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Die neue Welt · 1935-07-23 · Heft 482 (23.7.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 482 (23.7.1935)
Date
1935-07-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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?rais 10 Groschen lahrgang 0 Dienstag/ den 23« Juli 193S Nr« 482 V« b« b« Zeltung vom Verleger versendet „Journal earp#i6 par lediteiir** Titt. Universitätsbibliothek REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig s 4.—, ganzjährig S 16. —; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Bumänlen monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 80.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweix und dlo übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u,VerwaUung: IX, Vniversitätssir. 8, Tel.A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Weltpolitik der Woche Während die Abessinien-Frage einer etwas ruhigeren Beurteilung Platz gemacht hat, ist die Frage Deutschland in ein .kritisches Stadium getreten. Die Symptome dieses Zustandes folgen schlagartig hintereinander. Man braucht nicht gerade ein „studierter" Politiker zu sein, um zu merken, daß dem nationalsozialistischen Regime sehr Vieles in Deutschland wider den Strich geht; ja, man kann nach Prüfung der Dinge behaupten, daß der Nationalsozialismus Hitlers, Streichers und Rosenbergs das deutsche Volk noch immer nicht zur Gänze erobert hat. Es geht nicht gut in Deutschland. Trotz der industriellen Blüte der Rüstungskonjunktur wieder eingesetzte Arbeitslosigkeit, Steigen der Freise der lebenswichtigen Artikel, Fallen der Löhne, weitere gewaltsame Niederhaituns der Elemente, die dem Hakenkreuz nicht hundertprozentig huldigen, wie beispielsweise die Organisation der Frontsoldaten, das ist der Stahlhelm; Maßnahmen gegen die christliche Kirche und ihre Funktionäre, die die Erhaltung der Glaubensgebote den Parteidogmen voranstellen. Aus dieser Konstellation ergeben sich Konflikte auf allen Gebieten desöffentlichen Lebens. Wir lesen von Lohnstreiks, von Maßregelungen kirchlicher Vertreter, von Usberführungen in Konzentrationslager, von Pogromen in Berlin und in der Provinz. Und über allem die merkbare Nervosität von Führern, Gauleitern, Befehlshabern, Ministern u. s. w., die Maßnahmen treffen, welche den unruhig gewordenen Massen die brutale Entschlossenheit des Regimes unter die Nase reiben sollen. Aber es gibt — was die Verantwortlichen in Deutschland scheinbar nicht hören und nicht sehen — auch etwas außerhalb Deutschlands, eine Weltraeinung, die sich allmählich Gewicht verschaffen wird. Der Reflex der vom Hitler-Freund Streicher inspirierten und vom Fememörder Helldorf zuerst organisierten und nachher gebilligten Pogrome in Berlin war der Ausdruck des Abscheues vor einem Regime, das in seiner Bedrängnis die beliebte Methode des Judenpogroms anwendet. Die Verachtung gegenüber dieser von Staats wegen geleiteten Gewalttaten kommt u. a. in einem französischen Blatt zum Ausdruck, das die Ernennung des Grafen Helldorf zum Polizeipräsidenten unter der Spitzmarke „Der Gangster als Präsident" veröffentlicht. Krasser kann die Meinung über das, was jetzt in Deutschland vorgeht, nicht charakterisiert werden. Aber neben dieser blutigen Auseinandersetzung des Hakenkreuzes gibt es eine zweite, zwar unblutige, aber darum nicht weniger gefahrvolle: die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche, mit dem Vatikan. Trotz des Konkordats, des Vertrages zwischen Deutschland und dem Vatikan, wonach die katholische Glaubensübung (in Religion, Unterricht, Vereinen und Bünden) nicht angetastet werden darf, haben die, nationalsozialistischen Machthaber, vornehmlich die Vertreter der nationalsozialistischen Weltanschauung und Glaubensbewegung, systematisch die katholische Kirche an der freien Ausübung ihrer Rechte gehindert, ihre Jugendlichen zur Störung kirchlicher Gottesdienste erzogen und angeeifert und mit Drohungen ihr „Neuheidentum" dem christlichen Glauben etgegengestellt. Zuletzt war es Ministerpräsident Goering, der in einem Erlaß die strengste Durchführung der nationalsozialistischen Grundsätze auch gegenüber der Kirche verlangte. Der Vatikan protestierte. Verlangte die ungehünderte Ausübung aller Rechte, die ihm durch das Konkordat gewährleistet wurde. Forderte seine Diener und Gläubigen auf, in Treue zur christlichen Kirche zu verharren — in einem Glaubensmanifest, das von den Kanzeln herab verkündet wurde. \ Dieser Protest, die Stimme des Papstes, geht Weit über den Rahmen einer diplomatischen Note hinaus. Der Nationalsozialismus kann hier nicht, wie 4a anderen weltpolitischen Sitaafäcnjen, auf unstich. Die anfijüdfedien Exze§§e dauern fort Der „Stürmer" voran Die J. T. A. meldet: Die antijüdischen Ausschreitungen in Berlin dauerten, unbeschadet der Ankündigung der Staatspolizei, daß für Ruhe gesorgt werden wird, auch am Dienstag und am Mittwoch fort. Sie dehnten sich vom Kurfürstendamm-Viertel auf die Berliner Stadtteile im N o r d en und im Osten aus, wo Gruppen von Jugendlichen, von der Polizei im allgemeinen nicht behindert, Cafes, Konditoreien und Eisdielen, die Juden gehören oder in denen Juden verkehren, überfielen, ein großes Zerstörungswerk vollbrachten und am Ende die Schließung der Betriebe erzwangen. Im Westen Berlins bildet das Ufa-Theater, in welchem der Hotzfilm „Petterson und Bendel" weiterhin gespielt wird, den Sammelpunkt der Demonstranten, die sich um die Plakatträger des „Stürmer" scharen und in Trupps unter den Rufen „Juda, verrecke!" Passanten überfallen und die Fensterscheiben, in Cafes und Geschäftsläden einwerfen. In der Regel aber läßt die Polizei im Westen Massenansammlungen nicht mehr zu, sie schreitet nur ein, wenn (Habituation gefährlich zu werden droht. Die ausländischen Pressevertreter in Berlin melden übereinstimmend, daß die große Mehrheit der Berliner Bevölkerung, Bürgertum und Arbeiterklasse, die widerwärtige Jagd auf Juden scharf verurteilt. Goebbels gab den Befehl Der Berliner Korrespondent der Havas-Agentur meldet: „Die Judenhetze am Kurfürstendamm hat im Ausland einen so schlechten Eindruck gemacht, daß sich die nationalsozialistischen Behörden jetzt bemühen, die Verantwortung abzuwälzen. Schon seit Wochen war in Berlin eine Zunahme der antisemitischen Agitation zu bemerken. In allen Stadtteilen wurden Plakate angebracht, die es den Vorübergehenden ermöglichten, den „Stürmer" zu lesen, das antisemitische Hetzorgan Streichers, des intimen Freundes Hitlers. Von den Führern der Betriebszellen wurden aus den Beiträgen der Mitglieder die Kosten zur Anbringung dieser Plakate in den Fabriken aufgebracht. Die Ausschreitungen vom Montag scheinen von den Stürmerscharen veranlaßt worden zu sein, die Streicher aus den Organisationen der Partei rekrutiert. Auch ist zu bemerken, daß Minister Goebbels selbst in seinen zwei Reden vom 29. Juni den Befehl zur Verstärkung des antisemitischen Treibens ausgegeben hat." Der Bassenwahn in Sachsen Das Tschechoslowakische Preßbiiro meldet: Seit Ende 1934 wurden in Sachsen auf Anordnung des Staatsministeriums des Innern wegen rassenschänderischer Beziehungen mit Juden 14 deutsche Mädchen und ein Deutscher sowie deren jüdische Partner in Schutzhaft genommen und in das Konzentrationslager Sachsenburg gebracht. Soweit die Juden Ausländer waren, erfolgte ihre Reichsverweisung. „Judenmarsch auf Berlin" „Das schwarze Korps", die Zeitung der Schutzstaffeln der NSDAP., veröffentlicht einen Leitartikel „Judenmarsch auf Berlin". In ihm heißt es, daß im ersten Halbjahr 1935 Berlin einen Zuwachs von rund 20.000 Juden aus allen Teilen des Reiches und sogar aus dem Auslande gehabt habe, während in der gleichen Zeit 2000 Juden Deustchland, in der Hauptsache Berlin, verlassen hätten. Die Zeitung fordert .eine Zuwanderungssperre für Juden, die nach Berlin gehen wollen. Ein jüdischer Knabe geheizt. .. Schweizerische Zeitungen geben die folgenden Episoden aus dem Berliner Pogrom wieder: Auf dem Kurfürstendamm hat eine Menge von etwa hundert Nazi einen jüdischen Knaben wie ein Freiwild gehetzt. In seiner Herzensnot schrie der Knabe im Laufen furchtbar. Als die Männer den Knaben eingeholt hatten, packten sie ihn am Rock; der Junge aber schlüpfte sogleich aus den Aermeln heraus und lief davon. Die Verblüffung darüber war so groß, daß die „wackeren Helden" in heller Wut das Kittelchen des Jungen in Fetzen rissen. Der Knabe war inzwischen in die Nähe eines Autos gekommen, in welchem ein arischer Herr und eine arische Dame saßen. Sie winkten den Jungen heran und das Auto fuhr gleich nach seinem Einsteigen in rasendem' Tempo davon: Ein Afghane wurde von mehreren Männern schwer verprügelt, als er mit seiner Frau in die Kampfgegend geriet. Er hatte zwar seinen Paß vorgewiesen, doch kümmerten sich die Huligans nicht darum. Erst später, unter dem Schein einer Straßenlaterne, erkannten sie den Ausweis an und ein Anführer der S. A. entschuldigte sich bei dem Mißhandelten. Streicher „beschwichtigt" Der „Stürme r" veröffentlicht den folgenden Aufruf Julius Streichers: „Mag der Jude weiterhetzen •und weiterverleumden bei. den Völkern des Auslandes. Laßt euch nicht herausfordern! Der Jude möchte es gerne sehen, daß wir ihm die Fenster einschlagen, daß wir ihn anspucken, daä wir ihn niederschlagen. Der Tag des Weltgerichtes bleibt nicht aus. Aber wer den Juden den Gefallen tut, sich provozieren zu lassen, ist kein Nationalsozialist, kein Antisemit, ist kein Judengegner. Wer sich von Provokateuren verleiten läßt, disziplinlos zu handeln, arbeitet nicht für sein deutsches Volk. Wer sich zu dieser Disziplinlosigkeit verleiten läßt, tut, was der Jude haben will." Hitler selbst ♦ ♦ ♦ Aus London, 19. Juli. (J. T. A.) „Morning Post" erfährt, daß hohe Partei/mikionäre der NSDAP, den Berliner Pogrom auf Befehl von oben arrangiert hätten. „Daily Herald" erklärt direkt, Hitler selbst habe den Befehl zum Pogrom gegeben. Paris, 19. Juli. (.T. T. A.) „Journal" weist nach, daß der . Berliner Pogrom von langer Hand und mit Hilfe der Presse vorbereitet worden war. * Der gleichen Ansicht gibt Wladimir d'Ormesson Ausdruck. Der Pogrom" sollte die lästig werdenden extremen Kreise der Partei ablenken. Die Hintergründe Der Berliner Korrespondent der Havas-Agentur gibt die folgende Erklärung für die antijüdischen Ausschreitungen in Berlin: Es habe sich Julius Streicher darum gehandelt, in Berlin hunderttausend Abonnenten für den „S t ü rm e r" zusammenzubringen, die als Grundstock für eine eigene Berliner Ausgabe des Hetzblattes dienen sollen. Das Eintreffen der „Stürmer"-Pakete in Berlin wurde durch antisemitische Ausschreitungen gefeiert. Am Don- AttskiutfUt\ u4ee Reiset* hoiU VMe* eddit Dt. S. ledeet Wien IX, Liechtensteinstr. 2, Tel. A-14-504 haltige Interpretationen, auf eine ihm aufgebürdete Zwangspflicht, auf Gleichberechtigungsphrasen u. dgl, hinweisen. Das Konkordat ist klar und dessen Verletzungen sind klar. Darum muß gerade diese Spannung mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden. Das nationalsozialistische Deutschland wird gerade hier erweisen müssen, ob es noch vertragsfähig ist. Der Vatikan kann sich mit einer zweideutigen Erklärung nicht begnügen. Er muß, als Oberhaupt der katholischen Welt und als Schützer ihrer Rechte, eine Antwort bekommen, die seinem Vertragsrecht, seinem Prestige und seinen Bedürfnissen voll entspricht. Der Kulturkampf im nationalsozialistischen Deutschland rührt an die Wurzeln des Regimes. Kein Pogrom, kein Blutrausch, keine Parade und kein Henkerbeil wird den soeben in aller Schärfe aufgetretenen Prozeß auf ein Nebengeleis schieben können. Dieser Kampf muß ausgetragen werden. Von seinem Ausgang wird zweifellos — im Verein mit dem politischen Ringen — das Schicksal des deutschen „heidni« sehen" Hakenkreuzes abhängen, o* r4

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