Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 480 (16.7.1935)
- Date
- 1935-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 480 DIE NEUE WELT Seite 3 Jüdischer Name Wedgwood* Aus London meldet die Jüdische Telegraphen- Agentur: Im englischen Unterhaus lenkte Colonel Wedgw o o d die Aufmerksamkeit des Kolonialministers auf den Fall des in Liverpool lebenden englisch-jüdischen Bürgers Rosenblatt, dessen Gesuch um E i nrcise nach Palästina zu dreimonatigem Aufenthalt abgelehnt wurde, weil er nicht in der Lage war, die für Touristen vorgeschriebene Hinterlegung von 60 Pfund als Garantie dafür, daß der Reisende nach Ablauf der Aufenthaltsfrist wieder in sein Land zurückkehren werde, zu leisten. Wedgwood fragte, ob der Kolonialminister nicht veranlassen wolle, daß Palästina-Touristen, die englische Untertanen sind, von der Leistung einer Geldgarantie befreit werden. Kolonienminister Malcolm M a c D o n a 1 d erwiderte, er sehe nicht ein, weshalb er dem High Commissioner für Palästina nahelegen sollte, die Bestimmung hinsichtlich der 60-Pfund-Garantie, cüe sich als wirksames Mittel zur Unterbindung illegaler Einwanderung (!) erwiesen hat, zu revidieren. Wedgwood: „Wie kommt es aber, daß jemand, der Wedgwood heißt, nach Palästina reisen kann, ohne 60 Pfund zu hinterlegen, während ein anderer englischer Bürger, der den jüdischen Namen Rosenblatt trägt, dies nicht kann? Ist dies abhängig davon, ob man einen englischen oder einen jüdischen Namen trägt?" Malcolm MacDonald: „Man leistet die Sicherheit, ob man jüdisch ist oder nicht.' — em Unglück Interpellation Wedgwood: „Ist es nicht Tatsache, daß die Garantiebestimmung keineswegs auf Nichtjuden, wohl aber auf Juden angewendet wird?" Auf diese Frage erfolgte keine Antwort. Aber Colonel Wedgwood ließ nicht locker. Er erkundigte sich weiters beim Kolonienminister nach der Zahl der jüdischen „illegalen" Einwanderer, die sich in palästinensischen Gefängnissen befinden, und nach der genauen Zahl der Immigranten, die früher in Gefängnissen waren, aber jetzt auf freiem Fuß sind. Kolonienminister Malcolm MacDonald antwortete, daß nach einem ihm vorliegenden Bericht vom 7. Juni d. J. 85 jüdische illegale Einwanderer zu diesem Zeitpunkte sich in Gefängnissen befanden und daß gegen sie ein Verfahren auf Landesverweisung schwebte. Die Zahl der illegalen Einwanderer, die sich gegenwärtig gegen Kaution auf freiem Fuß befnäden und gegen die ein Verfharen auf Landesverweisung schwebe, könne er nicht angeben. Er werde aber entsprechende Unterlagen vom High Commissioner aus Jerusalem anfordern. Mit den Interpellationen, so gut gemeint sie auch sind, ist weder den nach Palästina drängenden Juden noch dem Lande selbst gedient. Es gilt, die Frage der „Illegalen" ein für allemal einer befriedigenden Lösung zuzuführen. Jüdische Arbeit — für fremde Ohne Judenstaat - Das aufblühende /Palästina ist zu einem begehrenswerten Absatzgebiet für alle Industrieländer der Welt geworden. Was jüdische Arbeit im Vorderen Orient geschaffen, beginnt sich zugunsten der Weltwirtschaft auszuwirken. Wer die statistischen Ziffern über die Einfuhr nach Palästina näherer Betrachtung unterzieht, wird zunächst bemerken, daß Palästina von Jahr zu Jahr mehr Waren zu importieren fähig ist. Das einwandernde Kapital und die Einwanderung von Menschen bringen es mit sich, daß der Konsum fortwährend im Steigen begriffen ist. Länder, die noch vor kurzem Palästina als Einfuhrland niedersten Grades und geringster Chancen ansahen, zeigen reges Interesse; und überall entstehen Institutionen, die es sich zur Aufgabe setzen, mit Palästina — dem jüdischen Palästina — in Handelsverbindung zu treten. In der letzten Zeit wurden in zahlreichen Ländern Informationsstellen für den palästinensischen Warenverkehr errichtet. Die Installierung von Konsulaten seitens verschiedener Staaten ist an der Tagesordnung. Selbst Länder, deren Beziehungen zum Orient fast Null waren, beginnen dem Palästina- Markt ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Diesbezüglich liegen mehrere Meldungen vor. So berichtet die Jerusalemer arabische Zeitung „Mokkatom", daß die türkische Regierung daran gehe, eine Handelsvertretung in Haifa zu installieren, deren Ziel es sein soll, die Handelsbeziehungen zwischen der Türkei und Palästina zu beleben, eine türkische Delegation sei in Palästina eingetroffen, um dieserhalb mit der Jemsalemer Regierung zu verhandeln. Aus Warschau berichtet die Jüdische Telegraphen-Agentur über Bemühungen der polnischen Regierung, die Handelsbeziehungen mit Palästina zu verstärken. In diesem Zusammenhang wird u. a. bekannt, daß Polen im laufenden Jahr eine halbe Million Orangenkisten nach Palästina importieren wird. Die Dichte des Handelsverkehrs hängt in diesem Fall zum Teil mit der Tatsache zusammen, daß die Tausenden polnischen Palästina-Einwanderer ihre Beziehungen zu Polen auch weiterhin aufrechthalten. Schon diese wenigen Beispiele, bezeugen die Tatsache, daß die jüdische Aufbauarbeit in Palästina der Weltwirtschaft mächtige Impulse gibt, bzw. die Weltwirtschaft wesentlich Nahrung zuführt. Auf der anderen Seite besteht vorläufig, wenn man vom Orangenexport absieht, wenig Geneigtheit, den Markt für palästinensische Waren zu öffnen. Sogar die englischen Zionisten, die seit jeher in einem loyalen Verhältnis zur britischen Mandatarmacht standen und jede Opposition ihr gegenüber ablehnten, sehen sich heute gezwungen, in einem Manifest auf die schwierige Lage des Exportes Palästinas hinzuweisen. Sie müssen öffentlich bekennen, daß starke handelspolitische Hindernisse der Entwicklung des Palästina-Exports und damit der Entwicklung der Industrie, des Gewerbes u n d H a nd e I s in Palästina im Wege stehen. „Der Kongreß", heißt es in der kürzlich ver- 1 pffentliohten Erklärung der englischen Zioiüston, Arbeit ins Leere „muß die englische Palästina-Regierung autfordern, die notwendigen Schritte zu tun, um neue Warenmärkte in Uebersec für Palästina zu erschließen.";l; Wenn es so weiter geht, wird das jüdische Palästina immer ein Gebiet bleiben, das auf dem Weltmarkt fünf- und sechsmal soviel Waren kaufen muß, als es dort absetzen kann. Das bedeutet, daß das nach Palästina eingeführte jüdische Kapital letzten . Endes nicht produziert, sondern aufge- I g e s s e n wird. Es wird der Zustand eintreten, daß | Palästina nur existieren kann, wenn immer und immer | wieder jüdisches Kapital hineingepumpt wird. Daß l dieser Zustand auf die Dauer unhaltbar ist, ist klar. Wie ist diesem Zustande abzuhelfen? Durch Resolutionen mit frommen Wünschen, wie etwa die oben erwähnte Kundgebung der englischen Zionisten? .Solche Kundgebungen, so gut sie gemeint sind, werden zu belanglosen Phrasen, wenn es um „Wirtschaft" geht. Der englischen Palästina-Regierung werden die Interessen des englischen Kapitals und der englischen Arbeit immer wichtiger sein als die der palästinensischen Judenschaft. Sie wird daher sicher nichts unternehmen, was dahin führt, daß Palästina in die Lage versetzt wird, weniger auf dem englischen Markt kaufen zu müssen und dort mehr verkaufen zu können. Dasselbe gilt von den Herren über das Palästina-Mandat, d. h. von den im Völkerbund vertretenen Staaten. Sie alle haben ein Interesse daran, in Paläsina wenig zu kaufen und viel an Palästina zu verkaufen. Der würgende Ring um das Wirschaftsieben Palästinas wird dann gelöst sein, wenn die Juden Palästinas selbständige Wirtschafts- und Handelspolitik werden treiben, wenn sie nach eigenem Gutdünken Handelsverträge mit einzelnen Ländern abschhließen und das Ausmaß der Zölle werden bestimmen können. Sie müssen Herren im eigenen Hause sein. Das aber werden sie nie in einem von fremden Mächten verwalteten Palästina, sondern nur in einem souveränen Palästina, d. h. im Juden Staate sein. So wie es keine politische Lösung der Judenfrage ohne Juden Staat gibt, so auch keine wirtschaftliche. Unter dem Drucke einer von fremden Interessen diktierten Wirtschaftspolitik kann man bis zu einem gewissen Zeitpunkte und unter großen Opfern an Kapital vegetieren. Aber Aufbau einer nationalen, normalen Wirtschaft ohne politische und wirtschaftliche Selbständigkeit ist eine unmögliche Sache. DANKSAGUNG Für die vielen Beweise der Anteilnahme aus Anlaß des Hinscheidens unseres vielgeliebten Gatten und Vaters, des Herrn Elias M. Kreppel bitten wir unsere Freunde und Bekannten, auf diesem Wege unseren innigsten Dank entgegenzunehmen Familie Kreppe! Nadi innen §tark Die sozialistische jüdische Arbeitergewerkschaft (Histadruth) in Palästina hat sich, weit über den Rahmen gewerkschaftlicher Tätigkeit, hinaus, zum Großunternehmer auf den verschiedensten Gebieten entwickelt. In der Eigenschaft als größte Baufirma im Lande hat die Histadruth jetzt von der Regierung den Bau eines der neuen großen Wasserreservoire für Jerusalem übertragen bekommen. Bei Beginn dieser Arbeit ereignete sich ein charakteristischer Zwischenfall. Als die jüdischen Arbeiter der Histadruth mit. dem Baue beginnen wollten, legten die arabische n Stadträte von Jerusalem Protest ein und forderten die Einstellung arabischer Arbeiter. Die Histadruth fügte sich und verpflichtete sich, auch arabische Arbeiter bei ihrem Bau einzustellen. Gegen die Einstellung einer entsprechenden Zahl von Arabern bei öffentlichen Arbeiten, auch wenn diese von jüdischen Unternehmern durchgeführt werden, wäre grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber es gibt Umstände, welche der Forderung der arabischen Stadträte und der Nachgiebigkeit der Histadruth ein sonderbares Gepräge verleihen. Bisher wurden fast alle Arbeiten für die Stadt Jerusalem, trotzdem ihre Bevölkerung der Majorität nach, jüdisch ist, von arabischen Unternehmern besorgt und diese stellen nur arabische Arbeiter ein. Weder die Regierung noch der Jerusalemer Stadtrat hat daran gedacht, den arabischen Unternehmern irgend welche Bedingungen betreffend die Auswahl der Arbeiter zu stellen oder gar die Beschäftigung jüdischer Arbeiter zu fordern. Nun, da die jüdische Histadruth eine Arbeit bekommen hat, verlangt, man kategorisch die Einstellung von arabischen Arbeitern. Und die Histadruth gibt sofort nach. Puderin Sxiclccke4^ Sparsam praklisdi-preiswert Wenn es um einen Streit mit Juden geht, da trifft es die Histadruth, sehr hart zu sein. Jüdische Unternehmer und Arbeiter, die sich ihrem Diktat nicht fügen wollen, werden rücksichtslos boykottiert und terrorisiert. Aber wenn es um ein Spiel mit Arabern und englischen Beamten geht, da zeigt die sonst strenge, harte Histadruth ein anderes Gesicht. Sie versteht es glänzend, nach, innen stark und brutal und nach außen schwach zu sein. Es gibt genug Beispiele für solche Politik. Aber alle zeigen, daß die Politik der Brutalität nach innen und der Fügsamkeit nach außen keine erfolgreiche ist. Unter Anwesenheit führender jüdischer Persönlichkeiten und Vertreter der Behörden wurde in Straßburg das neue Krankenheim des Jüdischen Frauenbundes Hadassah eingeweiht. Aus Staatsmitteln sind für die Errichtung des Hauses eine halbe Million Francs zur Verfügung gestellt worden. Im Barrandow-Stadion (Prag) wurden am 11. Juli die Kämpfe um die Wasserball m eiste rschaft der Tschechoslowakei beendet. Nach sechsjähriger Pause fiel die Staatsmeisterschaft wieder an den jüdischen Sportklub H a g i b o r, der nach übereinstimmendem Urteil von allen Mannschaften die beste Gesamtleistung zeigte. Die schärfsten Konkurrenten von Hagibor waren diesmal Sparta, c. P. K. und A. P. K. Eine Juristenkommission zur Untersuchung der Menschenraub- und Mordexpeditionen tagte kürzlich unter Vorsitz des königlichen Rates Hector Hughes in der Caxton Hall »in London. Der Kommission gehören an der Earl von Listowel, Pritt, Priestley, Miss Royden Cocks und Mrs. Chesterton. Als Zeugen sagten aus die Witwe Professor Lessings, Max Braun und Frau Berthold Jakob. Frau Jakob bekam bei der Vernehmung einen Weinkrampf, so daß die Sitzung unterbrochen werden mußte. Die Kommission erklärte sich in Permanenz und wird einen zusammenhängenden Bericht veröffentlichen. Die Arbeiten der Kommission werden von dem Bischof von Birmingham, Professor Haidane, sowie verschiedenen Parlamentsmitgliedern protegiert. * Der Kommissär des Jerusalemer Regierungsdistrikts, Major Keith Roach, besuchte den erkrankten Rabbi. K o o k und überbrachte ihm den Wunsch des High Commissioner Sir Arthur Wauchope nach baldiger Wiedergenesung. Das Befinden Rabbi Kooks ist unvei'ändei t. Bei seinem kürzlichen Aufenthalt in Warschau, äußerte der Leiter des E i n w a n d e r u n g s - D e p a r t em c n t s der Jewish Agency, Jizhak Grünbaum, daß ab April 1936 niemand ein Zertifikat bekommen werde, der nicht die hebräische Sprache beherrsche. Jeder, der zur Alijah komme, so erklärte Jizhak Grünbaum, müsse auch bereit und reif zum Aufbau Erez Israels sein. In Plozk (Polen), fand kürzlich ein Prozeß gegen vier Huligans statt, die beschuldigt waren, das Mitglied des revisionistischen ..Brith Hachajal", Sindel .Toskowicz, ermordet zu haben. Das Gericht sprach drei der Angeklagten frei und verurteilte den vierten zu einem Jahr Gefängnis. In Jerusalem wurden acht illegale Einwanderer, die aus der T ü rk ei nach Palästina gekommen sind, einem richterlichen Verhör unterzogen. Zweck des Verhörs war es, die Menschenschmuggler zu ermitteln, die «a der syrisch-palästinensischen Grenze tätig sind. Bisher sind der Polizei die Namen von mehr als 100 solcher Schmuggler bekannt.