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Die neue Welt · 1935-07-19 · Heft 481 (19.7.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 481 (19.7.1935)
Date
1935-07-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 481 DIE NEUE WELT Seite 3 Ferienfahrt der „Czernowlizer Allgemeinen Zeitung" mit Rammelpaö nach POLEN und CERNAUTI am it. August. Rückfahrten: 1, und 15. September Technischo Durchführung, Anmeldung und Auskunft: „Oesferr. VerkehrabDro", Wien I, Friedrlchstr. 7, Tel. B-27-500; Wien I, firaben 20, Tel. U-J9-0-35; Polnisches Reisebüro „ORBIS", Wien I, K8rntnerstr.41, Tel.R-21-5-78; Reisebüro „MarienbrOcke", Wien I, Rotenturmstraße 26, Tel. R-24-2-86, R-24-2-87 //Sdiwediidier" Pogrom« film! Die in der Weltpresse angekündigte neue Offensive des deutschen Hakenkreuzes gegen die Juden hat programmgemäß eingesetzt. Den Beginn machten die antijüdischen Exzesse in Berlin anläßlich der Vorführung des Films: „Petterson & Bendel", den die Nazipresse als „schwedisch" bezeichnet. Der „Völkische Bobachter" (das Blatt Hitlers) und die offizielle Nachrichtenstelle der N. S. D. A. P. erzählen vom provozierenden Benehmen jüdischer Filmbesucher, die den schwedischen antisemitischen Film abgelehnt, im Dunkel höhnische Zwischenrufe gemacht hätten, worauf der Wirbel losgegangen sei. Die Fortsetzung dieser Exzesse hatte allerdings ein anderes Gesicht. In den Straßen neben dem Kino wurden „jüdisch aussehende" Passanten, auch Ausländer, überfallen, wobei die Polizei die Angreifer so lange gewähren ließ, bis — nach amtlich-deutscher Meldung — „finstere Elemente" sich einschlichen, schwere Exzesse verübten und so den ausländischen Greuelmeldern Anlaß zur Herabsetzung Hitler- Deutschlands gaben. Es ist ein sonderbares Märchen, das die offizielle Nazipresse der aufhorchenden Kulturwelt auftischt. Die Berliner Film-Exzesse haben viele dunkle Punkte aufzuweisen. Die Kommentare der Naziblätter haben diese nicht erhellt. Im Gegenteil. Sie haben einen inszenierten Pogrom zu einer Abwehr des Nationalsozialismus gegen das herausfordernde Judentum umfrisiert. Die Taktik ist in Hitler-Deutschland nicht neu, aber dem Ausland gegenüber auch nicht erfolgreich. Wenn man die Berichte der Nazipresse ihrer Tarnung entkleidet, so ergibt sich die im zaristischen Rußland beliebt gewesene Methode, in schwierigen Zeiten die Massen durch Pogrome abzulenken. Der braune Zarismus hat das gelernt und ahmt es nun nach. Wenn die nazistischen Kleinbürger Berlins zur Befriedigung ihrer Rassereinigungsgelüste ein paar Juden die Köpfe und die Fensterscheiben risikolos einschlagen dürfen, so ist die Chance vorhanden, daß sie über ihre eigene Misere leichter hinwegsehen werden. Die drückenden Sorgen der deutschen Bevölkerung muß man irgendwie vergessen machen. Der Lohntiefstand, die Streiks, die Preissteigerung lebenswichtiger Artikel, kurzum der nichterfüllte Traum von Wohlstand und Glück — das sind genug Anlässe zu rebellieren und zu exzedieren. Also das alte Rezept: Der Jude muß herhalten. Man wirft den Massen einen antisemitischen „Petterson & Bendel" hin und läßt sie — nach Tunlichkeit — gewähren. Wenn es dann zu blutigen Exzessen kommt, schreibt man von „spontanen" Ausbrüchen des nationalsozialistischen Edelmenschen. Die Rassenreinheit zu bewahren — eventuell auch im Film —, ist eine sittliche Aufgabe, bei dessen Erfüllung es auf ein paar Pogrome nicht ankommt. „Aber diese Rassenreinheit", so schreibt der „Pester Lloyd,", das Organ des deutschfreundlichen liberalen Ungartums, „ist keine Sache des lebendigen Triebs; die Berechnung, das Leben so einzurichten, daß man nicht ins Konzentrationslager kommt, hat nichts mit triebmäßigen Impulsen zu tun. Diese Rassenreinheit ist eine nationalistische und mechanische — sie ist eine politische Parole. Sie ist nur begreiflich, wenn man die politische Ideologie kennt, die den Juden für alle Uebel verantwortlich macht, um die Aufmerksamkeit von den wirklichen Quellen des Uebels abzulenken." Die pogromartigen Exzesse in Berlin sind innerhalb der jüdischen Geschichte nur eine Episode. Wir wollen sie ganz einfach verzeichnen; hineinstellen in die lange Reihe der Leiden und Verfolgungen während der vielen Jahrhunderte. Nichts weiter. Aber etwas anderes muß kräftiger verzeichnet, etwas anderes muß lauter gefragt werden: Die Nazipresse bezeichnet den antisemitischen Film „Petterson & Bendel" als schwedisch und hebt rühmend hervor, daß dieser Film als einziger ausländischer den Vermerk „politisch wertvoll" erhalten hat. Identifiziert sich Schweden mit diesem Film? Bestätigt die schwedische Gesellschaft, die schwedische Regierung, diesen Film als Produkt schwedischen Geistes? Bekennt sich die schwedische Filmkunst zu den politischen Parolen des blutrünstigen Nazismus? Hält es Schweden mit seiner nationalen Ehre vereinbar, den hitleristischen Kulturschändern die Mauer zu machen? Die Beantwortung dieser Fragen ist für die weitere Haltung des Auslands gegenüber Nazideutschland wichtiger als die Empörung über die hakenkreuzlerischen Brutalitäten, die niemand mehr überraschen können. o. r. Falsche Hoffnungen Im Verlaufe der Generaldebatte im englischen Parlament Uber die außenpolitische Deklaration des Ministers Sir Samuel Hoare brachte der jüdische Abgeordnete Barnott J a n n e r die erneuten schweren Verfolgungen der Juden in Deutschland zur Sprache und führte aus: Die Lage der Juden in Deutschland wird immer grauenvoller und unerträglicher. Die Führer der Nationalsozialistischen Partei stehen an der Spitze der antijüdischen Hetze und suchen die Bevölkerung durch aufreizsende Reden dazu zu animieren, gegen die Juden vorzugehen. Die Bevölkerung wird zu „Taten" aufgefordert und es sei zu befürchten, daß es wirklich zu weiteren Gewalttaten und vielleicht auch zu Blutvergießen kommen wird. Der neue Rassenglaube in Deutschland schmäht das Andenken vieler tausender Juden, die im Weltkriege in der deutschen Armee Seite an Seite mit ihren deutschen Mitbürgern gekämpft haben. In die Herzen der Schulkinder wird die Saat bitteren Hasses gegenüber ihren unschuldigen jüdischen Mitschülern ge„ sät. Die Prcisse sucht fortwährend die Leidenschaften der Leserschaft zu entfachen. Keine auch so niedrige Form des Angriffes wird verschmäht. Wann wird dieser Wahnsinn aufhören? Zur Regierungsbank gewendet, rief. Abg. Janner: „Deutschland verlangt für sich gerechte und gleichberechtigte Behandlung. Wenn aber Deutschland Gleichheit für sich fordert, muß man ihm entgegenhalten, daß es seinerseits auch andere als Gleiche behandeln muß. Die Forderung nach Gleichheit kann man nur erheben, wenn man selbst in dieser Beziehung reine Hände hat. Ich hoffe, daß, falls es zu Verhandlungen zwischen den Führern Großbritanniens und denen Deutschlands kommen wird, die Engländer die Deutschen wissen lassen werden, daß Handlungen von der Art, wie ich sie geschildert habe, das englische Volk mit Abscheu erfüllen und daß Deutschland das Prinzip der Gleichheit, dessen Erfüllung es von uns fordert, auch anderen gegenüber anwenden muß." Zu Verhandlungen zwischen den Führern Großbritanniens und denen Deutschlands ist es bereits gekommen. Als erster war es der Labour-FUhrer Henderson, der in Berlin mit den Hitleristen über — Abrüstung verhandelte. Dann kamen die Herren Simon und Eden die sich mit Hitler in Berlin über weltpolitische Fragen unterhielten, insbesondere über die deutsche A u f-, nicht A b rüstung. Schließlich empfingen die Nachfolger der letztgenannten Herren den Bevollmächtigten Hitlers, Ribbentrop, in London und schlössen mit ihm den Flottenpakt. Also Verhandlungen mit den Nationalsozialisten zur Genüge! Magen- und Darmstörungen, Anfälle von Leibweh, Stockungen im Pfortadersystem, Aufgeregtheit, Nervosität, Schwindelgefühl werden durch Gebrauch des natürlichen „Franz-Josef"-Bitterwassers behoben und viele Beschwerden des Alters günstig beeinflußt. Aerztl. empfohlen. Das freiheitliche England hat bisher offiziell kein Wort desAbscheus oder des Tadels oder auch nur der Verstimmung gegen das pogromdurstige Nazideutschland gesagt. Herr Barnett Janner hofft — vorläufig wenigstens — vergebens. Wenn der Führer der englischen Liberalen, der Jude Herbert Samuel, das bitisch-deutsche Flottenabkommen, ohne den antijüdischen Ausrottungsfeldzug zu erwähnen, als Segen preist, dann ist eine Rüge Hitler- Deutschlands wegen der Juden seitens britischer Führer kaum zu erwarten. die den wildesten Bart in einem Schwung umlegt, ist Todesstrafe für Juden Aus Frankfurt a. M.: Nach Meldung der „Frankfurter Zeitung" wird in einem Aufsatz der „Nationalsozialistischen Parte ikorreapondenz", der sich unter der Ueberschrift „Jetzt positiver Rasseschutz!" mit Verhaftungen und Prozessen beschäftigt, die gegen Nichtarier wegen angeblicher Sittlichkeitsdeliktc geführt wurden, es als wünschenswert bezeichnet, wenn „zunächst dem Juden unter Androhung der Todesstrafe verboten würde: 1. Nichtjuden als Untermieter oder Mieter zu haben; 2. nichtjüdisches Hauspersonal zu beschäftigen; 3. als Arzt oder Rechtsanwalt Nichtjuden zu betreuen." IVfündimeyeB* Aus Genf (J. T. A.): Aus Deutschland melden die schweizerischen Zeitungen: In der Umgebung von Köln hat die Polizei den Direktor eines katholischen Gymnasiums verhaftet, weil er auf Anordnung des erzbischöflichen Generalvikariats seinen Zöglingen verboten hatte, einen Vortrag des antisemitischen Wanderredners und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Pfarrer Münchmcycr zu besuchen. Von der Münchmeyerischen Versammlung aus zog die aufgehetzte Menge vor das Gymnasium und demonstrierte so lange, bis der Direktor in Schutzhaft überführt wurde. In einer anderen katholischen Unterrichtsanstalt wurde ein Lehrer abgesetzt, weil er gegen die Anbringung eines Münchmeyer-Plakats im Schulgebäude protestierte. (Münchmeyer, der seinerzeit wegen Sittlichkeitsvergehen aus dem Pfarramt ausscheiden Kleine Tube S —50 Größe Tube S 1.40 mußte und jetzt Badekommissär auf der Nordseeinsel in Borkum ist, wurde von den in Bern angeklagten Nazis im Prozeß der „Protokolle" als „Experte" genannt, konnte aber nachher von der Reichspost nicht mehr „aufgefunden werden", weil das Propagandaministerium offenbar davor zurückscheute, eine so kompromittierte Person in das Ausland als Vertreter der nationalsozialistischen Ideologie zu entsenden.) , t . Ablehung einer Mischehe Aus Berlin: Wie die „Nationalsozialistische Parteikorrespondenz" berichtet, hat ein Mecklenburgisches Amtsgericht durch Beschluß die Beschwerde eines jüdischen Kaufmannes über einen Standesbeamten zurückgewiesen, der sich geweigert hatte, das Aufgebot einer Eheschließung zwischen ihm und einer A r i e r i n entgegenzunehmen. In der Begründung der Entscheidung heißt es, daß zwar rein formrechtlich ein Verbot der Eheschließung zwischen Ariern und Nichtariern noch nicht bestehe, trotzdem aber ein Standesbeamter nicht gezwungen werden könne, die Eheschließung zwischen Ariern und Nichtariern vorzunehmen, da hierdurch arisches Blut vermischt und für alle Zukunft, vom völkischen Standpunkt aus betrachtet, unbrauchbar gemacht werde. Eine solche Ehe verstoße gegen die wichtigsten Gesetze des Staates, die in der Reinhaltung und Pflege des deutschblütigen Volkes bestünden und sei daher durch und durch unsittlich. Es könne von einem Beamten nicht verlangt werden, daß er zu einer solchen Handlung seine Hand biete. Stilfies Begräbnis Aus Paris: Am Sonntag, den 14. Juli, dem Tage, an dem das französische Volk die Erinnerung an die Erstürmung der Bastille gefeiert hat, wurde Alfred Dreyfuß auf dem Pariser Montparnasse-Friedhof zu Grabe getragen. Die Beisetzung erfolgte in aller Stille, nur Mitglieder der Familie waren zugegen. Die gesamte französische Presse brachte am Sonntag Nachrufe auf Alfred Dreyfus und Erinnerungen an die Zeit der großen „Affäre". Die Presse lobte im allgemeinen die Zurückhaltung, der sich Dreyfus seit der Beendigung der Affäre befleißigte. Einige Zeitungen machen Andeutungen über das Bestehen hochinteressanter Memoiren von Alfred Dreyfus, deren Veröffentlichung nach seinem Tode Dreyfus bestimmt hatte. Sie sollen Tatsachen behandeln, die Dreyfus in seinem Buche „Fünf Jahre meines Lebens 1894-1899" nicht berührt hatte. Die antisemitische „Action Francaise" ergreift die Gelegenheit von Dreyfus' Tode, um die längst widerlegte Legende, daß Dreyfus seinerzeit gestanden hätte, Spionage zugunsten Deutschlands getrieben zu> haben, zu wiederholen. Auch nennt die Zeitung Dreyfus, der bekanntlich im Kriege als Artillerieoberst Frontdienste getan hat, einen „Kriegsdrückeberge r". Amkmße (Mk& Kelsen ttetk Maim edeät ftt, S. uwke& Wien IX, Liechtensteins». 2, Tel. A-14-504 OeseüBsdiafitsreise zum XIX.ZionsstenkongreB Die Judenstaatspartei Oesterreichs beabsichtigt, zum XIX. Zionistenkongreß nach Luzern eine Gesellschaftsreise per Eisenbahn zu veranstalten. Die Vorbereitungen für diese Reise sind in vollem Gange. Interessenten können sich täglich in der Zeit von 10 bis 12 Uhr in der Verwaltung „Die N e u e Wd t", Wien, IX., Universitätsstraße 8, Tel. A-äO-X-^S, anmelden. Judenstaatspartei Oesterreichs, Sektion Prater, gratuliert ihrem Mitglied Herrn Julius Hauben zu seiner Vermählung mit Frl. Hedi Roninger aufs herzlichste. Man soll den Tag nicht vor dem Ahend loben! Sind wir heute noch im glücklichen Besitz schöner und gesunder Zähne, so kann schon in kurzer Zeit die gefürchtete Zahnkaries ihr Vernichtungswerk beginnen. Darum heißt es rechtzeitig vorbeugen durch tägliche Mund- und Zahnpflege mit Odol-Mundwasser und Odol-Zahnpasta. Odol-Mundwasser dringt in dia verborgensten Winkel der Mundhöhle ein, desinfiziert dieso und verschafft reinen Atem. Odol-Zahnpasta verhüte! Zahnbelag und macht die Zähne blendend weiß.

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