jetzt, ivo der Jude sich nach der Scholle seiner palästinensischen Heimat sehnt und ein — Zertifikat für ihn den großen Treffer bedeutet, tauchen in meiner Erinnerung Begebenheiten und Gestalten aus längst dahingegangener Zeit auf. En war einmal... in den neunziger Jahren... Damals gab es für die Juden noch keine Erez-lsrael-Wirklichkeit und sie versuchten ihre Sehnsucht nach Zion dadurch zu stillen, daß sie sich irgendwie in den Besitz einer Handvoll Erez-lsrael- Erde setzten und sie mit ehrfurchtsvoller Liebe wie einen kostbaren Schatz hüteten. Solch einen Schatz besaß auch Chaskel Sciiochet. Man hätte ihn eigentlich ebenso gut Chaskel Melamed oder Chaskel Bai Vfilu nennen können. Denn er mußte drei Berufe zusammenlegen, um für sein IVeib und seine drei Söhne das Brot zuverdienen. Kein Wunder, daß er bei dieser Mühsal so dürr aussah. Mit seinem bleichen Gesicht, das ein schwarzer Bart und lange Pejes umrahmten, und mit seinen träumerischen Augen konnte er an einen Seher der Vorzeil erinnern. Seine Berufe erfüllte er mit Hingebung und Gewissenhaftigkeit. Als Schocket musterte er lange den Chalef. zog ihn am Nagel seines Mittelfingers geschickt ab, um unerwünschte Scharten festzustellen. Nicht minder tüchtig war er als Lehrer, zu dessen Schülern auch ich zählte. Wenn der Talmud uns zu langweilen begann, flocht er sogleich eine Agadete (Sage) ein und brachte unsere Gesichter Undwiedectädesjaltcetlbtä (Rosch Haschana) Und wieder ist des Jahres Kreis gebogen — Ein Tropfen fällt ins Meer der Ewigkeit. Und wieder wird gerichtet und gewogen, Und wieder ruft das Schofar: Sei bereit! Ich bin bereit, denn DU hast mir bereitet, Die Wege alle — siehe, sie sind DEIN: Wer wähnte, daß er seine Bahn beschreitet Kann doch nur Gast in DEINEM Garten seiiu So heb ich meine Hände Zu dieses Jahres Wende: O gib mir gute Pfade Aus DEINER großen Gnade, Auf daß ich heimwärts fände. Und wieder ist des Jahres Kreis gezogen. Mein Gott, dies Jahr war groß und schwer. Es lehrte uns, daß unsre Mauern trogen Und nichtig war die selbstgebaute Wehr, Jetzt, da wir arm sind, HERR, sind wir DIR nah, Gleich unsren Vätern, die auf Straßen zogen, Arm, still und fromm — was immer auch geschah: Geprüft, gerichtet und gewogen. Aus Fritz Rosenthals „Die Lieder des ewigen Brunnens" (Verlag R. Löwit, Wien). und unsere Herzen zum Glühen, bis er wieder auf das sekwierige Talmud gebiet überging. Die größte Wirkung jedoch ivar \hm als Vorbeter an den Hohen Feiertagen zueigen. Wenn er im Mussafgebet, sich wiegend und schluchzend, die Stelle sang „Sammle, o Herr, unsere Zerstreuten unter den Völkern und die Verstorbenen von allen Enden der Well und führe uns nach Zion, deiner Gottesstadl", da wollte das Weinen und Schluchzen im Beträum der Frauen kein Ende nehmen, bis der Schummes mit dem Wort „Schal" kräftig mit der Hand auf sein Gebetbuch schlug. Ob die Frauen den Sinn der Worte verstanden, mag wohl bezweifelt werden; jedenfalls aber schienen sie aus der hinreißenden Art des Vortrugs erfühlt zu haben, daß es sich um etivas Erhabenes handle. In den Schlußgebelen am Jörn Kippur findet man eine Stelle in Versform, die vielleicht von Jehuda Halevij verfaßt wurde; denn nur ein so glühender Patriot wie er — nimmt man an — konnte der Verfasser dieses Gebetes sein. Es drückt Schmerz und Anklage und Hoffnung zugleich aus. lautend: „Wenn ich daran denke, muß ich tief seufzen, denn jede Stadt sehe ich fest auf ihrem. Fundament stehen, nur die Gottesstadt ist zerstört bis auf den Grund..." Wenn Chaskel Schocket an dem dämmrig umleuchtelen Altar stand und dieses Gebet mit einer vom Fasten erschöpften Stimme hersagte, glaubte man aus seinem Munde das tausendjährige Golusleid der Kinder Israelt zu hören, Chaskel Schocket besaß — tvie, ich schon sagte — ein Säckchen Erez-hruel-Erde, das er von seinem Großvater geerbt kailc. Wir Chcder jungen wußten lange Zeit nichts davon, obwohl ioir beim Schocket ein- und ausgingen und dort stundenlang lernten. Durch Zufall erfuhr ich von diesem Säckchen durch des Schockets Solln Sckulem. Ich brannte darauf, es zu seken. Meine Neugierde war nickt'z,u stillen. Zuerst bat ich Sckulem, dann beschwor ich ihn — umsonst! Sein Vater hat sireng verboten, es zu zeigen. Wochen vergingen, ohne daß ich der Erfüllung meines Wunsches näherkam. Eines Tages verstellte ich meinem Kameraden Sckulem den Weg, zog mein Taschenmesser hervor, oon dem ich mich nur schwer trennte und hielt, es ihm züm Xiesckenh hin. Das half. Zitternd vor Scheu betrachtete icJi das kleine Leinensäckeken und dessen Inhalt, die trockene Erde. Es waren wunderbare Augenblicke, in denen Bilder der Vorzeit — von den nisej midbar (Gefallenen der Wüste) bis zur Zerstörung des Tempels —an meinem inneren Auge vorüberzogen. Ein unsagbares Erlebnis ivur das für mich, wenn es mir auch trotz meines Heltens versagt blieb, das Säckeken Erde zu berükreii. Damit grollte ick Sckulem, heute nickt mehr. Ick bin ihm dunkbar, daß er meine Sehnsucht nicht noch mehr entfäclien ließ. Denn heute, unter den gegebenen Verhältnissen, bubc ick nickt viel Ausstellt, Erez-Israel-Erde zu berühren... " nach Schilo. Diese zwei großen Frauen begleiten gleichsam die hohen Feiertage. Durch ihre Opferfreudigkeit und Selbstverleugnung richten sie an die Jüdinnen der Gegenwart eine eindringliche Mahnung... «■ Von heiligem Ernst beschattet, saßen einst an den hohen Feiertagen unsere Großmütter in der Synagoge. In ihrer festlichen, weißen Kleidung, schlicht, ohne jeden Schmuck wie Bräute, glichen sie in ihren festumrissenen Zügen den reinen biblischen Frauengestalten. Mit einer heiligen Innigkeit, glaubenstrunken, wie Channa vor dem Altar in Schilo, erhoben sie ihr stilles Gebet. Sie ließen sich in ihrer Andacht nicht stören. In ihrer reinen Religiosität, ihrem Glaubensmut, Ubertrafen sie oft die. Männer. Ihr ganzes Leben war eine mühselige Arbeit zur Erhaltung des Judentums. Sie waren die "Wächterinnen des nationalen Erbes ... * Auch die Jüdinnen der Gegenwart sammeln sich an den hohen Feiertagen in den Bethäusern. Den inneren Regungen vielfach verschlossen, erfüllen sie oft nur eine rein äußere Pflicht. Die Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit entfremdete viele Jüdinnen der hohen Symbolik und der Weihe der Festtage. Aber der Impuls des werdenden nationalen Lebens läßt allmählich die Jüdin der Gegenwart den nationalen Wert des uralten Festes immer mehr erkennen und vermag sie zu den Quellen des jüdischen Seins zurückzuführen. Die m liste Nummer uiiHereg Blattes i 'Jheint der Hohen Feiertage wegen am Freitag, dem 4. Oktober. HerzUGedenktafel Vor zehn Jahren errichtete der Weltverband Zioxtf« stischer Hochschüler im Hof des Hauses/ Wien, IX., Türkenstraße 9, eine Herzl-Gedenktafel. Das Haus, Wien, IX., TUrkenstraßc 9, hat historische Bedeutung, denn hier befand sich das erste Büro der Zionistischen Organi« sation und des Jüdischen Nationalfonds. — Pie Gedenk* tafel wurde anläßlich des Wiener 14, ZionisttokoufroHW» angebracht.