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Die neue Welt · 1935-09-06 · Heft 495 (6.9.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 495 (6.9.1935)
Date
1935-09-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 195 Die deiit§die Judenhei't der Vernichtung preisgegeben Grauenhaffe Bilder der Wirklichkeit Eine hervorragende n i c h t j ü d i s c h o journalistische Persönlichkeit, die als Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in der allerletzten Zeit Deutschland bereist hat, gibt auf Grund unmittelbarer persönlicher Beobachtungen das folgende Bild von der wirtschaftlichen, juridischen und seelischen Situation der deutschen Juden und der Auswirkung dieser Situation auf das gesamte deutsche Leben. Trotz aller Einzelheiten, die über die neue antisemitische Welle in Deutschland bekannt geworden sind, kann doch keine Rede davon sein, daß die Verfolgungen, denen die jüdische Gemeinschaft dort ausgesetzt ist, anders als nur in den allergröbsten Umrissen bekannt geworden wären. Die großen Zentren unterliegen noch einigermaßen der Kontrolle der internationalen Öffentlichkeit. Aber die Tragödien, die sich in den abgelegenen Städtchen und Dörfern z. B. Pommerns und O s tpreußens abspielen, bleiben schon um dessentwillen unbekannt, weil infolge der kleinen in Betracht kommenden Zahl der jüdischen Bevölkerung bei jeder Mitteilung der Gewährsmann unter Umständen ermittelt werden kann und damit den schlimmsten Repressalien preisgegeben ist. Trotzdem gelangen von oppositionellen, nichtjüdischen Personen, die über die Geschehnisse empört sind, Dinge zur Kenntnis der Oeffentlichkeit, die die unter dem schärfsten Terror stehenden Juden nicht mitzuteilen wagen. So wird jetzt folgender, geradezu grotesker Vorgang bekannt: In Barth, einer kleinen Stadt in Pommern, gibt es nur zwei jüdische Familien, die, seit langem ansässig, bei der Bevölkerung immer in gutem \nsehen standen. Vor kurzer Zeit wurde der übliche Entrüstungssturm inszeniert, durch den gefordert wurde, daß der Ort judenrein werde. Das Volk wurde „versammelt", die beiden unglücklichen Familienoberhäupter wurden zum Bürgermeister zitirt. Dieser hielt nun eine schöne Ansprache, in der er hervorhob, daß den beiden Familien nichts vorzuwerfen sei, daß aber angesichts des v e r- Btärksten Boykott gegen Deutschland und insbesondere mit Rücksicht auf die Vorfälle bei der Abfahrt der „Brymen" von New York, Juden in Barth nicht mehr bleiben könnten. Darauf erklärte der eine Jude, daß er Pole sei und sich an seinen Konsul wenden werde. Der anxlere erklärte, daß er sich schon lange mit der Absicht trage, nach Palästina auszuwandern. Er wurde daraufhin aufgefordert, hiefür Beweise vorzulegen. Nachdem dies geschehen, wiederholte der Bürgermeister nochmals sein Bedauern und Avies darauf hin, daß die beiden ihre Geschäfte in aller Ruhe abwickeln könnten, aber sie müßten Barth verlassen. Zum Schluß der feierlichen Handlung begab sich alsdann das Stadtoberhaupt an das Fenster und sprach zu der wartenden Menge, die inzwischen „murrendes Volk" markierte: „Es ist alles in Ordnung, der eine ist Pole und wird sich an seinen Konsul wenden, der andere wird nach Palästina auswandern." Damit war allgemeine Zufriedenheit erzielt; die Zeche dieser Komödie wird von den Juden gezahlt! Das Auffallende ist dabei, daß es in den meisten Fällen zahlenmäßig ganz unbedeutende Minderheiten sind, die der Bevölkerung von selbst größeren Orten ihren Willen in judenfeindlichem Sinne aufzwingen. Alle Beobachter aus den verschiedensten Teilen des Reiches stimmen darin überein, daß die antisemitische Propaganda insbesondere der ,,S t ü r m e r" - L e u t e sich übernommen hat und vielfach auf Abneigung, gelegentlich sogar auf Widerstand stößt. Wie einer großen Mehrheit solche Beschlüsse aufgezwungen werden, zeigt das bisher nicht, bekannt gewordene Beispiel der Kurstadt Harzburg. In diesem Orte haben die guten Hotels in weitem Umfange eine jüdische Kundschaft, gehabt, die dort gern gesehen war. Sie beoba.chtet.en darum mit großer Sorge die Bestrebungen mancher Orte, sich judenfrei zu machen, und es wurde alles vermieden, was der antisemitischen Agitation hätte Nahrung geben können. Eines Tages erschienen bei den Inhabern der größeren Hotels vier wenig gut beleumundete Personen und verlangten, daß die Hotels Juden nicht mehr aufnehmen. Der Ort müsse judenrein werden. Auf die lebhaften Proteste der Hoteliers, die auf ihre schwierige Lage hinwiesen und erklärten, daß sie zu mindestens teilweisen Entlassungen ihrer Angestellten gezwungen sein würden, wurde kurzerhand erwidert, daß die Naziorganisation auf ihrem Willen bestehe. Der ganze Ort mußte sich den vier Individuen fügen. Die wirtschaftlichen Schäden werden in solchen Fällen immer erst nachträglich erkannt, und es ist bemerkenswert, daß neben der Vernichtung der jüdischen Existenzen zahlreiche nichtjüdische in den Strudel dieses wirtschaftlichen Unsinns gezogen werden. Erst verhältnismäßig spät ist bekannt geworden, daß als Folge der Unruhen am Berliner Kurfürstendamm, die den dortigen Cafes und besonders auch dem bekannten Cafe Dobrin schwere wirtschaftliche Einbuße gebracht haben, die nichtjüdische Belegschaft von Dobrin einen geharnischten Protest an die Gauleitung erlassen hat, in dem sie darauf hinwies, wie seh v/er durch solche Dinge gerade die arbeitende, auf täglichen Erwerb angewiesene Klasse leide. Genützt hat es nichts. D:e Veränderung der seelischen Haltung der Berliner jüdischen Bevölkerung ist in letzter Zeit besonders auffällig. Sie zeigt sich auf wirtschaftlichem Gebiet hesonders stark, da die Unternehmungslust immer geringer wird und der wichtige Sektor der jüdischen Wirtschaft nur mehr „auf Abbau" besteht. Diese Gewißheit, durch eine in irgend welche angeblich gesetzliche Vormen gegossene Enteignung um die Früchte des Fleißes von Generationen gebracht zu werden, auf der anderen Seitn die Unmöglichkeit einer Auswanderung großen Stiles, bei vielen auch eine gewisse Verbissenheit, den Kampf um die ererbte Stellung so Irmge zu führen, als dies irgend möglich zu sein scheint, hat --- alles zusammengefaßt ■ - <Mn Gefühl der Verlassenheit und eine dumpfe Gemiitsstimmung bei vielen Berliner Juden geschaffen, die sehr zu ihrem Nachteil von der verhältnismäßig großen Zuversieht sieh unterscheidet, die in Berlin im Gegensatz zu vielen rrov'm/.plätzcn noch im Frühjahr zu finden war. Der äußere Anblick des jüdischen Trebens in Berlin hat sich gleichfalls grundlegend geändert. Theater und Konzerte werden von den meisten schon lange nicht mehr aufgesucht. Seit den Ereignissen um „Patterson und Bendel" hat auch die Zahl der jüdischen Kinobesucher erheblich abgenommen. Restaurants, auch solche jüdischer Besitzer, wie das weltbekannte Restaurant Kempinski, beklagen das fast völlige Ausbleiben der jüdischen Kundschaft, und selbst vor dem Besuch jüdischen Besitzern gehörender, traditionell schon immer überwiegend von Juden besuchter Cafes macht die Auswirkung des erlittenen Schreckens, der sich jeden Augenblick erneuern kann, nicht halt. Das einst so arbeitsame, unternehmungslustige Berliner Judentum kämpft schwer um die Grundlagen seiner wirtschaftlichen Behauptung auch in dem bescheidensten Rahmen, führt ein zurückgezogenes Leben und ist von einem dumpfen Gefühl völliger Hoffnungslosigkeit nicht weit entfernt. Zuversicht auf Recht und Gerechtigkeit gibt es — obwohl gerade die älteren Richter in den erprobten Bahnen der Unparteilichkeit zu wandeln versuchen — um so weniger, als die rechtsprechenden Gerichte, vor allem die zivilen, vor der Verwaltung, die fast alle Kompetenzen an sich zu reißen versteht, in ihrer Bedeutung für das Volksleben immer mehr zurücktreten. Diese Auswirkungen des Zustandes der Rechtlosigkeit haben jetzt auch den Beamtenapparat bis in die Ministcrialin stanzen ergriffen. In der Judenfragc ist es der neuen Welle gelungen, wieder einen rein revolutionären Zustand der Recht sunsicherheit herzustellen. Die Dinge sind so weit gediehen, daß selbst hei völlig klarer Rechtslage die Räte der Ministerien nicht mehr eine Entscheidung zu treffen wagen. Eine sehr hohe Stelle hat. kürzlich voller Verzweiflung ausgerufen, man bringe ihr doch einen Parteib e f e h 1, dann sei sie bereit, alles zu veranlassen, um den Uebelständen abzuhelfen, aber ohne einen solchen sei sie paralysiert. Dieses eingestandene Unvermögen, auch bei gesetzlich klarer Lage etwas im Sinne der Gesetze zu tun, wenn nicht Parteiinstanzen ihre Einwilligung geben, muß weit über den Rahmen der Judenfrage hinaus zur völligen Auflösung des staatlichen Gefüges führen und setzt immer mehr an die Stelle von Verwaltungsgrundsätzen die reine Parteiwillkür. Unter solchen Vorzeichen wird die Arbeit der jüdischen Organisationen, soweit sie sich nicht reine Auswanderungsaufgaben gestellt haben, immer schwieriger. Die maßgebenden jüdischen Presseorgane hat man mit monatelangen Verboten schon mundtot gemacht, die Aufhebung des Verbots der „J ü d isehen Rundschau" geschah nur mit Rücksicht auf den Luzerner Kongreß. Eine allgemeine Regelung für die jüdischen Zeitungen steht bevor. Ueber ein Verbot ihres öffentlichen Verkaufs, insbesondere in Kiosken, ist bereits gemeldet worden. Darüber hinaus sind auch Beschränkungen des Leserkreises und sogar des Inhalts geplant, um so immer mehr den Anteil der Juden an den Vorgängen des allgemeinen deutschen Lebens einzuschränken. In dieses überaus trübe Bild der gegenwärtigen Lage des deutschen Judentums läßt sich als einziger Lichtblick neben die würdige und verantwortungsbewußte Art, in der das große Leid von den Betroffenen getragen wird, nur das Verhalten weiter Kreise der Bevölkerung einzeichnen, die aus ihrer Ablehnung der „Stürmer"-Propaganda und des brutalen Antisemitismus kein Hehl machen. Zu offenem Protest langt, es auf diesem wie auf anderen Gebieten bei der gesamten seelischen und charakterlichen Konstitution des deutschen Volkes noch nicht. Aber die Kundgebungen der öffentlichen Meinung erfolgen doch in einer nicht mißzuverstehenden Form. Die Nazis selbst sind erschrocken, daß sich hier eine große Kluft zwischen ihnen und einem erheblichen Teil der Bevölkerung, die sonst mit ihnen geht, aufgetan hat. Durch neue Uebersteigerungen sucht man die Volksgunst festzuhalten. Trotz aller Schacht-Reden muß darum mit weiteren antisemitischen Excessen, mit weiteren gesetzgeberischen Maßnahmen zur Unterdrückung der Juden und mit. weiteren Ausschaltungsmaßnahmen auf dem Wirtschaftsgebiet gerechnet werden. Zu den jüdischen Feiertagen Sonderfahrten nach Polen und Gzernowitz. Abfahrten: 8., 15. und 25. September. Rückfahrten: 15. Sentember, 9. und 21. Oktober. Francopol, IH., Rennweg 1, Tel. U-16-4-90. Odol-Mundwasser enthält neben dem wirksamen Odol-Antiseptikum noch den aus der Myrrhe gewonnenen Extrakt, der sich gegen Lockerung der Zähne und Blutung des Zahnfleisches als ganz besonders wirksam erwiesen hat. Die Myrrhe wird für diesen Zweck schon *eit tausend Jahren verwendet. Wochen-Kalender 1 September 1935 Ww iTsnn Elul 5695 Freitag 6 8 Sabbateingang 6.25 Samstag 7 9 Sabbatausgang 7.25 Sonntag. 8 10 Montag 9 11 Dienstag 10 12 Mittwoch 11 13 Donnerstag 12 14 JtesUukakl Bükt Bestrenommieric Küche REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UNO 2.60 IC II W Et M A I L H B R A U M,Hammer-Purgstall-Gasse 3 (nächst Sa!iforbrürkO ©TeU-41-r-Jf Hotel-Restaurant Smetana-Luhacovice 50 Zimmer mit kaltem und warmem fließendem Wasser. — Erstklassiges Restaurant und Caf6. — Streng rituelle Küche. — Bethaus im Hause. — Eröffnung 15. Mai. Bis 15. Juni billige Vorsaisonpreise. Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Cafes etc. A. IJarschaU, Ii., Große üuhiffgasse 3. Streng Vor* züglicho Küche. Billige Preise. Cafc-ltcstuurant Espresso, i., Rotenturmstraße 1. Inter* nationale kalto und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. Nagels SclchwarenreHtmirnnt, II, Prateistraße 33. orth. "WS Menü S 2.—. 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U-29-0-35 REISEBÜRO „IRUT" I, Karlsplatz 1, Telephon U-44-5-79 Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide syiea, ° p I?C., Universitätsstraße •—

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