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Die neue Welt · 1935-08-27 · Heft 492 (27.8.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 492 (27.8.1935)
Date
1935-08-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELI Nr. 492 M^^^^^^wa^wi^^^^ihßt^b Die Atmosphäre der Selbstzufriedenheit und Selbstgefälligkeit, wie sie von den Unken Machthaber!» des Kongresses dem jüdischen Volk vorgezaubert wurde, erschütterte der Vorsitzende der Judenstaatspartei, Meir Oroßmann, mit seinem IteJerut in der Abendsitzung (Generaldebatte) des 2'i. August. Das Wort „lieferat" gibt das Wesen seines Auftretens nur oberfiäclilieh wieder. Denn es ging Meir Oroßmann diesmal nicht darum, den rein sachlichen Referaten eines hinzuzufügen. Es ging diesmal um die Zeichnung des psychologischen Hintergrundes, auf dem sich die Katastrophenpolitik der Kongreßmajorität abspielt. Meir Großmann stieg in die Tiefen der Politik jener Männer hinab, die in Palästina eine Klassendiktatur errichten, während sie — ohne zu „e r r ö t e n" — sieh in Luzern als Nationalpatrioten gebärden. Er rechnete ab, er klagte an, er warnte. Seine Worte, In denen sich glühender Patriotismus mit gedanklicher Schärfe verband, versetzte den vollgefüllten Saal in einen Zustand seltener Erregung. Die zeitweiligen Zwischenrufe vom linken Flügel bezeugten bloß, daß dieser sieh schwer irritiert fühlte und durch Wortmanöver abreagieren wollte. Es nützte nichts. Das Plenum des Kongresses stand unter dem mächtigen Eindruck der judenstaatlerischen Mahnung Meir Großmanns, der sogar die Widerwilligen mitriß und zum Schluß für sein ehrUch-patriotlsches Auftreten stürmisch akklamicrt wurde. Feine Dekorationen Meir Großmann führte folgendes aus: Herr Dr. Schwarzbarth hat in die Debatte ein bißchen Parfüm einfließen lassen. (Gelächter.) Ich muß, indem ich einen Ausdruck von ihm benütze, sagen, daß es mir nach den kosmetischen Reden von gestern und heute ziemlich schwerfällt, mich der Atmosphäre anzupassen, die auf diesem Kongreß herrscht. Ich sitze bereite drei Tage in diesem Saal, höre Reden und lese Berichte und kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß ich mich in einer gut organisierten Theatervorstellung befinde. (Unruhe im Saal.) Vorsitzender Dr. Goldmann (unterbrechend): Ich werde nicht zulassen, daß Sie den Zionistenkongreß eine Theatervorstellung nennen. M. Groß mann (fortfahrend): Es wäre gut gewesen, wenn Sie die Geduld gehabt hätten, wie bei anderen Rednern, das Ende meines Satzes anzuhören. Ich sehe nicht ein, warum dieser Ausdruck beleidigend ist. Wir befinden uns hier in einem Saal, wo die Realitäten des Zionismus und Palästinas gänzlich abwesend sind. Eine schöne Bühne, eine Reihe von Rednern, vorbereitete Ovationen, feine Dekorationen usw., so daß man zu glauben beginnt, alles sei wirklich vorhanden. Aber wenn nur ein kleiner Wind zu wehen beginnt, sieht man sofort, daß es nur leinwandene Kulissen sind. Man muß deshalb nur ein wenig hinter die Kulissen blicken, um zu erkennen, daß alle Reden und Berichte und die Zufriedenheit, die darin zum Ausdruck kommt, nichts als eine schöne Fassade darstellen. Natürlich, v/enn man sich so stark und sicher fühlt, wenn man in Palästina herrscht, kann man sich erlauben, ein bißchen Staatszionismus zu betreiben, um großzügig zu erscheinen. Man kann die Wirklichkeit übersehen und die Phantasie spielen lassen, zumal solch eine Methode zu nichts verpflichtet. Kein Vertrauen zur Lanken Herr Ben Gurion hat sich gestern gehen lassen. Alles ist ihm zu wenig. Er sagte, daß ihm 60.000 bis 70.000 bis 100.000 Olim im Jahre zu wenig seien und daß wir eine Million Familien im Laufe einer kurzen Zeitperiode ins Land bringen müßten. Das Mittelländische Meer und das Hinterland Palästina sind ihm zu wenig geworden, er spricht schon vom Roten Meer und von Asien und hält hier beinahe schon gefährlich imperialistische Reden. Es ist sonderbar und zugleich amüsant, daß dieselben Herren, die uns vor Jahren auslachten, als wir von einer Alijah von 50.000 Menschen im Jahre und von Transjordanien und nationalen Anleihen sowie von politischer Aktivität sprachen, jetzt unser Programm übernehmen und so tun, als v/äre es die letzte Weisheit ihres eigenen Hirns. Die Herren vergessen scheinbar, daß s i e es waren, die seit Jahren ein Anti-Judenstaatssystem und eine Anti-Judenstaatsrichtung im Zionismus unterstützt haben. Sie v/erden sich daher nicht wundern, daß mir — bei allem Respekt vor der Rhetorik des Herrn Ben Gurion — der Glaube und das Vertrauen fehlen, daß er es mit den Dingen, die er uns vorerzählt hat, ernst meint. Man sprach hier viel von der politischen Lage und von Sympathien der englischen Regierung, man lobte die Erfolge der Exekutive, aber um die wirkliche politische Lage zu illustrieren, genügt es, sie durch zwei Tsttsachen zu charakterisieren : 1. Die 170 .illegalen' Touristen in den Gefängnissen Palästinas; 2. der .wunderbare' Begrüßun^sbrief des jungen Malcolm MacDonald an den Kongreß, der dem Zionismus sowie seinem Gesinnungsgenossen der II. Internationale, Herrn Ben Gurion, eine Ohrfeige mitten ins Gesicht gegeben hat. Kein Mensch leugnet, daß es in den letzten zwei Jahren eine starke Alijah gab, daß in Palästina eine Prosperity herrscht und daß 100.000 Juden ins Land kamen. V/enn wir uns aber die Frage vorlegen, ob all diese schönen Dinge den Zionismus seinem Endziel auch nur ein Stückchen näherbringen, ob sie den politischen Status des Zionismus und des Jischuw stärken, ob die Zahl jüdischer Arbeiter bei Regierungsarbeiten vergrößert wurde, ob die Zahl jüdischer Beamten während dieser Zeit gewachsen ist, und vor allem: ob unser Einfluß auf die Regierung und Verwaltung stärker wurde, als dies vorher der F'all gewesen ist, so müssen wir offen und klar erklären: Nein, nein und nochmals nein!!! Weder p r o p o r t i o n e 11, noch absolut zu unserem Wachstum im Lande! Unser Einfluß auf den Regierungsapparat ist kleiner geworden, die Zahl jüdischer Beamten wurde verringert, unser Anteil am Budget ist nach wie vor minimal. Wir haben noch weniger jüdische Richter als zuvor, wir spielen im Schutzapparat des Landes keine Rolle, die Polizei in Tel-Aviv verwandelte sich aus einer jüdischen in eine englische. In Petach-Tikwah kommen auf 20 Polizisten 2 jüdische. Die Zahl der höheren jüdischen Beamten wurde ebenfalls kleiner und au3 diesen Tatsachen stammt unser Skeptizismus gegenüber den Behauptungen der Exekutive, daß sie auf dem Gebiete der Politik Erfolge aufzuweisen habe. SProspcia'ty — ean Sdies'n Wir haben — Gott sei Dank — in Palästina kein neues Unglück erlebt, aber in der Proportion zu unseren Endzielen sind wir in den zwei Jahren der Prospsrity und der Ruhe im Lande keinen Schritt vorwärtsgekommen. Wir wissen nicht, wo wir halten und was uns der nächste Tag bringen kann. Wir haben nicht nur keinen politischen Status, sondern auch keine Sicherheit im Lande. Nach wie vor leben wir in einem ständigen Zustand von Angst und wissen nicht, was uns der 1. April und 1. Oktober bringen, ob uns die Regierung 2000, 10.000 oder gar keine Zertifikate geben wird. Wie kann man unter solchen Umständen kolonisieren oder ein Land bauen? Hier erkennt man, daß unserer Politik die sichere Linie fehlt. Der Mangel einer eindeutigen Verständigungslinie mit England in der Frage unserer Zukunft macht uns nervös und ungeduldig und unter dieser Systemlosigkeit leidet die ganze zionistische Bewegung. Wenn es Ihnen heute — angesichts unserer Leistungen in Palästina und der erdrückenden jüdischen Not in der ganzen Welt — nicht gelungen ist, mit der Mandatarmacht zu irgend einem Abkommen zu gelangen, wann glauben Sie, daß j dies überhaupt möglich sein wird? Man kann nicht jahrelang in der Luft hängen. Wir haben allerdings eine steigende jüdische Einwanderung, wir etablieren ein blühendes Wirtschaftssystem, es wäre aber grundfalsch, zu be- Billige Sonderfahrten nach Polen u.Cz@rno witz Abfahrten: 28. August, 8.. 15., 25. und 26. September; Rückfahrten: 15. September, 21. Oktober „FRANC0P0L", III, Rennwag 1. Telephon IM6.*.«0 haupten, daß man das als Aufbau des Judenstaates bezeichnen kann. Juden nach Palästina bringen, genügt noch lange nicht. Man muß sie mit dem Boden verwurzeln und muß langsam in die Verwaltung des Landes eindringen, weil sonst aus Palästina ein neues Ghetto wird. Sie sprechen davon, daß die Exekutive vieles erreicht habe! Wieso? Ist es ihr gelungen, die Landflucht aus dem Dorf in die Stadt zu verhindern? Hat sie die Industrio gestärkt? Hat sie etwas für den Mittelstand geleistet? Hat sie überhaupt etwas Neues und Schöpferisches hervorgebracht? Das, was mair uns hier vorerzählt, stellt sich bei gründlicher Untersuchung als Täuschung der öffentlich e, r Meinung dar. Wahr ist, daß die Exekutive mancherlei konsolidieren konnte, sie hat die Finanzer geordnet und hat eine Anleihe erhalten. In ihrer Kassen befindet sieh sogar ein wenig Geld. Aber wer hat heute in Palästina kein Geld? Wer kommt in Palästina in der Zeit der Prosperity nicht zu Geld? Ich brauchte viel Zeit, wollte ich Einzelheiten der Lage der jüdischen Wirtschaft, Industrie und Finanzen besprechen. Ich kann diese Fragen leider nur streifen. Wir haben zwar viel Geld ins Land gebracht, aber dieses Geld wurde entweder wieder aus dem Lande weggeführt oder in verschiedene nichtjüdische Hände geleitet. Der Jischuw ist größer, aber zugleich ärmer geworden. Unser Geld, das wir einführen, fließt anderen zu. Fünfeinhalb Millionen Pfund betragen die Einnahmen der Regierung, es ist u n s e r Geld. Mindestens 10 Millionen sind durch Importe ins Ausland gegangen. Millionen Pfunde jüdischen Geldes erhalten die Araber für Bodenkäufc. Man muß der Wirklichkeit ins Auge bliecken, was Sic aber treiben, isb Ihre alte Vogel-Strauß-Politik! Verdienste dieser Exekutive! Was haben Sie für die Industrie geleistet? für die Exportförderung? für Tozereth-Haarez und für die Organisierung des jüdischen Kapitals? Sie haben nichts Positives schaffen können! Es ist ein großes Unglück, daß Sie mit schöne n Phrasen eine Wirklichkeit vortäuschen wollen. Ich aber halte es für meine Pflicht, die wirkliche Lage aufzudecken. Klassenleämpfer als Nafionalpafriolen Ich kann heute nicht über die allgemeinen Richtlinien unserer Politik sprechen, sondern will mich mehr mit praktischen Dingen befassen, die Palästina betreffen. Die zionistische Wirklichkeit spielt sich hauptsächlich in Palästina ab und für alle, die sich außerhalb des linken Lagers befinden, bedeutet sie ein bitteres Dasein. Ihr, die Herrscher auf diesem Konj greß. haltet die Industrie bei der Gurgel fest, ihr; habt das Monopol der Arbeitsverteilung inne. ' Meine Gesinnungsgenossen werden aus jeder Fabrik j brutal auf die Straße gesetzt, weil jeder durch euren j Kontrollapparat gehen muß! Ihr habt in Palästina eine j privilegierte Klasse geschaffen — und seid merkwürdigeri weise Kapitalisten und Sozialisten gleichzeitig, Nationalisten und Fanatiker der II. Internationale gleichzeitig und bildet euch ein, daß das jüdische Volk nichts davon merke. Auf dem letzten Kongreß habt ihr, dank der Hilfe der Allgemeinen, einen Beschluß durchgesetzt, daß es in Palästina nur eine Histadruth geben dürfe und daß ein Jude so lange keine Arbeitsmöglichkeit erhalten dürfe, bis er nicht der roten Histadruth beigetreten ist. Damit haben die Allgemeinen der roten Histadruth eine gefährliche Waffe in die Hand gedrückt. Was bedeuten alle eure politischen Resolutionen im Vergleich zu dieser Macht, an die ihr euch klammert? Ihr werdet vielleicht bereit sein, Judenstaatsresolutionen anzunehmen und von Millionen von Olim zu sprechen. Aber Arbeit in Palästina werdet ihr niemandem außerhalb eurer Reihen geben. Das Hachscharah-Systcm v/erdet ihr nicht ändern, weil ihr dadurch euren Machtapparat helfen wollt! Wenn die Arbeitervertreter beim Kongreß erscheinen, so spielen sie sich als Vertetcr einer nationalen Gruppe auf. Ben-Gurion tritt auf diesem Kongreß wie ein zweiter MacDonald auf. Gen Gurion als Nationalpatriot!!! Eines haben Sie, meine Herren: ein glänzendes Programm mit einem Doppelgesicht, eines nach außen, das andere nach innen! Alle wichtigen Lebensquellen haben Sie. in Palästina an sich gerissen — jetzt gehen Sie festen Schrittes auf die Banken los. Alles identifizieren Sie mit der Histadruth. Wird ein Arbeiter krank, muß er zu ihrer Krankenkasse, braucht ein Siedler eine Anleihe, kann er sie ebenfalls nur durch Sie erhalten. Dieser Zustand ist eine schwere Gefahr und darum verlangen wir vom Kongreß, daß alle Angelegend e r sozialen Fürsorge unter die Kontrolle der nationalen Instanzen gestellt werden müssen. Wir verlangen einen Arbeitslosenfonds, der allen gehören soll und nicht einer Partei allein! Ihr System bedeutet im ganzen öffentlichen Leben Separatismus. Die Folgen sehen wir immer klarer. Es herrscht bereits eine schreckliche Gegenreaktion. Ich warne Sir mit allem Nachdruck davon! Sie haben den Irgun Mesehutuw geschaffen und mit unserem Golde arabische professionale Organisationen unterstützt! Sie haben zuliebe arabischer Arbeiter Streiks inszeniert! Wissen Sie, was Sie damit großziehen? Glauben Sie im Ernst daran, Klassenkämpfer zu erziehen? Sie irren! Was ihr Erziehungsprodukt ist, werde ich Ihnen sagen: Arabische Nazis!, die eine schwere Gefahr für ihre Organisationen sind. (Stürmischer Beifall bei den Rechten.) Und noch eine Legende will ich ein für allemal zerstören: Die Legende, daß Sic die Verteidiger der; Arbeiter, wir aber deren Ausbeuter sind. Ich weiß nicht, wer sich vor einer sozialen Revolution zu fürchten hat, Sic oder wir? Ich brauche mich nicht davor zu fürchten, daß man mir oder meinen Anhängern Häuser oder Pardessim wegnehmen wird, ich weiß aber nicht, ob Sie sich nicht vor einer solchen Konfiskation zu fürchten haben. (Unruhe bei der Linken.) Eine laute Warnung Aber nicht nur damit habt ihr euch begnügt, daß,' ihr in Ercz Israel alles monopolisiert habt, ihr reißt in, gleich brutaler Weise Alijah und Hachscharah an euch^ Ihr habt uns die Plage der Hachscharah aufgezwungen. Auch eure Genossen, von denen ihr euch einbildet, daß sie durch dieses Hachscharah-System für Palästina ausgebildet werden, haltet ihr in Konzentrationslagern. (Beifall auf der Rechten, Pfuirufe bei der Linken.) Ihre Pfuirufe berühren mich sehr wenig. Seit wann, meine Herren, sind Sie so feinfühlig? Warum haben Sie sich nicht aufgeregt, als Ihre Genossen am Tage der Kongreßeröffnung eine Zeitung mit roten Lenin-Bildern verteilten? Die Chaluzim, die nach diesem Hachscharah-System physisch, zermürbt und erschöpft nach Palästina kommen, sind für das Land vollkommen ungeeignet. Wenn ihr den Mut aufbringt, mit diesem Spiel Schluß zu machen, werdet ihr eine gute Tat vollbringen. Wollt ihr für Palästina eine gut ausgebildete Pionierjugend haben, so betreibet in Palästina die Hachscharah. Jeder Chaluz, der ein Zertifikat verlangt, soll verpflichtet werden, mindestens zwei Jahre In Palästina Hachscharah zu betreiben. Benützt ihn dort für Arbeiten für Hule, möge er sich dort für das Land ausbilden und nicht in irgend einem Galuthncst. Aber ihr haltet ja diese Jugend aus ganz anderen Gründen fest: Es handelt sich euch ja gar nicht um fachliche Ausbildung. Euch geht es darum, diese Jugend in eure Fangarme hineinzutreiben. Ihr kennt eben nur ein Prinzip, da« der Majorität! Auch wir sind Freunde de« (Fortsetzung auf Seite fi.)j

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