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Die neue Welt · 1935-08-16 · Heft 489 (16.8.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 489 (16.8.1935)
Date
1935-08-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Äe'te 1 DIE NEUE WELT Nr. 489 jeden Stothiap Polen uCser no witz Abfahrten: K und 25. August, 1. und S. September Rückfahrt?»: l. und 15. September, 21. Oktober „FRANCOPOL", III, Rcnnw43 1. Telephon U-ILVfO Geduldeter, von fremdem Willen abhängig, in Palästina arbeiten, heißt ein grausames Spiel mit dem jüdischen Volke wiederholen. Zionismus ohne Streben nach dem Judenstaate, Zionismus ohne Erkenntnis, daß einzig und allein der Judenstaat Sicherung bieten kann, ist ein, aussichtsloses Beginnen. Am Ende dieses Zionismus steht die schwerste Enttäuschung. Mit dieser Parole ist die Judenstaatspartei in den Wahlkampf zum Luzerner Kongreß eingetreten - und hat wahltcchnisch einen ganz geringen Erfolg et zielt. Blinde Sorglosigkeit und törichte Selbstzufriedenheit haben rauschende Zahlensiege gefeiert. Mehr als vierhundert Verleugner oder Verschweiger des Juden Staates werden in Luzern die Bänke füllen. Ihnen gegenüber ein Dutzend organisierte Judenstaatler. Aber viele Stimmen machen eine kleine Idee nicht groß, und wenig Stimmen eine große Idee nicht klein. So war es, da Herzl gegen das ganze Judentum aufstand, und so ist es heute. Die kleine Judenstaatspartei wird das Herz des großen Kongresses sein. Auf der kleinsten Partei lastet die größte Aufgabe, die Aufgabe, den Zionismus und mit ihm das jüdische Volk und sein Werk in Palästina vor Verödung und dem Untergange zu retten. Zwölf Sehende gegen vierhundert Blinde. Die Sehenden werden siegen, sie müssen siegen. Robert Stricker. Wie in einem offiziellen Kommunique bekanntgegeben wird, hat Ministerpräsident Mussolini den Oberrabbiner von Alexandrien, Prof. David P r a t o, in längerer Audienz empfangen. Das Gespräch trug einen •sehr herzlichen Charakter. Prof. Prato gilt bekanntlich als ernster Anwärter auf den durch den Tod Prof. Angelo Sacerdotis, eines persönlichen Freundes Mussolinis, freigewordenen Posten des Oberrabbiners von Rom und Vorsitzenden des Rabbinats des jüdischen Gemeindebundes Italiens. Bisher hieß es, Prof. Prato hätte den ihm angebotenen Posten eines italienischen Oberrabbiners abgelehnt. * Die polnische Regierung hat gegen den Willen der nationaldemokratischen antisemitischen Stadtratsmehrheit von Bromberg die Annahme eines für die dortigen jüdischen Armen bestimmten Legats von einer halben Million Dollar, das von einer in Amerika verstorbenen Bromberger Jüdin hinterlassen wurde, bestätigt. Da die Zahl der jüdischen Armen in Bromberg nicht groß ist, entfällt auf jeden eine beträchtliche Summe. * Aus sehr vielen Orten Galiziens treffen Mitteilungen ein, daß jüdische Kinder summarisch aus den polnischen Volksschulen mit der Begründung des Raummangels zurückgewiesen werden. Es scheint, daß die betreffenden Schulbehörden eine Art Numerus clausus für jüdische Volksschulkinder einführen wollen. In jüdischen Elternkreisen herrscht darüber große Aufregung. In Galizien existieren nur sehr wenig hebräische und jiddische, wie überhaupt speziell für jüdische Kinder eingerichtete Volksschulen, so daß diese auf den Besuch der Staatsschulen angewiesen sind. Wie es heißt, gedenken die maßgebenden jüdischen Kreise, bei der polnischen Regierung gegen den Verfassungsbruch der Schulbehörden vorstellig zu werden. * Das hauptsächlich von Juden bewohnte Städtchen Sztszerzew, 15 Kilometer von Lask entfernt, wurde am vergangenen Freitag ein Raub der Flammen. 105 Häuser, darunter 90 jüdische, verbrannten, fa3t HÜO jüdische Familien blieben ohne Obdach. Der Schaden wird auf mehr als eine Million Zloty beziffert. Die Mehrzahl der Mitglieder des Lehrkörpers der Hebräischen Universität zu Jerusalem begibt sich während der Sommerferien ins Ausland, um die Universität bei verschiedenen internationalen wissenj fehaftlichen Kongr3Ssen zu vertreten. i Dr. Hugo Bergmann wird die Universität im September auf dem Internationalen Philosophen- Kongreß in Paris vertreten und dort eine Ansprache halten; Prof. Bodenheimer wird dem Zoologen. Kongreß in Lissabon und dem Entomologen- (Insekten- Kunde-(Kongreß in Madrid beiwohnen; Dr. Farkas wird die Universität auf der Tagung der Faraday- Gesellschaft in Cambridge, Dr. Walter Fischöl und Dr. G o i t e i n werden sie auf dem Internationalen Orientahstenkongreß in Rom, der im September stattfindet, vertreten; der Direktor des Krebsforschungsinstitutes der Universität Prof. Ha Iberstädter wird zwei Monate in Frankreich und England Forschungsarbeit leisten; Dr. David Y ellin hat sich zwecks orientalischer Forschungsarbeit nach Aegypten begeben. Viinige andere Mitglieder des Lehrkörpers werden der Tagung des Kuratoriunna der Universität in Luzern beiwohnen. (J.-T.-A.-Meldungen.) Jndenau§trcibung in Die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt Riedersdorf bei Berlin wurde durch Verordnung gezwungen, innerhalb 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Dieser Verordnung ging eine beispiellose Terror- Aktion voraus. Etwa 100 SA.-Leute griffen zu nächtlicher Stunde die von Juden bewohnten Häuser an und riefen im Sprechchor ununterbrochen; „Hinaus mit den Juden!" Die SA.-Deute waren au3 Berlin und aus benachbarten Orten gekommen. Die Ortsbevölkerung mit dem Bürgermeister an der Spitze versuchte, bei den Eindringlingen zugunsten der Juden zu intervenieren, aber ohne Erfolg. Nicht einmal eine angemessene Frist zur Ordnung der dringendsten Angelegenheiten wurde der jüdischen Bevölkerung gelassen. In Berlin trafen soeben 15 der vertriebenen jüdischen Familien aus Riedersdorf ein. Ueber ihr weiteres Schicksal herrscht Ungewißheit. Aus mehreren anderen Provinzorten ferne von Berlin werden Austreibungen der jüdischen Bevölkerung gemeldet. Wo die Austreibung nicht offiziell ausgesprochen wird, leiden die Juden unter einem solchen Terror, daß sie ihre Zuflucht in anderen Orten suchen müssen. In einer außerordentlich schweren Lage befinden sich die Juden in einer Anzahl 1; 1 e i n e r e r Gemeinden in Bayern, da ihnen die Zuflucht in die Großstädte abgeschnitten ist. Der Bürgermeister von München hac eine Kundgebung erlassen, wonach keinerlei Zuzug von Juden aus auswärtigen Gemeinden nach München geduldet werden darf. Wird ein neu zugezogener Jude in München angetroffen, so hat er eine erhebliche Geldbuße zu zahlen und wird sofort abgeschoben. In Berlin wurden nunmehr sämtliche Juden gehörenden Eisdielen behördlich geschlossen. Eine Ausnahme wurde bei denjenigen Eisdielen gemacht, deren Inhaber jüdische Ausländer sind. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Namen von 61 jüdischen Familienoberhäuptern, die allein in Chemnitz der Bürgerschaft beraubt wurden. * Wie der „Völkische Beobachter" (Münchener Ausgabe) Nr. 221 meldet, hat Innenminister Gauleiter Adolf Wagner an die Stadt Bad Tölz folgendes Telegramm gerichtet: „Ich beglückwünsche die Stadt Bad T ö 1 z zu dem Entschluß, an Juden keine Kurkarten mehr auszugeben. Ich freue mich, daß die Stadt Bad Tölz durch diese Tat künftig sich von Juden rein hält, und wünsche, daß das ganze bayerische Oberland diesem Beispiel folgen möge." * Der braunschweigische Ministerpräsident Klagges hat sämtlichen Fremdenverkehrsbüros im Harz jede Reklame für jüdische Pensionen verboten. Gleichzeitig wurde diesen Büros mitgeteilt, daß den Juden der Zutritt zu den Dörfern des Harzes nunmehr verboten ist. Auch Berlin soll „judenrein" werden „Der SA.-Manii", das Organ der obersten SA.- Führung, nimmt zu dem Zuzugsverhot von Nichtriern nach Berlin Stellung und erklärt, das sei endlich ein Anfang auf dem Wege zur „v ö 11 i g c n E n tj u d u n g Berlin s". Die nationalsozialistische Bewegung In Berlin habe nicht acht Jahre laug run diese Stadt gerungen, um den Sinn des Kampfes und Opfers jetzt in den Dreck ziehen zu lassen. Der „A n g r l f f", der noch immer als das engere Organ des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels lt, unterstützt trotz der noch geltenden offiziellen Weisungen, im Wirtschaftsleben keine Störungen hervorzurufen, die jetzt mit Hochdruck betriebene radikale ntlseraltischp Roykottaktion und fordert Ii seiner Ausgabe, vom J0. August die „Volksgenossen" ur Aufdeckung der „Tarnung der Juden in der Wirtschaft" auf. Für Streichers erstes Berliner Auftreten am 5. August im Berliner Sportpalast wird eine u n g ee ii r e P r o p a g a n d a gemacht, und zwar in einer Weise, die darauf schließen läßt, daß die Streicher- Kundgebung neue antisemitische Aktionen in der Iteichshauptstadt einleiten wird. Streichers engeres Organ „I> er Stürme r" meldet eine weitere Reihe, von Verhaftungen wegen „liassensehande" und berichtet, daß ein Jude wegen Rasser.- schande zu einem Jahr und sieben Monaten Gefängnis verurteilt worden sei. Das Blatt schließt mit folgendem Satze: „Wunu kommt endlich das Gesetz, das für jedes jüdische Sittlichkeitsverbrechen und Rassensehande nur eine Strafe ausspricht, die Todesstrafe?" Kern Brot an Juden Aus Tilsit wird gemeldet, daß in dieser Woche seitens der dortigen Stadtverwaltung eine Versammlung der B ii c k e r in e I s t e r der Stadt Tilsit einberufen wurde. Auf dieser Versammlung wurde den Tilsiter Bäckern eine Entschließung zur Unterschrift vorgelegt, wonach sich alle Tilsiter Bäcker verpflichten, an k e i- Nach Pole HB ^55? billig und bequem! Nächste Reisen am 18. und 25. August. / I l'iclifahrte" am I. und 15. September. D-Zü"'e. [»ulltnat'-V >i">n und reservierte Plätze. / Reisebüro „IN DIE WEIT", Wien IX. UcehUnstcinstraÜe 2, Telephon A-H-COI Juden§faag§partei Oesterreichs Zur Reise nach Luzern ist Freitag, der 16. ds., der letzte Anmcldctcrmin, und zwar von 10 bis 12 Uhr vormittags, im Sekretariat, I., Wordcrtorgnssc 14, Tele-« phon U-27-1-87. Preis der Hin- und Rückfahrt in eleganten Autocars S 98. -■. (Im Preise inbegriffen Verpflegung und Nächtigung während der Fahrt.) Ch. F. Issersohn, einer der ersten Olim der JUdenstaatsjugend, ist aus Erez Israel zu Besuch in Wien eingetroffen. In der Plenarversammlung der Judenstaatsjugend am 6. ds. fand eine feierliche Wimpelübergabe der Judenstaatsjugend Tel-Avivs durch Chw. Isscrsöhn statt. Es hielten Ansprachen die Herren Ingenieur E. Buchbinder, Theodor Grubner und M. H a g c r. Dankwortc sprach der palästinensische Gast. Dienstag, den .13. August, hielt Chw. I s s c r söhn einen Vortrag über Palästina. neu Juden Brot zu verkaufen. Alle, bis auf zwei Bäcker, gingen die ihnen vorgelegte Verpflichtung ein. Die zwei übrigen Bäcker erklärten, die Verpflichtung aus rein menschlichen Gründen nicht eingehen zu konneu. Des weiteren haben sich alle F riscurc in Tilsit verpflichtet, für die Zukunft keine Juden mehr zu rasieren. Ebenso gingen die Tilsdter Hausbesitzer eine, Verpflichtung ein, an keinen Juden mehr eine W o h n u n g zu vermieten. In der Tut haben denn auch alle Hausbesitzer der Stadt den Juden, die in ihren Häusern Wohnungen innehaben, diese Wohnungen gekündigt. (J. T. A.) Aufhebung des Verbots der „Jüdischen Rundschau" Die zionistischen Führer in Deutschland wandten sich an die Behörden mit dem Ersuchen, das für drei Monate ausgesprochene Verbot des Erscheinens dor ..Jüdischen Rundschau" nunmehr aufzuheben, damit die Zeitung in die Lage versetzt wird, die zionistische Leserschaft über den Verlauf des Zionistenkongresses in Luzern zu informieren. Das Verbot der ,,J. R." erfolgte Ende Juli und wurde nunmehr aufgehoben. Hitler in Verlegenheit Der deutsche Konsul in I'aliisti n a übersandte, dem jüdischen Besitzer des Zion-Hotcls im Haifaer Viertel Hadar Hacarmel, Haus Davidsohn, das H i n- (1 o n b u rg-Khren k r e u z, welche« laut Kundgebung Hitlers vom Juli 1934 allen deutschen Frontkämpfern zukommt. Das Begleitschreiben der Reichskanzlei tu Berlin, beginnt mit den Worten: „Der Führer ehrt Sio gemäß Ihrem Ansuchen. . . Die Juden im Saarland Der Reichskommissär für die Rückgliederung dca Saarlandes, Bürckel, erläßt folgende. Kundgebung: „Bringe allen wiederholt zur Kenntnis, daß alle inj römischen Abkommen enthaltenen Verpflichtungen seitens der deutschen Regierung auf das loyalste einzuhalten sind. Die Aufklärungder Judenfrage wird in verschiedenen Fällen bewußt als eine Verletzung dca römischen Abkommens bezeichnet und entsprechende; Maßnahmen durch das Abstimmungsgericht erstrebt. Damit auch hier .alle Vorwände einer Verletzung dc3 römischen Abkommens beseitigt sind, wird die Partei in ihren gesamten Gliederungen angewiesen, die Behandlung der Judenfrage einzig und allein mir persönlich zu überlassen." (J. T. A.) Die Danzigcr Petitionen Aus Genf: Die Tagesordnung der am 4. September d. J. beginnenden Session des Völkerbundrates sieht neben dem itaiienisch-abessinischon Konflikt auch die Behandlung des Berichtes der Ständigen Mandatskommission über ihre Juni-Tagung, in der auch die Palästina-Berichte und -Petitionen geprüft wurden, ferner die Behandlung der Petitionen der Danzigcr Bevölkerung, darunter die der Juden, vor. Von den jüdischen Gemeinden Bulgariens Aus Sofia: Eine Abordnung dc3 Konsistoriums der jüdischen Gemeinden Bulgariens, bestehend aus den Herren Haym Farh y, Dr. Nissim L e w y, Jacque3 P a r d o und Ely B a s s a n, besuchte den Ministerpräsidenten Andreja Toschef f und übergab ihm drei Memoranden, betreffend den Gesetzentwurf über diu Verfassung der jüdischen und andersgläubigen Gemeinschaften, in denen die Forderung der bulgarischen Juden nach Aufrcchterhaltung des nationalen Charakters der jüdischen Gemeinden und Beibehaltung des Wahlprinzips formuliert war. Der Ministerpräsident erklärte, daß er grundsätzlich die Richtigkeit der Anschauungen der Delegation erkennt und seine Unterstützung geben werde. Er ersuchte die Delegation, sieh auch zum Kult u s minister zu begeben. Meine Regierung, sagte der Ministerpräsident, steht den Juden sehr wohlwollend gegenüber; bei einer solchen Einstellung der Regierung werden wir bestimmt zu einer befriedigenden Lösung kommen. Wir sind doch schließlich Mitglieder einer großen Familie. Auf die Frage der Delegation, wie sich die Regierung zu den zuletzt wieder erlaubten antisemitischen Organisationen ,,R o d n a S n s c h t i t a" und Nationale Legion stellt, insbesondere ob auf das Ausland und namentlich auf die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen P a 1 ä s t i n a und Bulgarien, die sich ao gut entwickeln, Rücksicht genommen werden wird, gab Ministerpräsident Toscheff die Versicherung, daß die Regierung es nicht z u 1 a ss e n werde, daß sich die genannten Organisationen antisemitisch betätigen. Die Regierung werde diese Organisaitonen und ihre Tätigkeit genau beobachten. Er selbst verurteile die einstige antijüdische Tätigkeit der genannten Organisationen und wisse genau, wie schädigend sie den bulgarischen Inier*' essen waren. (J. T. A.)

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