Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 488 (13.8.1935)
- Date
- 1935-08-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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rrr. 485 DIE NEUE WELT Seite Z Judentum und Berliner Olympiade Wiederum ist, die Beteiligung der jüdischen Sportler an der Berliner Olympiade 1936 wir Diskussion gestellt. Wir haben in einer Reihe von Aufsätzen ausgeführt, daß es die jüdische Ehre und Würde gebieten, der Olympiade fernzubleiben — ganz unabhängig von den Zusagen des Hakenkreuzes und der Stellungnahme der offiziellen Olympiakomitces der einzelnen Länder. Zur Sache selbst liegen folgende Meldungen vor: In einem Gespräch des Grafen Baillet-Latour, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, mit Wiener Journalisten kam die Rede auf das berühmte Interview dea Grafen Polignac, das in der französischen Zeitschrift „Auto" veröffentlicht war. Darin hieß es bekanntlich, Frankreich würde sich, falls Deutschland die eingegangenen Verpflichtungen über die Teilnahme nichtarischer Athleten an den Olympischen Spielen nicht einhielte, der Teilnahme enthalten. Graf Baillet-Latour wußte von diesem Interview nichts, er hat davon erst in Wien erfahren. Aber eines weiß er: daß die deutschen Delegierten des Internationalen Olympischen Komitees auf der diesjährigen Sitzung in Oslo Vcrpflichtungsscheine jüdischer Athleten deutscher Staatsbürgerschaft vorgewiesen haben. Auf die Frage, was geschehen würde, wenn die Evidenz eines Bruches der olympischen Verpflichtungen durch Deutschland gegeben wäre, erwiderte Graf Baillet- Latour: „Darüber ist nichts vorgesehen, aber bisher ist der Fall auch nicht eingetreten. Die Namen jüdischer Olympia-Teilnehmer aus Deutschland sind dem Internationalen Olympischen Komitee bekannt. Die Frage, ob ein Staat bisher seine Beteiligung an der Olympiade zurückgezogen habe, beantwortete Graf Baillet-Latour mit folgenden nichtssagenden Worten: Der Großrabbiner von Marokko, Raphael Encaoua de Sale, ist im 89. Lebensjahr in seinem Amtssitz in R a b a gestorben. Raphael Encaoua de Sale war der Präsident des religiösen Tribunals der marokkanischen Judenschaft und galt als eine der größten rabbinischen Autoritäten unter der afrikanischen Judenheit. (J. T. A.) * Das Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses der Weltorganisation der Agudas Jisroel und Leiter des Keren Hathora, Dr. Samuel Deutschländer, ist im Alter von 47 Jahren in Wien gestorben. Dr. Samuel Deutschländer war ein bekannter Pädagoge und hat auf dem Gebiete der jüdisch-religiösen Erziehung in verschiedenen Ländern gewirkt. (J. T. A.) « Am Donnerstag, dem 8. August, dem 9. Ab der jüdischen Zeitrechnung (Tisch a beab), pilgerten viele Tausende 'Juden durch die Straßen und Wege der Altstadt zur K 1 a g e m a u e r, um dort die Trauergebete zu verrichten. Die Zeremonie verlief ruhig. Es kam zu keinen Störungen. (J. T. A.) * Als die bulgarische Regierung vor kurzem die seinerzeit aufgelöste faschistische antisemitische Organisation „Rodna Saschtita" (Heimwehr) wieder erlaubte, haben die jüdischen Führer die Regierung auf die antisemitisch-terroristische Vergangenheit dieser Organisation hingewiesen, worauf die Regierung die Versicherung gab, daß die ,,Rodna Saschtita" nunmehr nur nationalen Tdealen nachstreben werde und daß die Regierung jede antisemitische Tätigkeit derselben verhindern werde. Am 4. Juli nun marschierte ein Trupp der „Rodna Saschtita" unter der Führung des berüchtigten Antisemiten Ing. Radeff vor dem Hause der aschkcnasisclicn jüdischen Gemeinde Sofia auf und riß das Gemeindeschild herunter. Der Umstand, daß die einstigen Terroristen ihre neue Wirksamkeit mit einer antisemitischen Tat einleiteten, hat unter den Juden Bulgariens die alte Besorgnis wieder wach werden lassen. (J.T. A.) * Die 300 Jugendlichen der Jewish Lads Brigade in Manchester haben die Auszeichnungen erhalten, sich die bestorganisiertc Kadetten-Einheit in England nennen zu dürfen. Die Nation-Trophäe wird ihnen auf einer Zeremonie übergeben werden, an der der Stifter der Trophäe, Brigadcgeneral J. H. Nation, teilnehmen wird. (J.T. A.) * Am Donnerstag, den 8. August, ist in seiner Wohnung in Prag-Liben der bekannte tschechische Schriftsteller Vojtech Rakous im Alter von 73 Jahren verstorben. Vojtech Rakous, der ursprünglich Oesterreicher hieß, wurde am 8. Dezember 1862 in Stary Brazdim als Kind jüdischer Eltern geboren, er schloß sich seit seiner Jugend dem tschechischen Kulturkreis an und schrieb nur tschechisch, bewahrte aber dem Judentum die Treue und nahm gegen sein Lebensende eine immer positivere Stellung zum Judentum und auch zum jüdischen Aufbau in Palästina ein. In seinen im tschechoslowakischen Volke populär gewordenen Erzählungen schildert er das Leben der Juden in der böhmischen Provinz, ihre Bräuche und ihr Zusammenleben mit den christlichen Nachbarn. Nach Polen billig und bequem I „Die Olympiade steht über den Nationen, über aller Politik, über allen Kämpfen, Meinungen, Wesens- und Wollensverschiedenheiten. Die Präsenz der Nationen ist ihr Ziel, nicht deren Siege. Und das kommt sogar in der Zusammensetzung des Internationalen Olympischen Komitees zum Ausdruck: denn nicht die einzelnen Nationen sind in ihm vertreten, sondern es selbst ernennt gewissermaßen seine Delegierten, seine Gesandten bei den einzelnen Völkern." Gleichzeitig meldet die J. T. A. aus Prag: In Sportkreisen verlautet, daß eine ganze Reihe internationaler Sportgrößen auf ihre Teilnahme an der Berliner Olympiade verzichtet haben. Man weiß bereits, daß die amerikanischen und kanadischen Schlittschuh-Schnelläufer, von denen einige Juden sind, nicht erscheinen werden, ebensowenig wie der erste Viertelmeilenläufer der Welt, der Jude Ben Eastman, und die Weltrekordschwimmerin den Ouden, gleichfalls Jüdin, die wohl früher die Absicht hatte, an den Spielen teilzunehmen, aber ihren Vorsatz nicht verwirklichen wird. Auch der beste schwedische Hindernisreiter, Leutnant Sachs, wird sich an der Olympiade nicht beteiligen. PiuLer in Sdclcch&pr, sparsam praktiscJi-preiswerl G«nerafv«rtrieb: C. H. Sigfe, Wien VIII, JosefilädlarstraOe 99 Nächste Reisen am 11., 18. und 25. August. / Rückfahrten am 1. und 15. September. D-Züge, Pullman-Wagen und reservierte Platze. / Reisebüro „IN Dil WUT", Wien IX, Llcclitenstclnstraße 2, Telephon A-14-504 Vom polnisch-palästinensischen Handel Aus Jerusalem: In Tel-Aviv wurde ein Komitee gebildet, daß die Gründung eines Trusts zur Förderung von Investitionen polnischer Juden in Palästina in die Wege leiten soll. Die neue Gesellschaft verfügt über ein Grundkapital von 20.000 Pfund. Ihre Hauptaufgabe erblickt sie in der Verstärkung der polnisch-palästinensischen Wirtschaftsbeziehungen. PalasinnasFalme an Venedig Wie wir erfahren, wird auf der Internationalen Ausstellung für Filmkunst, welche am 10. August in Venedig eröffnet wird, auch Palästina vertreten sein. Die palästinensische Filmindustrie beteiügt sich mit zweilFilmen. Der eine ist der Film „Awodah" (Arbeit) des russischen in Palästina lebenden Regisseurs Lerski; ein Film, der bekanntlich auch in Wien zu sehen war. Der zweite Film, „Das neue Leben", unter der Leitung des „Keren Hajessod" in Jerusalem hergestellt, zeigt den Aufbau Palästinas in den einzelnen Zweigen der Landwirtschaft und Industrie. Gegen Berlin Aus London wird gemeldet: Die Ehrensekretärin der britischen Liga für Strafrechtsreform (Howard League), Miss Cicely Craven, teilt dem „Manchester Guardian" mit, daß die Liga beschlossen hat, an dem im kommenden Monat in Berlin stattfindenden „Internationalen Kongreß für Strafrecht und Gefängniswesen" nicht teilzunehmen, da sie überzeugt sei, daß ein solcher Kongreß auf deutschem Boden zwecklos und unfruchtbar sein müsse; es werde in Berlin eine freie Diskussion über das, was recht und was unrecht ist, unmöglich sein. (J. T. A.) in Aus Warschau: Der über D an z i g gut informierte „Kurier Warszawski" brachte vor einigen Tagen sensationell wirkende Mitteilungen über Vorbereitungen der Nationalsozialisten in Danzig zu einem Judenpogrom, der sich unter der Losung „Zurück zum Reich!" abspielen sollte. Im, letzten Augenblick war aber eine Programmänderung eingetreten. Da soeben zwischen der Danziger und' der polnischen Regierung eine Einigung im Zollkonflikt erzielt worden ist, wurde von der Ausgabe der öffentlichen Lesung „Zurück zum Reich!" abgesehen, der Judenpogrom aber fand programmgemäß statt. Hierüber melden die ausländsichen Agenturen aus Danzig: Größere Abteilungen Danziger SA. organisierten heute auf dem alljährlich stattfindenden großen Jahrmarkt Judenpogrome. Die SA.-Leute rissen die Verkaufsständc der jüdischen Kaufleutc nieder und mißhandelten einige jüdische Kaufleute schwer. Die Danziger Polizei setzte zwar diesem Treiben ein Ende und verhaftete einige Exzedenten, setzte sie aber bald wieder auf freien Fuß mit der Begründung, daß sie keine strafbaren Handlungen begangen hätten. Infolge dieser antijüdischen Kundgebungen haben die auswärtigen jüdischen Kaufleute ihre Verkaufsständc liquidiert und die Stadt verlassen. „Kurjer Warszawski" richtet an den Völkerbundkommissär Leßtcr die Frage, ob ihm die offenkundigen Vorbereitungen zum Pogrom verborgen blieben, wenn nicht, warum er schweige. DER W E LTE R FOLG Israel Rrandmann, der bekannte Komponist und Dirigent, übersiedelt demnächst nach Palästina. Seine Freuude veranstalten für ihn Dienstag, den 13. August, 8 Uhr abends, im Cafe Altes Rathaus (I., Wipplingerstraße 24), eine Abschiedsfeier, mit Irene Dünne, Ginger Rogers und Fred Astaire auf seinem beispiellosen Siegeszug nunmehr in Wi e n täglich SCHWEDENiKINO Vhh, Vt6, V*B, Va10 Uhr Der High Comntissioner in Petadi Tikwah Aus Jerusalem: High Commissioner Sir Arthur W'auchopc hat die jüdische Kolonie Potach T i kw i\ h besucht. Bej dieser Gelegenheit wurde von den Vertretern der Kolonie der Wunsch nach sofortiger Vcrkündung eines S a b b a t r u h e g o s c t z c s und nach Gewährung staatlicher Beihilfen für die Kolonieverwaltung dem High Commissioner unterbreitet. Dieser erklärte sich außerstande, die Wünsche der Kolonie in diesem Augenblick zu erfüllen. Die Frage einer Itegicrungssubvention für Petach Tikwah wurde in der letzten Sitzung des Kolonieratea in Anwesenheit des Vertreters des Distriktskommissärs Pollock erörtert. Der Vertreter des Distriktskommissärs erklärte, die Subvention könne nicht gewährt werden, weil die Verwaltung von Petach Tikwah zu spät (!) darum angesucht habe, zu einer Zeit nämlich, als das Budget der Palästina-Regierung in London schon bestätigt war. Seitens des Kolonierates wurde demgegenüber darauf hingewiesen, daß der Regierung zu dem Zweck ein Globalfonds zur Verfügung stehe, den sie unter den verschiedenen munizipalen Selbstverwaltungen aufteilt. Der Rat von Petach Tikwah wird der Regierung eine Denkschrift in dieser Sache überreichen. (J. T. A.) 19 Millionen Pfund in palästinensischen Neuhauten investiert Aus Jerusalem: Laut der von der Palästina" Regierung veröffentlichten amtlichen Statistik wurden in den letzten Jahren in Neubauten in 20 Städten und wichtigen Ortschaften des Landes folgende Summen invesüert: 1930 2,946.000 Pfund, 1931 2,721.000 Pfund, 1932 1,432.000 Pfund, 1933 5,601.000 Pfund und 1934 6,000.000 Pfund, insgesamt 18,700.000 Pfund in den letzten fünf Jahren. Palästina und Aegypten Aus Jerusalem: Die Regierung Palästinas hat sich offiziell an die Regierung Aegyptens mit dem Ersuchen gewandt, gerechtere Grundlagen im Wirtschaftsaustausch zwischen beiden Ländern eintreten zu lassen. Die ägyptischen Importvorschriften, schädigen die Palästina-Produktion. Die ägyptische Regierung wurde ersucht, die Maßnahmen zur Schaffung eines gerechten Schlüssels beim Handelsaustausch zwischen beiden Ländern zu beschleunigen. Der Schiffsverkehr an den Häfen Palästinas Aus Jerusalem: Ueber den Schiffsverkehr in den Häfen Palästinas sind soeben amtliche statistische Zahlen veröffentlicht worden. Danach sind im Jahre 1934 1114 Dampfer mit einer Gesamttonnage von 2,454.000 Tonnen im Hafen von Jaffa eingelaufen. Im Haifaer Hafen landeten 1934 1404 Dampfer mit 3,469.000 Tonnen. Die Tonnage der in Jaffa eingetroffenen Schiffe ist gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent, die der in Haifa gelandeten Dampfer um 24 Prozent gestiegen. Auch die Menge der in Haifa ausgeladenen Waren ist im Berichtsjahr um 20 Prozent gestiegen. (J. T. A.) Neue Chausseen Von der neuen Chaussee J a f f a— G a z a wurde die erste fünf Kilometer lange Teilstrecke fertiggestellt- Die Bauarbeiten an der Chaussee A f u 1 c—B c i s a n sollen demnächst aufgenommen werden. Zur Zeit wird an der Vollendung der Pläne für diese Straße und an der endgültigen Festlegung der Trassierung noch gearbeitet. Die Arbeiten an der Hauptchaussee durch die Scharon- Ebene schreiten fort. Der Abschnitt Petach T i kw a h—K f a r S a b a wurde soeben vollendet. (J. T. A.) Von der palästinensischen Wirtschaft ■ Neu registriert wurden: Eine tschechoslowakisch-palästinensische Bank, mit einem Kapital von 50.000 Pfund; eine Niederlassung der englischen Versicherungsgesellschaft Century Insurance Company. Die EUern-Bank hat ihr Kapital von 10.000 auf 30.000 Pfund durch Ausgabe von 20.000 Aktien zu je einem Pfund erhöht. Ins Handelsregister wurde eine Zinkwarenfabrik mit einem Kapital von 10.000 Pfund eingetragen. Die landwirtschaftliche Gesellschaft „M a t e j Aharoni" hat ihr Kapital von 3500 auf 30.000 Pfund durch Ausgabe von Aktien zu 10 Pfund erhöht. In der größten palästinensischen Möbelfabrik „Thirsah" bei Rischon lc Zinn, die moderne Wohnungseinrichtungen herstellt, wird jetzt eine Holztrockenanlage eingerichtet, die einzige, ihrer Art in Palästina. Jetzt werden Möbel für ein Theatergebäude in Ilaifa mit 1000 Sitzplätzen hergestellt. Der Import von M a s c h i n e n ist in den ersten Monaten dieses Jahres um 80 Prozent gestiegen. 1933 betrug der Wert des Maschinenimports 467.000, 1934 967.000 Pfund. Die Inhaber der Firmen für san it ä r c Fj i nrichtungen haben sich zu einer Aktiengesellschaft zusammengeschlossen. Alle, bedeutenden Kauflcute dieser Branche gehören der neuen Gesellschaft an. (J.T. A.) Arahisdier NatoonatSlfonds registriert Aus Jerusalem: Die Schaffung eines arabischen Nationalfonds als Gegenstück zum Jüdischen Nationalfonds ist nun Tatsache geworden; bei den Behörden wurde, eine Gesellschaft. ,,A r a b i s c her N ationalf onds" registriert, die;ils Ziel di»n Erwerb von Bodenkomplexen zwecks Kultivierung durch Araber angibt. .(-L T. A.),