Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 480 (16.7.1935)
- Date
- 1935-07-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 480 ganze Judcnhelt. er stellte die Judenfrage vor das Forum der Völker. Historisch gesehen, war also die Affäre Dreyfus ■ein Symptom für den Bestand der Judenfrage, die auch jene leugnen wollten, die erkannten, daß Dreyfus als Jude vor das Tribunal zitiert wurde. Die Rehabilitierung des jüdischen Offiziers erschien den liberalen und assimilatorischen Juden als Wiedergutmachung eines Unrechtes, womit die Affäre erledigt war. Sie verstanden noch immer nicht das Eigenartige des Judenschicksals, das sich zu unserem Schmerz immer wieder — diesmal im nationalsozialistischen Deutschland — grauenvoll offenbart, o. r. Weltpolitik der Woche Die Besorgnis, England könnte in seiner Politik der einseitigen Verträge fortfahren und Hitler- Deutschlands Position gegenüber den europäischen, für den Frieden eintretenden Kulturstaaten stärken, scheint durch die vorwöchige Rede des britischen Außenministers Sir Samuel Hoare zerstreut. England ist von seiner kurzen Fahrt ins Braune zurückgekehrt. Es bekennt sich wieder zu den Grundsätzen, die es gemeinsam mit Frankreich und Italien in Stresa festgesetzt hat und die von den dilettierenden Herren Eden und Simon vernachlässigt worden waren. Der Flottenpakt mit Deutschland bedeutet in Anerkennung der Richtlinien von Stresa einen kleinen Schritt vom Weg, der wieder zum gesunden Naturverstand zurückführt. Die Erklärungen Hoares im Unterhaus reinigen auch die Atmosphäre rings um die A b e s s i n i e n- Krise, die durch das betont kriegerische Auftreten Italiens akut geworden war. England, das große Interessen im vordem Orient zu wahren hat, wünscht eine Lösung des abessinischen Konflikts, die seinen Interessen dient, ohne die Aspirationen Italiens und dessen Prestige in Frage zu stellen. Die Formel ist gefunden : Keine kriegerische Auseinandersetzung, Treue zum Völkerbund, Anerkennung berechtigter Forderungen und Anteilnahme an der Beute! Aus dieser Formel geht hervor, daß die Befürchtung, England forciere die Lockerung seines Einvernehmens mit Frankreich, unbegründet ist. Den Versuch gewisser britischer Außenamtspolitiker, die Position Deutschlands gegenüber Frankreich und Italien und Frankreich-Rußland zu stärken, hat Sir Samuel Hoare als gefährlich für England erkannt. Man kann also sagen: Es ist Deutschland nicht gelungen, die englisch-französisch-italienisch-russische Front zu sprengen. England ist zu seiner alten Freundespolitik zurückgekehrt. Unsere weltpolitische Prognose wurde durch die Tatsachen bestätigt. In der Vorwoche schrieben wir: „Die Symptome, daß England seine Extratour da und dort nur wegen seiner Interessen rings um den Nahen und Fernen Osten unternimmt, verstärken sich. England wird es nicht zum äußersten kommen lassen. Schon die nächsten Tage werden die Lösung bringen und diese heißt: England will einen Anteil an der abessinischen Beute oder, klarer gesagt, es will in Abessinien italienische und britische Einflußsphären schaffen. Man kennt diese Methode aus Englands Kolonialgeschichte, aus Englands imperialer Einstellung. So gesehen, kann man zur Auffassung kommen, das der italienisch-abessinische Konflikt nicht der Anlaß zu einem Krieg oder gar zu einem Weltkrieg werden wird. Der Konflikt läßt sich einfacher schlichten, wenn England seinen Anteil gesichert sieht." Die Erklärungen des britischen Außenministers bezüglich Ost- und Mitteleuropa waren nicht minder bedeutungsvoll als die bezüglich des abessinischen Konflikts. England appellierte an Deutschland, sich in einen Ostpakt und Donaupakt einzugliedern, auf daß im Osten und in Mitteleuropa politisch gesicherte Verhältnisse geschaffen werden. Deutschland hat zu dieser Aufforderung geschwiegen. Es wird weiter schweigen. Deutschland wird niemals ein ehrliches Abkommen bezüglich seiner Ost- und Südöstgrenze (bezüglich Memel-Danzig und Oesterreich) treffen. Der Glaube, daß Hitler-Deutschland auf seine Expansions- und Annexionsabsichten verzichten werde, ist ein Irrglaube. Es hat keinen Sinn, solch einem Phantom nachzujagen. Der aufrichtige Verzicht auf diese beiden „Räume" würde die Waffenstreckung des Hakenkreuzes vor Recht und Glauben bedeuten. Und gerade deswegen muß betont werden, was der britische Außenminister betreffs Oesterreichs erklärte : »Bezüglich der Unabhängigkeit und Integrität HAFNERMEISTER SCHONWETTER Spezialist in Holzdauerbrandöfen, übernimmt alle einschlägigen Hafnerarbeiten. Lieferant der Israelitischen Kultusgemeinde Wlan V, arohflass« 15 Tal. A-35-9-30 Oesterreichs haben wir oftmals erklärt, daß wir der Meinung sind, daß Oesterreich strategisch und wirtschaftlich eine Schlüsselstellung in Europa einnimmt und daß eine Acnderung des österreichischen Status die Grundlagen des europäischen Friedens erschüttern würde. Nach wie vor nehmen wir also das engste und sympathischeste Interesse an den mutigen Bemühungen, die Regierung und Volk von Oesterreich aufwenden, um den Bestand Oesterreichs als unabhängigen Staates aufrechtzuerhalten und zu stärken. Dies ist einer der Gründe, warum die britische Regierung gern sehen würde, daß ohne weitere Verzögerung der Nichtangriffs- und Nichteinmischungspakt für den Donatiraum abgeschlossen würde." Das, was die britische Regierung gern sehen würde, kann sie auf diplomatischem Weg nie erreichen. Erst wenn Deutschland durch die nackte Wirklichkeit überzeugt werden wird, daß ein Angriff auf Oester- Einc Reihe von Nachrichten bezeugt, daß der antijüdische Feldzug seitens des deutschen Hakenkreuzes in unverminderter Schärfe fortgesetzt wird. Aus der Fülle der Ereignisse heben wir einzelne heraus: Der Teufel im Blut Die soeben erschienene zweite Julinummer (Nr. 27) des von Julius Streicher herausgegebenen „Stürmer" trägt an der Spitze die Ricsenüberschrift „Jüdisches Verbrechertum" und darunter die Titel ,,Der Jude hat den Teufel im Blute. Der Talmud befiehlt ihm das Verbrechen. Die Judenfrage muß gelöst werden." Im Text heißt es u. a.: „Der Jude hat den Teufel im Blute. Und dieses Blut befiehlt ihm das Verbrechen. Dieses Blut, das er von seinen Urahnen geerbt, gebietet ihm die Versüdigung an der fremden Rasse." Es folgt ein Abschnitt über den Talmud mit den bekannten und neuen gefälschten Zitaten. In dem gleichen Geiste ist die ganze umfangreiche Nummer gehalten. In der bekannten Art werden die Namen und Adressen von Juden angegeben, die sieh angebliche Verbrechen, insbesondere „Rasseschändungen" haben zuschulden kommen lassen. Dabei werden auch Kinder und Jugendliche nicht geschont. KR£UZ"KINO Wollzeile 17 - Tel. R-24-2-16 Polizeiföagen Hr. 13 MaT,"i?oy Kötharlnn «f Große man B-33-0-68 n mit Elisabeth Bergner Die Wirkung dieser Hetzpropaganda illustriert der „Stürmer" selbst in einem „Jüdische Brutalität" überschriebenen Artikel, in welchem erzählt wird, daß der „Jude Michael Früh" in der „Mannheimer-Synagoge" in Fürth einen Nichtjuden „niedergeschlagen" hat. W i e kam der Nichtjude in die Synagoge? Der „Stürmer" antwortet: „Scheinbar war er vom Juden Früh irgendwie begaunert worden und ging in seiner Verzweiflung in die Synagoge, um dessen Jüdisches Herz' zu erweichen." Zwischen den Zeilen des „Stürmer"-Artikels kann man genau herauslesen, daß es sich hier um einen Ueberfall von Nazi auf die Synagogenbesucher gehandelt hat. Der „Stürmer" ist impört, daß die Juden die „Frechheit" hatten, die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen, und schließt: „Das leiseste Nachlassen im Kampfe gegen die Judenpest wäre weiter nichts als ein Zurück in die vergangene Schmach und schließlich das Ende der deutschen Nation." Dieser wie andere Artikel der Nummer ist gespickt mit angeblichen Z itaten aus der hebräischen religiösen Literatur; in Wirklichkeit sind die Zitate weit entfernt davon, dem Hebräischen ähnlich zu sein, sondern sie entstammen vielmehr der internationalen Gaunersprache. Martyrium Die Tragödie der Frankfurter Juden Prag, 10. Juli. (Z. T.-A.) Der Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der soeben von einem Besuch der Stadt Frankfurt a. M. hierher zurückgekehrt ist, teilt im folgenden seine in dieser Stadt empfangenen Eindrücke mit: Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M., die nach Größe und Bedeutung gleich hinter der Berliner Gemeinde rangiert, macht jetzt schwerste Prüfungen durch. In den letzten Hechs Monaten, in denen der Einfluß Julius Streichers in Frankfurt a. M. stärker spürbar geworden ist, hat sich die Lage der Juden sogar schlimmer gestaltet als die der Juden in Streichers Feste Nürnberg. Quer über allen Hauptverkehrsstraßen sind Transparente gespannt mit Riesenaufschriften: „Juden sind keine Volksgenossen." „Die Juden müssen aus Frankfurt heraus." „Frankfurt ist eine deutsche Stadt" usw. Der systematisch ausgeübte Druck zur Anbringung des Schildes „Deutsches Geschäft" seitens arischer Firmen hat den Erfolg gehabt, daß bisher 90 Prozent aller arischen Geschäfte solche Schilder sichtbar angebracht haben. Bei den wenigen arischen Geschäften, die das nicht taten, handelt es sich um solche, die in Stadtteilen mit dichter jüdischer Bevölkerung gelegen sind und auf jüdische Knudschaft reflektieren, Die meisten Restaurants und Cafds haben an den Eingängen Schilder angebracht mit Aufschriften Billige Sonderfahrten s;2« Abfahrt: Sonntag, 21. Juli und die folgenden Sonntage. Rückfahrten am 4. August, 1. und 15. .Sepiember. Nach Zakopane zu den Bergfeste Feiern vom 4. bis 11. August 70Prozent Eisenoahnermäßlgung. Polnisches Visum gratis. Reisebüro „FRANCOPOL", III., Rennweg I.Telephon U-16-4-90. reich aussichtslos ist, wird es von seinem Vorhaben abgehen. Bis dahin hafs noch gute Weile. Der europäische Friede kann nur dadurch gesichert werden, daß die Mächte ihn gemeinsam gegen Hitler- Deutschland verteidigen, daß sie Deutschland keine Chance geben, im Trüben zu fischen. Die Rückkehr Englands zum System des unteilbaren Friedens, der auf der Grundlage der kollektiven Sicherheit aufgebaut werden muß, hat Sir Samuel Hoare in seinem vorwöchigen Unterhaus - Expose versprochen. Die nächste Epoche wird im Zeichen dieser Bemühungen stehen. o. r. wie: „Juden, die dieses Lokal betreten, werden hintausgeworfen." „Juden werden hier nicht hereingelassen." „Juden sind hier unerwünscht." „Hier werden Juden nicht bedient." Ein Hotel leistete sich die Aufschrift: ,Juden und Hunde kommen hier nicht herein." Ein Caf6, das einem früheren fortschrittlichen Abgeordneten gehört, der sich zuweilen auch jetzt für Juden einsetzt, wurde kürzlich an einem Abend von mit Lastwagen eingetroffenen SA.-Leutcn umringt, die eine volle Stunde lang „Wcnn's Judenblut vom Messer spritzt" sangen und im Sprechchor judenhetzerische Losungen ausriefen. Dem Besitzer und den Besuchern, unter denen sich auch einige Juden befanden, blieb nichts anderes übrig als stillzusitzen und zuzuhören. Sehr schwer trifft die Juden Frankfurts ihr völliger Ausschluß aus den öffentlichen Bädern. Sie dürfen in diesem Sommer kein städtisches Bad betreten; in dem eüizigen privaten Schwimmbad, das noch Juden zugänglich ist, sind sie immer wieder Belästigungen ausgesetzt, so daß ihr Ausschluß auch aus diesem Bad „aus Gründen der öffentlichen Sicherheit" wohl bald erfolgen wird. Die geschäftlichen Aspekte für die Juden Frankfurts werden immer düsterer. Die meisten jüdischen Ladeninhaber bringen nicht mehr das Existenzminimum auf. Infolge des Terrors wagen die Kaufwilligen nicht mehr, jüdische Läden zu betreten. Der katholische Bevölkerungsteil ist gegen die Judenverfolgungen, auch unter den Protestanten werden schüchterne Einwendungen laut. Die Jugend aber läßt sich, im allgemeinen von der antisemitischen Welle mittragen. Niemand wagt es, offen seine Stimme zugunsten der verfolgten Juden zu erheben. Angegriffene Kriegsbeschädigte Prager Zeitungen melden aus Berlin: In einem bekannten Lokal des Berliner Westens kam es zu einer wilden Schlägerei zwischen jüdischen Frontkämpfern und SA. - Leuten. Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" hatte in einem Lokal eine Vereinsveranstaltung abgehalten. Der Zufall wollte es nun, daß im benachbarten Saal eine Kundgebung zweier SA.-Bezirksgruppen stattfand. Als die SA.-Leute von der jüdischen Veranstaltung hörten, brachen sie in stürmische Empörungsrufe aus und stürmten in den Nachbarsaal, wo sie die dort versammelten jüdischen Frontkämpfer, zum großen Teil Kriegsverletzte, als „A . . . löcher, Judensäue, Christenmörder und Mädchenschänder" beschimpften. Als die Juden scharf erwiderten, ging die SA. zu Tätlichkeiten über. Die Frontkämpfer setzten sich zur Wehr, mit Stuhlbeinen und Biergläsern wurde erbittert gekämpft. Die SA.-Leute waren zum größten Teil mit Gummiknüppeln bewaffnet. Schließlich wurden die Ei ndringlinge aus dem Saal geworfen. Als die Polizei kam, sah es aus wie auf einem Gefechtsfeld. Kein einziger SA.-Angreifer wurde in Haft genommen, hingegen von den angegriffenen Frontkämpfern 12 Mann wegen „gewalttätiger U c b e r g r i f f e". Eine Anleihe für Ilaifa Die Stadtverwaltung von Haifa steht in Unterhandlungen mit einem Finanzkonsortium wegen einer Anleihe von einer halben Million Pfund, die zum Ausbau und zur Modernisierung der Stadt verwendet werden soll. (J. T. A.) Neue Sehulbauten Der Waad Leumi unterhandelt mit einer Londoner Privatbank wegen einer Anleihe von 130.000 Pfund, die zum Bau neuer Schulgebäude verwendet werden soll. Der Zinssatz wird 4>/j Prozent betragen. Die Anleihe soll in einem Zeitlauf von 25 Jahren amortisiert werden, Gleichzeitig wird mit der Regierung wegen deren Genehmigung zur Aufnahme der Anleihe verhandelt. (J. T. A.)j Gesellschaftsreise zum XIX* Zaom'sf enkongreß Die JudoiiMtaatspaitei Oesterreichs beabsichtigt /tun XIX. ZioniHtenkongreß mich Luzoru eine Gesellschaftsreise, per Eisenbahn z.ii veranstalten. Dio Vorbereitungen für diese Heise sind in vollem Gange. Interessenten können wich täglich in der Zeit von 10 bis 12 Uhr in der Verwaltung „Die Neue Welt", Wien, IX., UniveraitätHbtraUe 8, Tel. A-M-Wd, anmelden, In irgend einem zivilisierten Lande ♦ ♦ ♦