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Die neue Welt · 1935-07-30 · Heft 484 (30.7.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 484 (30.7.1935)
Date
1935-07-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen lahrgang 0 Dienstag, den 30« Juli 1935 Nr« 484 V. b+ Ii« Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6di6 par rMiteur" , A Wien, »• E V U HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Bumänlen monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Marie 3.—; Batterien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitäfsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. rreiiao Amerika für antfideutsche Boykottfront ■■HHBHHHnHHHfflHHHI ^^^^^^^■»■^^^■■^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■B Forderungen an Roosevel* und Völkerbund Weltpolitik der Woche Wie so oft in schwierigen Augenblicken für das Judentum, hat Colonel Wedgwood auch diesmal, unmittelbar nach den antijüdischen Exzessen in Deutschland, im englischen Unterhaus eine Interpellation eingebracht, die bezweckte, die Aufmerksamkeit der englischen Regierung auf die neuerlich verschärfte Judennot zu lenken. Wedgwood sieht die Lage als ernat an und fragte, ob irgend etwas durch den Völker buna getan werden könne. Denn es würder, neue Flüchtlingsmaasen entstehen und dem vom Völkerbund eingesetzte:! Hochkommissär MacDonald zu tun geben. Die Antworten des Außenministers Sir Samuel Hoaro v/aren sehr vorsichtig. Er gab zu verstehen, daß man dem Völkerbund sowie dem Flüchtlingskommissär MacDonald die Entscheidung über einzu- Jcitende Maßnahmen überlassen müsse, eine äußerst vorsichtige und zu nichts verpflichtende Antwort. Aber wir können uns mit solch einer Antwort, nicht zufriedengeben. Wir haben ein Anrecht darauf, zu erfahren, was mit unseren in Deutschland verfolgten Brüdern geschieht, insbesondere im Zusammenhang mit der Errichtung der „Jüdischen Heimstätte" Palästina, an der England durch das ihm übertragene Mandat mitverpflichtet ist. Das jüdische Volk der ganzen Welt macht die größten Anstrengungen, durch Arbeit und Kapital Palästina aufzurichten. England wurde ihm durch den Völkerbund als Partner, bzw. als Treuhänder mitgegeben. England ist gegenüber dem Völkerbund verpflichtet, den Juden der ganzen Welt, dem ganzen jüdischen Volk bei dieser Aufgabe zu helfen und alle Hindernisse zu beseitigen, die sich ihr entgegenstellen. Jeder Jude, der entschlossen ist, seine Energien dam Palästina-Aufbauwerk zu widmen, sollte des englischen Schutzes gewiß sein. Denn die Mandatsbestimmungen beziehen sich — wie schon öfters auch seitens der mildesten Ausleger interpretiert wurde — nicht bloß auf den palästinensischen Jischuw, sondern auf alle Juden, wo immer sie auch wohnen. Dieser Verpflichtung kann die Mandatarmacht sich nicht entziehen, es sei denn, daß sie dem Mandat untreu wird oder daß die Zionistische Organisation auf die englische Beihilfe verzichtet. Da öolch eine Annahme absurd wäre, bleibt nur mehr übrig, England darauf aufmerksam zu machen, daß durch die Verfolgung der deutschen Juden der Aufbau Palästinas mitbetroffen ist. Der Jude — so kann man argumentieren — den die deutschen Machthaber in seiner physischen, materiellen und geistigen Existenz bedrohen und schädigen, ist auch als Faktor bei dem vom Völkerbund betreuten Palästina-Auf bau geschädigt und hat daher legitimen Anspruch darauf, geschützt zu werden. Diese Argumentation besitzt eine moralische und rechtliche Grundlage. Es geht nur darum, ob England sie sich zu eigen machen wird. Der Standpunkt, daß die Behandlung der deutschen Judenfrage durch England eine „innere Einmischung" wäre, ist unhaltbar. England ist nach dem Sinn des Mandats verpflichtet, eine Schädigung der für die Palästina-Arbeit bereiten Juden hintanzuhalten. In einer großen Rede im englischen Unterhaus am 28. Juli d. J. verlangte der Abgeordnete James de Rothschild, der Sohn des „Barons" (Edmond de Rothschild) vom Kolonialminister, daß er den in Deutschland verfolgten Juden die Tore Palästinas öffne; England sei verpflichtet, erklärte er, den jüdischen Menschen, der nach Palästina gehen wolle und den Palästina brauche, den brutalen' Naziangriffen zu entziehen. Und Wedgwood, der ebenfalls für den Schutz der Juden und der jüdischen Wirtschaft eintrat, sagte am gleichen Tage im englischen Unterhaus, daß englischerseits alle Maßnahmen getroffen werden müssen, um eine Benachteiligung der Juden im Zusammenhang mit dem zionistischen Werk in Palästina unmöglich zu machen. „Das Transferabkommen", rief er aus, „war falsch sowohl im Interesse Englands als auch im Interesse Palästinas." (Wir werden auf beide Reden noch zurückkommen.) Auf Grund der Sachlage hat die Zionistische Organisation daa Recht, von England, beziehungs- Die Ereignisse in Deutschland haben die Aufmerksamkeit deir Vereinigten Staaten auf intensivste erregt und große, einflußreiche Gruppen zu Manifestationen veranlaßt, die das nomale Maß solche Kundgebungen weitaus übersteigen. Die öffentliche Meinung Amerikas verlangt Maßnahmen gegen das pogromistische Hitler-Deutschland und insbesondere eine moralische Verurteilung der von den deutschen Machthabern gebilligten Exzesse und systematischen Judenverfolgungen. Besondere Hervorhebung verdient die am Dienstag, den 23. Juli, abgehaltene Versammlung der 2000 Repräsentanten der jüdischen Organisationen, welche über die wiederum akut gewordene Gefahr für die Existenz der deutschen Juden und über Mittel zu detren Abwehr berieten. Die Konferenz war eine spontane und nahm einen außerordentlich eindrucksvollen Verlauf. Die Konferenz beschloß, eine Abordnung, bestehend aus prominenten Führern des amerikanischen Judentums der verschiedenen Richtungen, an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Franklin Roosevelt, zu entsenden und ihn zUv bitten, seine Stimme zugunsten der ververfolgten Juden in Deutschland zu erheben, damit dem grausamen Wüten der Judenfeinde Einhalt geboten werde. Die Konferenz beschloß ferner: Erstens, den Kongreß der Vereinigten Staaten zu ersuchen, der nationalsozialistischen Regierung in Deutschland gegenüber zum Ausdruck zu bringen, daß die Amerikaner die erneute Verfolgung dier Juden in Deutschland verurteilen; zweitens, die amerikanische Regierung zu bitten, Schritte bei der deutschen Regierung zu unternehmen, um diese zu veranlassen, die Juden in die ihnen ge(raubten Rechte wieder einzusetzen; drittens, die Regierung der Vereinigten Staaten zu bitten, Handelsverträge mit Deutschland so lange nicht abzuschließen, als die Entrechtung und die Verfolgung der Juden andauert; viertens, den Völkerbund zu ersuchen, bei fortdauernder antijüdischer Verfolgung und Entrechtung in Deutschland Sanktionen, auch wirtschaftlicher Natur, gegen Deutschland in die Wege zu leiten; fünftens, die amerikanischen Sportverbände und die zur Teilnahme an der Olympiade 1936 in Berlin auserwählten amerikanischen Sportler aufzufordern, ihre bereits zugesagte Teilnahme an der Olympiade zurückzuziehen; sechstens, die amerikanische Judenschaft und das amerikanische Volk aufzufordern, den Boykott deutsch« r Waren und Dienste zu steigern. Zweiunddreißig Senatoren des Amerikanischen Kongresses, unter ihnen der in der amerikanischen Außenpolitik maßgebende Senator Borati, sandten der Konferenz Begrüßungsbotschaften, in denen sie die Unterstützung der Forderungen der Konferenz zusagten. Die Katholiken schließen sich an Wie bisher, haben sich auch diesmal die amerikanischen Katholiken gegen die Judenverfolgungen ausgesprochen. Der Verband katholischer Kriegsvieteranon nahm auf seiner Tagung eine Resolution an, in der die amerikanischen Sportverbände aufgefordert werden, ihre bereits gegebene Zusage zur Teilnahme an der Berliner Olympiade 1936 unter Hinweis auf die erneute Verfolgung der Katholiken und Juden in Deutschland zurückzuziehen. Wird England etwas tun? Havas meldet aus London, daß die britische öffentliche Meinung die antikatholischen und antijüdischen Verfolgungen in Deutschland verurteilt. Einigen Nachrichten zufolge, soll das britische ffffffffff f f f ff^f ff ff f f f?f ▼? f ff ff f??f f fff^Vf ▼? f f f f1 weise vom Völkerbund Schutz der deutschen Juden vor dem terroristischen, amtlichen Hakenkreuz und Sistierung des Transferabkommens zu verlangen. Der Kongreß in Luzern wird diesbezüglich weittragende Entschlüsse zu fassen haben. Allerdings ist hiefür bei der voraussichtlichen Kräftekonstellation nur geringe Hoffnung vorhanden. Die jüdischen Massen, die dem Kabinett entschlossen sein, in Berlin eina diplomatische Demarche zu unternehmen, falls die antijüdischen "Verfolgungen nicht aufhören sollten. Auch die Londoner Korrespondenten einiger Pariser Zeitungen melden, daß sich die englische Regierung mit der Möglichkeit beschäftigt, in Berlin eine Demarche gegen die Judenverfolgungen zu unternehmen. So meldet „Figaro", dessen Londoner Berichterstatter als besonders gut informiert gilt: „Die neue Verfolgungswelle in Deutschland hat in der englischen Oeff entlichkeit einen außerordentlich starken Eindruck hinterlassen. Besonders erregt ist die englische Bevölkerung darüber, daß nach den neuesten Maßnahmen den Juden in Deutschland keinerlei Lebensmöglichkeit, im besonderen auch keinerlei Möglichkeit der wirtschaftlich tu Betätigung verbleibt. Wenn wir gewissen politischen Informationen glauben dürfen," schreibt das Blatt, „so ist; das englische Kabinett entschlossen, in Berlin eine diplomatische Demarche zu unter« nehmen, im besonderen wegen der Verfolgungen der Juden." Die Blätter weisen darauf hin, daß sich die eng« lische Regierung zu einem diplomatischen Schritt bei de? deutschen Regierung besonders deshalb verpachtet fühlen dürfte, weil ihr von der öffentlichen Meinung nicht nu? Englands, sondern der ganzen Welt zum Vorwurf gemacht wird, daß sie durch ihre Politik in den letzten Wochen das nationalsozialistische Regime innenpolitisch gestützt habe und auf diese Weise — wenn, auch mittelbar — eine gewisse Verantwortung für die inneren Vor* gange in Deutschland übernommen hat. Ferienfahrt' der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung" mit SammelpaB nach POLEN und CERNAUTI am it. August. Rückfahrten: 1. und 15. September Technische Durchführung, Anmeldung und Auskunft: „Oesterr. VerkehrsbUro", Wien I, Friedrichstr. 7, Tel. B-27-500; Wien I, Graben 20, Tel. U-2S-0-35; Polnisches Reisebüro „ORBIS", Wien I, KSmtnerstr.41, Tel. R-21-5-78; Reisebüro „Marlenbrücke'" Wien I, RotenturmstraBe 26, Tel. R-24-2-86, R-24-2-87 Verstärkung des Boykotts Das Antwerpener Boykott-Komitee ruft die jüdische Bevölkerung Belgiens zur Verstärkung des Boykotts deutscher Waren unter Hinweis auf die letzten Ereignisse in Deutschland auf. Das Organ deir Arbeiterpartei, „Poeupi e", teilt mit, daß der deutsche Import in Belgien, der 1933 monatlich 406 Millionen Mark betrug, im Jahre 1934 auf 327 Millionen Mark im Monatsdurchschnitt gesunken ist. Der energische Senator King Reuter meldet aus Washington: Der demokratische Senator King gab bekannt, daß er eine Resolution ausarbeitete, in der gefordert wird, eine Untersuchung darüber anzustellen, ob die Vereinigten Staaten nicht die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland abbrechen sollen. Wie Senator King hierzu weiter ausführt, unterdrückt das Hitler-Regime die Juden und Katholiken und erfüllt nicht seine Verpflichtungen den Vereinigten Staaten gegenüber. Terror ist System „Manchester Guardian" bespricht im Leitartikel die Ereignisse in Deutschland und kommt zum Schluß, daß diejenigen, die hofften, daß die Nazi mit der Zeit „gemäßigter" und „vernünftiger" werden würden, durch die letzten Ereignisse (durch die Angriffe auf die Juden, die Kirchen und den Stahlhelm) ihrer Illusion vollkommen beraubt werden mußten. Der Terror ist ein organischer Bestandteil des Systems, er verschwand für keinen Augenblick, ging eine Zeitlang im geheimen vor sich, um nicht im Auslande, insbesondere in England, einen schlechten Eindruck zu wecken. „Manchester Guardian" schließt: Wir sind überzeugt, daß die britische Regierung gegenüber den englischen Juden, falls diese ihrer tiefen Trauer wegen der fortdauernden und immer sich steigernden Verfolgung ihrer deutschen Brüder Ausdruck geben, keine tauben Ohren haben wird. Schlagwort „Arbeitendes Palästina" bei den Kongrcßwahlen erlegen sind, werden ihre Schwäche in Luzern schwer zu büßen haben. Die patriotischen Zionisten sind in ihrer Lage nicht zu beneiden. Der Hegemonie der Linken haben sie diesmal keine Macht, nur ihre« Glauben an ein nationales Heim, an einen Judert« Staat entgegenzustellen, o. r. ..«

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