Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 484 (30.7.1935)
- Date
- 1935-07-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 DIE NEUE WELT Nr. 484 Voller Erfolg des Boykotts Dlo tTn parteiische Anti-Xasl-Llga Amerikas veröffentlicht soeben einen statistisch belegten Bericht über dto Entwicklung des deutschen Außenhandels in den .Jahren 1932, 1938, 193-1 und in den ersten Monaten des Jahres 1985, dem zu entnehmen ist: Deutschlands Export nach den Vereinigten Staaten ist in den letzten drri Jahren um ganze 49 Prozent, d. h. fast um die Hälfte, gesunken; In der gleichen .Periode ist Deutschlands Weltexport um 3* Prozent gesunken. In dem P.ericht wird betont, daß dieses für Deutschte nd katastrophale Sinken seines Exportes eine Frucht der Boykottbewegung ist, die In der ganzen Weit se^en das heutige Regime in Deutschland sich richtet. In dem Bericht wird weiter festgestellt, daß Deutschlands Export in B a u m w o 11 w a r e n um volle 75 Prozent gesunken ist. Der deutsche Spiel Warenexport, einst in der Welt führend, hat sich um 60 Prozent vermindert. Der Bericht schließt: „Diese Zahlen beweisen den vollen Erfolg des Boykotts. Der deutsche Finanzdiktator Dr. Schacht hat selbst offen zugestanden, daß der Nazismus mit dem deutschen Außenhandel steht und fallt. Er hat zu Mitteln gegriffen, die bisher in Fricdenszjeiten völlig unbekannt waren; er hat die Industrien im ganzen Lande ihrer Profite entblößt, um einen Exportfonds zu schaffen, der die deutsche Textilindustrie in die Lage bringen solle, mit ihren Produkten im Auslande einen Dumping zu treiben. Doktor Schacht hat aber eine Tatsache unbeachtet gelassen: mag er bei seiner Aktion, die deutschen Produkte um jeden Preis auf den Weltmarkt zu werfen, Erfolg haben, niemals aber wird er außerhalb Deutschlands genug Men sehen finden, die sich bereit finden werden, ihre Ab n e i g u ii g gegen das barbarische Nazi- System für billige Ware preiszugeben." Englische Betraditungen In England ist der Eindruck der Juden- und Katholikenverfolgungen nicht geringer als in Amerika. Die öffentliche Meinung ist erregt. In der Presse und in öffentlichen Körperschaften werden Abwehrmaßnahmen verlangt. Oberst Wedgwood teilt mit, daß er in der nächsten Sitzung des Unterhauses den Außenminister Sir Samuel H o a r e interpellieren wird, ob ihm die Mit teilungen des Hochkommissars James MacDonald über die Leiden der deutschen Flüchtlinge und über die Verfolgungen der Juden in Deutschland zur Kenntnis gekommen seien und ob die Regierung bereit sei, sich mit der Frage zu befassen, was man tun könne, um eine Besserung der Situation herbeizuführen. In einer zweiten Anfrage will Oberst Wedgwood die Erleichterung der Einwanderungsbedingungen in England im Hinblick auf die Verfolgung von Christen und Juden in Deutschland fordern. Der bekannte englische Schriftsteller Louis Golding veröffentlicht im „News Chronicle" einen Appell an das englische Publikum, in dem er u. a. ausführt: An das Herz des deutschen Volkes zu appellieren ist unmöglich, denn es ist hinter den Schranken •der Zensur und Propaganda unerreichbar. Ich will nicht eo anmaßend sein, mich an unsere Regierung zu wenden. Ich appelliere an das englische Publikum, das immer noch an Kopf und Herz das gesündeste in der Welt bleibt. Zuerst und zuletzt deshalb, daß es endlich die Lethargie abschüttle, die es in bezug auf die deutschen Verhältnisse befallen hat. Wären wir Engländer nicht in jene Lethargie verfallen, ich zweifle, ob die Sprecher der British Legion sich kürzlich in Berlin befunden hätten. Wir müssen dafür sorgen, daß jene Deutschen, die die Wahrheit noch nicht kennen, sie erfahren, und daß diejenigen, die sie kennen, wissen, wie sie uns entsetzt. Wenn eüie Tragödie, die Deutschland für alle Zeiten zum Abscheu der Menschheit machen würde, verhütet werden soll, dann muß unsere Aktion rasch und stark sein. Es geht weiter ♦ ♦ ♦ Anschließend an diese von der Jüdischen Telegraphenagentur (J. T. A.) ausgegebenen Meldungen erfahren wir durch das tschechoslowakische Preßbüro (PraDie judenfeindliche Agitation wird fortgesetzt. In der Nacht wurden in zahlreichen jüdischen Geschäften die Fensterscheiben eingeschlagen. Havas meldet aus Berlin: Die antisemitische Propaganda wird eifrig fortgesetzt. Am Bayerischen Platz hat man an den jüdischen Geschäften Anschriften angebracht: „Ich bin Jude. Deutsche kaufen in meinem Geschäft auf eigenes Risiko und eigene Gefahr." In D resden müssen die jüdischen Geschäfte bereits um 17 Uhr schließen. In den Straßen hört man Sprechchöre: „Eine deutsche Frau hat keine Beziehungen mit einem Schwein." An manchen Lokalen sind Anschriften angebracht: „Hunden und Juden ist der Eintritt verboten." In den .Straßen Berlins und der Provinzstädte kam es wiederum zu tätlichen Angriffen auf jüdisch aussehende Passanten. Aus verschiedenen deutschen Städten werden Verhaftungen von Juden wegen angeblicher „Rassenschande" gemeldet, ebenso Badeverbote aus Bremen, Frankfurt, Würzburg und Alienstein. Im Verwaltungsbezirk Berlin-Steglitz erschien ein Aufnif, worin alle öffentlichen Bediensteten bei Androhung des Entzuges von Unterstützungen aufgefordert verden, keinerlei jüdische Dienste in Anspruch zu nehmen. Die Bedrohung der Juden in den kleinen Städten ist so groß, daß kleine' Gemeinden durch jüdische Abwanderung verschwinden. > Die Aufforderungen zum Judenboykott werden in einer Form gegeben, die Erpressungen gleichkommt. Es ist jiidischerseits jede Hoffnung verschwunden, sich eine ExistenzbasLs auf längere Sicht zu »ichern. Die Verbreitung des ..Stürmer" in Norddeutschland und die Ernennung Helldorfs zum Berliner Polizeipräsidenten sind i. Wollzeile 17 Tel. R-24-2-16 Herstellungen: %6, Vi8, V*10 EHEIHNUMMER XuiRD DEPORTIERT .YU Das Haus des Schreckens Boris Karloff, Charles Laugthon MariahilferstraBe B-33-0.68 die äußeren Zeichen weiterer Pogrome, und wirtschaftlicher Vernichtung. Die Ziom'sten Amerikas Das Administrative Committec der Zionistischen Organisation Amerikas hielt eine Sondersitzung ab und faßte eine Entschließung, in der der tiefen Sorge über das fernere Schicksal der deutschen Juden angesichts des Ueberhandnehmens der antijüdischen Hetze und Verfolgung und des Vordringens des Streicher-Geistes in Deutschland Ausdruck gegeben wurde. Das Administrative Committee beschloß, eine Reihe angesehener jüdischer Führer aus allen Teilen der U. S. A. einzuladen, sich zu einer Delegation zusammenzuschließen, die den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Franklin Roosevelt. besuchen und ihn auffordern soll, im Namen des amerikanischen Volkes der Entrüstung über die Unterdrückung der Juden in Deutschland Ausdruck zu geben. RUNDSCHAU Smmer noch da§ Flüchtlings? problem Wir berichteten in unserer letzten Ausgabe über das Expose, des vom Völkerbund eingesetzten Flüchtlingskommissärs James Macdonald, der erklärte, daß die nächste Völkerbundversammlung sich mit dem noch immer akuten Flüchtlingsproblem befassen müsse. Der Verwaltungsrat. des Flüchtüngskomit.ees, unter dem Vorsitz des Lord C e c i 1, befaßte sich vor einigen Tagen in London mit dem Hochkommissariat für die deutschen Flüchtlinge, wobei Lord Cecil einen Plan zur Versorgung der Flüchtlinge entwickelte, der den bisherigen Plänen analog ist. Die norwegische Regi'erung, die die Setzung der Frage des internationalen Schutzes für Flüchtlinge auf die Tagesordnung der Septembersession der Völkerbundversammlung beantragt hat, ließ dem Generalsekretär des Völkerbundes ein Memorandum zukommen, in welchem sie unter anderem auf folgende Umstände hinweist: Das vom Völkerbund unterhaltene Nansen- Amt soll vor Ende des Jahres 1939 liquidiert werden. Dieses Amt beschäftigt sich übrigens nur mit dem Lose der russischen, armenischen, assyrischen, assyro-chaldäischen und türkischen Flüchtlinge. Mit dem Lose der Flüchtlinge aus Deutschland beschäftigt sich Oberkommissär Macdonald, dessen in London befindliches Büro nicht dem Völkerbund untersteht und dessen Verwaltungsausgaben in Gänze von Privatorganisationen getragen werden. Schätzungsgemäß unterstehen dem Nansen-Amt ungefähr eine. Million Flüchtlinge, und zwar davon zirka 800.000 Russen. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge aus Deutschland wird auf 80.000 geschätzt, wovon mehr als 20.000 sich in Palästina ansiedeln konnten. Angesichts dieser Lage schlägt die norwegische Regierung die Schaffung einer einheitlichen, zentralen Organis a'tion des Hilfswerkes für Flüchtlinge in Genf unter den Auspizien oder innerhalb des Völkerbundes vor. Dieser Organisation solle die Sorge für alle Flüchtlinge obliegen, denen der Völkerbund Hilfe und Beistand zugesagt hat oder noch zusagen wird. Wir stehen also noch immer vor der Lösung der Flüchtlingsfrage. Palästinensische Prosperität In der Generalversammlung des Economic Board for Palestine, die im Wobum Hou.se zu London abgehalten wurde, erklärte der Leiter des Exekutivausschusses des Board, Sir Robert Walcy-Cohcn, die Prosperität in Palästina sei jetzt ein stabiler Zustand. Dies sei auf die rigorosen Maßnahmen gegen eine stärkere Einwanderung von Arbeite r dementen seitens der Regierung zurückzuführen. Er forderte eine einschneidende Milderung dieser Maßnahme, die eine Gefahr für die Wirtschaft ist. Palästina, fuhr Sir Robert Waley-Cohcn fort, wird auch weiterhin eine wichtige, Rolle in der Wirtschaft der Welt spielen, falls dem einströmenden Kapital genügend Spielraum gelassen wird. Die Einschränkung der jüdischen Einwanderung bedeutet ein Abweichen von der Politik der Freiheit, die in der britischen Tradition und im britischen Charakter verankert ist. Die britische Regierung muß mit Bezug auf Palästina zu dieser Politik zurückkehren und es jedem Juden, der nach Palästina kommt und dort Arbeit findet, ermöglichen, im Lande zu bleiben. Die Kombination britischen staatsmännischen Geistes mit jüdischem Idealismus und jüdischem Unternehmungsgeist kann in Palästina noch Großes vollbringen. Die Rücksicht auf den Fortschritt in Palästina fordert eine freiere Immigration. Die. heute bestehenden Beschränkungen bedeuten in jeder Hinsicht eine Hemmung für die Entwicklung. Der Zustrom neuer Einwanderer in Palästina wird bewirken, daß die palästinensische Prosperität auf die Nachbarländer übergreift, so daß auf diese Weise wiederum Platz für neue jüdische Einwanderer geschaffen wird. Die Mehrheit der Araber in Palästina und in den Nachbarländern schätzt die Bedeutung der jüdischen Arbelt richtig ein. Generalleutnant Sir Travers Clarkc wies darauf hin, daß die MandatarmacJat zuweilen aus politischen Gründen Maßnahmen trifft, die mit den ökonomischen Bedingungen nicht in Einklang zu bringen sind. Davon müsse abgewichen werden. Palästina müsse in die Zoll-Meistbegünstigung des britischen Reiches einbezogen werden. Es wurde sodann der Jahresbericht verlesen, in welchem festgestellt wird, daß der Fortschritt in Palästina alle Erwartungen übertroffen hat; aus einem vom philanthropischen Gesichtspunkt finanzierten Land« entwickelt sich Palästina zu einem Land mit einer festfundierten ökonomischen Basis und bietet Garantien für weitere Prosperität. Der Economic Board hat sich mit Erfolg bemüht, englische Schiffsgesellschaften an dem Palästina-Touristenverkehr zu interessieren. Ein Ruf ins Leeret Der Herausgeber der bedeutenden englischen Zeitung „Sunday Referee" richtet in seiner Ausgabe vom 22. Juli einen Appell an den britischen Premier Mr. B a 1 d w i n, in dem er schreibt: „Im Verlauf der letzten 48 Stunden war ich in ständigem Kontakt mit meinem Berliner Korrespondenten. Er hat mir Dinge erzählt, die er während der Exzesse gesehen hat, Dinge, die ihm das Blut in den Adern kochen machten. Die Nationalsozialisten stehen jetzt vor einer neuen Krise, einer ökonomischen und einer politischen. Diesmal ist es sehr ernst. Daher ist ein Ablenkungsmanöver in großem Stil notwendig". Der neue Polizeichef Hclldorf ist für diesen Zweck bestimmt worden. Wir stehen am Vorabend eines unerhörten Pogroms, des größten seit Kischincw. Ich werde Ihnen sagen, was ich täte, wenn ich B a 1 d w i n wäre: Ich würde die diplomatische Etikette beiseite legen und riskieren, mich in die Angelegenheiten eines anderen Volkes einzumischen. Ich würde Deutschland in gewöhnlichem Volks-Englisch sagen, daß die religiösen Verfolgungen für immer ein Ende haben müssen. Ich wollte der Welt erzählen, daß Mr. Bull (der traditionelle Engländer), schon lang geschwiegen und zugeschaut habe, was der deutsche Michel tut, zugeschaut auch die beiden Nachbarn Laval und Mussolini und auch der ferne Nachbar Roosevelt, und wortlos die Mordtaten des deutschen Michels aufgenommen haben. Ich würde es so laut sagen, daß die Welt „Bravo!" rufen müßte. Denn jetzt muß endlich die menschliche Stimme gehört werden." Ein warmer Appell an Mr. Baldwin und an die zivilisierte Welt, aber vorläufig ohne viel Aussicht auf Erfolg! Ein neues Ssedlungsprojekt Die Regierung der südamerikanischen Republik Ecuador machte der Liga für jüdische territoriale Kolonisation „Fr eil and" (Paris) den Vorschlag, ein Territorium von 7,500.000 Hektar anbaufähigen Bodens zur Absiedlung von jüdischen Flüchtlingen bereitzustellen. Auf diesem Territorium könnten 50.000 jüdische Familien angesiedelt, werden, lieber das Angebot beriet die Tagung der „Frciland"-Bewegung in London, welche das Ziel verfolgt, ein autonomes Territorium zur Ansiedlung derjenigen Juden zu finden, welche ihre Heimat verlassen müssen. Die Londoner Konferenz hatte ein vornehmes und gewichtiges Gesicht, denn es waren große Herren erschienen mit dem ernsten Willen, sich mit dem gesamtjüdischen Problem zu beschäftigen. Bei einem F r ü hs t üc k zu Ehren der Delegierten der „Freiland"-Konfcrenz wurden Reden gehalten und Botschaften verlesen. Unter den Anwesenden befanden sich das Untcrhausmitglicd Barnet J a n n e r. Lloyd George und die Frau des verstorbenen Schriftstellers Israel Zang will, des bekannten Territorialisten. Vorläufig wurden keine Beschlüsse gefaßt. Da3 Angebot der Ecuadorrcgicrung wird erst geprüft werden. Aber man kann heute schon bezweifeln, ob der im ersten Augenblick an den Tag gelegte Optimismus berechtigt ist, denn an die Besiedlung des erwähnten Gebietes sind Bedingungen geknüpft, die im Lichte eines jüdischen Zukunftswerkes nicht verlockend sind. Einige der Bedingungen sind: Die neuen Kolonien sollen au." kooperativer Grundlage gebaut werden und auch die nichtjüdischen Flüchtlingen offenstehen; aus der Arbeit der Kolonisten darf der eingeborenen Bevölkerung kein Schaden entstehen; autonome Rechte werden den Siedlungen nicht gegeben; die Amtssprache ist spanisch. Unter den Rednern am Frühstück der „Freiland"- Delegicrten betonten fast die meisten, daß sie keineswegs Gegner der zionistischen Kolonisation in Palästina seien, daß sie aber, da Palästina nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne, sich genötigt, sehen, ein neues Territorium für jüdische Siedlungh zu linden. Wir denken nüchterner. Wir haben aus der Erfahrung gelernt, daß bei der Errichtung» einer neuen Heimat auf fremdem Boden seitens der Siedler Opfer gebracht werden müssen und niemand freiwillig das Opfer sein will, es sei denn, daß es um Palästina ginge. Alle bisherigen jüdischen Kolonisationen größeren Stils, die nicht das jüdische historische Sentiment zur Stützkraft hatten, sind gescheitert. Wir sind nüchterner als die gewiß ehrlichen Leiter der „Freiland"-Bewegung. Uns stehen die Erfahrungen in Argentinien (Baron Hirsch) und in Sowjetrußland vor Augen. Luftlinie Polen - Palästina eröttfnet Aus W » r s <; h a u wird gemeldet: Die Luftlinie 1* o 1 n n —- P a 1 a 8 t i n a Int eröffnet, worden. Die Flugzelt dauert 559 Stunden. Billige Sonderfahrten nach Polen und (zerrtowitz Abführten: Sonntag, 4., U., Iß. und 26. Aujniht. D-Zuk : Abfahrt 10.15 Uhr, Ostbalinhof. Rückfahrten am 4. August, 1. und 15. .September. Nach Zakopane zu den Bergfeste-Feiern vom 4. bis 11. August 70 Prozent Eiseilbahnerm«lßigung. Polnisches Visum gratis. Reisobliro „FR ANCOPOL", III., Rennweg 1, Telephon lMfl-440