Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1935-08-09 · Heft 487 (9.8.1935) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 487 (9.8.1935)
Date
1935-08-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712049-2712111--5239-2718830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«?rtc 2 DIE NEUE WELT Nr. -m 1 Zu den hohen Feiertagen noch Amerika empfehlen wir unsere Expreßdampfer mit vorzüglicher Koscherküche: S/S „Aquitania" am 18. Sept. SS „Majestic" am 25. Sept. Zum Laubhüttenfest: S/8 „Berengaria" am 2. Okt. nähere Informationen erteilt die Repräsentanz der CUNARO WHITE STAR LIMITED Wien I, Kärntnerring 4 Tel. U-42-0-4 5 U-46-2-48 des tapferen bayrischen Erzbischofs Faulhaber zu vermerken, weil sie von einer Presse reproduziert wurden, die angeblich ihre wahren Interessen hinter dem Kampf für die christliche Kirche verberge. Das ständige Abrücken der „Reichspost" von den kulturellen Mitkämpfern aus anderen Sphären legt die Vermutung nahe, daß dieses Organ die außerrcligiösen Maßnahmen des nationalsozialistischen Regimes nicht mißbilligt, ja sogar als nützlich ansieht, beispielsweise den Kampf gegen den sogenannten Bolschewismus, wobei unter diesem Begriff alles verstanden wird, was im Gegensatz zu einer konservativen Haltung steht. Wir Nationale Juden haben uns immer gegen die Verwechslung von jüdischer Geistigkeit mit dem unjüdischen, ja antijüdischen ,.Kulturbolschewismus" gewehrt und können daher genau den Punkt bestimmen, wo Mißgunst und Feindseligkeit eine kritische Einstellung zu den Dingen als ..Bolschewismus" und ..Antichristentum" denunzieren. Wir Nationale Juden verstehen auch die Zurückhaltung einer deutschen und christlichen Presse gegenüber nationalbetonten, d. h. deutschbetonten Belangen im Dritten Reich, das schließlich Oesterreichs Nachbar bleibt, unbeschadet des gegenwärtigen Regimes, und das schließlich „christlich" bleiben wird, unbeschadet, des gegenwärtigen Regimes. Aber in Dingen schweigen oder sie bagatellisieren, die der ganzen Welt als unbeschreibliche Greuel erscheinen, heißt so viel wie nur die eine Sorge haben: verhüten, daß in Deutschland das Aufstellen von heidnischen Irminsäulen überhandnehme, und verhüten, daß braune Gauleiter an der schönen blauen Donau Geländeübungen kommar.die-J en. Denn: Die ,,R e i c h s p o s t" behauptet — und das ist der Punkt, wo auch die bewährte österreichische Gemütlichkeit, aufhört —, daß die Nazis gar keine echten Antisemiten sind, von echten Bolschewikentötern gar nicht zu reden. Nein, sagt die ,.Reichspost", ihr reichsdeutschen Hakenkreuzler seid keine richtigen Antisemiten, ihr seid Antisemiten mit Gänsefüßchen — und drückt zunächst, ihr Bedauern darüber aus, daß sich der Nationalsozialismus durch falsche Taktik dort ins Unrecht setze, wo er recht behalten könnte, nämlich in der Abwehr des Bolschewismus. Es herrsche, schreibt die „Reichspost" in ihrer Ausgabe vorn 31. Juli, tiefes Verständnis für Deutschlands Kampf gegen den Bolschewismus, jedoch müsse er mit anderen Methoden geführt werden. Denn „ein Kampf gegen den Bolschewismus mit bolschewikischen Methoden und um einem Bolschewismus anderer, aber nicht besserer Art Raum zu erobern, trägt seine Verurteilung" mit sich und ein .Antisemitismus', der sich in Roheitsexzessen verausgabt, die den deutschen Namen in der Welt entehren und wo immer er sich geistig gebärden will, kein anderes Objekt für seinen Tatendrang zu finden weiß als das Christentum, das er teils zu .entjudaisieren' und der .nordischen Gotterkr-nntnis' anzugleichen, teils als jüdischer Herkunft zu ächten trachtet, wird zum nationalen Selbsimord." Ein Antisemitismus, der in seinem Gebaren das Christentum mictrifft als ein dem Mosaisrnus entsprungenes Phänomen, sei ein Antisemitismus mit Gänsefüßchen. Der wahre Antisemitismus, so wie ihn seit jeher die Parteigänger der christlichsozialen „Reichspost." geübt wissen wollten, sei ein solcher, der das Judentum deshalb trifft, weil es — nicht christlich ist, weil es die christliche Lehre ablehnt. Aber, Gott behüte, die Juden bekämpfen, weil in ihrer Religion der Keim des Christentums steckt, ist nach der Darstellung der „Reichspost" absurd. Der Antisemitismus ohne Gänsefüßchen muß so beschaffen sein, daß er bei Bekämpfung des Altttestamentarischen das Christentum nicht mittrifft. Leider, so fährt rlic „Rcichspost" fort, bedient sich der Nationalsozialismus altfestamentarischer Methoden. Ei* erklärt sich als Sinnbild einer auscrwählton Rurige, nnben der-;\\\n anderen minderwertig sind, er bekämpft das Volk der Bibel, indem er sich gleichzeitig die völkischen Thesen dieses Volkes zu eigen macht. „Komisch", schreibt die „Rcichspost" in ihrer Ausgabe vom 1. August, „daß sich der Nationalsozialismus gerade auf seinen Antisemitismus, der bei der grimmigen Ablehnung al'cs Alttestamentarischen einsetzt, soviel einbildet. Fast macht es den Eindruck, ala bezweckte der gewaltige Lärm, der da periodisch, jeweils wie auf ein Stichwort, geschlagen wird, die Spuren der eigenen Herkunft zu verwischen. Denn, wenn einigermaßen Ruhe einträte und das Publikum Zeit fände, sich die Dinge näher anzusehen, müßte es bald dahinterkommen, daß das Meiste, worin sich der Nationalsozialismus von anderen zeitgenössischen Ismen, wie er glaubt, zu seinem Vorteil unterscheidet, also gewissermaßen seine Essenz, aus alttestamentarischer Quelle geschöpft ist. Freilich, es ist ein reichlich mißverstandener Mosaisrnus. den der Nationalsozialismus, gewissermaßen als sein geistiges Landesprodukt, zur Schau stellt, aber unverkennbar auch in seiner Verzerrung. Der scharfe Trennungsstrich, den der Nationalsozialismus zwischen dem eigenen Volk, zwischen der eigenen, auserwählten nordischen Rasse und den anderen Völkern und Rassen zieht, ist doch zweifellos dem mosaischen Gesetz entnommen, das den Juden, als sie nach langer erzieherischer Wüstenwanderung vom gelobten Land Besitz ergriffen, in den strengsten Worten jede Verbrüderung, Vermischung und Verschwägerung mit den Bewohnern dieses Landes und seinen Nachbarvölkern untersagte." Der Antisemitismus der Nazis also ist jüdisch, ein Antisemitismus mit Gänsefüßchen. Der Antisemitismus der christlich-deutschen „Reichspost"-Gefährten ist hundertprozentig, ohne Gänsefüßchen. Wer also dem echten, hundertprozentigen, unjüdischen Antisemitismus frönen will, kann dies nur im Schoß der alleinseligmachenden Reichspostler tun. Uns scheint, daß solch eine Haltung auf die ..nationalbetonte" österreichische Jugend nicht gerade erzieherisch wirkt. Wenn die „Reichspost" den Oesterreicher zu einem Antisemiten ohne Gänsefüßchen bekehren will, so läuft sie Gefahr, daß er ihr entrinnt und lieber gleich einen Antisemitismus wählt, der ihm keinerlei christliche Hemmungen auferlegt. Der Mythos der „Reichspost" unterscheidet sich von dem des „Völkischen Beobachters" nur durch das Gänsefüßchen, das niemand zu täuschen vermag. o. r. Von Dr. Israel Zwi Kanncr. r> Es ist bezeichnend für die jüdischen Feiertage, daß an ihnen nicht die Helden, sondern die Nebenereignisse gefeiert v/erden. Am C h a n u k a gedenkt man des zufälligen Ereignisses des. lang brennenden Lämpchens, am P u r i m des Aüssendens von iLebesgaben, am P e s s a c h der genossenen Speise. Das Festhalten an diesen Nebenereignissen war auch daran schuld, daß in der vorzionistischen Aera die jüdische Jugend keine jüdischen Vorbilder hatte, denen es nacheifern sollte. Sie kannte nur römische und germanische Helden. Erst dem Zionismus war es beschieden, die Nebenereignisse in den Hintergrund zu schieben und die Helden ins rchte Licht zu setzen. faUto Sfrtewtaty nach u. Abfahrten: 11., 14. und 25. August, 1. und X. September; Rückfahrten : 1. und 15. September, 21. Oktober % III, Rennweg 1. Telaphon U-16-4-90 Nur am Tischa b'A w wurde auch in der vorzionietischen Aera nichts Nebensächliches geübt. Er wurde stets in seiner richtigen Bedeutung erfaßt. Man erkannte seine weittragenden Folgen und man fastete und klagte tatsächlich so, wie wenn man die Zerstörung des Tempels selbst erlebt hätte. An dem Tage dieser größten Katastrophe im Leben des jüdischen Volkes ist selbst das Studium der Thora und des Talmuds verboten, weil es erhebend und erquickend wirkt. Das Tefillinlegen gilt als Schmückkung und ist daher auch untersagt. Alles geriet in Unordnung an diesem Nationaltrauertag. Selbst der Prophet Jeremias verwechselte in seinen Klageliedern die Aufeinanderfolge der Buchstaben Ajin und Pe. Der Dämon Meriri waltet vom 17. Tag des Tammus bis zum 9. des Ab. Am Schabbat Chason, dem Sabbat vor dem f). Ab, ist die heilige Lade mit einem schwarzen Vorhang behängt. Statt Feiertagskleidcrn zieht man Werktagskleider an. Eine große Rolle spielten die Tierkrcisbilder der ersten fünf Monate, (Widder, Stier, Zwilling, Krebs und Löwe), für die Zeitbestimmung der Zerstörung des Tempels. Am Nissan wurde der Tempel nicht zerstört, weil an ihm Jizchak durch einen Widder gerettet wurde. Am Tjar bewies Abraham seine Gastfreundschaft, indem er den drei Engeln einen Stier vorsetzte. Am Siwan wurde das Zwillingspaar Rsau und Jakob geboren. Im Tammus wurde Moses aus dem Wasser, dem Wohnsitz des Krebses, gezogen. Kurzum, Zeiten, die für die Zerstörung des Heiligtums ungeeignet waren, dessen Fundamente die Erzväter und Moses gelegt haben. Da erschien im Monat Aw, dessen Bild der Löwe ist, der alles niedertretende Löwe Nebukadnezar. Trotzdem ist es charakteristisch für den jüdischen Kalender, daß kein Tag, mag auch an ihm die größte Katastrophe stattgefunden haben, für immer schwarz gerändert ist. Nicht einmal den 0. Aw konnte der Aberglaube, als Unglückszahl in sein Rc-< gistcr aufnehmen. An jenem Tage ist nämlich auch der Messias geboren worden. Die. Zerstörung des zweiten Tempels und der Jammer der zweitausendjährigen Diaspora waren gleichsam die Wehen des dritten Tempels. Leben und Tod — ein immer wiederkehrendes Motiv in der jüdischen Sagenwelt! Moses wurde an ein und demselben Monatstag geboren und von dieser Welt hinweggenommen. In der Wüste führten die Kinder Israels wei Kästen mit sich: die ewige Bundesladc und den Sarg Josephs. Ferner ist es charakteristisch, daß die größten klagenden Propheten auch die größten tröstenden sind. Das jüdische Volk verzehrt sich nicht in Klagen, sondern rankt sich auch an der Hoffnung empor. Wenn auch Jerusalem fiel, so bleibt doch die stolze Erinnerung der Hingabe an das Vaterland. Dieser Opfermut kann heute zum Siege führen. Schon oft haben Epigonen das erkämpft, um was die Ahnen gerungen. 70 nach Chr.: Haß gegen die Römer in Jerusalem. Entschlossenheit, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. 1935 nach Chr.: Erbitterung gegen die englische Mandatarmacht. Entschlossenheit, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Zeitspanne von 1865 Jahren. Historisch ist aber auch der Aufbau Palästinas auf religiöser Basis. Der Talmud meint, daß nicht Israel allein in die Verbannung ging, sondern der Ewige ging gleichsam mit. Ist es aber nicht selbstverständlich, daß zur Zeit, da Israel in sein Land zurückkehrt, auch die Religion im. Heiligen Lande wieder die ihr gebührende Stellung einnehme? me Zur Erinnerung an den 1). Ab Als Israel nach Babylon verbannt wurde und an den Strom Euphrat kam, wo es seine Traueiiieder erschallen ließ, da sprachen die Heiden zu den Leviten: Auf und singt vor unsern Göttern die Weisen, die ihr in eurem Tempel zu singen pflegt. Darauf erwiderten die Leviten: Ihr Einfältigen! Ach, hätten wir dem Herrn lobgesungen für jedes Wunder, das er uns getan, wir wären aus unserer Heimat nicht vertrieben worden und hätten Größe und Herrlichkeit erlangt. Nun sollen wir fremden Göttern singen? Für diese Antwort schlugen die Heiden ganze Haufen von Israel nieder. Wiewohl aber von den Judäern so viel vernichtet worden waren, waren sie fröhlich, daß sid keinen fremden Gott angebetet hatten. Die übriggebliebenen Leviten aber hackten ihre Finger ab, damit sie die Leier nicht mehr spielen konnten. Forderte man. sie auf, zu spielen, so zeigten sie ihre verstümmelten Hände und sprachen: „Wie sollen wir das Lied Gottes auf fremder Erde spielen?" Als der Tag zu Ende ging, ließ Gott eine Wolke auf die Verbannten niedersteigen, und die deckte sie vor ihren Verfolgern zu. Er leuchtete ihnen aber mit einer Fcuersäule den Weg und führte sie die Nacht hindurch weiter von der Stätte, bis sie mit dem Morgen-1 dämmern an der Meerküste angelangt waren. Mit dem Morgenlicht zerstreute sich die Wolke, die sie um-< geben hatte, und auch die Fcuersäule verschwand.' Und der Herr schloß sie durch einen Fluß ein, der* Sambation genannt wird und welcher drei Monatsreisen Länge und drei Monatsreisen Breite mißt. Die Tiefe des Stromes beträgt zweihundert Ellen, er ist voller Sand und Steine, die von den Wellen mit großem Geräusch an den Strand geworfen werden. Eine halbe Tagereise weit ist das Tosen des Stromes zu hören; nur am Sabbat legt sich der Lärm. An dem Tage erhebt sich ein Feuer, das weithin seinen Schein wirft und die Eingeschlossenen vor dem Eindringen von Fremden beschützt. Das Feuer verbrennt jeden Grashalm, der am Meeresufer wächst. Die Leviten aber, die dorthin verschlagen worden sind, sind die Nachkommen Mosesv In dem Lande lebt kein unreines Tier und kein Wurm; nur Schafe und Rinder gedeihen daselbst. Außer dem großen Strom sind noch sechs Quellen da, die alle in eine zusammenfließen und das Land wässern. Die Wasser wimmeln von Fischen und über den Wassern fliegen reine Vögel; auch Früchte von allerlei Art wachsen in dem Lande. Jedes Saatkorn trägt hundertfältige Frucht. Die Einwohner sind im Glauben treu, sie halten zur schriftlichen und mündlichen Lehre. Sic sind weise, fromm und rechtschaffen und hüten sich vor falschem Schwören. Ihr Leben währt, hundertundzwanzig Jahre und sie sehen Nachkommen bis ins dritte und vierte Glied; es geschieht niemals, daß der Sohn vor dem Vater stirbt. Sie verrichten alle ihre Arbeit selbst, halten keine Diener und keine Knechte und schließen ihre Häuser für die Nacht nicht ab. Ein kleiner Knabe treibt ein Tier durch weite Strecken und fürchtet sich weder vor- Räubern noch vor Bestien, noch vor unflätigen Geistern. Denn sie sind alle heilig und bewahren noch heute die heiligen Satzungen. (Aus dem „Born Judas" von Joseph bin Gorion.) Kostenlose Heratuiiff jn allen Relseaiitfeleirerilielteii, welche Palästina betreffen, mündlich und telephuniscli im Relse- \ hüro „IN DIE WELT", IX, LIccliteii&leiustraBt 2, Telephon A-14-501

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.