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Die neue Welt · 1935-08-02 · Heft 485 (2.8.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 485 (2.8.1935)
Date
1935-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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DIR NEUE WELT Nr. 485 deutsche f udenfragödie Authentische Berichte vdn Angenaeugen Vierzehn Tage sind seit den ersten auüjüdiechen Exzessen in Berlin vergangen. Man hörte zunächst, von den Maßnahmen der Polizei, die Exzedenteh — die angebMch „dunklen Elemente" — von weiteren Attacken zurückzuhalten, und unmitte]-' bar darauf von der Ernennung des Grafen Helldorf zum Berliner Polizeipräsidenten, also von einer gefährlichen Verschlimmerung der Situation, da Helldorf als radikaler, Pogromantisemit bekannt war. Jetzt erfährt man näheres von Äugenzeugen, welche dir segenwärt ige .Judentragödie in den düstersten Farben schildern. Aus den Schilderungen ersieht man, daß die Ausbrüche nicht spontan erfolgten, sondern das Resultat einer systematischen Hetze, hauptsächlich durch Streichers .„Stürme r", waren und daher einen gefährlichen Charakter trugen, da die Banden sicher waren, nicht vors Gericht gestellt zu werden. Nur das rasche Tempo der Auslandspresse, die den „nationalen Ausbruch" als das erkannte, was er war, verhinderte weitere blutige Exzesse, Plünderungen und Verfolgungen, Auch Synagogen nicht geschont Die anüjüdischen Verfolgungen in Berlin, so erzählen sie, dauerten zwei Wochen lang ununterbrochen an. Bereits einige Tage bevor der berüchtigte schwedische Fiim „Patterscm und Bendel" im Ufa- Theater am Zoo aufgeführt wurde, wurden im Berliner 'Westen Kaffeehäuser, die mit Vorliebe von Juden besucht werden oder jüdische Besitzer haben, von S t r e i- ■'e h e r - B an den überfallen und zum Teil zerstört; ebenso wurden jüdische Passanten angegriffen und . durch die Straßen gehetzt. Es ist also nicht wahr, daß die Unruhen erst durch „freches jüdisches Benehmen" anläßlich der Aufführung des erwähnten Films ausgelöst wurden-. Uebrigens glaübt kein Mensch daran, daß auch nur ein einziger Jude Während der Erstaufführung, die ausschließlich vor geladenen Gästen stattfand, zugegen war. Die Unruhen kulminierten in den beiden Abtenden des Samstag, 13. Juli, und Montag, 15. Juli, an denen der Kurf ürsten'damm zum S'c h a uplatz der Judenjagden gewählt wurde. Aber die Unruhen dauerten seit Mitte Juli bis Ende der vergangenen Woche, da die ominöse Kundgebung des Polizeipräsidenten Helldorf erschien, in der er seine Anhänger' ersucht, das Werk der Judenverfolgung der Regierung selbst zu überlassen, in den ver- •schiedenen Wohnvierteln Berlins ununterbrochen an. Ueberau wurden Auslagefenster in jüdischen Kaffeehäusern und Geschäftslokalen eingeschlagen, in manchen Stadtteilen wurden fast sämtliche jüdische" Geschäftsrokale beschädigt. Jüdische Kaffaeiiausbesitzer wurden von der Polizei gezwungen, ausgeschlagene Fensterscheiben i m m e r wieder zu erneuern, damit der Eindruck der Verwüstung aus dem Straßenbild verschwinde. In verschiedenen Stadtteilen, besonders im bayrischen Viertel, im Berliner Westen, in Steglitz, Moabit und zahlreichen Vororten waren die Aus- Tagen -aller jüdischen Geschäfte Uber und Über mit judenfeindlichen Plakaten beklebt worden. Uebrigens wurden auch die Portale und Fassaden mehrerer anderer-. Synagogen in Berlin mit Zetteln beklejbt, die gemeinste Beschimpfungen von Juden enthielten. An mehreren Synagogen, besonders auch an der Prachtsynagoge in der Konstanze rs.tr aß e in Berlin- Schöneberg, wurden die Fensteracheiben eingeschlagen. Weit tragischer lauten die Meldungen, aus der Provinz. Unbeschadet der im allgemeinen freundlichen Haltung der Mehrheit der katholischen Bevölkerung gegenüber den Juden ist die antijüdische Hetze der radikalen Elemente in. stetem Zunehmen begriffen. Die Haltung der Streicher-, SA.-Leute und ihrer Gefolgschaftwurde in einzelnen Ort£n so drohend, daß die jüdische Bevölkerung sich in den-Kellern verstecken mußte. Die Einfahrten zu den Orten des Moselgebietes sind fast alle mit Transparenten versehen, die Aufschriften tragen, wie: „Juden Ist der Eintritt verboten", ,.Juden besuchen den Ort auf eigenes Risiko". In vielen Städten wurden nicht nur die jüdischen Geschäfte durch Boykottposten ständig blockiert, sondern oftmals weigern sich arische Geschäftsleute, durch die Streicher-Banden terrorisiert, jüdische Kunden?m bedienen. Die Lage der Juden im Moselgebiet ist so verzweifelt, daß zahlreiche j ü d i s c h e Familien das Gebiet fluchtartig verlassen. Die Stadt München ist überflutet von antisemitischen Plakaten und Flugzetteln, die unflätigste Beleidigungen gegen die Juden enthalten. Die antijüdische Hetze breitet sich wie eine Seuche in den Sommerfrischen und Badeorten aus. Oft werden die jüdischen Erholungsbedürftigen und Badegäste von heute auf morgen durch lärmende Banden auf- Nach POLEN Billig und bequem wie immer mit Dr. Tucker nunmehr im neuen Büro, IteisebUro „IN O IE WEIT« Wien IX, Liecbtenitelnstraee 2 Tel. A-U-3M gefordert, den Ort zu verlassen. Dabei fehlt es nicht an schweren körperlichen Attacken, Bei der Judenaustreibung aus dem Oatseebad M i s d r o y sind auch etwa hundert in einem von jüdischen Institutionen erhaltenen Kinderheim untergebracht gewesene pflegebedürftige Kinder ausgetrieben worden. Die Kinder mußten Hals Uber Kopf den Badeort verlassen. Hitler-Freund Streicher als Pornograph Bekanntlich wurde eine Nummer des von Julius Streicher herausgegebenen „Stürme r" behördlich beschlagnahmt und der „Stürmer" sollte für einige Zeit verboten werden, weil er Angriffe auf hochgestellte Partei- und Staatsstellen Im Zusammenhang mit der Judenfrage gebracht hat. Hitler hat das Verbot sofort aufgehoben, nachdem sieh Streicher verpflichtete, Angriffe auf Partei- und Staatsstellen nicht mehr zu bringen. Soeben Ist die erste Nummer des „Stürmer" nach der Beschlagnahme erschienen. Sie enthält natürlich keinerlei Anspielungen gegen irgend welche staatliche Stellen, dafür aber trägt sie auf der ersten Seite die Riesenüberschrift.: „Albert Weißenklee, der Rassenschänder aus Düsseldorf. In 13 Jahren 60 Haushälterinnen. Eine ganze Kett« von Verbrechen." Der über zwei Seiten gehende Artikel ist von nicht wtedec-zugebender pornographischer Schmutzigkeit Wie verlogen Streichers gegen den Juden Albert WeLßenklee, dessen Düsseldorfer Adresse angegeben wird, vorgebrachten Beschuldigungen sind, erhellt schon daraus, daß Streicher darüber Klage führt, daß Weißenklee ungehindert in den Straßen Düsseldorfs „mit dem E h r e n k r e u /. der Frontkämpfer geschmückt" herumgehen kann. Der Besuch der Delegierten der British Legion wird durch ein entsprechende« Bild nebst jüdischer Karikatur versinnbildlicht, darunter: „Der Jude kommt um den Verstand, reicht Ihr Euch zur Verständigung die Hand". Die zweite Seite enthält einen Artikel: „Der Ritualmord von Memmelsdorf. Ein sechsjähriges BUblein geschachtet". Es folgt auf der dritten Seite „Der Brief des Auslandsdeutschen". Darin erzählt ein Südamerikaner, daß die Juden ganz Südamerika in Fesseln geschlagen haben. (J. T. A.) Üensich idtsiem - Semnetitt^ Mord als Weltanschauung Unter den Nachrichten, die in jüngster Zeit aus Hitler-Deutschland kamen, gibt es kaum eine, die der vom 30. Juli aus Berlin an Grauenhaftigkeit nahekommt. Ein jüdischer Direktor eines Unternehmens wird von einem Nationalsozialisten' auf der- Straße zuerst beschimpft, dann attackiert .und schließlich mit dem Revolver niedergeschossen. Der Mörder geht ab. Die Polizei findet ihn nicht. Die deutsche Presse darf über den Vorfall nichts berichten. Ein Mord, wie viele andere — wird man sagen. Dem ist aber nicht so. Dieser Mord ist der äußerste Reflex einer systematischen Judenhetze, die als Ausfluß der weltanschaulichen Erziehung des Nazimenschen angesehen werden muß; einer Erziehung, die den Juden zum Freiwild macht, weil er kein Mensch, sondern bloß ein „Untermensch" ist. Die Terminologie des Hitlerismus stempelt den nationalsozialistischen Volksgenossen zum praktischen Handhaber jener Weltanschauung und sieht in dem Niederstrecker eines Juden das Walten einer legitimen rassischen Macht. Mord an einem Juden geschieht also im Dritten Reich kraft Rechtens; gebilligt vom „Vplksbewußtsein" wie die Meuchelmorde vom 30. Juni 1934. Die letzten Geschehnisse müssen jenen, die immer noch an die Wiederkehr der Kultur in Hitler- Deutschland, glaubten und an Stelle des Abscheus den Willen zum Verständnis und zur Verständigung gesetzt sehen wollten, zu klarem Sehen zwingen. Es gibt hier kein Kompromiß und es gibt hier keine Hoffnung. Die Assimilation hat jämmerlichen Schiffbruch erlitten. Herzls in liberaler Epoche ausgesprochenes Wort: ...Man wird uns keine Ruhe geben", wird täglich von. der Wirklichkeit bestätigt. Werden die Unionen israelitischer Bürger und Zentralvereine jüdischer Untertanen immer noch auf dem Standpunkt verharren, daß durch Betonen staatsbürgerlicher Treue und durch Gleichschaltung kultureller Usancen sich Pardon erschmeicheln könne? Das Beispiel Deutschland ist eine fürchterliche Mahnung. Wer sie nicht versteht, dem ist eben nicht zu helfen. Wertvolle Erkenntnis Die Frage, oh das Emigrantenproblem im Bereich des Durchführbaren liegt, wird seit Etablierung des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland von verschiedenen Faktoren erörtert. Das Flüchtlingskomitee und die zahlreichen privaten Organisationen haben zweifellos einiges geleistet, aber zur Durchführung der zahlreichen grundlegenden Projekte ist es bisher nicht gekommen. Das Fliichtlingsproblem ist seit den jüngsten Pogromen in Hitler-Deutschland wieder mit voller Schärfe Seit Menschengedenken wird Myrrhe-Extrakt gegen Lockerung der Zähne und Blutung des Zahnfleisches wirksam verwendet. Odol-Mundwasser enthält außer dem Qdol-Antiseptikum den Myrrhe-flExtrakt, Es kühlt und erfrischt den ganzen Körper wenn Sie zu Abreibungen vor oder nach dem Waschen (Baden), als Zusatz zum Waschwasser und als Badzusatz, auch zu Fußbädern DIANA- Franzbranntwein mit Menthol verwenden. Sie werden erfreut sein Uber die wohltuende kühlende Wirkung, welche Schlaffheit, Mattigkeit, Ueblichkeiten und andere Folgen der Hitze verhütet und mildert, ebenso das » Schwitzen und den lästigen Schweißgeruch. Verlangen Sie ausdrücklich „DIANA" und nehmen Sie nur „DIANA". Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen. In jedem besseren Geschäft erhältlich. in Erscheinung getreten, insbesondere für die deutschen Juden. Nach einer Erörterung der bisherigen Versuche schreibt das „Israelitische Familien« blatt" (Berlin): Uns deutschen Juden wird niemand helfen, wenn wir selbst es nicht tun. Mag der VHlkcrbund im September eine neue noch so innig mit ihm verknüpfte Orpvnisatlon an die Stelle des FlÜchtUngs-Kommissarinjts setzen, dessen Tage besiegelt scheinen; nach den Erfahrungen dieser Jahre haben wir wenig Hoffnung, daß damit Entscheidendes zur Bewältigung unseres Schicksals getan sein wird, so gewiß wir alle Versuche auch fernerhin begrüßen werden, schuldlos iri Not geratene Juden (und NichtJuden) zu unterstützen. Nicht von außen kommt da» Heil; nur eine Zusammenfassung unserer letzten eigenen Kräfte wird es bringen. „Wenn wir seihst uns lücht helfen — wer sonst? Und wenn nicht .heut« — wann sonst..." Es ist dies eine Erkenntnis, die nichts mehr Resignationshaftes an sich hat, sondern einen positiven Kern birgt und daher wertvoll ist —-"eine nationaljüdische, zionistische - Erkenntnis! Brasilien und Peru nehmen Flüchtlinge auf Aus Sao Paulo: Die Regierung des brasilianischen Staates Sao Paulo veröffentlicht ein Dekret, laut welchem eine größere Einwanderung zwecks Kolonisierung des Landes erlaubt wird. In dem Dekret wird gesagt, daß die soeben verkündete neue Verfassung der Regierung den rassischen und religiösen Frieden garantiert. Gleichzeitig wird bekannt, daß die von Deutschland genährte antisemitische Propaganda verstärkt werden soll. 101 Integralisten (Mitglieder der antisemitischen faschistischen, Organisation Brasiliens), von denen die meisten D eutsehe sind, haben sich nach Deutschland begehen, um die nationalsozialistischen Methoden zu studieren, und sie später in Brasilien anwenden zu können. Mucio Carneiro Leon vom „Journal de B r azi 1" und Vaz de Barros vom „Estado Sao Paulo" sind auf Einladung dea Nazi-Hauptquartiers in Berlin mit dem „Graf Zeppelin" nach Deutschland abgereist, um dort ein Programm der Nazi-Werbearbeit in den südamerikanischen Ländern auszuarbeiten. •* Aus Lima: Anläßlich des Besuches von Doktor I n m a n vom Hochkommissariat für die deutschen Flüchtlinge wurde in L i m a ein Einwanderer-Hilfskomitee organisiert, das sich hauptsächlich aus deutschen Juden zusammensetzt. Das Komitee unterhält Beziehungen zu HIC E M in Paris und zum Hochkommissariat für die deutschen Flüchtlinge beim Völkerbund. Es befaßt sich mit der Beschaffung von Stellungen für eine bestimmte Anzahl von Flüchtlingen bei jüdischen Geschäftsleuten und Baumwollhändlern. (J. T. A.) Aus dem arabischen Lager Aus Jerusalem: Im arabischen Lager glaubt man immer weniger an eine Einigung der arabischen Führer. Die große arabische Zeitung „A'D i f a a" sehreibt, daß die Gegner eines Friedensschlusses unter den arabischen Parteien zahlreicher seien als seine Befürworter. Dle^Zeitung fordert aber die arabischen Führer auf, ihren persönlichen Kampf gegeneinander einzustellen. Sie stellt lest, daß im Grunde genommen unter den arabischen Führern in prinzipiellen Fragen keine tiefen Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind; das gelte von den Zielen sowohl als von den Mitteln, die zu ihrer Erreichung anzuwenden seien. Allo arabischen Parteien streben noch einer Unabhängigkeit von Palästina im Rahmen eines panarablsehen Staatenbundes. Alle verwerfen die Balfour-Deklaratlon und erkennen das Jüdische' Nation alheim nicht an. Und was schließlich die Tätigkeit der Parteien anlange, so wisse jeder, schreibt das Blatt, daß sie über das Schreiben von Memoranden und die Abgabe von Protesten kaum hinausgehe. Die Zeitung „Ai-Arabia" teilt mit, daß das M i tg 1 i e d der arabischen Exekutive Josef SemriK' einem Tel-Aviver Jude u Boden In Beth Schau verkauft habe. (J. T. A.) Der Plan des Legislative Council Aus Jerusalem: Der High Commissioner Generai Sir Arthur Wauchope begibt sich am 6, August nach England, wo er seinen Urlaub verbringen wird. Er wird sich mehrere Wochen in London aufhalten und mit dem. Colonial Office Beatungen über die aktuellen Palästina- Fragen pflegen. Die Entscheidung über Einsetzung oder Nichteinsetzung eines Legislative Council in Palästina wird erst nach der Rückkehr des High Commissioner1 von seinem Urlaub publiziert werden. (Jt Ts A.l

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