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Die neue Welt · 1935-07-09 · Heft 478 (9.7.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 478 (9.7.1935)
Date
1935-07-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. m DIE NEUE WELT Seite $ Sfoutiß Puder in Sdckcke^v sparsam pruktis<hprn$n>evi Weltpolitik der Woche Dem Bestreben der englischen Politik, das in feinen Konflikt mit Abessinien verwickelte Italien »unter Druck zu setzen, bringt die Weltmeinung nicht Viel Sympathie entgegen. Wenn der Unmut gegen England nicht allzu scharf zum Ausdruck kommt, so geschieht dies — von der italienischen und französischen Presse abgesehen — aus dem Grunde, weil die englischen Absichten noch nicht ganz klar erscheinen und man Großbritannien nur ungern unfaire Motive unterschieben will. Die Mißstimmung gegen England, wegen seines Flottenabkommens mit Hitler-Deutschland, war noch in vollem Ausmaß wirksam, als man neuerlich Grund bekam, den alten Begriff „Perfides Albion" zu aktualisieren. Ganz zaghaft begann die Weltpresse zu munkeln, daß England Italien hindern wolle, seinen Einfluß in Abessinien zu verstärken, in Abessinien, das in unmittelbarer Nähe von Aegypten und dem Suezkanal liegt. Italien seinerseits wies mehrfach darauf hin, daß es bloß Englands Beispiel nachahme, wenn es unbekümmert um die Stimmung der anderen Großmächte seine kolonialen Aspirationen verwirklichen wolle. Tatsächlich hat England bei der Errichtung seines. Imperiums keine Rücksicht auf die Interessen anderer Staaten genommen, und im Fall seines Flottenabkommens mit Deutschland sogar engumrissene Verträge und Abkommen, wie beispielsweise Versailles, London und Stresa, arg lädiert. Aber wie auch die Verhältnisse theoretisch Hegen mögen — die Welt interessiert sich im Augenblick vor allem darum, ob die italienisch-abessinische Spannung sich in einem Krieg entladen wird, der auf Europa rückwirken könnte. Unter diesem Aspekt müssen auch alle Bemühungen um die Festigung des Völkerbund-Prestiges betrachtet werden. Wird England seine „deutschfreundliche" Politik fortsetzen? Wird es augenblicklichen Vorteilen zuliebe alte bewährte Bindungen lösen und Deutschland ermuntern, die antieuropäische Politik fortzusetzen? Werden Frankreich und Italien den englischen Machinationen ein Paroli bieten können? Oder handelt es sich bei England nur um eine kurze Extratour, nach deren Beendigung es wieder zu seinen Freunden zurückkehren wird? Das sind die Fragen, die sich jeder am Weltgeschehen interessierte Mensch in diesen Tagen stellt und dessen Beantwortung er von den Ereignissen selbst erwartet. Die Symptome, daß England seine Extratour da und dort nur wegen seiner Interessen rings um den Nahen und Fernen Osten unternimmt, verstärken sich. England wird es nicht zum äußersten kommen lassen. Schon die nächsten Tage werden die Lösung bringen und diese heißt: England will einen Anteil an der abessinischen Beute oder, klarer gesagt, es will in Abessinien italienische und britische Einflußsphären schaffen. Man kennt diese Methode aus Englands Kolonialgeschichte, aus Englands imperialer Einstellung. So gesehen, kann man zur Auffassung kommen, das der italienisch-abessinische Konflikt nicht der Anlaß zu einem Krieg oder gar zu einem Weltkrieg Averden wird. Der Konflikt läßt sich einfacher schlichten, wenn England seinen Anteil gesichert sieht. Viel drohender sind die Dinge in Ostasien. Dort vollzieht sich das Werden einer überdimensionalen japanischen Großmacht- und Vormachtstellung und dort gibt es außer den europäischen Mächten auch noch Sowjetrußland und — Amerika. Wenn der italienischabessinisch-englische Konflikt schon längst geschlichtet ist, wird mit drohender Wucht das Problem Japan oder Europa auf dem Horizont erscheinen, o. r. Studeniensireik Dienstag, den 2. Juli, setzten die Studenten der Je rusalcmcr Universität mit einem halbtätigen Streik ein, der proklamiert wurde, um die j Gründung eines landwirtschaftlichen Instituts an der Universität durchzusetzen. Der Streik ist ohne Zwischenfall verlaufen. Kanadische Regierung für jüdische Einwanderung Aus Montreal: Auf der soeben hier abgehaltenen Jahresversammlung der Jcwish Immigrant Aid Society of Canada (Gesellschaft für Hilfeleistung an jüdische Einwanderer) teilte der Direktor der Gesellschaft, J. Paul, mit, daß die kanadische Regierung jüdischer Einwanderung nach Kanada günstig gegenüberstehe. Eine größere Anzahl deutscher Juden ist bereits während des Jahres nach Kanada gekommen; viele Ausweisungen von Juden wurden zurückgenommen. Das jüdische Mitglied des kanadischen Parlaments, S. W. Jacobs, erklärte in einer Ansprache an die Versammlung, daß fast alle 245 Mitglieder des Parlaments den Juden gegenüber eine wohlwollende Haltung einnehmen. RUNDSCHAU Aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen Das antideutsche Boykottkomitee in Polen Ist aufgelöst worden. Ein Rcgierungserlaß verbietet den polnischen Kaufleuten, offiziell deutsche Waren zu boykottieren, bzw. für den Boykott Propaganda zu machen. Es ist dies nicht ein einfaches Verwaltungsverbot, sondern ein solches, das strenge Strafen vorsieht, ja sogar zehn Jahre Kerker demjenigen androht, der wagen sollte, sich gegen einen Warenbezug aus Hitler-Deutschland auszusprechen. Die polnische Regierimg gibt in einem Communique bekannt, daß ein öffentlich erkennbarer amtlicher Boykott diplomatische Verwicklungen nach sich ziehen könne; es müsse alles vermieden werden, was Hitler-Deutschland nervös machen könnte. Wie man sieht, sind die polnischen Behörden um Deutschlands Wohlbefinden überaus besorgt, dem Schein nach mehr als um ihre eigenen Kaufleute, deren freizügiges Handeln durch den erwähnten Erlaß völlig eingeschnürt ist. Man kann gewiß ein Boykott-Komitee auflösen. Man kann sogar mit Kerkerstrafen drohen. Aber dem Kaufmann vorschreiben, woher er seine Waren beziehen, und dem Kunden vorschreiben, welche Waren er zu konsumieren hat, das geht über die Macht einer Behörde hinaus. In England und Amerika bleiben die großen Boykott-Komitees unbehelligt und doch kann man nicht behaupten, daß die dortigen Behörden die eigenen Wirtschaftsinteressen vernachlässigen. Die polnische Regierung wird mit ihrer Maßnahme eine Sympathie für Hitler- Waren nicht erzwingen. Vermutlich will sie das auch nicht. Sie will bloß Deutschland gegenüber, mit dem es einen Nichtangriffspakt geschlosen hat, eine freundschaftliche Geste tun. Herrn Streicher angenehm Der Herausgeber der Bielitzer „Jüdischen Wochenpos t", die wir der Annahme von Hitler-Geld beschuldigten und die den Mut hatte, uns eine diesbezüg- An jedem Sonntag SORClerf ah ff i|HMj nach POleil und der BUrtOWf M ^PHHB Direkte verkürzte Reisedauer, Sammelpaß. Rückfahrt: 4. August, 1. und 16 September. Anmeldeschluß Donnerstag Reisebüro hIRUT" Ref. S. Rosenkranz Tel.: U-44-5-79,1, Karlsplatz 1, Kärntneistraße 63 liehe Berichtigung ins Hang zu schicken, rechnet immer noch mit der Langmut oder Indolenz ihrer Leser. Ihre Ausgabe vom 5. Juli 1935 bringt nicht nur ein großes Inserat des nazideutschen Bades Wildungen, sondern auch die Anzeige, daß das Blatt nunmehr überall in Deutschland, insbesondere in Berlin, zu haben sei. Ein außerhalb Deutschlands erscheinendes Blatt, das sich rühmt, jüdische Interessen zu vertreten, und trotzdem nach Deutschland hineingelassen wird, ist wohl ein Unikum. Wie muß solch ein Blatt ausschauen, wenn ihm nicht die Ehre zuteil wurde, in Deutschland verboten zu sein! Herr Dr. Fritz Seifter, der vor Sorge um das Judentum nicht schlafen kann, hat ein sanftes Ruhekissen: Hitler-Mark für Hitler-Inserate. Wir hoffen, keine Berichtigung mehr zu bekommen — insbesondere nicht von einem Blatt, das in der gleichen Nummer, in der es sein ungehindertes Erscheinen in Berlin anzeigt, von unserer Zeitschrift „Die Neue Welt" einen Aufsatz übernimmt und uns schamhaft als „N. W." zitiert! Erst begeifern, dann nachdrucken — wahrlich, die richtige Methode eines ift Bielitz erscheinenden und in Berlin aufliegenden „jüdischen" (!) Blattes. Herrn Streicher unangenehm Die „C. V. Zeitung" (Berlin), das Organ des Zcntralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, ist auf drei Monate verboten worden. Es wäre natürlich absurd, anzunehmen, daß dieses seit jeher liberale, eine deutsch-jüdische Symbiose befürwortende Blatt gewagt hätte, gegen das in Deutschland herrschende nationalsozialistische Regime aufzumucken. Die „C. V. Zeitung" ist natürlich — abgesehen von der Berichterstattung rein jüdischer Angelegenheiten — gleichgeschaltet. Sie hat also den Unmut der Regierung durch etwas anderes erregt als etwa durch Angriffe oder Beschwerden. Das Verbot wird damit begründet, daß das Blatt die letzten heftigen antijüdischen Kundgebungen einzelner Naziführer kommentarlos wiedergegeben und dadurch gegen die — Staatsordnung gehetzt habe. Sonderbares hitleristisches Strafrecht! Nicht die Führer der blutrünstigen Judenhetze werden in Nazideutschland zur Verantwortung gezogen, sondern diejenigen, welche von dieser Hetze Kunde geben. Es ist erlaubt zu meucheln, aber nicht vom Meucheln zu erzählen. Von nun ab wird die jüdische Presse in Deutschland auch nicht einmal mehr die Auslassungen der Herren Stürmer und Genossen x-egistrieren dürfen. VBOBS8BSW Nfidttf§ gelernt ♦ ♦ ♦ Eine Zuschrift aus Holland Ein Leser aus Amsterdam schreibt uns: „Ich habe in Deutschland und dann in Oesterreich gelebt und mitangesehen, wie die Juden dieser Länder bei den extremlinken politischen Parteien ihr Heil suchten. Ich habe beobachten können, wie es einzelne Juden verstanden, in diesen Parteien an führende Stellen zu gelangen. In beiden Ländern glaubten die Juden, daß es gut für sie sei, und waren stolz darauf. Wie bekannt, hat aber dieser Umstand weder den Parteien noch den Juden Nutzen gebracht. Die jüdische Gefolgschaft und die jüdischen Führer dienten nur dazu, den Haß der anderen zu schüren. Der Ausbruch dieses Hasses ist auch erfolgt. Jetzt lebe ich längere Zeit hier in Holland und muß feststellen, daß die hiesigen Juden an dem, was in Deutschland und in Oesterreich vorgegangen ist, nichts gelernt haben. Während sich früher die Juden in Holland in politischer Beziehung sehr reserviert verhielten, nehmen sie jetzt am politischen Leben regeren Anteil, aber leider nicht in richtiger Art, nicht als Juden. Sie werfen sich hier, wie früher in Deutschland und Oesterreich, den extremen Parteien an den Hals und auch hier tritt schon ein jüdisches Führertum in die Erscheinung. So wurden bei den letzten Wahlen in den Stadtrat von Amsterdam elf Juden gewählt. Mit einer einzigen Ausnahme sind alle kommunistisch und sozialdemokratisch. Nun gibt es hier im Lande bereits eine, unter deutschem Einfluß stehende antisemitische Partei. Sie ist nicht groß und nicht stark. Aber ganz über diese Partei hinwegzusehen, wie es die Juden hier tun, ist auch nicht angebracht. Auch in anderen Ländern war ja der Antisemitismus früher klein und schwach. Diese Partei beutet jetzt die Wahl in den Amsterdamer Stadtrat gewaltig aus und schreit, daß die Juden lauter Bolschewiken sind und Holland bolschewisieren wollen. Mit diesem Schlagworte wirken sie auch tatsächlich auf Menschen, die sonst nichts von ihnen wissen wollen. Die Wahl der jüdischen kommunistischen und sozialdemokratischen Führer wird jetzt tatsächlich lebhaft besprochen, und zwar nicht sehr wohlwollend. An sich ist der Holländer tolerant und zum Antisemitismus wenig geneigt. Er hat bis jetzt nie Anstoß genommen, Juden an hohen öffentlichen Stellen zu sehen. Das Erscheinen im Stadtrat von Amsterdam jedoch wird, wie gesagt, sehr bekrittelt, und das ist für die Juden gewiß nicht gut. Ich bin überzeugt, daß alle Holländer es als selbstverständlich angesehen hätten, wenn j ü di s c h e Kandidaten als Juden aufgetreten und gewählt worden wären. Aber die vielen jüdischen Kommunisten und Sozialdemokraten wirken nicht gut. Es tut' mir wirklich leid, daß die Juden in Holland aus den Vorgängen im Auslande so wenig gelernt haben. - (I. G.)" Meldungen aus Holland Aus Amsterdam. (J. T. A.): Während der letzten Wochen fanden in ganz Holland Wahlen zu den verschiedenen Städträten statt, zu denen auch die antisemitischen nationalsozialistischen P a r t e i e n Kandidaten .nominiert hatten. Einzig in Osterwick, einem Ort in der Provinz Nordbrabant, gelang es einer antisemitischen nationalsozialistischen Gruppe, der „Zwärt Front", zwei Kandidaten durchzubringen. In Amsterdam wurden elf Juden in den 45 Mitglieder umfassenden Stadtrat gewählt. Es sind dies: Dr. I. H. J. Vos (liberal), Dr. M. de Hartogh (neutral), David Wijnkoop, Frau Theeboom van West (beide Kommunisten), S. Rodrigues Miranda, E. Polak, E. Beekman, Frau A. van Blitz-Bonn, Dr. B. H. Sajet, Dr. S. Mok und Dr. J. J. van de Velde (alle Sozialisten). Die antisemitische Nationalsozialistische Partei unter Führung von Herrn Albert de Joode erhielt nur 1794 Stimmen und hat daher keinen Anspruch auf einen Sitz. Aus Amsterdam (J. T. A.): Die von den Nazis in Holland gegen die deutsch -jüdische Kolonie im Wieringermeerpolder und die Haltung der holländischen Regierung in dieser Angelegenheit betriebene andauernde Hetze hatte zur Folge, daß vergangene Woche in der Ersten Kammer des holländischen Parlaments über dieses Thema eine Debatte stattfand. Dr. van C i 11 e r s fragte den Minister des Departements für Bewässerungswesen, ob sicher sei, daß die deutsch-jüdischen Kolonisten i n Holland bleiben werden, was im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit im Lande nicht angehe. Minister Dr, van L i d t h de Jeude erwiderte, daß der Boden des Wieringermeerpolder nur bis Mitte 1936 verpachtet sei. Die jungen Leute müssen das Land verlas s e n, sobald ihre Ausbildung beendigt ist. Der erste Transport wird im kommenden Herbst nach Palästina und S ü damerika abgehen. Senator S. van den Bergh erklärte, er bedaure, daß Dr. van Gitters diese Angelegenheit zur Diskussion gebracht habe. Keiner der jungen Leute wird länger als zwei Jahre im Lande bleiben, und . . . Liebe deinen Nach» sten wie dich selbst! — rief er aus. Die jungen Männer und Mädchen, in ihrem Vaterland von Rassenhaß verfolgt, erlernen hier einen Beruf Tind verlassen dann da» Land. Daran kann nichts Unrechtes sein!

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