Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 499 (20.9.1935)
- Date
- 1935-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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T\r. irm DIE NJEUK WELT Seite 5 Die deut§cheit Judengeselxe Ein Manöver, die Welt zu täuschen Die für die deutschen Juden bestimmten Gesetze besagen: Rcichsbttrgcr ist nur ein Staatsangehöriger deutschen oder artverwandten Blutes ... Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Außerehelicher Geschlechtsverkehr 7.\vlschen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes Ist verhoben. Juden dürfen weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren nicht in ihrem Haushalt beschäftigen. Juden ist das Hissen der Reichs- und Nationalflagge und das Zeigen der Reichsflagge verboten. Dagegen ist ihnen das Zeigen der jüdischen Flaggo erlaubt. Die Ausübung dieser Befugnis steht unter staatlichem Schutz. Durch diese Gesetze soll es, so sagte Hitler, dem deutschen Volk möglich werden, ein erträgliches Verhältnis zum jüdischen Volk zu finden. Der deutschen Regierung war es keinen Augenblick ernst darum zu tun, durch eine Gesetzgebung den 500.000 Juden in Deutschland einen — wenn auch bescheidenen -- Betätigungsraum zu gewähren. Hätte sie solches beabsichtigt, so wären die Gesetze anders ausgefallen. Die. Machthaber des Dritten Reiches wollten nur der Weltöffentlichkeit vortäuschen, daß von nun ab die Juden bei ihnen nach Gesetzen behandelt werden, also nach einer Norm, wie sie in Kulturstaaten üblich ist, und daß die Judengesetzgebung „zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre," notwendig war. Aber die Weltöffentlichkeit hat diese noblen Gesetze mit nicht viel Sympathie aufgenommen. Das bezeugen nachfolgende Stimmen: ,.Daily Telegraph" (London): „Es ist nur noch eine weitere Insulte, daß solche Gesetze als ein guter Dienst für die Juden hingestellt werden. Außerhalb Deutschlands wird man das nur mit Verachtung lesen." „Daily Herald" (London): „Zu uns in England kommen diese Gesetze wie ein Echo aus einem älteren und weniger zivilisierten Zeitalter. Wir hoffen, daß irgendwelcher Versuch, auf dem Londoner Markt finanzielle Hilfe für das deutsche Regime unerhört bleiben wird." „Prager Presse": „Werden die Juden außerhalb Deutschlands vom Boykott, der wirksamsten Manifestation ihres Abwehrkampfes gegen den antisemitischen Nationalsozialismus, ablassen, einem Kampf, in dem sie übrigens in manchen großen Staaten keineswegs allein dastehen? Man kann es nicht recht glauben." „Neue Zürcher Zeitung": Nebenbei haben sich die Hinterbliebenen der 12.000 im Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten einzuprägen, daß für sie das Hissen nationaler Flaggen Gefängnis oder Geldstrafe nach sich zieht." „Linzer Volksblat t." Da die katholische Kirche zwar Ehen zwischen Angehörigen ihrer Konfession und der mosaischen Religion nicht zuläßt, wohl aber mit getauften Juden, so laufen die katholischen Priester, die solche Ehen einsegnen, Gefahr, angeklagt zu wer den ... Das Gesetz eröffnet somit einen neuen Konfliktstoff zwischen Kirche und nationalsozialistischem Staat." Die „Jüdische Rundschau" das zionistische Organ Deutschlands, beschäftigt sich in einem Leitartikel mit der durch die „Gesetze" neugeschaffenen Lage und stellt vier Punkte auf, bei deren Durchführung ein Modus vivendi für die Juden geschaf- 14 TAGE VORAUS.... bedeuten — in der Mode — ungeheuer viel. Dank meiner neuen Pariser Mode-Oirektrice und meiner steten Korrespondenz mit den Zentren der Mode, bin ich heute schon — 14 Tage voraus — in der Lage, die schönsten Modelle der kommenden Hutmode zu bringen. Ich zeige Ihnen handgearbeitete Modelle, vor dem Spiegel gepaßte Hüte aus den edelsten Materialien — bis zum allerf einsten Genre. Schönere Hüte bekommen Sie selbst in den Salons der Rue de la Paix nicht... Kommen Sie zu Korf F, Gnädigste, und Sie sind 14 Tage in der Mode voraus! Die Gesetze selbst haben mit der tatsächlichen Lage der Juden in Deutschland nicht das geringste zu tun. Sie stehen sozusagen außerhalb des täglichen Lebens, greifen in die Wirklichkeit des jüdischen Lebens in Deutschland nur ganz oberflächlich ein. Es kommt nicht darauf an, ob noch deutsch-jüdische Ehen möglich sind, d. h. ob der Mischehe ein Ende gemacht wird, oder ob der Jude — bisher aus Angst vor Repressalien — die Hakenkreuzflagge weiterhin hissen darf oder nicht. Der jüdische Alltag hat mit diesen Dingen nicht viel zu tun. Es kommt darauf an, ob durch diese Gesetze den Juden in Deutschland ein Betätigungsraum zugewiesen worden ist, in welchem er arbeiten und sein tägliches Brot verdienen kann. Seine gesellschaftliche und kulturelle Sphäre kann er sich selbst schaffen. Aber gerade von diesem wichtigen Punkt, dem Punkt der wirtschaftlichen Existenz, ist nicht die Rede. Die Regelung der Berufs- und Erwerbstätigkeit ist völlig außeracht gelassen, ja die Judengesetze enthalten nicht einmal eine Andeutung darüber, obwohl zweieinhalb Jahre hindurch verantwortliche Männer des Regimes „Einzelaktionen gegen Juden" im Namen des Führers als unstatthaft bezeichneten und erklärten, daß die Grenzen der jüdischen Wirtschaftabetätigung durch Gesetze bestimmt werden. Da also diesbezüglich nichts erfolgt ist, werden eich beispielsweise bei Boykottaktionen nationalsozialistischer Parteianhänger gegen jüdische Kaufleute u. a. zweifellos Reibungen ergeben und das Verhältnis zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volk nicht gerade erträglich gestalten. Es wird also der Zustand eintreten, der es den Nazi möglich machen wird, „eine erneute Prüfung der Lage" vorzunehmen. Was das in der Praxis bedeuten wird, kann man sich leicht vorstellen. An der Rechtslage hat sich für die Juden in Deutschland nichts geändert. Sie hat sich eher noch verschlechtert. Denn jede Reibung wird die angekündigten neuen Maßnahmen Hitlers noch dringender erscheinen lassen. Billige Reisen nach Palästina Kostenlose Beratung In allen Relscangclegcnhelten, welche Palästina betreffen, mündlich und telephonisch im Reisebüro „IN DJC WEIT", (Dr. S.Tocker) IX, Llechtenstelnstrafie 2, Telephon A.14.5Ö4 fen werden könnte. Dieses Programm hätte folgendes zu enthalten: 1. Eine Diffamierung der Juden soll unterbleiben, entsprechend der von maßgebender Seite aufgestellten These, daß Rassentrennung nicht Minderbewertung fremder Bassen bedeutet. Wer sich in die I^ago eines aufrechten und gesund empfindenden Menschen versetzt, der in Publikationen sein Volk als „Mördervolk" bezeichnet findet, wird diese Forderung wohl verstehen können. 2. Den in Deutschland lebenden Juden, die vom politischen und kulturellen Einfluß vollständig ausgeschaltet sind, soll entsprechend den Ausführungen des Reichsinnenministers vom 1. Jänner 1984 di« Betätigimgsmöglichkeit in der freien Wirtschaft verbleiben, um ihren Lebensunterhalt zu erwerben. 3. Die Juden sollen ihre eigene Kultursphäre haben, insbesondere auf dem Gebiet des Schulwesens, und sollen die Möglichkeit besitzen, die kulturellen und ethischen Werte des Judentums zu pflegen und die neue Generation für ihr künftiges Leben auszubilden, insbesondere durch eine planmüßige Berufsiuuscliichtung und Vorbereitung zur Auswanderung. 4. Eine geordnet« Auswanderung der Juden, besonders der jüdischen Jugend, soll der Förderung aller maßgebenden Stellen teilhaftig werden. Das Blatt meint weiter, daß eine Einordnung in den Rahmen des Staates erfolgen müsse — auch nach den Erfordernissen der jüdischen Würde und Ehre, und daß ein großes Feld konstruktiver Arbeit vorliege. Wir glauben, daß sich das deutsche Judentum vorläufig mit seiner Lage abfinden und alles tun muß, um sich als Gemeinschaft zu erhalten. Die Presse, welche über die Judengesetze entsetzt ist, beruft sich auf die Formeln von Gleichberechtigung, Emanzipation u. dgl. Wir nationalen Juden haben immer ein kulturelles und gesellschaftliches Eigenleben der Juden als nationaler Minorität befürwortet, weshalb uns im Prinzip eine Scheidungder beiden Völker nicht unwillkommen wäre. Aber hier geht es nicht um diese Scheidung, sondern um bewußte Diffamierung, die sich bloß in den Mantel einer Gesetzgebung gekleidet hat, , o»' '^Jj^V** PRESSGASSE 28 B 20-2*38 PARKRING 12 R 20-3-57 Aus Kein Jude in den polnischen Senat gewählt Aus Warschau: Bei den am Sonntag durchgeführten Wahlen zum polnischen Senat wurde kein einziger Jude gewählt. Ein Drittel der Senatoren, nämlich 33, wird in einigen Tagen durch den Staatspräsidenten ernannt werden. Als Repräsentant der jüdischen Religionsgemeinschaft wird wahrscheinlich Oberrabbiner Prof. Moses Schonernannt werden. Als weitere eventuelle Kandidaten kommen in Betracht: Bankier Raphael Szereszowski, Abraham Gepner und Prof. Dickstein. Der Kultusminister hat den Oberrabbiner Professor Dr. Moses Schorr wiederum zum Mitglied des „Staatsrats für öffentliche Bildung" für eine dreijährige Periode als Vertreter der jüdischen Religion ernannt. Peinlicher Vorfall beim Bankett Industrieller in : Danzig Aus Danzig: Auf einem Bankett zu Ehren jetzt in Danzig weilender Industrieller und Expediteure au3 der Tschechoslowakei kam es zu einem peinlichen Vorfall. Der vom nationalsozialistischen Senat ernannte Präsident der Danzlger Handelskammer, Schnee, veranlaßte, daß als deutsche Nationalhymne das Horst- Wessel-Lied gesungen wird, und unterließ nicht, dabei zu betonen, daß diese Hymne in der Tschechoslowakei verboten ist. Als die anwesenden Deutschen das judenhetzerische, blutdürstige Lied anzustimmen begannen, verließen die jüdischen Mitglieder der Handelskammer und zahlreiche geladene Gäste, auch der polnische Vertreter im Danziger Hafenrat, den Saal. Dia tschechoslowakischen Gäste gaben ihrer Empörung über die Taktlosigkeit des Herrn Schnee Ausdruck. Jüdische Eltern! Kauft Schulbücher für eure Kinder In der Buchhandlung Hermann Tuchner Wien II, Ecke Taborstrafle 52 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisenl Spesenfreie Zusendung überallhin. Verzeichnisse kostenlos' / Für Auskünfte: Tel. R-41-4-20 Kongreß der europäischen Muselmanen Aus Genf: Der „Kongreß der europäischen Muselmanen", der weder in Genf noch außerhalb Beachtung findet, hat über seine geschlossenen Beratungen ein Kommunique an die Presse verschickt, welches dia hartnäckigen Behauptungen, als ob der Kongreß sich nur. mit religiös-kulturellen, unter Ausschluß aller politischen Problemen beschäftigte, selbst dementiert. Ishan-Eey-el- Dschabri, der in Genf ansässige Syrier, übernahm die Rolle eines palästinensischen Delegierten und sprach über Palästina. Er unterstrich — so heißt 03 im Kommunique" — die zionistische Aktion in Palästina, die durch Intensivierung der jüdischen Einwanderung und des Bodenkaufes auf das verfolgte Ziel lossteuert: die Schaffung eines Judenstaates. Der Kongreß (d. h. die Herren el-Dschabri und Schekib Arslan); beschloß nach Anhören dieses Referats, die Aufmerksamkeit des Völkerbundes und der britischen Regierung auf „den Ernst der dadurch in Palästina geschaffenen Lago zu richten". Andererseits hat der Kongreß Aufrufe von der „französischen Liga gegen Imperialismus und koloniale Bedrückung" sowie von einem „internationalen Komitee zur Verteidigung der Rechte Mafuraschule „UNIVERSUM" IX, GARNISONGASSE 3. TELEPHON A-20-4-48 Beginn neuer Tages- und At«B4k«rt« «tt Ii, XX. IH6