Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 495 (6.9.1935)
- Date
- 1935-09-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 495 DIE NÄÜB WELT Sefte T $ Die Jüden im neuen Sfnuaen Von Dr. I. Z. K an n e r (zzt. Madrid) II. Die große fudenkolome zu Barcelona Da die Juden sich nur in den Großstädten niederlassen, erregt es natürlicherweise in kleinen Ortschaften Aufsehen, wenn sich einmal ein Jude in einen kleinen Flecken verirrt. Aus diesem Grunde pflegte ich mich gerade in Kleinstädten und Marktflecken des öfteren aufzuhalten, um ihre Einstellung dem Judentum gegenüber zu erfahren. Als ich in einem Hotel zu Ribas (am Col de Tosas, Pyrenäen) ins Nationale das Wort „Judio" geschrieben hatte, verbreitete sich sofort durch das ganze Haus das Gerücht: Ein „Chudio" sei abgestiegen. Natürlich steckte in diesem Gerücht nichts Gehässiges, sondern etwa Besonderes, für diese Dörfer seit Jahrhunderten Ungewöhnliches. Selbst der Polizei erschien dies so unglaublich, daß sie mich in meinem Zimmer aufsuchte, um sich nach Perlustrierung der Dokumente von der Wahrheit des „Ereignisses" zu überzeugen. Das Wort „judia" selbst Ist hier nicht ungeläufig, denn so heißt die Bohne, die Lieblingsspeise des Spaniers. Zur Zeit leben in Spanien 2 0.0 0 0 Juden, die Hälfte davon sind Aschkenasim und die Hälfte Sephardira, 14.000 von ihnen wohnen in Barcelona. Die Sephardim stehen auf einer sehr hohen Kulturstufe; sie sind untereinander einig und nehmen die jüdischen Flüchtlinge sehr wohlwollend auf. Dagegen leben die deutschen Flüchtlinge mit den nichtdeutschen in Unfrieden. Die ersten nennen sich Emigranten, die zweiten in richtiger Erfassung der Lage: Flüchtlinge. Die deutschen. fühlen sich irgendwie höher und bezeichnen alle nichtdeutschen Flüchtlinge als ,,Polische". Dieser Zustand äußert sich besonders im Unterstützungswesen. Die deutschen werden bevorzugt, während für einen „polischen" bei einem Gottesdienst das Geld zusammengeschnorrt werden muß. Der Verwalter des Unterstützungsvereines .,Esra" ist ein Konfessionsloser, der mit einer Christin verheiratet ist. Er erhält einen Monatsgehalt von 600 Pesetas. Das erregt%en Unwillen vieler. Manche sagen, sie würden die Stelle einer solchen Wohlfahrtsanstalt unentgeltlich versehen. Mit der Religion nehmen es die deutschen Flüchtlinge nicht nur nicht genau, sondern sie respektieren sie gar nicht. Sie erscheinen am Sabbat mit der Zigarette , im Mund im Tempel. Die geringste Judenzahl wird für Barcelona .mit 7000 angegeben. Die richtige Ziffer wird in der Mitte liegen. Eingetragen sind in der Barcelonaer Kultusgemeinde im ganzen 151 Familien. Der Vorstand legt es allen Juden zur Pflicht, sich bei ihr schleunigst zu melden. Die meisten melden sich nicht an, weil sie nicht wissen, ob sie dableiben oder bloß durchfahren werden. Die Gemeinde von Barcelona konstituierte sich 1907, wurde 1913 anerkannt und richtete im Parterre einer gemieteten Schule ihre Synagoge ein. Am Almemor befinden sich zwei achtröhrige Menoroth, also ein Versehen des Architekten, da doch das Symbol des Judentums die siebenröhrige Menorah ist. Bevor die Gemeinde sich eigene Funktionäre (1 Kantor, 1.Schächter und 2 Schamaschim) leisten konnte, mußte ein Mohel eigens von Paris hierherkommen und oft eine ganze Reihe von Beschneidungen vornehmen, darunter an bereits sechs Monate alten Kindern. Die Synagoge befindet sich in der Neustadt, Calle de Provenga 25 0. Von außen ist sie weder durch einen Zions-Stern noch durch eine hebräische Aufschrift erkennbar, sie ist von einem Palmengarten verdeckt. Man wird keinen Juden finden, der seine M c s u s a von außen befestigt hat. Ich fragte, warum dfe Juden sich so unsichtbar machen, und erhielt die Antwort, „man darf noch nicht wissen, daß hier Juden sind. Das Volk ist nicht dafür. Hier werden sich die Juden nicht halten." Bei der Straßenkolportage prangen überall die hebräischen Balkenlettern des „Hajnt". Warum versteckt sich dieser nicht?! Wieder wird den Juden Religionsfreiheit gewährt, von der sie auch weitestgehenden Gebrauch machen. Was geheim geübt wurde, wird nun wieder öffentlich. So z. B. hat die Judengemeinde von Barcelona sich an eile Regierung mit der Bitte gewendet, ihr die offizielle, Erlaubnis . zum Schächten zu erteilen, das bis jetzt inoffiziell ohne irgendwelche Störung ausgeübt wurde. Wie könnte auch der Spanier das Schächten verbieten, der in der Kampfarena dem Stier drei lebende Pferde vorsetzt und ihm dann unter Freudenbrüllen des Publikums das Messer in den Nacken sticht, nachdm er ihm schon vorher einige giftige Pfeile hineingestoßen hat! Vor einigen Wochen erschien in der „Bstamp a" eine Photographie des Schächters während der Schlachtung einer Henne. Manche leugrien jegliche. antisemitische Tendenz — die Zeitung habe den Lesern bloß einen Juden vorführen und sie an das Aussehen eines solchen gewöhnen wollen. Der Spanier habe nämlich bis jetzt geglaubt, daß ein Jude Horner habe, und pflegte sich, wenn er einem Chudio begegnete, zu bekreuzigen und oft sogar den Judenkopf abzutasten. Das Wohnviertel der Sephardim ist Paralelo im Pueblo Seco. Hingegen gilt als .Tudenvtertel der Asch- Jcenaeini die Provenga, Hier wohnen die meisten Juden. Hierher werden sie von den Einwanderungskomitees geschickt. Ein Jude zieht dahin, wohin der andere zieht. In der Provenga sind noch 250 untergebracht; Der Hechaluz, der J. I. B. (Juventud israelita Barcelona), ein neutraler Jugendbund, dessen Tätigkeit sich auf Veranstaltungen von Tänzen und Vorträgen erstreckt, der Unterstützungsverein „E s r a", Subkommission Para Aguda „A g udath Achi m", eine sephardische Organisation zwecks Veranstaltung von Gottesdiensten anläßlich der hohen Feiertage, die auch zugleich eine Chewra Kadischa bildet, und eine kleine Bibliothek. An denmeisten Vorträgen nehmen die .deutschassimilatorischen Juden keinen Anteil. Die zionistische Organisation wurde vom Staat• noch nicht anerkannt, weil sich noch niemand darum recht gekümmert hat. Zum Luzerner ZionistenkOngreß wurden 1-0 2 Sehe kai'im verkauft und 77 Wähler gingen zur Wahl. Interessant ist der Friedhof.' Bisher war ,er durch eine Mauer vom christlichen geschieden. Um jedoch die Gleichheit beider Völker zu symbolisieren, wurde die .Mauer von beiden Seiten in Stiegenform abgestuft, so daß sie bloß als Schmuck und nicht als Scheidewand dient. Bis 1927 wurden die. Toten eingemauert, seit 1927 in der Erde eingesteint. In einer schmalen Gasse im alten Ghetto befindet sich in einer Mauer ein Stein, derfünf hebräische Worte trägt: Hekdesch d' R. Jehuda Hassardi. Darunter ist in, spanischer Sprache ein" Kommentar eingemeißelt: Der Priester N. :N. hat diesen Stein in den Trümmern gefunden und angeordnet, beim Neubau diesen Stein wieder einzumauern. In der Altstadt ist eine Straße, die noch heute Call e de, Cal (Kanal, hebr. Tempel) benannt ist. An der Barcelonaer Universität unterrichten der jüdische Staatsrechtler Goldschmidt und am Psychotechnischen Institut Dr. Wolf. Jüdische Studenten gibt es sehr wenige, :w%dl Ausländer nur nach Erlangung der Staatsbürgerschaft" das Doktorat erhalten. Deshalb wird man meist nur Juden a u s M a r o k k o als Schüler an den Hochschulen' antreffen. - ■ .Die zweitgrößte Gemeinde Madrid Die Mardrider Gemeinde wurde im Jahre 1917 gegründet und 1927 noch unter dem König anerkannt. Die geringste Zahl von Juden, die angegeben wird, ist 800, die höchste 2000. In der Gemeindestube haben sich nur 60 Familien gemeldet.; Das jüdische Gemeindehaus befindet sich in der .Calle del Principe Nr. 3, in der Nähe des Zentrums, der Puerta del Sol. Es besteht aus mehreren Räumen, "'"nem Bibliothekszimmer, einem Sekretärzimmer, einer Frauenschul, der eigentlichen Synagoge und der Portierswohnung: Die Synagoge führt den Namen Midrasch Abarbane (nicht „Beth Hamidrasch."). Von den an der Wand hängenden Gegenständen sind hervorzuheben: Zwei Zeremonialbilder aus den Jahren 1724/25 undzwei Eintragungsdiplome ins Goldene Buch: 1. Max Nordau, der zur Madrider Gemeinde gehörte. 2. der. Nichtjude Prof. Angel Pulido Fernande z, der hier die erste prosemitische Rede hielt. Ferner fallen zwei Photographien auf, auf denen man eine Barmizwah- Feier sieht unter Teilnahme Nordaus. Der Thoraschrein birgt eine Thora, die ausgegraben wurde. Schmutz und Erdflecken zeugen davon. Sie dürfte aus der Zeit der Inquisition stammen. Die Gemeindefunktionäre bestehen aus einem Schäoikter, der zugleich Sekretär ist, und einem Portier (Spärtiole aus Griechenland)- Das Schächten wurde in Madrid schon vor zwei Jahren erlaubt. Die Beschneidungen versieht unentgeltlich ein jüdischer Arzt, der dieses Amt nicht aus religiösen, sondern aus hygienischen Gründen gerne auf sich genommen hat, bis ein eigener Mohel zur Stelle sein wird. — Hochzeiten werden ohne Rabbi vorgenommen. Die Einrichtung des Tempels ist sephardisch (Sessel an der Seite usw.). Die Gebete aber werden je nach sephardischen oder aschkenasischen Ritus abgehalten; Meist betet ein Sepharde Schachris und ein Aschkenase Mussaph oder umgekehrt, so daß jeder auf seine Rechnung kommt. In Madrid gibt es einen katholischen Friedhof und einen Zivilfriedhof für Protestanten, Konfessionslose, Führer der ersten Revolution usw. Von diesem Zivilfriedhof ist die jüdische Abteilung durch eine Mauer geschieden. Es läßt sich feststellen, daß im Wesentlichen die Intelligenzler nach Madrid ziehen, die Industriellen nach Barcelona. Der Präsident der Gemeinde, Dr. Bauer, der (durch Taufe seiner Brüder) ein Verwandter des königlichen Hauses ist, hat sich bereits einen Namen sowohl unter den Juden als auch unter den Nicht.juden gemacht. Dr. Sachs bemüht sich um die Gründung einer stärken zionistischen Ortsgruppe, die sich noch im Anfahgsstadium befindet. Ein Frauenverein übt ein wenig Kultur und Wohltätigkeit. An der Madrider Universität lehrt der jüdische Philologe Lektor Dr. Stern. Ferner bestehen an der Madrider Universität schon lange Katheder für Hebräisch und Talmud. .(Fortsetzung; folgt.), ur bis 7. September Vorhang-Abteilung: Vorhang-Batist, weiß mit farbigen Tupfen.....3 0'49, 0'39j Möbel* u. Vorhang-Kretonne, 70 cm breit . r ...... s 0«98l Madras-Vorhangstoff, indanthren gestreift, 156 cm . . S 1*49j Fu9boden-8elag, Reste, 2 m breit........per m3 S 1.75 Jacquard-Flanell-Decken, karaelhaarartig, 120X180 cm ... S 3-90 3teillge Künstfervorhänge, farbig gestickt.....S 4-90, 3-75 Doppelbettdecken, weiß, mit Spitze und Einsatz . . . . S 7-90 K.-Seiden-Steppdocken . . .......... . S 9'50 Haus- und Küchengeräte: Suppen- oder Fleischtoller, Steingut, weiß oder dekoriert . S 0*331 Gasthaus-Teller, Steingut, gerippt, tief und flach . . . . S 0'4o| Porzellan-Teller, tief und flach, S 0'69, Dessert.....S Q'391 Porzellan-Kaffeeschale mit Tasse, zackiger Goldrand . . . 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