Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 487 (9.8.1935)
- Date
- 1935-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 20 Groschen faltrgang 9 Freitag/ den 9« AiphmI 1935 187 Nr* 487 V«b+b« Zeitung vom Verleger versendet „Journal cxpedie par l'6diteur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlichi Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlichi Dinar 14.-. vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.-. vierteljährig Mark 3.— : Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljälirig Lire 14.—; Schwele und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Francs AM. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erseheint Dienstae u. F reHaft Die Juden Polens an den Völkerbund Aus Warschau; Im Hause der Warschauer Jüdischen Gemeinde fand eine von Tausenden Juden besuchte Protestversaramlung gegen die Judenverfolgungen M Deutschland statt. Es wurde eine Resolution gefaßt, in der es u. a. heißt: „Das polnische Judentum ist gleich den Juden in der ganzen Welt entschlossen, in dem Kampf um die Rechte und die Existenz des deutschen Judentums nicht zu ruhen, bis die Juden in Deutschland in ihre vollen Menschen- und Bürgerrechte wieder eingesetzt worden Bind. Die Zurückweisung alles dessen, was aus Nazi-Deutschland stammt oder mit ihm eine Beziehung hat, ist die stärkste Waffe in unserem Verteidigungskampt gegen die Judenausrottung im Dritten Reich; deshalb fordert die Versammlung das gesamte polnische Judentum auf, den Abwehrkampf gegen die Hitlerische Barbarei weiterzuführen." An den Völkerbund wurde die folgende Depesche gesandt: „Die große Volksversammlung in der Warschauer Jüdischen Gemeinde wendet sich an die höchste Völkerinstanz um Schutz für die verfolgte jüdische Bevölkerung In Deutschland. Die jetzt verstärkte Welle von Verfolgungen bringt das deutsche Judentum in die Gefahr völliger physischer und moralischer Vernichtung. Wir appellieren an die Repräsentanten der zivilisierten Völker, daß sie Leben und Beeilte der Juden in Deutschland sichern." Vollkommene Entrechtung der Juden in Deutschland Aus Berlin: Wie zuverlässig gemeldet wird, soll auf dem vom 10. bis 17. September in Nürnberg stattfindenden Parteitag der Nationalsozial isten die Verkündung des neuen Staatsbürgergesetzes erfolgen. In unterrichteten Kreisen wird damit gerechnet, daß im Prinzip der bekannte Arierparagraph des Beamtengesetzes in das ganze Reichsstaatsbürgerrecht übernommen werj den wird; außerdem gilt es als sicher, daß Ehen zwischen j Ariern und Nichtariern künftig in Deutschland gesetzlich; untersagt werden. Die durch die Propaganda der Partei im Sommer entfachte neuerliche Judenhetze soll somit, anläßlich des Parteitages in Nürnberg, i« der V örmliehen und vollkommenen st*at. kbi'i r ge rlicb.cn Entrechtung der J i «t p gipfeln. Es ist beabsichtigt, dem kommenden Parteitag das Gepräge des verstärkten Kampfes um die Ausrnerzung der Juden aus allen Tätigkeiten in Deutschland zu geben. (J. T. A.) Werden <äi<t deutschem EJe!egier3en zum Zionisfenkongreff kommen? Au3 Prag meldet, die J. T.-A.: Palästinensische Zeitungen brachten die Meldung, daß den zionistischen Persönlichkeiten in Deutschland, die als Delegierte zum 19. Zionistenkongreß nominiert wurden, von den deutschen Behörden nicht erlaubt wird, sich nach Luzem zu begeben Wie wir erfahren, werden diese Nachrichten von zionistischen Kreisen in Deutschland in Abrede gestellt. Es wird erklärt, daß die 34 Mitglieder umfassende Kongreß-Delegation noch keinen Entschluß darüber gefaßt hat, ob sie nach Luzern gehen soll oder nicht; man ist sich auch nicht klar, ob hiezu eine behördliche Erlaubnis notwendig sei oder nicht: — all das im Hinblick darauf, daß Delegierte aus anderen Ländern möglicherweise in ihren Reden das nationalsozialistische Regime in Deutschland kritisieren werden. Es wird erwogen, der zuständigen deutschen Behörde ein Memorandum, betreffend die Haltung der deutschen Zionisten, zu übermitteln, in welchem auch um die Erlaubnis zur Teilnahme an dem Zionistenkongreß in Luzern nachgesucht wird. Sollte diese Angelegenheit positiv entschieden werden, so gehen die deutschen Zionisten nach Luzern, werden aber geschlossen den Kongreßsaal verlassen, wenn das nationalsozialistische Regime und die innei'en Verhältnisse in Deutschland zur Sprache gebracht werden. * Wie klar der von uns vertretene Standpunkt war, ersieht man aus der obenstehenden Meldung. Die zionistischen und allgemein-jüdischen Interessen verlangen, daß die deutschen Delegierten dem Luzerner Kongreß fernbleiben. Amerikanische Post und NazfoLiteratur Aus Washington: Unter Hinweis auf die enorme Verbreitung des „Stürmer" und der „Protokolle" unter den amerikanischen Deutschen beantragte S. Dickstein im Kongreß der U. S. A., daß der Post unter- «agt sein soll, Nazi-Literatur zu befördern. In politischen Kreisen erwartet man die Annahme der Dicketein-Bill. Antisemitismus mit und ohne // // Die Verurteilung Deutschlands, da und dort bis zum Abscheu gediehen, hat in einzelnen Ländern einen Grad erreicht, der die Hoffnung nähren könnte, daß nun endlich klare Fronten entstehen werden: hier Verantwortung für die sittlichen Staatsformen, dort Zerstörung der Humanität bis zur brutalen Zerstampfung. Die Presse der ganzen Welt verzeichnet das, was in Deutschland vorgeht, mit dem Bemerken, die Tatsachen seien krasser als die Kommentare, die man hinzufügen könnte. Ganz Europa und vornehtmlich das ferne Amerika fühlen den Augenblick gekommen, wo etwas Entscheidendes getan und gesagt werden muß. Wir erleben bange Stunden. Eine Verständigung mit dem nationalsozialistischen Deutschland halten Verständige für eine Utopie. Auf dem Weg zur Verständigung stand bisher u. a. — als kleine Hürde — der Judenpunkt. In den letzten Wochen hat die Presse Gelegenheit gehabt, den schon seit langem entbrannten Kulturkampf, der aus der Unterdrückung des Katholizismus geflossen ist, in seiner vollen Schärfe zu erkennen und der Kulturwelt die Gefahren dieses Kampfes zu verdeutlichen. Das christlich-deutsche, das katholische Oesterreich ist unmittelbar Zeuge dessen, was das Dritte Reich gegen den Katholizismus unternimmt. Als Nachbarstaat, als deutscher und christlicher Staat muß es die Ereignisse jensei^ der Grenze tiefer und brennender empfinden, zumal schon aus anderen Rechtsüteln eine schmerzliche Spannung seit Beginn des Hakenkreuzregimes zwischen Oesterreich und Deutschland besteht. Oesterreich konnte beobachten, daß bisher alle Versuche seitens der katholischen Stellen, Deutschland in Sachen des Religionskampfes zur Besinnung zu bringen, fehlgeschlagen haben. Es konnte aber auch feststellen, daß überall, wo ein Gefühl für Recht,, Menschlichkeit, Würde und Kulturbewahrung besteht, sich den Verteidigern der kirchlichen Bekenntnisse in Deutschland spontan eine Bundesgenossenschaft zugesellte — unabhängig von der sonstigen politischen oder sozialen Einstellung. Diese Selbstverständlichkeit hat überall Sympathie, nur beim Hauptorgan des katholischen Oesterreich Mißtrauen, ja Widerwillen erregt. Dieses Organ, die Wiener ,,Reichspost", weist die Unterstützung der Sympathiker zurück. Es will von den — welch abgegriffene Terminologie! — „Linkskreisen", die sich seiner Meinung nach aus anderen Gründen für die Verteidigung der christlichen Bekenntnisse einsetzen, nichts wissen. Ja, mehr noch. Die „Reichspost" wünscht nicht moralische Beihilfe von den anderen, in Deutschland diffamierten Kreisen, von den Juden beispielsweise, denen man am Berliner Kurfürstendamm die Köpfe einschlägt und die Geschäfte sperrt. So schreibt sie am 23. Juli: „Wohl zu unterscheiden von der Verteidigung der christlichen Bekenntnisse gegen drohende Uebergriffe der staatlichen Gewalt auf das kirchliche Gebiet ist der Kampf, den aus anderen Beweggründen gewisse Linksreise mit aller ihnen eigenen Hitze und Wahllosigkeit führen. Wenn notorische Bolschewikenblätter und Organe des Freidenkertums urplötzlich grenzenlose Besorgnisse um Katholizismus und Kirche zur Schau tragen und überlaut äußern, so weiß jeder Unterrichtete, was davon zu halten ist. Wenn diese Kreise in allen Tonarten den Ausbruch des Kulturkampfes verkünden und auf Katholiken und Protestanten einreden, so denken sie dabei weniger an Görings Erlaß, von dem sie reden und schreiben, als an die nächtlichen Exzesse am Berliner Kurfürstendamm, die mehr auf der Ebene der rassenpolitisch-kommerziellen als auf jener der konfessionellen Auseinandersetzungen vor sich gingen." Dieser Zynismus, der einem gut gespielten Stolz zum Verwechseln ähnlich sieht — die pogromistischen Morde in Berlin nennt die deutsch-christliche ,.Reichspost" rassenpolitisch-Jkommerzielle Auseinanderiwd Hotel Arras 7 Avenue Daquls Allei Komton. Elegant« /immer. Nahe am Meer und ttatino, Idealer Aufenthalt, Komplette Pension :fFr«. 36.-~ Setzungen — stellt den Versuch dar, sich von allen Mitkämpfern, denen die Wahrung der Rechtssicherheit am Herzen liegt, öffentlich zu distanzieren. Die „Reichspost" gibt zu, daß Klarheit notwendig sei in den Beziehungen der Kirche zum antinationalsozialistischen Staat. „Aber", merkt sie wieder mit einem Seitenblick auf die katholisch Nichtbetonten an, „dieser Klarheit wird nicht gedient, wenn zu gleicher Zeit Publikationen und Publizisten, die nach politischem Herkommen und weltanschaulichen Tendenzen sonst ausgesprochene Gegner einer christlich-katholischen Staats- und Lebensformung sind, diese so überaus traurigen Dinge zum willkommenen Anlaß nehmen, um mit ganz anderen Zielen und der katholischen Presse völlig fremden Mitteln die öffentliche Meinung irrezuführen." (6. August.) Welche Geschicklichkeit, die Dinge auf den Kopf zu stellen! Bisher konnte man feststellen, daß ausschließlich die nationalsozialistischen Machthaber die öffentliche Meinung irreführten, nicht aber jene, welche die Architekten des Hakenkreuzes (die größte Köpenickiade der Weltgeschichte) zu demaskieren versuchen.. In seiner Gier, das braune Deutschland, soweit es die Interessen des Katholizismus nicht tangiert, zu schonen oder gar in Schutz zu nehmen, schreckt die „Reichspost" vor keiner Absurdität zurück. richtige ßrischfeand Modernst konstruiert, wunderbar leicht, absolut ohne Druck, ohne Beschwerden, ärztlich auch in den schwer- | sten Fällen empfohlen. Dr. Hecht's Hernlastat". ^Ja*F A 11 e i n v e i k a u f: Gratisbroschüren Tel. R 42-5-40 skalnseh Wien,Taborrtr.22 Man blättere nur: Nach der Mordnacht des 30. Juni schrieb die Montagsausgabe der „Reichspost", das „Wiener Montagblatt", man könnte nun, da die Atmosphäre gereinigt sei, den deutschen Brüdern jenseits der Grenze die Friedenshand entgegenstrecken, in der Hoffnung, daß jetzt Deutschland einer Epoche des inneren Friedens und Aufbaues entgegengehen könne. Und nach dem 25. Juli, an dem Oesterreichs Bundeskanzler Dr. Dollfuß nationalsozialistischen Meuchelmördern zum Opfer fiel, brachte die „Reichspost" eine Extraausgabe heraus, worin sie dem erschütterten und trauernden Wien die beglückende Nachricht zukommen ließ, daß Herr Franz von Papen, der Katholik, als außerordentlicher Bevollmächtigter Hitlers nach Wien unterwegs sei — als könnte das vom deutschen Hakenkreuz inspirierte und organisierte Verbrechen durch einen „Ausgleicher" wieder gutgemacht werden. In derselben Zeit, in der die verantwortungsvolle, keine den „Linkskreisen" angehörige Presse der Kulturstaaten die Schändlichkeiten des Dritten Reiches brandmarkte — vom angezündeten Reichstagsgebäude bis zum gefälschten Hindenburg-Testament —, konnte man im Hauptorgan der Katholiken Oesterreichs nicht viel von diesen Untaten lesen. Mit einer Zurückhaltung, die fast an Selbstaufopferung grenzte, wurden die Maßnahmen der nationalsozialistischen Machthaber gegen Geist, Recht, Gesittung, gegen „Juden und Judenstämmlinge", gegen die sogenannte „Bastardierung der Kultur" registriert. Wenn die Nazis ihren Appetit auf Oesterreich ad acta legen und die Katholiken in Ruhe lassen wollten, wäre so ziemlich alles in Ordnung. Das konnte man aus den Betrachtungen der „Reichspost" herauslesen. Der „Aufbruch der deutschen Nation", wie Hitler und seine Vasallen ihn im Munde führten, begegnete keiner abfälligen Kritik der „Reichspost", denn das Lippenbekenntnis zu einem positiven Christentum, gelegentlich abgelegt, machte bei der „Reichspost" zeitweise die Exzesse des Hakenkreuzes außerhalb des religiösen Bereiches zu harmlosen Intermezzi, über die sich die Juden- und Bolschcwikenpresse in aller Welt aufregte. Die christliche „Reichspo3tw brachte es öfters nicht einmal über sich, die Predigte»