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Die neue Welt · 1935-09-27 · Heft 501 (27.9.1935) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 501 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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am *r. 501 OIS NEUE WELT Seite T Feiertagsstunden feämmigkeit und Bekennen (Oh Wod zu den UoUen Teiedapen) Von Abraliam Scharon (Jerusalem) mror miö n:^ Ich will oon einer Kleinigkeit sprechen und muß ein Großes, Tiefes berühren. Ich möchte vom V erste c k c n d e r G e b e t b ii c h e r u nd der Tale s s i m. a u f d e m G u n g z u in T e m p el reden und muß die Frage voranstellen, was denn eigentlich euch, Juden und Jüdinnen, die ihr beten gehet, dieses Beten in Wahrheit, ist? Ist. es euch ein Bedürfnis, 'zumindest irgendwie ein Quentchen von Bedürfnis, von jüdischem. Bedürfnis, oder ist euch das Beten ein Geschäft, eine irdisch-himmlische Transaktion, ein Tausch' handel zwischen euch und Gott: Ihr betet ihm, zu ihm, und er gewährt euch. Gutes. Gesundheit, Geld, Glück ustv., beziehungsweise stört er euch zumindest nicht, da ihr euch „jeder sein Glück schmiedet"? Ist euch das Beten ein 11 andel — dann allerdings. Dann kann das Sich-Verstellen, das Verstecken des Gebetbuches vor der Gasse, sinnvoll sein im Gefüge des Sinnes, rekle der Sinnlosigkeit unseres Lebens. Es gibt ja eben auch einen Schleichhandel. — Ob allerdings die Gegenpartei, der liebe Herrgott, damit, einverstanden sein kann, ist eine andere Frage. Er soll euch ja als Gegenwerl eures Gebetes reelle Ware reellster Provenienz liefern, die besten (wenn schon nicht die höchsten) Güter, Ware, die sich sehen lassen kann und will, und er dürfte darum wohl schwerlich sehr erpicht darüber sein, mit lauter Winkelhändlern, Hehlern und dergleichen zu tun zu haben. — Wie sich überhaupt dieser Herr der Welten, den wir im Gebete feierlich preisen, daß er die geheimsten, tiefsten Winkel und Triebfedern unserer Gedanken und Gefühle kennt, zu unserer frommen Wandlung und Einkehr in diesen heiligen Tagen stellt, darüber müßten mir eigentlich nachdenken. Das ganze liebe Jahr nichts von einem Gebet und einem Gebetbuch missend — zumindest gilt dies oon den meisten unter uns im Westen —, auch nicht mit einer Fiber in uns an Gott, an seine Gnade und sein Recht wahrhaft gebunden und ihn in unser Lebenskalkül nie aufnehmend, spüren wir an einem bestimmten Tage, an den Entscheidungstagen, auf Kommando und aus Furcht, es sich mit dem Machthaber über Himmel und Erde und Menschenschicksal — besonders u n se r Schicksal — ganz zu verderben, so etwas wie Andacht und Sehnsucht nach Himmlischem in uns, und sind durch zwei halbe und einen ganzen Tag vom tiefen, unabweisbaren Verlangen erfüllt, mit IHM intensiv und gründlich im Gebete zu sprechen--wie eben der Herrgott das beurteilt, ist jedenfalls nicht so fraglos, wie es uns dünkt. — Aber dies gehört nicht in unsere Betrachtung. Ist euch, jedoch das Beten, das jüdische Beten, kein Handel, sondern wahrhaft ein Bedürfnis, ein jüdisches Bedürfnis, so misset: Ihr schändet gerade das Wesentliche, ihr zerstört alles Jüdische am Beten, wenn ihr durch das Verstecken dokumentiert, daß ihr euch des Jüdischen schämet! Gerade die Ostentation des Jüdisch-Seins, des Jüdisch-Tuns war bei der Erfüllung der religiösen Gebote immer für wichtiger angesehen, als die Erfüllung selber. ..In Zeilen der Verfolgung", heißt es in den alten Gesetzesvorschriften, „muß man sich auch nur wegen eines Schuhbandeis töten lassen, um den Brauch, nicht zu verletzen." Weil uns Juden immer die Religionsübung nicht eine individuelle Angelegenheit, sondern mit dem Sinn und Sein des Volkes lvesentlich verbunden mar: „Israel und die Lehre und Gott sind eine Einheit." Wir jedoch sind leider stumpf gegen die Empfindung, mie ungeheuerlich, mie eigentlich kaum faßlich es ist: In irgend einem Maße, und sei es auch nur im kleinsten, fromm sein, jüdischfromm sein und sich seines Jüdisch-Seins schämen, sich schämen, als Jude erkannt, angesehen zu werden — und gerade beim Gange zur frommen Handlung dieses mahrhaft beschämende Sich-Schämen aufzubringen! Aber wollen ivir einmal diese höheren Motive und Einstellungen lassen; ich möchte da eben nicht mit den hohen idealen Forderungen kommen. Seien wir praktisch und betrachten wir dieses Verstecken vom einfachen Nützlichkeitsslandpunkl aus. Wo etwa das Beten, Betengehen verboten wäre, wo das Erknnntwerdeu 'wirklich eine Gefahr bedeutete, da könnte einer einmal jeden Fanatismus beiseite lassen und sagen: Verstecke sich, wer kann! Man weiß, was die Maruncn getan und unter welche Gefahren sie es getan. Aber so ist es ja jetzt im allgemeinen, besonders im. Westen, sagen mir etwa in Wien, nicht. Geschlagen wird man doch gemeiniglich, wegen des erkennbaren, sichtbaren Gebetbuches nicht. Aber erkannt, als Jude — Jüdin erkannt wird man dadurch — und dem soll eben durch das sorgfältigste Einhüllen des Gebelbuches in Zeitungr,- papier, durch das Hineinstecken desselben in die Aktenlasche u. dgl. vorgebeugt werden. Da aber frage ich erstens meine alle Frage: Schämen wir Europasiolzen, Modernen uns nicht darüber, daß trotz aller Aufklärung und Volksbildung und Evolu- „Dfe gute Stute" Nach c/ne/n Gemälde von Isidor Kaufmann Hon und Revolution mir wie in den „allen, finsteren.. Gott sei Dank! vergangenen Zeiten" uns auf diese oder jene Art verstecken, verstehlen müssen, so oder so nicht erkannt zu werden uns bemühen, das heißt bemühen müssen — mie ihr saget — mit nichts anderen erkannt zu werden fürchten, als mit der bloßen Tatsache unsers Judeseins? Soll das nicht allein schon Anlaß und innerer Zwang genug sein, über unser Schicksal als Juden, als Juden-Menschen nachzudenken? Und muß als Resultat dieses Nachdenkens nicht der Entschluß in uns reifen, irgendwie tätig, als organische, organisierte Gemeinschaft tätig, dieses unwürdige Schicksal im einzelnen und im Volksganzen abzuändern, gründlich und für immer? Das erstens. Und zweitens: Braucht es bei 999 von 1000 wirklich erst des Machsors, um als Jude-Jüdin erkannt zu werden? Wie? Festlich, oft in Luxus, in schreindem, gekleidet, an den Fingern Haufen schwerer Ringe, womöglich mit blitzenden Boutons behangen und mit goldenen Ketten, die zum Anbinden großer Hunde dick genug wären, so schreiten wir an diesen Werktagen der „Anderen" durch die Straße; dazu weiß das Ponem, die Nas* und das Kraushaar, die mir ja zu unserern tiefsten Leidwesen in Zeilungspapier und. Aktentaschen nicht stecken können — und wir fürchten dennoch-, erst durch das Gebetbuch erkannt zu werden?! Nein. Typischere, mehr lächerliche, beschämendere Vogel-Strauß-Art gibt es nicht! Erkannt zu merden, das haben wir bereits nicht zu fürchten, aber durch das offene Tragen des Gebetbuches zuzugeben, anzuerkennen, daß wir schon ohnedies erkannt sind, das scheuen mir uns. Und märe Judesein wirklich die höchste, mahrste Schande, sie würde doch, von der übertroffen merden: von der knechtischen Scheu, das zu bekennen, was nicht verdeckt merden kann. Ich hatte einen Freund, einen Zifniker und Atheisten, der nahm an den hohen Feiertagen ein großes, sehr kenntliches Gebelbuch, schritt mit ihm demonstrativ durch die belebtesten Straßen, steckte es den „Anderen" und den Unserigen sozusagen unter die Nase, den Gebelbuch-Versteckenden mit einem frechen Blick dazu, kam so bis zum Tempel — und ging nie hinein. Hat jemand schon irgendwo sonst außer bei uns Juden einen Kirchengänger mit aus so würdelosen Motiven verstecktem Gebetbuch gesehen? Gibt es einen Gott und sind Gebete ihm wert, so muß er solche nicht nur nicht erhören, sondern als greuliche Lästerung verabscheuen, wenn die Bücher, die sie enthalten, auf dem Gang zum Beten versteckt werden. Und der Judengolt verabscheut solche Juden- Gebete erst zechtt Aus der Haftara für den zweiten Neujahrstag Also spricht Gott: Eine Stimme wird ge* hört zu Rama, ein Winseln und Klagen und bitterliches Weinen, Rachel weinet um ihre Kinder, verschmähet jeden Trost um ihre Kinder, die nicht mehr sind. Und Gott spricht also: Spar' dein Winseln und Weinen, trockne dir die Träne im Auge; denn es ist der Lohn da für deine Treue, spricht Gott, sie kehren heim aus Feindesland und die Hoffnung bleibt dir für dein Ende, spricht Gott. Es kehren deine Kinder in ihr Gebiet! Ich habe wohl gehört, wie Efraim sich beklaget: Du hast mich gezüchtiget und ich bin gezüch* tiget worden, wie ein Kalb, das nicht gelehrig ist. Nimm mich wieder auf, ich kehre zu Dir wieder; denn Du bist ja mein Gott und Herrl Denn nachdem ich mich von Dir gekehrt, habe ich es bereut und wie ich zur Erkenntnis kam, schlug ich zusammen meine Hände um die Hüften, und schämte mich und grämte mich ob meiner Jugendschmach. Ist Efraim mir ein teuerer Sohn, ein Kind der Lust und Liebe? Wie ich nur von ihm rede und auch nur sein gedenke, schlägt mein Herz für ihn voll Liebe und Erbarmen — spricht Gott. Jeremias 21, Vers 15 bis 20. Dtei Werne BMdet Von Aron Berzynski (Bialystok) icUwt cm lernte sitfl gewesen lieber die verschneiten schmutzigen Gassen zieht sich ein langes, reiches Begräbnis. Der Tote ist kein Millionär, sondern ein armer unglücklicher Krämer. Was hat er geleistet, daß man ihm solch eine Leichenparade macht? Er hat. sich vom vierten Stock hinuntergestürzt und ist mit zerschmettertem Kopf in eine Welt hinübergekommen., wo es keine Sorgen, keine Steuern gibt. Es ist schon lange her, daß man in der Stadt hörte, Juden hätten sich wegen zu großer Steuern einen derartigen Tod gewählt. Das ist seit langer Zeit; das erste Steuer-Opfer und daher — solch schönes Begräbnis. Und deshalb schließen die Juden so rasch fvie auf polizeilichem Befehl ihre Läden, schließen sich mit trauernden roten Nasen dem Leichenzug an. und flüstern mit blauen, vertrockneten Lippen: „Schon zu lange scili gewesen . . ." Aus dem schmalen Bethaus-Gäßchen kommt, als hätte der Wind ihn hiehergetrieben, der Kandidat für den Posten des neuen Ovismeschuggenen, Schepsel der Börsenmakler, angeflogen, der von Tag zu Tag dürrer wird und immer ungereimtere und närrischere Sachen spricht. Jetzt schiebt er sich nach vorne, mit flatternden Schoßenden mie mit einem Paar schmarzer böser Flügel, fuchtelt mit seinem Schirm über die Köpfe aller Anmesenden und redet und spricht: „Juden, warum schweigt ihr! Habt ihr gesehen, wie die Chewra Kadischa vom Gehsteig das Blut mit dem Gehirn des Selbstmörders in einem Krug aufgesammelt hat? Sie wollen es unbedingt begraben! . . . Und ich rate, man soll den Krug nach Warschau an den Sejm schicken, es unseren Abgeordneten und Ministern zeigen, damit sie sehen, was sie aus uns gemacht haben! Juden, warum befolgt man nicht meinen Rat?" So ruft er ununterbrochen mit ausgestreckten Händen, seine Stimme geht allmählich in ein pfeifendes Gewein über, und die Menge drängt sich, wie eine erschrockene Schar von Glieder-Jungen, man schneuzt die roten trauernden Nasen. Schon zu lange still gewesen . . . das Heulen dec Sicenen Oft geschieht es, daß mich Sirenengeheul aus fernen Fabriken der Stadt aus dem Schlaf reißt, der mich eben umfangen hat. Immer kommt es mir vor, daß das nicht Arbeitsrufe, sondern Hilferufe sind — die Stadt schreit durch ihre Rauchfang- Lungen in die Welt hinaus: „Weh, fürchterlich, rettet, ich werde hiiin, ich werde hiiin,..!" Und es geht nicht um ein einfaches Wehgeschrei. Ich würde »chwöron, daßs «# <4a« herzzerreißende i > '■^iL!..?*'

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