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Die neue Welt · 1935-07-16 · Heft 480 (16.7.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 480 (16.7.1935)
Date
1935-07-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen lahrgang 9 Dienstag, den 10« Juli Mi>« 480 j n«. ^veraitÄtsbJb/iothej( —_ Wien, r. V« b« b+ - versendet l'editeur*1 REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig ö 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lira 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitäfsstr. 8, Tel. A-20-2'78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Des Bundeskanzlers Gallin lödledi verunglückt Zum tragischen Tod der Frau Henna von Sdtusdimgg In dem Monat, der gleichsam ein Schicksalsmonat Oesterreichs zu sein scheint, ist Frau Herma von Schuschnigg, die Gattin unseres Bundeskanzlers, einer Autokatastropho zum Opfer gefallen. Die Frau ohne persönlichen Khrgeiz, im Hintergrund der Politik stehend, nur der Fürsorge der Leidenden und Armen hingegeben, mußte ihr teures Leben lassen. Ihr Wirken für das öffentliche Wohl wird unvergeßlich bleiben. Das weite Ausland hat den Verlust erkannt, von dem Oesterreich und sein Kanzler getroffen wurden. Aus der ganzen Welt trafen Beileidskundgebungen ein. Jedes fühlende Herz empfindet Trauer ob des schweren Schicksalsschlages. Bundeskanzler Dr. Schuschnigg wendet sich die Xeiln&ikmo cter ganzen Kulfcurwelt zu. Sie ist um so größer und aufrichtiger, als man weiß, daß er inmitten seines Schmerzes weiterhin das Geschick Oesterreichs zu lenken, weiterhin für das Wohl des Staates zu sorgen hat. Wenn es einen Trost gibt in diesem Unglück, so ist es das Bewußtsein, einer hohen Aufgabe zu dienen, dem Vaterland jedes Opfer zu bringen. Der Verblichenen hat die Wiener Judenheit eine besondere Dankessclmld abzutragen. Frau Herma von Schuschnigg hat in vorbildlicher Weise ihre Teilnahme auch den jüdischen Kindern dieses Staates zugewendet. Sie kannte keinen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bedürftigen, und ihrem Pflichtbewußtsein ist es zu verdanken, daß viel jüdisches Kinderleid gemildert würde. Die jüdischen Mütter und Frauen werden der auf so tragische Welse Dahingegangenen treues Andenken bewahren. Wir jüdischen Bürger Oesterreichs geben der Hoffnung Ausdruclf, daß der tapfere Lenker dieses Staates, unbeirrt von dem Schicksalsschlag, der Treue der österreichischen Patrioten bewußt, die ihm anvertraute Mission erfüllen wird. * Die „Judenstaatspartei" und der „Jüdische Volksbund für Oesterreich" haben dem Bundeskanzler Dr. Kurt v. Schuschnigg anläßlich des tragischen Hinscheidens seiner Gemahlin die ergebenste Teilnahme übermittelt. 6 MilL Pfund Einnahmeübers sdiuß der Palästina?Verwaltung Aus Jerusalem meldet die J. T. A.: Die Berechnungen, wonach der Einnahmeüberschuß der Palästina-Verwaltung bis Ende März 1935 5,250.000 Pfund betragen würde, haben sich als überholt erwiesen. Infolge der anhaltenden günstigen Wirtschaftskonjunktur sind die Einnaiimen der Palästina- Regierung fortlaufend gestiegen. Nach den neuesten Feststellungen beträgt der Vorwaltungsüberschuß mehr als sechs Millionen Pfund. Teilnehmer am Pogrom zu Constantine verurteil! Aus Algier: Die blutigen Pogrome gegen Juden in Constantine und in einigen anderen Städten in Algier im August 1034 haben erst jetzt zum Teil ihre Sühne gefunden. Das Gericht hat eine Anzahl Araber, denen die Teilnahmo an den Pogromen nachgewiesen werden konnte, zu Gefängnisstrafen in verschiedener Höhe verurteilt. Bei den Pogromen in Constantine und in benachbarten Städten wurden 28 Personen getötet und 40 Personen schwer verletzt. Der Schaden wurde auf 70 Millionen französische'Francs geschätzt. Damals hieß es, daß die Untersuchung gegen 144= Araber geführt wird. Der Pogrom entstand infolge eines Gerüchtes, daß ein jüdischer Soldat eine Moschee entweiht habe. Das Geniels* jvurde später ate falsch nachgewiesen. (J. T. A.) Wiederum Unruhen in Algerien Aus Algier: In Tlaret, einer Stadt im Bezirk Oran in Algier, kam es nach einem Zusammenstoß zwischen Mitgliedern zweier politischer Parteien, von denen eine antijüdiach eingestellt ist, zu ernsten antisemitischen Zwischenfällen. Ein Jude feuerte in der Notwehr einen Revolver ab, wodurch eine Person schwer und eine zweite leicht verwundet wurden, Die Polizei stellte die Ordnung wieder her* (J. T, A,)j Gefahi^fUrOe^ Unsere Betrachtungen über den österreichischen Film, bzw. über dessen Abhängigkeit von Hitler-Deutschland, haben allerorts nachhaltigen Eindruck gemacht, insbesondere in Palästina, das zu den ständigen Abnehmern der österreichischen Filmindustrie gehört. Wir haben ausgeführt, daß der in den Wiener Filmateliers geübte Arierparagraph die Mitwirkung jüdischer Filmschaffender unmöglich mache und daß, da die österreichischen Filme genau nach den reichsdeutschen Vorschriften über Sujets und mitwirkendes Personal hergestellt werden, von einer eigenen, dem österreichischen Geschmack und Bedürfnis entsprechenden Filmindustrie nicht die Rede sein könne. Wir berichteten auch, daß das jüdische Palästina die Konsequenzen aus dieser Sachlage ziehen und den Erwerb der österreichischen Filme davon abhängig machen werde, ob bei diesen der jüdische Schauspieler ausgeschaltet gewesen sei. Die Reaktion auf unseren Kampf für den echten österreichischen, von Nazi-Deutschland unabhängigen Film ist nicht ausgeblieben. Die hebräische Tageszeitung „Haarez" (Tel-Aviv) vom 5. Juli d. J, schreibt zu dieser Frage: Im Zusammenhang mit der Lage, die durch den Boykott jüdischer Filmschauspieler seitens der österreichischen Filmindustrie entstand, beschloß die Oester r. - Palästinensische Handelskammer in Tel-Aviv, sich durch Vermittlung des österreichischen Konsulats zu Jerusalem an die Wiener Handelskammer mit einer Denkschrift zu wenden. Diese Denkschrift schildert die Stimmung, von der die palästinensische Judenheit seit Bekanntwerden des Boykotts der jüdischen Filmschauspieler in Oesterreich, beherrscht ist. Das Memorandum schildert ferner die Einstellung der Palästina- Presse zu dieser Frage. , %r.___ Die Presse fordert eine spezielle Deklaration, daß die österreichische Filmindustrie den Arierparagraphen nicht praktiziere und jüdischen Künstlern die Mitwirkung an österreichischen Filmen freistelle. Das Memorandum bemerkt ferner: „Die Tel-Aviver Kammer fühlt sich verpflichtet, auf zu erwartende Demonstrationen während der Filmvorführungen aufmerksam zu machen, falls die gewünschte Deklaration nicht in offizieller Form erfolgen sollte. Ein Boykott österreichischer Filme sei geeignet, auch den Handel mit anderen österreichischen Waren ungünstig zu beeinflussen« Der gesamte Warenexport Oesterreichs nach Palästina ist in diesem Falle gefährdet. Die Kammer — als Repräsentantin sowohl des österreichischen Importes als auch des Handels in Palästina — betrachtet es als ihre Pflicht, die Wiener Handelskammer mit den Forderungen der palästinensischen Judenheit vertraut zu machen. Die Tel-Aviver Kammer ersucht energisch um Ergreifung entsprechender Maßnahmen, damit ein Boykott österreichischer Filme in Palästina vermieden werde. Dieser Boykott würde äußerst drückende Folgen nach sich ziehen. Eine Sonderdelegation der Tel-Aviver Austro« Palästinensischen Handelskammer überreichte persönsönlich im österreichischen Konsulat das vorhin zitierte Memorandum. In einer speziellen Sitzung beschäftigte sich das Boykottkomitee mit dieser Frage. * Diese vorläufig theoretische Behandlung der österreichischen Filmexportfrage läßt deutlich erkennen, daß der Boykott im Abwehrkampf eine taugliche Waffe ist und daß eine geschlossene nationale Front für alle Gebiete des jüdischen Lebens sich günstig auswirken kann. Bin in seinen wirtschaftlichen und polltischen Aspirationen freies jüdisches Palästina wird die richtigen Mittel finden, sich gegen Schäden zu schützen, I Alfred Dreyfus J Alfred Dreyfus tot! Es wird viele geben, die gar nicht wußten, daß er noch lebte. Aber die Menschen der älteren. Generation werden bei der Todesnachricht zweifellos persönlicheErinnerungen pflegen an die sturmvoHe Zeif der Jfeunzigerjahre, da der Prozeß gegen einen jüdischen Offizier in Frankreich das französisch« Volk in zwei Lager spaltete, die ganze Kulturwelt zu Sympathie oder Haß aufpeitschte. Die „Affäre Dreyfus" — der des Hochverrates beschuldigte jüdische Generalstabsoffizier, der angeblich militärische Geheimdokumente an Deutschland verkaufte zeigte in den letzten Auswirkungen den Bestand der Judenfrage auch dort, wo Kultur, Gewissen und gesellschaftliche Freiheit jedes Vorurteil überwunden au haben schienen. Der Offizier Dreyfus war plötzlich in aller Welt Jude, als ihm keine Auszeichnung, sondern ein Makel angeheftet wurde. Der jüdische Hochverräter — das war der Begriff, der rings um den Prozeß geprägt wurde, und zu einem ungeheuren antisemitischen Elan in Frankreich und außerhalb Frankreichs führte. Die „Affäre" gab den Antisemiten aller Länder Gelegenheit, ihr schmutziges Handwerk unbeschwert von jeder Hemmung in aller Oeffentlichkeit zu üben. Aber die „Affäre" hatte auch ein anderes Gesicht; sie bewirkte auch noch etwas anderes. Der Haß, den sie ausbrechen half, brachte es dahin, daß die ganze jüdische Welt das Schicksal Dreifus' als ihr Schicksal, den Schuldspruch gegen Dreyfus als ihren Schuldspruch empfand — eine Art jüdischer Schicksalsgemeinschaft wurde geboren, der bekanntlich auch Theodor H e r z 1, in Paris den Dreyfus-Prozeß als Zeitungskorrespondent mitmachend, sich eingliederte und im weiteren Verlauf die zionistische Lösung gab. Die Affäre Dreyfus kann also als Meilenstein in der Geschichte des politischen Zionismus gelten. Damals, vor dreißig Jahren, als der arme unschuldige Jude Dreyfus, an sich keine gerade sympathische Figur, rehabilitiert wurde, sah die jüdische Welt darin einen Akt von Gerechtigkeit und Humanität. Die Wahrheit hatte gesiegt. Das große Frankreich, in seinen Grundfesten erschüttert, machte das Unrecht wieder gut. Das jüdische Gemüt war gerührt. In jedem jüdischen Haus konnte man die Personen des Dreyfus-Dramas hinter Rahmen und Glas sehen: außer Alfred Dreyfus seine Frau und seinen Bruder Mathieu, den Verteidiger Maitre Labori, den tapferen Major Piquart und Emil •Zola, den Verfasser des Anklagerufs „J'accuse", Die Affäre war zu Ende. Das Judentum fühlte sich mit freigesprochen. Bei diesem sentimentalen Genügen ließ Theodor Herzl es nicht bewenden. Er gab der Stimmung einen neuen, kräftigen Impuls, er alarmierte die Die nächste CAii«lA«faki«ft nach Polen und bequeme dOllCItSl ICSflaB Csernowitsam Sonntag, den 21. Juli, retour 4. August, 1. und 15 September. Sofort An- Mmmm** Wien I, Karlsplatz 1, meidung. Reisebüro f■■III KärntnerstraDe 63, Referent S. Rosenkranz, Telephon-Nummer U-44-5-79

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