Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 482 (23.7.1935)
- Date
- 1935-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE NEUE WELT Nr. 482 „Idi bin traurig und empör!" wMmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm 3eiU 2 llllfl« Sonderfahrten nach Polen und Czernowitz Abfahrten: Sonntag, 28. Juli, 4., II., 18. und 25. August. Rückfahrten am 4. August, 1. und 15. Sep.ember. Nach Zakopane zu den Bergfeste-Feiem vom 4. bis 11. AugtMt 70 Prozent E'tenbahnermäßleung. Po nlsches Visum gratis. Retseoflro nFRAN(OPOl", III., Rennweg I.Telephon IM6-4-90 nerstag wurde abermals eine große Anzahl Pariser Blätter, darunter „Temps", „Journal", „Echo de Paris", ..Figaro", „Journal des Debats" wegen ihrer Meldungen über die Ausschreitungen beim Eintreffen der Pakete in Berlin beschlagnahmt. (J. T. A.) Die Folgen des Hetzfllnis Aua Paris: Der Berliner Berichterstatter des Havas-Bureaus meldet, daß sich am Kurfürstendamm die antijüdischen Demonstrationen wiederholten. Beim Verlassen des Kinos, in welchem der schwedische antijüdische Film „Pctterson'und Bendel" gespielt wird, wurden Personen mit jüdischem Aussehen überfallen und verprügelt. Die Polizei schritt erst nach dem Ueberfall ein. Die Ausschreitungen hätten in der Mehrzahl Zeitungsverkäufer mit antijüdischen Pres.seerzeugnissen hervorgerufen. Wie weiter aus Berlin berichtet wird, wird der Hetzfilm „Petterson und Bendel" außer im Ufa- Theater am Zoo nunmehr auch in verschiedenen Kinotheatern Berlins aufgeführt. Regelmäßig sammeln sich vor den Theatern die Streicherschen Banden und veranstalten von hier aus Ueberfälle auf Juden und jüdisch aussehende Personen. Die Polizei schreitet nicht ein. (J. T. A.) „Juden werden aufgespießt" Aus Paris: „Pariser Tageblatt" meldet aU3 Berlin: Im Strandbad Wannsee bei Berlin, gingen Naziburschen, mit Mistgabeln bewaffnet, gegen Juden vor. Es bildeten sich Gruppen, denen Tafeln mit der Aufschrift, „Juden werden aufgespießt", vorangetragen wurden. Angesichts dieses vorbereiteten Pogromtreibens verließen die anwesenden Juden das Wannseebad in größter Eile. (J. T. A.) Hitler verläßt grußlos den Saal Aus Prag: Folgendes wird aus Berlin als verbürgt berichtet: Bei einer Sitzung der deutschen Wirtschaftsftihrer in Berlin, an der auch Hitler teilnahm, äußerte Geheimrat Bosch von den Bosch-Werken, daß eH notwendig sei, im Interesse des deutschen Exports die Judenverfolgungen zu mildern. Hitler erhob sich darauf und verließ grußlos während Boschs Rede den Saal. Der Versammlung ließ er durch einen Diener mitteilen, daß er erst wieder erscheinen werde, wenn Bosch den Saal verlassen habe. Bosch ging darauf. (J. T. A.) Austritte aus dem Judentum in Breslau Aus Breslau: Die „Jüdische Zeitung" in Breslau veröffentlicht die Namen von sieben Personen, die zwischen dem 28. Mai und 25. Juni d. J. in Breslau aus dem Judentum ausgetreten sind. Oesterreich und Palästina Touristik und jüdischer Aufbau Die palätinensische Tageszeitung „H aarez" vom 8. Juli veröffentlichte folgendes Schreiben des Oesterreichischen Verkehrsbüros an das Jerusalemer jüdische Touristenbüro: „Wir erhielten Ihr Schreiben und beehren uns, Ihnen folgendes zu antworten: Die Touristen, die durch unsere Vermittlung nach Palästina reisen, gehören nicht einmal zur Kategorie der Pilger, aber es sind zumeist Christen, und ihre Hauptabsicht ist, einen allgemeinen Eindruck vom Lande zu bekommen. Das Aufbauwerk der dort lebenden Juden interessiert sie nicht. Thre Proposition, die bloß den Vorteil des zionistischen Z i e 1 e s im Auge hat, können wir daher nicht akzeptieren." Wie der „Haare z" weiter ausführt, handelt es sich darum, daß die Fremdenverkehrsabteilung der Jewish Agency an alle großen Reisebüros in Europa und Uebersee mit dem Vorschlag herangetreten ist, in ihre Palästina- Reise-Programme auch das jüdische Palästina aufzunehmen. Zahlreiche und bedeutende Touristenbüros haben mit Dank den Vorschlag akzeptiert und nur das Oesterreichische Verkehrsbüro hat sein Desinteressement an dem jüdischen Palästina-Aufbauwerk erklärt. Der Leiter des Verkehrsbüros, Direktor Dr. Hans Wilhelm, gab dem J.-T.-A.-Vertreter auf dessen Anfrage die folgende Erklärung: „Der in Rede stehende Brief bezog sich bloß auf einen bestimmten Fall, auf eine vor kurzem nach Palästina abgereiste Gesellschaft, die tatsächlich kein Interesse an dem jüdischen Aufbauwerk hatte, da sie zumeist au^ Christen bestand, die die Fahrt unter so billigen Bedingungen mitmachen wollten, daß von einem Einschluß der jüdischen Sehenswürdigkeiten in das Besichtigungsprogramm schon aus pekuniären Gründen nicht die Rede sein konnte. Daß aber das Oesterreichische Verkehrsbüro an dem jüdischen Palästina-Aufbauwerk im allgemeinen nicht interesselos vorübergeht, zeigt die Tatsache, daß wir an der von jüdischer Seite in Aussicht genommenen Instradierung eines Landweges von Wien nach Haifa ein Jahr lang mitgearbeitet haben, obwohl die Sache vorläufig noch zu keinem positiven Ergebnis gtfühit hat." Unser schwedischer Korrespondent schreibt uns: Der Autor des Buches und Films „Petterson und Bendel", Herr Waldemar Hiimmcuhög, hat am 16. Juli 1935 dem Mitarbeiter der großen Stockholmer Abendzeitung „A ftonbladet" (Nr. 190, Jahrgang 106) folgende Erklärung abgegeben (aus dem Schwedischen im Wortlaut übersetzt): „Ich bin traurig und empört Uber diese unerhörte Geschichte. Es war niemals meine Absicht, irgend eine Propaganda zu machen. Außerdem lag mein Roman bereits 1928 fertiggeschrieben vor, als Hitler noch keineswegs bekannt war wie jetzt. Seine Gedankengange waren zumindest mir vollständig fremd. In diesem Zusammenhang will ich einen Umstand hervorheben, der äußerst beweisend ist, daß ich nicht an Propaganda gedacht habe. Ich hatte nämlich anfänglich die Absicht, einen Koma n nur über Petterson zu schreiben. Bendel kam mehr zufällig dazu, sozusagen als ein Schatten zu Petterson. Daß ich ihn einen Sechzehntelteil Jude werden ließ, beruht einzig und allein darauf, daß ich seine merkantile Veranlagung unterstreichen wollte. Der Roman ist also nicht antisemitisch. Er ist allein, Mas er sein will: Ein Schelmenroman. So wurde er auch in all den Ländern aufgefaßt, in denen der Film vorgeführt wurde. RUNDSCHAU „Petterson & Bendefl" Die pogromartigen Exzesse auf dem Berliner Kurfürstendamm hatten nach den Meldungen der Nazipresse ihren Ursprung in der Beschimpfung des „Schwedenfilms" „Petterson & Bendel" seitens jüdischer Besucher. Das Ausland ist dieser Tarnung nicht hereingefallen. Man wreiß in der ganzen Welt, daß Streichers „Stürmer" und Goebbels Reden die unzufriedenen Nazi in Berlin zu luftmachenden Exzessen angefeuert haben. Daneben interessiert natürlich der in Rede stehende Film „Petterson & Bendel", zumal es wundernehmen muß, daß Hitler-Deutschland, um seine eigene Filmprouktion besorgt, einem ausländischen Film soviel Ehre antut. Ueber diesen Film schreibt die Prager „Selbstwehr": „Die schwedische Filmproduktionsfirma A. B. W i v e in Stockholm zählte bis jetzt nicht zu den international bekannten. Durch die neue Judenhetze in Berlin, die den von ihr erzeugten (und mit Nazigeld reichlich Um S 98.— zum Kongreß nach Luzern Fahrt Wien-Wien Im Autocar, ab Wien: 18. August, an Wien 28. August Verpflegung u. A'ächtigung während der Fahrt im Preise inbegriffen. Reisebüro MONDIAl, Wien I. Kärntnerring 12, Telephon U-40-301 subventionierten) Film .Petterson & Bendel' zum äußeren Anlaß hatte, bekommt ihr Name traurige Berühmtheit. Ganz aus dem Pogromgeist eines Nürnberger .Stürmer' heraus ist .Petterson & Bendel' geboren worden. Die Fabel zeigt einen schwedischen Arbeitslosen, der einen .gerissenen', schon oftmals von den Schweden ,aus dem Land hinausgeworfenen Galizianer' als Kompagnon findet. Zuerst gehen die Geschäfte ganz gut, dabei tritt der Jude Bendel nicht sichtbar hervor und läßt den Arier Petterson allein nach außen hin die Firma repräsentieren. Der böse Jude veranlaßt ihn dann aber, sein Mädel zu verlassen und um des Geschäftes willen mit einer anderen, reicheren anzubandeln: es kommt die Pleite, der böse Jude war aber gerieben genug, sich das Geld und dem Arier die Firma zu verschreiben. Im letzten Augenblick gelingt es Petterson noch, seinen Geldanteil und sein Mädel wiederzubekommen. Die beschämendste Tatsache an diesem Hetzfilm ist wohl, daß sich jüdische Schauspieler gefunden haben, die unter der Regie des Per Axel Branner mitwirkten. Hier haben im demokratischen Schweden ohne jeden Zwang die jüdischen Schauspieler Semmy Friedmann und Manne Grunberger ein Engagement für einen Film angenommen, der ihr Volk in der niederträchtigsten Weise beleidigt und vor dem Janhagel eines verhetzten Großstadtmobs lächerlich macht. Wegen dieser beiden .nichtarischen Darsteller' hat das Reichspropagandaministerium freilich keinerlei Schwierigkeiten bei der Zulassung des Films für Deutschland gemacht! Mit Beschämung muß man der nationalsozialistischen Stimme recht geben, die erklärt, der Film würde vom deutschen Volk natürlich mit besonderem Verständnis und freundlich-Ironischem Lächeln beschaut werden. Das Thema sei originell, die anständige Haltung und künstlerische Gestaltung ausgezeichnet." Die jüdischen Schauspieler in diesem Film haben also die „Genugtuung", daß sich neben der künstlerischen Wirkung noch eine politisch-kriminelle, nämlich eine Pogromhatz, eingestellt hat. Das muß man sich merken. Eine schwere Verlegenheit „Sollen die deutschen Zionlsten zum Kongreß kommen?" Diese beklemmende Frage stellten wir vor einigen Wochen in unserem Blatt und beantworteten sie dahin, daß es unter den gegebenen Umständen zweckmäßig wäre, auf die Teilnahme der deutschen Delegierten zu verzichten. Denn, so schrieben wir, auch die weitestgehende Rücksicht auf die schwierige Haltung der deutschen Zionisten kann den Kongreß nicht veranlassen, auf grundlegende Erörterungen und Beschlüsse zu verzichten. Und zu diesen gehört das sogenannte Transferabkommen. Nun lesen wir In der jüdisch-amerikanischen Presse, daß einige zionistische Gruppen beschlossen haben, auf dem Luzerner Kongreß die Transferfrage zu behandeln; ein Kapitel, da« an sich sehr traurig iat | Man kann sich also mein Befremden vorstellen, als Ich erfuhr, wozu man Petterson und Bendel in Berlin au«* nützt. Der Film hat das Zeugnis „staatspolitisch wertvoll" erhalten, womit natürlich gemeint wird, daß er propagandistisch dienlich ist. Ein Zeugnis, für da sich mich wahrlich bedanke. Es wäre unter den gegebenen Umständen wirklich besser gewesen, wenn der Film in Deutschland nicht aufgeführt worden wäre. Und übrigens, was weiß man über die deutschen Texte?, Sind sie getreu dem schwedischen Original oder in propagandistischer Absicht verändert? Wäre dem so, dann ist das Maß voll." Am folgenden Tag haben sich vor dem Mitarbeiter des Regierungsorgans „Socialdemokraten (Nr. 19t der Stockholmer Auflage vom 17. Juli 1935) die Hauptdarsteller des Films „Petterson und Bendel", und zwar Frau I s a Qucnscl und die Herren Adolf Jahr, Sommy Friedmann und Sigurd Wallen, ausgesprochen. Sie haben einstimmig Ihrer Verwunderung und Empörung Ausdruck gegeben. Frau Quensel bezeichnet die Geschehnisse als „fürchterlich" und Sigurd Wallen bedauert besonders, daß eine „ehrliche schwedische Arbeit" in dieser Welse verwendet wird. Soweit man erfahren kann, sind alle die erwähnten Personen mit Ausnahme des Herrn S. F r i e d m a n n, der In dem Film die Rolle von Bendel spielt, rein arischer Abstammung. und an Schmerzlichkeit noch dadurch gewinnt, daß es in Anwesenheit von Zionisten aus Hitler-Deutschland besprochen werden soll. Der Kongreß wird also in Verlegenheit kommen. Er wird einerseits den amerikanischen Delegierten in bezug auf eine Transferdebatte nicht den Mund verbinden können, andererseits den deutschen Zionisten spätere Unannehmlichkeiten ersparen wollen. Vermaledeites Transfer! Es wurde unter Außerachtlassung jüdischer Würde und Ehre von den Linken geschlossen und liegt jetzt allen Zionisten wie ein Knochen im Hals. Eine solche Situation stellt sich immer ein, wenn Sonderinteressen den nationalen vorgezogen werden! Der schamhafte Polizeichef Unmittelbar nach den von den Naziführern inszenierten Gewalttaten des Berliner hakenkreuzlirischen Mobs, auf die in der Weltpresse die einmütige Verurteilung dieses „Aufbruchs der Nation" folgte, hatte der Befehlshaber der deutschen Polizei, Generalleutnant Daluege, nichts anderes zu tun, als den Vertretern der Presse den Anteil der Juden an der deutschen Kriminalität zu erzählen. Fünfzehn Jahre hindurch wußten die deutschen Nationalsozialisten sich mit nichts anderem zu beschäftgen, als mit den schlechten Eigenschaften der Juden, aber erst am 20. Juli 1935 entdeckte der Befehlshaber der deutschen Poliei die kriminellen Eigenschaften der „Untermenschen". Im Referat wimmelte es von Betrug, Rauschgiftschmuggel, Falsch- und Hasardspiel etc. und dem prozentualem Anteil der deutschen Juden an diesen Verbrechen. Selbstverständlich sind die Ziffern des Herrn Daluege falsch; übertrieben; aus den Fingern gesogen; eine Fälschung wie die anderen Statistiken des Nationalsozialismus, soweit sie veröffentlicht werden. Die „Wiener Neuesten Nachrichten", das ungetarnt antisemitische Organ der „betont" Nationalen Oesterreichs, lassen sich von ihrem Berliner Mitarbeiter noch die besondere Pikanterie drahten: „General Daluege gab sodann noch einige andere Beispiele und führte schließlich aus, daß bei den hier genannten Verhältniszahlen nur die k o n f e *- sionsloscn Juden, aber nicht die Rassejuden berücksichtigt sind. Würde man diese hinzuzählen, so würde sich der Anteil des Judentums in der Kriminalistik noch sehr stark erhöhen.' Nur die konfessionslosen Juden! Welch schamhafte Zurückhaltung! Natürlich ist jedes gedrahtete Wort Unsinn, Blödmacherei und der Ausfluß der hakenkreuzlerischen Taktik, das Deutschtum als vom Judentum bedroht hinzustellen. Es hätte die Vertreter der Presse vielleicht mehr interessiert, zu erfahren, wie hoch der Prozentsatz der deutschen nationalsozialistischen Morde ist. Da hätte Herr Daluege mit einwandfreieren Verhältniszahlen aufwarten können. Das verbot ihm aber die Angst um sein eigenes Leben. Etwas ausgeplaudert — und er selbst, der Chef der deutschen Polizei, würde unbedingt die Zahl der Morde um 1 erhöhen. 1CA darf türkische luden nicht nach Palästina befördern Aus Istanbul: Die türkischen Behörden haben der Leitung des JCA.-Büros in Istanbul verboten, türkische, Juden nach Palästina zu befördern. Das Büro darf lediglich In der Türkei wellende ausländische Juden betreuen. Das an die JCA. ergangene Verbot trifft besonders schwer die Juden In Thrazien, die sich seit dem vorjährigen Pogrom in einer sehr traurigen Lage befinden und deren einzige Hoffnung Palästina ist. (J. T. A.) hTDEll?»lf IMO >< Wollzeile 17 - Tel. R-24-2-16 l%ii^W Vorstellungen: *,%6,Yit,1M0;.,;.;,.::;;yn^Biiiime[hyi[aaepoiiieii siaÄ Ja inz tt a nntabT mm B-33-0-68 mm Clark Gabi«, Joan Crawforp