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Die neue Welt · 1935-08-30 · Heft 493 (30.8.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 493 (30.8.1935)
Date
1935-08-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nf. 49$ 1 Judenstaatsaedanke — verlorengegangen Der Kongreß anf dem Höhepunkt Der Zior.istenko'ngreß ist die politische Tribüne des jüdischen Volkes, Als c.as war er gedacht, selbstverständlich schon von seinem Schöpfer Theodor Herzj und nicht weniger von den Leitern des Schicksals der zionistischen Organisation nach Herzls Tode. Der Zionistenkongreß war die Tribüne, von der aus alle den Aufbau des jüdischen Staates betreffenden Parolen ausgegeben wurden. Das galt als unzerstörbare Tradition. Diesmal, in Luzern, war es anders. Diesmal — «nd die zionistische gleichgeschaltete Press« merkt es mit Genugtuung an — standen organisatorische Themen im Vordergrund. Sogar die Referate, die politische Ausblicke gestatteten, hatten mehr den Charakter eines schulmäßigen Berichtes, dem die Herren Delegierten zu lauschen und Beifall zu spenden hatten. Die Ausführungen über die nationalen Fonds und die Kolonisationsarbeit seilten'den Auftakt zu den politischen Auseinandersetzungen geben. Es blieb beim Auftakt. Sogar die Generaldebatte, in der gewöhnlich weltanschaulich divergente Kräfte gegeneinanderrennen. stand im Zeichen der Vernachlässigung jedweder politischer Aspekte und Richtlinien. Einzig die zwei Vertreter der Jndenstaatspartei, Meir Großmann und Robert Stricker, gingen auf politische Probleme ein und ließen sich in ihrem Temperament und patriotischen Eifer nicht zügeln, obwohl sie fühlen mußten, daß die Kongreßmehrheit ihnen mit selbstgefälliger Ueberheblichkeit (als Auswüchse des Machtbewußtseins) begegnen, werde. Meir Großmann entlarvte in seiner großangelegten Rede das Spiel der Ben-Gurionisten, die in Palästina ihre Diktatur von Tag zu Tag mehr verdichten, in Luzern den Mund mit nationalen Phrasen vollnehmen. Er brandmarkte die Methoden der — man kann es heute nicht mehr anders bezeichnen — berüchtigten M a p a i, um schließlich den heikelsten Punkt in der langen Reihe der arbeiterparteilichert Sünden, die Transferfrage, zu behandeln. Zu welchem wirtschaftlichen und moralischen Verderben dieses unselige Werk der Linken geführt hat, kann man an dem Fall „A. P. B." ersehen. Schiffsladungen von Zement „Made in Germany" werden für das Gebäude der Anglo-Palestine Bank, eines nationalen Instituts, in Tel-Aviv ausgeladen, und wenn jugendliche Gemüter darob entsetzt sind und ein Kordon um das „zionistische" Gebäude gebildet wird, eilt die Polizei herbei und bestraft sie, die Patrioten, mit Arrest. Der Kongreß hat auf diesen unerhörten Vorfall bisher keine Anwort gegeben. Warten wir ab, tvas für Antwort die Juden der Welt geben werden, die sich hier mitbetroffen fühlen. Mit Schweigen kann diese Schmach nicht gutgemacht werden. Man kann den jüdischen Massen nicht zumuten, Hitler-Deutschland zu boykottieren, während gleichzeitig nationale Institutionen im Nationalheim ihre Häuser aus deutschem Zement bauen. Das Transfer-Abkommen hat sich, wie man sieht, geradezu in ein fluchwürdiges Unternehmen gewandelt. Großmanns messerscharfe, blendend pointierte Und niemals unsachliche Polemik wurde durch Robert Strickers Ausführungen ergänzt. Der erfahrene Debatter ließ alle Fragen zweiten Grades außer acht und beanspruchte Aufmerksamkeit für das Größte, das wir zu gewinnen; zu bewahren und zu verlieren haben: Die politische Sicherung unseres Nationalheims. Die flachköpfige und feige Auffassung, daß die Forderung dieser Sicherung, das heißt die Forderung des Judenstaates, die Mandatarmacht nur reizen und — wie die Berliner „Jüdische Rundschau" schreibt — „den Zustand psychologisch und politisch nur verschlimmern könnt e", wird durch die Tatsache widerlegt, daß der jüdische Ma3sensturm jeweils große Erfolge zu verzeichnen hatte. Und wenn die englische Regierung darangeht ("unter der Aegide des neuen „zionfreundlichen" Kolonialminister MacDonald und des alten „braven" High Commissioner Wauchope), den Gesetzgebenden Rat zu errichten, so ist es der Mangel der Endzielforderung, wenn sich England in bezug auf die palästinensische Verfassung, beziehungsweise auf die antijüdische Konzeption keine Hemmung aufzuerlegen braucht. Auch die Zerfallserscheinungen in der Organisation sind auf das Fehlen des großen, einigenden Herzischen Judenstaatsgedankens zurückzuführen. Die Revisionisten haben unter dem Beistand der Linken die Organisation verlassen, bei diesen selbst sind Risse bemerkbar, und die Auseinandersetzung mit dem Misrachi, die zu einem vorläufigen „Zusammenleimen" führte, ist wieder nur vertagt. Der taktischen Tüchtigkeit Weizmanns ißt es zu verdanken, daß der Misrachi sich mit der offiziellen A nerkennung seiner religiösen Forderungen begnügte. Aber Anerkennung und praktische Durchführung sind zwei Dinge. Wie der betont areligiöse Marxismus in Einklang zu bringen sein wird mit der misrachiätischen Orthodoxie — darüber haben sich scheinbar weder der Misrachi noch die Linken den Kopf zerbrochen. Die Lösung ist also eine provisorische. Von' Menschen, die ,,dafke" am Rosch Haschanah ein Sportfest veranstalten, ist nicht allzuviel Respekt vor religiös-träditionellem Brauchtum zu erwarten — wenn auch Herr Salomon K a p l a n s k y behauptet, daß der Sabbat für die jüdische Arbeiterschaft in Palästina, das heißt für die Histadruth-Arbeiterschaft, ein nationales und soziales Symbol sei. Die Linken sprechen bei jeder Gelegenheit von — nationaler Einheit. Damit war natürlich nichts anderes gemeint als das Anerkennen der gegenwärtigen Machtverhältnisse; des Zustandes, wie er sich als Resultat der Kongreßwahlen ergab. In solch einer Situation ist es leicht, von nationaler Einheit zu reden. Die linke Mehrheit beschließt und die Opposition unterwirft sich jedem Beschluß: so steJlt sich die Arbeiterpartei die nationale Einheit vor. Da die Weltvereinigung (Gruppe A) unter Führung von Professor Weizmann sich als bedingungsloser Nachläufer der Linken erwiesen hat, der Misrachi nach f örrnel- 1 e r Anerkennung seiner Forderungen der Exekutive wurde in den Sitzungen am Samstag abends (24. August) und am Sonntag vor- und nachmittags (25. August) fortgeführt. Am Samstag abends kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Führer der Judenstaatspartei, Robert Stricker. und dem Arbeiterführer Berl Katznelson. Stricker unterstrich die dringende Gefahr der Schaffung des Legislative Council und zitierte den kürzlich in den „Time s" erschienenen Artikel, in dem erklärt wurde, der Legislative Council werde faktisch auch über jüdische Einwanderung und Bodenkauf in Palästina zu entscheiedn haben. Der Kampf gegen den Legislative Council könne nur dann erfolgreich sein, wenni die zionistische Führerschaft das Prinzip „Palästina ein jüdischer Staat" sich zu eigen mache. Die Spaltungserscheinungen innerhalb des Zionismus seien auf das Fehlen dieser Idee zurückzuführen. (Wir bringen die Rede Strickers an anderer Stelle.) Ueasim fakstem - Semmeamf Berl Katznelson antwortete Stricker im Namen der Arbeiterfraktion und wies dessen Angriffe auf die Linken zurück. Er sagte, der Vorredner verstehe nicht die Position. der Arbeiterpartei, die neben den Zukunftsplänen auch eine große Gegenwartsarbeit verrichte. Hinsichtlich des Legislative Council gebe es drei Ansichten : Die Allgemeinen Zionisten wären bereit, in den Council einzutreten, falls eine jüdische Majorität da sei. Die A g u d a h wünsche, daß vorher eine Verständigung zwischen Arabern und Juden erreicht werde, wo dann dje Frage des Eintritts in den Council erwogen werden solle. Die Arbeiterparteiler aber würden unter den" gegenwärtigen Umständen überhaupt nicht ihre Bereitschaft, zum Beitritt erklären. Berl Katznelson entwickelte ein Programm der Politik und der Arbeit und forderte u. a. eine Konzentration des nationalen Kapitals für die Palästina-Kolonisation in der Form einer großen nationalen Anleihe. Der Redner erklärte sich für eine breite Kolonisation und sagte, die Arbeiterfraktion sei durchaus für gleiche Rechte aller Juden in Palästina(!). Das so heftig angegriffene Transferabkommen habe zehntausende Juden in die Lage versetzt, ihr Eigentum nach Palästina zu bringen und zugunsten der Entwicklung Palästinas einzusetzen. Zum Schluß erklärte Katznelson, daß die Kinder in den Histadruthschulen keineswegs im Parteisinne erzogen, werden. Per Arbeiterpartciler Baruch Zückermann erklärte: Die Legende ist falsch, daß auf der einen Seite die Arbeiterpartei als Klasse, auf der anderen Seite ein Volk steht. Die Arbeiter sind Volk und auch Nichtarbipiter haben für ihre Delegierten gestimmt. Streiks sind nur in Petach-Tikwah. wo die Kolonien zahlreiche arabische Arbeiter angesiedelt haben, möglich,' nicht aber in Ejn Charod, wo es nur jüdische Arbeiter und keine Klassen mehr gibt. Wer keine Streiks will, muß an der Abschaffung der Klassen mitarbeiten. Nach Polen billig und bequem! D-Züge, Pullman-Wagen und reservierte Plätze. / T*elseböro „IN DIE WE1 T" (Dr. S. Tocker), IX, LlecMcnstelnstraße 2, Telephon A-M-501 Rev. G o 1 d b l o o m (Weltvercinigung) beklagte den Mangel eines goldenen Mittelweges in der Zionistischen Organisation. Es sei nicht recht vom Misrachi, sich der Kongreßarbeit fernzuhalten. Rabbi Abba Hillel S i 1 v e r (Cleveland) lehnte jeden Gedanken einer Mitarbeit am Legislative Council ab, forderte aber, daß die Zionisten eienen Modus vivendi der Verständigung mit den Arabern ausarbeiten. Ein Legislative Council mit Majorisierungstendenz gegen die Judenwäre eine legislative Sabotage. Rabbi Silver forderte, daß die zionistische Bewegung ein Programm des Unterrichts und der Propaganda in der Diaspora durchführe. Die Jugend müsse auf der Basis des Nationalismus und des sozialen I d c äl i s rn u s für den Zi0nis4n.ua gewonnen werden. Liebenswürdige Hausfrauen klagen nicht dem müde heimkommenden Manne über ihre aufreibende häusliche Tätigkeit. Sie wissen, daß Ucbcrmüdung wirksam bekämpft wird durch den ständigen Gebrauch von DIANA- Franzbranntwein mit Menthol. Tägliche Massage mit Diana erfrischt, regt den Blutkreislauf an, erhöht die Spannkraft. Ebenso wertvoll zur Mund- und Haarpflege. Verlangen Sie ausdrücklich Weisen Sie minderwertige Nachahmungen zurück. Gefolgschaft leistet, der Weltverband (Gruppe BV trotz Erkennens der wahren Sachlage in seinen Entschlüssen zögert, verbleibt nur mehr die Judenstaatspartei als eine Gruppe, die der Hegemonie der Linken sich offen widersetzt; als eine Opposition, welche die großen und grundlegenden Fragen von der Kongreßtribüne herab behandelt wissen will — abgesehen vom Legislative Council —, die Frage de3 Transfer und des deutschen Judentums, Aber das sind zwei wunde Punkte bei der Linken. Den Transfer haben sie gemacht und die deutsche Judenfrage ist ihnen auch noch aus anderen als aus Transfergründen unangenehm. Der Leser wird an anderer Stelle unserer heuligen Ausgabe Interessantes darüber finden. e In der Sitzung am Sonntag vomittags sprach nach dem Arbeiterparteiler Uri Z n s 1 a w s k i, dem Hechaluzführer Dobkin, und Rev. P e r 1 z w c i g der Führer der Weltvereinigung der Allgemeinen Zionisten, Kurt B Iura enfe Id. Dieser skizzierte in einstündiger Rede die heutige Situation im Zionismus und untersuchte die Voraussetzungen einer großen Koalition. Ben Gurion, sagte Blumenfeld, verkörpere heute den wahren All« gemeinen Zionismus. Das wesentliche ist die Aufrechterhaltung des zionistischen Pioni-nridcals. Es ist kein Wunder, wenn hier von einem der Redner der Opposition (gemeint ist Robert Stricker. Die Red.) auf eine Spaltung bei der Linken hingewiesen werden konnte. In unserer Welt, die ständig neue Wertungen schafft, ist es notwendig, daß auch wir uns ständig ändern und anpassen. Im Vergleich zu anderen Völkern haben aber wir keine ausgeprägten Klassen. . Der Zionist wird in Erez Israel zum Arbeiter. Keine unüberbrückbaren Klüfte trennen uns. In diesem Sinne forderte Blumenfeld ein« neutralisierte Histadruth, in der auf der Basis wirklicher Gleichberechtigung die politische und geistige Auseinandersetzung geschehen soll. In der Sitzung am Sonntag nachmittags sprachen Dr. Traub, Dr. Mayer Ebner und S. Kaplansky, Deufsdtlandwandeffiiiigs Sabhaftheiligung Im weiteren Verlauf der Generaldebatte sprach, wie bereits erwähnt, am Sonntag, den 25. August, Doktor Michael Traub (Deutschland), der sich mit der Auswanderung aus Deutschland befaßte, die von der gesamten Alijah der letzten zwei Jahre 25 Prozent ausmache, und betonte die Wichtigkeit höherer Bereitschaft. Er wies ferner auf die Notwendigkeit hin, eine Reserve an nationalem Kapital zu schaffen und einen Kolonisationsplan für mehrere Jahre aufzustellen. Als Vertreter de3 Noar Zioni im Weltverband Allgemeiner Zionisten verlangte Summ von der Histadruth Toleranz für die Arbeiterschaft anderer Richtung. Dr. Mayer Ebner (neutraler Allgemeiner-) rief zum Zusammenschluß der Allgemeinen Zionisten beider Gruppen auf und warnte davor, den Misrachi in seiner stillen Opposition zu belassen. Das Verhältnis der Arbeiterschaft zum Sabbat Der Arbeiterführer und Vizepräsident des Kongresses, Ing. Salomon Kaplansky, wandte sich zunächst an den Misrachi und Rabbi Hillel Silver, difi darüber Klage geführt hatten, daß der Sabbat in Erez Israel nicht beobachtet werde. Der Sabbat, sei für die jüdische Arbeiterklasse ebenso wie für das gesamte jüdische Volk eines der höchsten ethischen und sozialen Güter. Für die Arbeiterklasse bedeutet er außerdem eine große soziale Errungenschaft, für die die ganze Welt den Juden dankbar ist. Die Mehrheit der Bevölkerung Erez Israels wolle ein national traditionelles Leben führen und die Arbeiter treten mit allen übrigen für die Wahrung dieses Prinzips ein. (!) Zur Frage der Beziehungen der Juden Erez Israels zu ihren arabischen Nachbarn übergehend, betonte Kaplansky, das Unglück der Juden bestehe in ihrem Mangel an Bodenbesitz und darin, daß sie in der Minderheit sind. Gewiß sei ein binationaler Staat in Erez Israel kein zionistisches Endziel. Er sei aber eine Tatsache und man könne sich die Schweiz, in der der Kongreß tagt, in dieser Beziehung als Beispiel nehmen. Man müsse die Initiative zu direkten Verhandlungen mit den A r a b e r n zur Erreichung einer klaren Verständigung über die Zukunft ergreifen. Es müßten aber internationale Garantien dafür geschaffen werden, daß die hierbei erzielten Vereinbarungen auch eingehalten werden. Wir werden, erklärte Kaplansky, kein e n Legislative Council in Erez Israel akzeptieren, der auf dem heutigen zahlenmäßigen Verhältnis der Bevölkerungsteile Erez Israels aufgebaut ist. Wir werden es auch nicht zulassen, daß die Engländer das Zünglein an der Waage zwischen einer jüdischen Minderheit und einer arabischen Mehrheit in Erez Israel bilden. Die Lage in Erez Israel und in der ganzen Welt zwingt uns, direkt mit den Arabern zu unterhandeln und einen ehrlichen Modus vivendi mit dem arabitVhen Volk zu finden. Der Redner befaßte sich sodann mit der technischen Abwicklung der Ueberführung von Juden aus Deutschland nach Palästina und stellte, fest, daß d r e w mal so viel Waren aus Deutschland nach Palä3tim* ■w*

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