Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 501 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 501 DIE NÜÜfe WELT Seite d die stkwmm Juden m Wie sie sich erhalten haben Der Wcltkonflikt in Abessinlen verleiht, der nachstehenden Schilderung aktuelles Interesse. Ucber 2000 Jahre lobten die Juden von Aethyopien gesondert von ihrer nichtjüdischen Umgebung und fern von den Ideen der übrigen Welt. Vor ungefähr tausend Jahren wußten sie noch nichts von der Existenz des zerstreuten ~ jüdischen Volkes außerhalb Aethyopiens und glaubten, der letzte Rest des ehemaligen großen und mächtigen jüdischen Volkes zu sein, weshalb sie auch jederzeit heldenmütig für die Erhaltung ihrer jüdischen Religion kämpften. Die jüdischen Fallaschas erhielten die Religion an Bich fast zur Gänze unverändert, so wie sie sie aus Palästina, Aegypten, den arabischen Halbinseln und dem Sudan herübergebracht haben, vergaßen aber vollständig die hebräische Sprache; es blieb ihnen kein Begriff mehr yom Talmud, von der religiösen Literatur und der Tempelzerstörung. Dafür beachteten sie treu die uralten Rellgionsgesetzc und lebten ganz nach den jüdischen Bräuchen, Bloß in einem Punkt besteht eine charakteristische Analogie zwischen ihnen und dem übrigen traditionellen Judentum: In der Messias-Idee, im Glauben an die Erlösung des Judentums aus der Zerstreuung und die Wiederkehr in das gelobte Land. Dieser Gedanke ist bei ihnen unter gleichen Umständen wie bei den anderen Juden entstanden. In einer Zeit ärgster Verfolgung und Hoffnungslosigkeit wurde diese Vision geboren, die ihnen den Glauben gab, daß sich das Recht auf Seite der Verfolgten und nicht auf Seite der Verfolger befinde. Ihr Hebräisch ist eine alte äthyopische Sprache. Die heiligen Bücher dieser schwarzen Juden sind in der alten, toten äthyopischen Sprache verfaßt, in der sogenannten „Ghiz"-Sprache, welche auch die heilige Sprache der Abessinier ist. Nur die gelehrten Juden sind dieser Sprache kundig, denn ihre Muttersprcahe ist die heutige Sprache der Abessinier, nämlich die äthyopische, welche mit der heiligen Ghiz-Sprache in gar keinem Zusammenhang steht. In dieser Ghiz-Sprache nun haben. die Fallaschas ihre Thora niedergeschrieben, aus welcher der Rabbi die yVochenabschnitte verliest und in welcher auch die Gebete gesprochen werden. Fremd sind ihnen auch die Tefillin, Mesusbth und Zizoth, auch beachten sie nicht die Gebote yön..Fleisch und Milch, Wohnung'und Beihaus Wie der Großteil der abessinischen Bevölkerung, wohnen auch die Fallaschas in Dörfern, und diejenigen, welche sich in Städten befinden, wohnen in abgesonderten Ghettos; ohne daß sie zu dieser Absonderung verhalten werden, führen sie sie selbst herbei, um sich, mit der christlichen und mohammedanischen Bevölkrung nicht zu vermischen. Aus diesem Grund umzäunen sie ihre Dörfer, in die ein Nichtjude nur mit besonderer Erlaubnis Einlaß finden kann. Diese Wohnstätten liegen fast durchwegs im hohen Gebirge, von dichten Wäldern umgeben, wo gleichzeitig ein Teich oder ein Fluß vorhanden sein muß, damit die religiösen Waschungen vorgenommen werden können. Am Eingang des Dorfes befindet sich das sogenannte Stadttor, vor welchem bewaffnete Wächter aufgepflanzt sind. Fremdlinge, die mit spezieller Erlaubnis das Dorf betreten dürfen, müssen sich vorher einer Reinigung unterziehen und neue Kleider anlegen, bevor sie mit den Juden unterhandeln können. Jedes Dorf besitzt ein eigenes Bethaus, welches ,,Mesgid" oder „Beth Eksobeher" genannt wird. Dieses unterscheidet sich bloß dadurch von den übrigen Häusern, daß es größer und schöner ist und einen Hof besitzt, welcher dicht' bepflanzt ist. Das Bethaus selbst hat zwei Hauptabteilungen: den Tempel und das Allerheiligste, das nur der Hohepriester betreten darf. Im Allerheillgsten steht ein Tisch mit einem Teppich, der aus Goldfäden gewebt ist, worauf sich eine Thora und zwei Geräte befinden, eines für Asche und eines für vyasser. Im Tempel beten die Juden und im Hof werden die Dorfberatungen abgehalten. Auch wird dort' das Opfer ' dargebracht und die Thora vor 'dem Volk verlesen. Die ■ Ehrenplätze des Tempels werden von dem Priester, dem Tempeldiener und den Schülern eingenommen. Die Frauen besitzen eine besondere Abteilung und einen separaten Eingang. Die Gebete werden vom Priester in der heiligen Sprache Ghiz vorgetragen, und von der stehenden oder auf der Erde hockenden,' Menge nachgesprochen. Die Priester tanzen öfter während .des Betens, welches besonders am „Jörn tow" und „Jörn Kippur"-der-Fall ist. In den großen Dörfern ist das Bethaus im Stil des ehemaligen Jerusalemer Tempels gebaut. Die Zeremonie beim.'Opfern der Tiere ist die gleiche wie in den biblischen Zeiten. Die Frauen dürfen nicht in der Nähe des Altars stehen, sondern die Prozedur nur aus der Ferne mitansehen. Nach der Opferung begibt sich das ganze Volk in das.Tempclinnere, um zu beten. Gesang, Musik und Glodkengeläuie Mit Ausnahme von „Jörn Kippur" und Sabbat wird das Gebet regelmäßig von Musik begleitet, wobei In- «trumente wie Zimbel, Zither, Glöckchen u. a, m. verwendet worden. Diese Instrumente werden als heilige Gegenstände angesehen, welche man in gewöhnlichen Fällen nicht berühren darf und bloß für den Gottesdienst verwendet. Sabbat ist der allgemeine Ruhetag für Mann, Frau und Kinder, wie auch für das Dienstpersonal und die Haustiere. Das Essen v/ird bereits am Freitag zubereitet, außerdem ist es Pflicht, am Freitag vor Sabbateingang im Fluß zu baden. Nachher legen die Fallaschas ihre teuersten Gewänder an und begeben sich in den Tempel, wo sie bis zum Sabbatausgang verbleiben. Das Gebet wird vom Rabbi vorgetragen und die Gemeinde spricht die heiligen Worte nach. Zwischendurch werden die köstlichsten Speisen verzehrt, die man sich Abessinischer Jude sonst an Wochentagen nicht gönnt. Die Speisen bringt ein jeder am Freitagabend in den Tempel, wo sie miteineinander vermengt und dann von allen gemeinsam verspeist werden. Interessant ist, daß sie das Fleisch nach denselben rituellen Vorschriften wie bei uns „koscher" machen, es aber nachher auf Butter zubereiten. Im allgemeinen sind die Juden im Tempel gleichberechtigt. Es wird hier kein Unterschied gemacht zwischen reich und arm, Gebildeten oder Unwissenden. Alle werden sowohl mit gleichen Ehren, wie auch mit gleich großen Portionen bedacht, so daß sie ihre Feiertage und die Sabbate wahrhaft brüderlich und friedlich verbringen. Ihre Feiertage sind fast die gleichen wie die jüdischen und werden ähnlich gefeiert, bloß „Chanukkah" und „Purim" sind ihnen bekannt. Ostern halten sie sieben Tage, an denen sie nichts Gesäuertes essen, aber auch: keinen Wein triniken. Drei Tage vor Ostern wird kein Brot mehr gegessen, sondern ■getrocknete Erbsen. ■Am Tage vor Pessach-Eingang fasten sie, bis sie abends das Pessach-Opfer darbringen. Bei dieser Zeremonie muß bereits alles im Tempel anwesend sein, denn im Namen aller wird das Osterlamm mit großem Pomp und gleicher Zeremonie wie seinerzeit auf dem Altar des „Beth Hamigdrasch" auch hier geopfert. Nachher, wenn die Priester das Pessach-Opfer samt dem gesäuerten Brot verzehrt haben, beginnen offiziell die Ostern. Am nächsten Morgen begeben sich alle in den Tempel, wo ihnen der Rabbi diejenigen Abschnitte aus der Thora vorliest, welche die Befreiung der Juden aus der Knechtschaft Aegyptens wiedergeben. Außer den normalen jüdischen Feiertagen haben sie auch allmonatliche Halbfciertage zu Ehren des Neumondes, auch feiern sie ein zweites Pfingsten, fünfzig Tage nach dem Laubhüttenfest, und am zehnten jedes Monats begehen sie einen Feiertag zu Ehren des Versöhnungstages und an jedem fünfzehnten einen Halbfelertag zu Ehren der Oster- und Pfingstfeiertage. Die Fallaschas betrachten das Fasten als Gedenken an die Tempelzerstörung; nur begehen sie den 17. Ab statt des 9,. Ab als nationalen Trauertag. Am Jörn Kippur müssen bereits die Achtjährigen 24 Stunden fasten. Die Neugeborenen werden am achten Tage beschnitten. Diese Prozedur dürfen auch Frauen vornehmen, falls sie dieses Amt beherrschen. Die jüdischen Fallaschas teilt man in Priester oder Gelehrte, ferner in „Nesurim" (d. h. Gottgeweihte) und das Volk ein. Berufe Die Fallaschas sind fast durchwegs Erdarbeiter, überdies ausgezeichnete Töpfer, Korbflechter, ' Eisenschmiede, Schuster, Weber und Tischler. An der Ai-beit nehmen auch die Frauen auf dem Felde, und, in der Werkstatt gleichen Anteil- und sindaui ■ jadsm Gebiete gleichberechtigtes Mitglied der Gemeinde. In den Städten, wohnen nur sehr wenige Juden, sogar in Addis Abeba sind nur vereinzelt Juden zu finden. Vom Handel wissen sie nichts. Alle sind Schwerarbeiter, sogar die geachteten Männer des Volkes, die heiligen „Nesurim", leben ausschließlich von eigener Hände Arbeit. Jedes Dorf wählt ein Gemeindeoberhaupt, welches der abessinischen Regierung für die Abgaben und das Kontingent Soldaten, das die Dorfgemeinde zu stellen hat, verantwortlich ist. Hat ein jüdischer Fallascha mit einem nichtjüdischen Aethyopier verhandelt, darf er vor Sonnenuntergang mit seinen Stammesgenossen nicht in Berührung kommen, wobei er weiters ein Bad im Fluß nehmen muß. Die Opfrr Vor der Geburt eines Kindes wird die Mutter von der übrigen Gemeinde abgesondert, fünfzig Tage nach der Geburt eines Knaben, acht Tage lang bei einem Mädchen. Erst wenn die Mutter anschließend daran mit ihrem Kind im Fluß gebadet hat, darf sie wieder ins eigene Haus zurückkehren, wobei sie gleichzeitig ein Dankopfer darbringt. Im allgemeinen bringen die schwarzen Juden auch solche Opfer, die im hebräischen Schrifttum unbekannt sind, wie z. B. Regenopfer, Gesundheitsopfer, Todesopfer. Die Toten bestatten sie in Höhlen und Felsen oder zwischen großen Steinblöcken, damit sie mit keinem Lebenden in Berührung kommen. Ucber jedem Grab wird ein Baum gepflanzt. Sie sind Gegner der Vielweiberei und heiraten jung. Obwohl ihnen das Verbot, nicht mehr als eine Frau zu ehelichen, unbekannt ist, besitzen sie im Gegensatz zur übrigen abessinischen Bevölkerung nur eine Frau. Sie sind sehr zärtliche Ehemänner und Famillenrväter. Es gibt liier weder Junggesellen, noch sitzengebliebene Mädchen. Man heiratet gewöhnlich im achtzehnten Lebensjahr. Die Verlobung nimmt einen romantischen Verlauf. Beide Teile begegnen einander irgendwo im Freien, hinter einem Baum. Der Vater der Braut läßt durch einen Sendboten beim Vater des Bräutigams anfragen: „Weshalb kamst du hierher?" Der andere Teil antwortet: „Wir haben einen jungen Mann und suchen für ihn eine Frau." Daraufhin setzen die Verhandlungen ein. Die Hochzeit selbst ist keine religiöse Zeremonie. Den Ehevertrag in Form einer „Ksuba" kennt man hier nicht, sondern es wird bloß vor zwei Zeugen erklärt, daß die betreffenden heiraten. Scheidungen kommen sehr selten vor. Auch die Scheidung besitzt keinen religiösen Charakter. Es Wird bloß die Erklärung abgegeben, da3 betreffende Ehepaar sei nun geschieden. Ein erstgeborener Sohn muß ein erstgeborenes Mädchen heiraten. Die jüdischen Frauen Sinei von ihren Männern nicht abgesondert, auch tragen sie keinen Gesichtsschleier. Die Fallaschas besitzen eine Literatur, welche einen vollkommen religiösen Charakter trägt: „Chumesch" (Tanach), ein Werk, daß die Beweise liefert, daß Moses von Gott die Thora empfing, ein Gesetzbuch über Sabbath, ein Lehrbuch der biblischen Sprache und ein Buch von den Geheimnissen der Welt, ferner einige Geschichtsbücher von den Ahnen und von Moses, die Geschichte des jüdischen Krieges von Josephus Flavius und Auszüge aus den Propheten und Psalmen. Im Lande gibt es keinen Antisemitismus, den ausgenommen, welchen die Missionäre betreiben. Die nichtjüdischen Nachbarn .schätzen und achten die Juden, weil sie ausgezeichnete Handwerker sind, Künstler in ihrem Fach. Händler und Vermittler gibt es unter ihnen nicht. Das Volk anerkennt die Fallaschas als Rasse einer höheren Kulturstufe und die Regierung ihrerseits wegen des Nutzens, den das Land durch sie gewinnt. Im allgemeinen, sind die Beziehungen zwischen den Juden und den Aethyopiern sehr gute. Die Zahl der äthyopischen Juden wird auf 60.000 bis 70.000 geschätzt, manche Forscher sprechen von 150.000. Die jüdische Bevölkerung war einst weitaus zahlreicher, aber .die Geistlichen: und Stammes, fÜrsten haben einen beträchtlichen Teil ausgerottet. Bis vor fünfzig Jahren gelang es den Missionären, fast drei Viertel der jüdischen Bevölkerung der Taufe zuzuführen. Diese Taufepidemie fand aber ihr Ende, als die Fallaschas von der Tatsache Kenntnis erlangten, daß es noch außer ihnen Juden auf der Welt gibt. Sie erfuhren vom Zionismus, von Palästina, von Hebräisch, und auch, daß die anderen Juden ihnen behilflich sein würden, die hebräische Spräche und jüdische Religion zu erlernen. Dr. Feitlowitsch hat für sie einige Schulen gegründet, wo die jüdische schwarze Jugend Hebräisch und mosaische Religion lernt. Die begabten jungen Fallaschas wurden in verschiedenen Bildungsstätten Europas untergebracht, wo sie als Lehrer für den eigenen Stamm ausgebildet werden. Es gibt für diesen Zweck ein jüdisches Lehrerseminar auch in Addis Abeba, welches Volksschullehrer ausbildet, die dann ihre Stammesbrüder in den Dörfern unterrichten. Der Direktor des Seminars ist gleichfalls ein Fallascha, welcher in Europa eine gediegene religiöse und weltliche Ausbildung erfahren hat. Er beherrscht die religiöse jüdische und allgemeine Literatur und Wissenschaft und spricht außer seiner Muttersprache äthyopisch, italienisch, deutsch, französisch und hebräisch. Vor dreißig Jahren war er noch ein halbwilder General in einem jüdischen Dorf, heute ist er ein überzeugter Zionist und erzieht auch seine Schüler im nationalem Geiste. Die schwarzen Juden träumen von ihrer Erlösung aus dem äthyopischen Exil und der Rückkehr in das gelobte Land ihrer Vorfahren — Palästina. Die Juden von Abessinien haben also nach einem Zeitraum von fast drei Jahrtausenden den Weg zu ihreoi Volk zurückgefunden.