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Die neue Welt · 1935-08-30 · Heft 493 (30.8.1935) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 493 (30.8.1935)
Date
1935-08-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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'Seite»* DIE NEUE WEL1 Nr. 493 EINZIG IN WIEN!!! Zeit der Herrschaft Adolf Hitlers vollzogen hat. Ins arme Palästina zu kommen war eine leichte Sache. Wer hinwollte, ging einfach in das englische Konsulat, bekam sein Visum und noch einen schönen Segen mit auf den Weg in das Land des Steineklopfens, des Hungers und der Malaria. Auch im Herbst und Winter 1929, nach den Pogromen, konnte man leicht dorthinkommen. Wer heut nach Palästina will, stößt auf eine Mauer. Für das blühende Palästina braucht man ein Zertifikat. Was ein Zertifikat ist und wie man es bekommt, besser gesagt, nicht bekommt, brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Das ist wohl die einzige $ache, bei der ich auch bei Ihnen allen vollkommenes Verständnis voraussetzen kann. Wer ins blühende Palästina will, bekommt keinen Segen mit auf den Weg, sondern wird als aufdringlicher Frechling und Verbrecher angesehen. Zwischen das gehetzte jüdische Volk und Palästina haben sich fremde Mächte geschoben. Ist das ein Zufall oder ist das ein planmäßiges Vorgehen? Geschieht es mit Rücksicht auf die Interessen des Landes, wie man so schön sagt? Geschieht es wegen drohender Arbeitslosigkeit? Wie sollen wir Palästina durch Arbeit erringen, wenn man keine jüdischen Arbeiter, Gewerbler, Kaufleute usw. hinläßt? Das mögen jene bedenken, die unbekümmert das Hohelied von der wundertätigen Arbeit singen und auf politisch-zionistische, also judenstaatlerische Bestrebungen verächtlich herabblicken! Ich bin in meiner Redezeit beschränkt, ich will daher auf die vielen Anzeichen einer planmäßigen Behinderung der zionistischen Arbeit in Palästina nicht weiter eingehen. Nur eine Sache muß ich noch berühren: die Absicht der Palästina-Regierung, einen Legislative Council, einen Gesetzgebenden Rat, j also ein Parlament in Palästina zu etablieren. Daß die J Errichtung des Legislative Council einen schier tödlichen I Streich gegen den Zionismus bedeutet, brauche ich nicht weiter auszuführen. Wer anders sagt, begreift es nicht oder, was noch ärger ist, will es nicht begreifen. Der Stand dieser Angelegenheit ist ein weitaus gefährlicherer, als Ihnen bisher von den Leitern der zionistischen Politik, d. h. von seiten unserer Exekutive, mitgeteilt wurde. In den „Time s" vom 18. August 1935, also von der Vorwoche, findet sich ein Bericht ihres Jerusalemer Korrespondenten über den Legislative Council. Darin wird gesagt, daß die Araber nunmehr ihre Zustimmung gegeben haben und trotz des, wie der Korrespondent selbst sagt, sehr berechtigten Widerstandes der Juden nunmehr der Legislative Council geschaffen werden wird. Von höchster Bedeutung ist, was der Korrespondent über die Gründe schreibt, welche die Araber bewogen haben, ihren Widerstand gegen den Legislative Council aufzugeben. Er schreibt wörtlich: „Den wichtigsten Grund hiefür bildet die Versicherung, daß der Legislative. Council, wie er jetzt geplant wird, in seinen Beschlüssen durch keinerlei Beschränkungen noch durch Vorbehalte begrenzt sein wird. Den Arabern wird es also möglich «ein, selbst über die Größe der jüdischen Einwanderung oder den Verkauf von Land an Juden zu bestimmen, und es bleibt eine inhaltslose Phrase, wenn bestimmt wird, daß keine Gesetze beschlossen werden können, welche zu den Bestimmungen des Mandats in Widerspruch stehen." Wissen Sic, was das heißt? Das heißt, daß uns ein Kampf bevorsteht, wie wir ihn vorher nie zu kämpfen hatten, ein Kampf, den wir gewinnen müssen, denn wenn wir ihn verlieren, wird uns diese Niederlage auf Generationen zurückwerfen. Und wie können wir diesen Kampf nur führen? Von der Front der Judenstaatsidee. Nicht etwa von d"r Front eines binationalen Palästina, nicht von drr Front oines geistigen Zionismus. Wir können nur protestieren, wenn wir sagen, Palästina muß ein Judcnstaat sein. Nun geh" ich noch zur Betrachtung des Zustandes iibfr, in dorn sich hcuVi die Zionistische, Organia t i o n befindr-t. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß auch die Zionistische Organisation nur vorn Gedanken des Judenstaates aus erhalten werden kann. In vierzehn Tagen findet in Wien der Kongreß der Neuen Zionistischen Organisation statt. (Zwischenruf: F.s ist keine zionistische Organisation, es ist gegen die Zionistische Organisation.) Die Bedeutung dieser Ange- ( legenheit ist auf diesem Kongreß in sehr magerer Farm! gewürdigt worden. Der Kongreßrichter Gronemann hat davon gesprochen, daß die Revisionisten weggegangen sind und daß die Folge davon war, daß mehr Schekel verkauft wurden, dann hat er noch gemeint, das Kongreßgericht werde von nun an weniger zu tun haben. Ich beneide Herrn Dr. Gronemann um seine Auffassung (Zwischenrufe). Was die Neue Zionistische Organisation ist, das brauchen Sie mir nicht mit Zwischenrufen zu sagen. Und der Kronzeuge gegen diese Neue Zionistische Organisation sind nicht Sie, sondern wir. (Zwischenruf: Wehe uns!) Sie können auf diese Feststellung wieder mit einem Lachen antworten. Es ist eine Spaltungserscheinung: und Grund an dieser Spaltungserscheinung ist ein Gedanke, der von zwei zionistischen Gruppen großgezogen wurde, zuerst von der zionistischen Linken. Es ist der Gedanke von der Totalität, von der totalen Machtergreifung innerhalb der Zionistischen Organisation. Dieser Gedanke ist von unserer Linken mit einer solchen Konsequenz durchgeführt worden, daß zum Beispiel zehn Minuten Redezeit für einen oppositionellen Redner für Sie ein Kampfanlaß ist. Vors. Dr. Mossinsohn: Entschuldigen Sic, Ihre Partei hat um eine Stunde mehr Redezeit erhalten, ala sie Anspruch hat. Del. Stricker: Wenn Sie glauben, das sei eine Anfrage oder eine Bitte, länger sprechen zu dürfen, so irren Sie sich. Es war nur eine Feststellung. Auf den Totalitätsanspruch der Linken antwortete dann Jabotinsky mit seinem Totalitätsanspruch. Weil es zwei Totalitäten nicht geben kann, ist die Sache auseinandergegangen. Aber ist das die einzige Spaltung, geht der Prozeß nicht weiter? Erst war die Abspaltung der Revisionisten, dann die Spaltung der Allgemeinen Zionisten, dann die Spaltung beim Misrachi. (Zwischenrufe des Misrachi: Bei uns ist keine Spaltung! Zwischenruf Del. Großmann: Nein, bloß eine freundschaftliche Zusammenarbeit!) Und wissen Sie, meine Herren von der Linken, wissen Sie, was jetzt kommt? Jetzt kommt die Spaltung bei Ihnen! Täuschen Sie sich, meine lieben Herren von der Linken, nicht darüber hinweg, daß der Wurm auch an Ihnen nagt. Sie sind routinierte Politiker, Sic haben einen großen Verwaltungsapparat und Sie verstehen nach außen die Sache zusammenzuhalten. Aber Ihre Kunst wird an der harten Notwendigkeit scheitern. D i c Zionistische Organisation muß sich auflösen, wenn sie keine Judenstaatsorganisation ist. Als Theodor Herzl die Juden zusammenrief, die Juden der verschiedensten Art, hat man ihn für verrückt erklärt. Man dachte, sie würden übereinander herfallen wie wilde Tiere. Aber Theodor Herzl hat das Wort vom Judenstaat ausgesprochen und dieser Gedanke war stärker als alles. Weil dieser Gedanke verlorengegangen ist, sind wir einander fremd geworden und ist es zu den Spaltungen gekommen. Nur der Gedanke des Judenstaates kann uns wieder zusammenschmieden. Deshalb treten wir, 13 Menschen, über deren kleine Zahl Sie sich lustig machen, vor Sie hin und rufen Ihnen zu: Wir sind es, die für die Einigkeit dieser Organisation mit der Tat eingetreten sind. Entweder wird unser Gedanke siegen oder diese Organisation und mit ihr die große zionistische Sache gerät in die größte Gefahr. Wir werden vor diesen Kongreß mit der Frage treten: Wollt ihr euch zum Judenstaat bekennen oder nicht? Wehe euch und wehe der Zionistischen Organisation und wehe dem Kongreß, wenn ihr diese Frage verneinen oder sie mit Stillschweigen beantworten werdet. Stimmen zu Meiw Großmanns Anklagerede Der Eindruck, den Me'ir Großmanns Rede in der Generaldebatte machte, findet seinen Reflex in einer Reihe ernster Zeitungsstimrnen. Die Lemberger „Chwila" (26. August), das Organ der Allgemeinen Zionisten Ostgaliziens, läßt sich von ihrem Luzerner Sonderberichterstatter berichten, daß Großmann den vollen Saal gepackt habe, und stellt nach einer Würdigung der rhetorischen Leistung folgendes fest: „Unbarmherzig hat Großmann von den Gesichtern der einzelnen Akteure die Schminke heruntergewischt, in die Pappendeckeldekorationen Iii neingeschlagen und nachgewiesen, daß sich hinter der Fassade ein baufälliges Haus befinde. Uns allen — ich habe die B-Gmppe im Sinne — hat Großmann aus dem Herzen gesprochen und wir haben zum erstenmal auf diesem Kongreß Beifall gespendet. Die Linke, welche sich im allgemeinen reserviert verhält und sich als Majoritätspartei bemüht, Ruhe zn bewahren, ließ sich provozieren, und mehrmals kam es zu stürmischen Szenen, welcher der den Vorsitz führende Nahum Goldmann nur mit Mühe Herr werden konnte. Dr. Weizmann hatte sich in Voraussicht der kommenden Dinge vom Präsidententisch zurückgezogen und Nahum Goldmann das Präsidium übergeben, der an diesem Tage jedoch mehr Glück als Redner denn als Vorsitzender hatte. Starken Eindruck riefen die Worte Großmanns betreffend das deutsche Transfer-Ueberein kommen und die Arbeitsverhältnisse in Palästina hervor . , . Mit wuchtigen Anklagen schloß er seine ausgezeichneten Ausführungen, welche den Höhepunkt dieses außergewöhnlichen Tages bildeten." Der Warschauer „Moment" (26. August) würdigt Großmanns außerordentliche zionistische Verdienste in einem Leitartikel (Dr. GottHeb) und schreibt im Zusamtnenihartg mit Großmanns Lmzemer Rede: „Schon fast ein Dutzend Jahre ringt diese temperamentvolle und begabte zionistische Persönlichkeit mit dem herrschenden Kurs in der Zionistischen Organisation, wird nicht müde, kapituliert nicht, zieht sich nicht zurück und entläuft nicht dem Kampfplatz. Er ist voller Hoffnung und glaubt unerschütterlich an den Sieg der Opposition, seiner Opposition. Ihr „B"-Zionisten, sagte Großmann kürzlich in Warschau, ihr habt ausgespielt. Eure Opposition ist blutarm, machtlos. Ihr ersucht, aber fordert nicht, ihr streitet, aber ihr kämpft nicht. Bezüglich der Revisionisten ist kein Wort zu verlieren. Die Abwesenden haben immer unrecht. Zum 19. Kongreß wird nur unsere Gruppe mit starken Parolen, mit ungebrochenem Mut kommen.. . Wir führen einen sehr scharfen oppositionellen, aber stets loyalen Kampf. Darin liegt unsere Existenzberechtigung, darin unsere Kraft. So spricht Großmann. Aber der linke Flügel auf dem Kongreß hört ihn nicht in der entsprechenden. Weise an. Die Art, wie er die Rede des Vorstandes der Judenstaatspartei aufgenommen hat, beweist, daß die herrschende Partei nicht gepackt ist, keinen Unterschied macht bezüglich der Qualität der Opposition... Aber Meir Großmann ist ein unverbesserlicher Optimist. Er gehört zu jenen, die sich nach einem breiten, einflußreichen, judenstaatlerischen Zionismus sehnen und doch im Joch der Organisation gehen, die sie auslacht und von sich stößt. Und er ist nicht der einzige .. Bei Nervenreizbarkeit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Mattigkeit, Niedergeschlagenheit, Angstgefühlen hat man in dem natürlichen „Franz-Josef"- Bitterwasser ein Hausmittel in der Hand, um die meisten Aufregungen, von welcheim Teil des Verdauungsweges sie auch immer ausgehen mögen, allsogleich zu bannen. Zur Bildung der neuen Exekutive Schacher mit Misrachi und Allgemeinen Aus Luxem meldet die J. T. A.: Im Verlauf der letzten Tage wurden die zwischenparteilichen Verhandlungen zwecks Schaffung einer erweiterten Koalition und der Bildung der neuen Exekutiv«; auf dieser verbreiterten Basis intensiv fortgesetzt. Gleichzeitig wurde an den Präsidenten des Kongresses Dr. Chaim W dzraan n erneut herangetreten, daß er das Präsidium der Zionistischen Organisation und der Jcwish Agency, das er bis zum Jahre 1031 innegehabt hat, wieder übernehme. Die Besprechungen mit Doktor Weizmann hinsichtlich der Bedingungen für seine Kandidatur werden fortgeführt. Eine Zusage Dr. Weizmann« liegt bis zu diesem Augenblick noch nicht vor. Auch die Verhandlungen mit der Misrachi- Fraktion hinsichtlich deren positiver Teilnahme an den Arbeiten des Kongresses und an der zukünftigen Exekutive werden fortgeführt. Einige führende Delegierte des Misrachi erhielten Telegramme des palästinensischen Misrachi mit der Aufforderung, unter keinen Umständen in die neue Exekutive einzutreten. Trotzdem glaubt man hier, daß der Misrachi in die Exekutive eintreten werde, wenn ihm drei Sitz e in derselben zugewiesen werden. In Misraehl-Kreisen wird nämlich geglaubt, daß eine entsprechende Vertretung des Misrachi In der Exekutive diesen In die Lage versetzen wird, »einen religiösen Forderungen im Jischuw Geltung zu verschaffen. Die von Dr. Mayer Ebner eingeleiteten Bemühungen, die beiden Gruppen des Allgemeinen Zionismus zu einer einheitlichen Organisation zu verschmelzen, werden auf Initiative der a m e r i k a n Ik c h e u Delegation fortgesetzt. Der Führer des W e 11 v e r b a n d e s der Allgemeinen Zionisten Dr. J. Schwarxbart erklärte dem rl.-T.-A.-Vertreter, der Weltverband wolle aufrichtig und ohne Vorbehalte sein Toll Verantwortung für die Leitung der zionistischen Bewegung durch Teilnahme an der ütAGkulive auf sich nehmen« der Weltverband müsse aber fordern, daß sein Programm-Minimum berücksichtigt werde. Das Zustandekommen einer erweiterten Koalition sei hauptsächlich von der W e 11vereinlgung der Allgemeinen Zionisten abhängig, weil diese einen entsprechenden Einfluß auf die Linke hat, doch gibt es sowohl auf selten der Linken, wie auf Seiten der Weltvereinigung Kreise, die gegen eine erweiterte Koalition sind. Der Mlsrachi-Führer Rabbi M. Nurok erklärte, angesichts der Verschlechterung der jüdischen Lage in der ganzen Welt sei eine Konsolidierung der zionistischen Reihen eine imbedingte Notwendigkeit. Deswegen sei der Misrachi bereit, unter gewissen Bedingungen sich an der Bildung einer Koalitionsexekutive zu beteiligen. In einer F r a k 11 o n s s 11 z u n g der Weitvereinigung der Allgemeinen Zionisten hielt Dr. Weizmann eine ausführliche programmatische Rede über die aktuellen Fragen des Zionismus. Die Gründe für Weizmanns Zurückhaltung Aus Jerusalem meldet die J. T. A.: ,,Ha a r c z" führt im Leitartikel aus, daß der Plan der baldigen Schaffung eines Legislative Council es hauptsächlich .sei, der Weizmann davon zurückhält, die Präsidentenschaft der Jcwish Agency wieder zu Ubernehmen. Gleichzeitig versichert „Haarez", daß der High Commissioner Sir Arthur Wauchope zugestimmt hat, daß die Schaffung des Legislative Council auf zwei J a h r e verschoben wird.(!) Die arabische Zeitung „Al-Balag" teilt mit, daß der High Commissioner Sir Arthur Wauchope vor Antritt seiner London-Reise den früheren Bürgermeister von Jerusalem Ragheb Bey Nashashibi empfangen und von ihm die Zusicherung erhalten hat, daß die Araber dem Plan des Legislative Council nicht opponieren werden. „Al-Balag" glaubt, daß Nashashibi Präsident des Legislative Council sein werde; sollte aber ein Engländer das Präsidium übernehmen, so werde Nashashibi Vizepräsident de« Council werden,

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