Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 478 (9.7.1935)
- Date
- 1935-07-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 478.. Jeden Sonntag Ferienfam* nach Polen und Czernowitz Rückfahrten am 4. August, I. und 13. September. Nach Zakopane zu den Ber^t.bte-Keiern von 4. bis 10. August. 70 fge Eissnbahnermaaigung Polnisches Visum gratis „Francopol" tIAtoä andere Parteien gestimmt haben, ja sogar für ausgesprochen gegnerische. Fand man doch auf der Wahlnummer ihres Organs als Unterzeichner des Wahlaufrufs Namen von Menschen, die sich al9 Propagandisten gegnerischer Parteien betätigten! Diese Methode, Namen von Zionisten mißbräuchlich zu verwenden, wird zweifellos nicht ohne Protest seitens der Mißbrauchten geübt worden sein. Die „Allgemeinen" des Zionistischen Landeskomitees, die jetzt ideologisch der sogenannten B-Gruppe zugerechnet werden, haben rund 33 Prozent erhalten. Dieses Resultat ist zunächst aut den Konservatismus der Wähler zurückzuführen, die den gewohnten Gang zur offiziell-zionistischen Landesurne ohne viel Ueberlegung antreten und das Schicksal des Zionismus gerne dem „Büro" überlassen. Die „Allgemeinen" im Weltverband verfügten natürlich über ihre Bezirkssektionen, die zum großen Teil noch aus einer Epoche stammen, wo es noch keinen in Fraktionen gespaltenen Zionismus gab; die Arbeit der Bezirkssektionen oder, wie es in der politischen Terminologie heißt, der „Appara t" schleppte Wähler zur Urne, von denen nur Gott weiß, was sie mit dem Zionismus verbindet. Es war ein Kampf um die Macht, um das Prestige, das der österreichische offizielle Zionismus führte; kein Kampf um ein Prinzip, kein Kampf um zionistische Werte. Ausgestattet mit dem Apparat; gestützt von der konservativen Haltung der Wähler; hinter sich den Glauben zahlreicher Schekelbesitzer, daß das Wohlwollen der der Kultusgemeinde nahestehenden Kandidaten und Kandidatenfreunde von Nutzen sein könne; mit Geld versehen in diesem Punkt den Linken gleichgestellt — so gingen sie in den Wahlkampf, der diesmal ausschließlich der Befriedigung der einen Begierde galt: Die Liste Robert Stricker, auf der sich die Judenstaatler, die Herzl-Zionisten zusammengeschlossen hatten, zu zertrümmern. Der Wähler konnte natürlich den Verlockungen, die In den Begriffen Weizmann, Zertifikat, Posten lagen, anheimfallen. Er honnte den bequemen Weg zu den Allgemeinen des Weltverbandes oder der Weltvereinigung oder gar zu den fettbäuchigen Linken gehen. Er konnte sich dorthin schlagen, wo Ruhe, Bequemlichkeit, Zertifikat oder Beamtcnstelle winkten. Er tat es nicht. Die Judenstaatspartei, d. h. die Liste Robert Stricker, die im Jahre 1933 mit teilweiser revisionistischer Unterstützung 1490 Stimmen oder 17 Prozent aller Stimmen auf sich vereinigte, bekam diesmal unter den ungünstigsten Verhältnissen (nach vorläufiger Schätzung) 2536 Stimmen oder 22 Prozent aller Stimmen. Während der Weltverband der Allgemeinen von 1933 auf 1935 seinen Prozentsatz nicht erhöhen konnte, vermochte sich die Liste Stricker um 5 Prozent, bzw. um mehr als 1000 Stimmen, zu verbessern. Diese Steigerung vollzog sich einer Propaganda zum Trotz, die vor keiner Hemmung halt machte und die wir schon während der Wahlkampagne als „erniedrigend" bezeichnen konnten. Die Judenstaatspartei konnte den Wählern mit keiner Lockspeise aufwarten. Sie konnte ihr ehrlicherweise nichts versprechen. Sie konnte sie mit keinen Hoffnungen speisen. »Sie besaß kein Gold, kein Zertifikat, keinen Posten. Sie besaß etwas anderes: ein Programm! Die rund 2600 Wähler, die sich für die Judenstaatspartei entschieden, zogen keinerlei materielle Vorteile oder Prestigebedürfnisse ins Kalkül. Sie entschieden für Hcrzl und gegen alle, die das zionistische Ideal verkleinern oder verfälschen wollen. Für die Liste Robert Stricker stimmten die lOOprozentigen Judenstaatler, Jünger Theodor Herzls. Sie werden auch auf dem Luzerner Kongreß die Aufgabe haben, das Herzl-Programm gegen dessen Untcrmlnlerer zu verteidigen. Den zahlreichen Sympathikern des Judenstaatszionismus, die ihre Stimme eben für Herzls Erbe abgegeben haben, obliegt es, aus ihrer Haltung die Konsequenz zu ziehen und der Judenstaatspartei beizutreten. Wenn sie wollen, daß sich das Programm der Judenstaatler durchsetzt, daß es weiteren Raum gewinnt, dann müssen sie auch organisatorisch für den Sieg des Judenstaatsgedankens sorgen. Der Eintritt in die junge, wachsende, aufstrebende Judenstaatspartei ist die beste Gewähr für die Durchsetzung des Herzl-Zionismus. * Während diese Zeilen in Druck gehen, tagt die Sitzung des HauptwahJkomitees, das über die definit i f e Verteilung der österreichischen Kongreßmandatc entscheiden wird. Bisher sind noch einige Provinzresultatc ausständig und zahlreiche Stimmen strittig. Hindet-Scmmtftuadies In Saneriiriinn, große, moderne Villa, in Mitte eines auf einer Anhöhe gelegenen, ausgedehnten (12.000 in3), r>ark- Hhnlichen Oartcna. Vorzügliche Verpflegung und liebevollst«-. Behandlun«, ärztliche Aufsieht Spiel und Sport. F. H d e v i; 1 e « e n h c i t, eventuell Xachhllfeunterricht. Anfragen A-3U-G-42- und A-37.J353 ganztägig. _ Aus aller Welt Der antisemitische Handels- und Irtdastriellenverband Verslininki hat an die Behörden von Kowno (Litauen) das Ersuchen gerichtet, den jüdischen Geschäftsleuten zu verbieten, ihre Geschäfte am Samstag zu schließen. Begründet wird dieses Ansuchen damit, <:aß die Bauern an Samstagen nicht in die Städte kommen, um Einkäufe zu machen, da sie wissen, daß die jüdischen Läden geschlossen sind. Das habe zur Folge, daß auch die christlichen Geschäfte an diesem Tagkeine Kunden haben. * Auf der Strecke Jassy — Kischinew wurden im Schnellzug jüdische Passagiere, darunter eine Frau und ein Kind, von betrunkenen Studenten angegriffen und geschlagen. Die Gendarmerie, die den Vorfall untersuchte, hat die Huligans freigesprochen. * In der Stadt Starograd (Polen) erhielt die Polizei dieser Tage die Verständigung, daß Vorbereitungen getroffen werden, um während des bevorstehenden Jahrmarktes, der von etv/a 15.000 Personen besucht wird, antijüdischc Ueberfälle zu arrangieren. Die Polizei verhaftete daraufhin den Führer der lokalen antisemitischen Endek-Partei, Alfons Wiczynski, und drei andere prominente lokale Endeks, sowie vier Huligans, die von ihnen dazu gedungen waren, das Signal zu den Unruhen zu geben. — Infolge dieser Vorsichtsmaßnahmen verlief der Jahrmarkt in Starograd, der im vergangenen Jahr in antijüdische Ausschreitungen ausklang, in diesem Jahr ganz ohne Störung. * Nach Abschluß der Weltkonferenz der Jüdischen Frontkämpfer in Paris wurde der Bundesführer des „Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs", Hauptmann Edler von Friedmann, zum Ehrenmitglied der Jewish Ex-Servicemen's Legion Englands ernannt. * Im Alter von 75 Jahren ist in London Sir Francis Montefiore, der Erbe der Baronetswürde Moses Montefiores, gestorben. Sir Francis war Vorsitzender des Aeltestenrates der Londoner sephardischen Gemeinde. In den Anfangszeiten des politischen Zionismus hatte der Verstorbene Theodor Herzl bei der Herstellung von Beziehungen zu den offiziellen Kreisen Englands hervorragend unterstützt. Seit dem Weltkrieg gehörte er der Zionistischen Organisation nicht mehr an. * Auskünfte Met Heise* h<uU PaUäsUm utetit Dt. S. locket Witn IX, Liechtcnsteinstr. 8, Tel. A-14-504 Volk der Dichter und Denker ♦ ♦ » Aus Berlin: Die „Preußische Zeitung", Königsberg in Preußen, vom 30. Juni meldet: „Gestern in den frühen Abendstunden sah man einen originellen Umzug in den Straßen von Königsberg. Von zwei Seiten flankiert, wurde ein übler Judenjüngling durch die Straßen geführt, der ein großes Plakat auf der Brust trug, das folgende Inschrift trug: ,Ich bin der Jude, der in Kranz mit einem deutschen Mädchen ohne Badehose gebadet hat.* Begleitet wurde der Zug durch eine gewaltige Menschen« menge, die in entrüsteten Zurufen ihrer Empörung1 Ausdruck verlieh. Und als dann der Angeprangerte in der Tragheimer Kirchenstraße gar versuchte, die für ihn scheinbar plötzlich unangenehme Situation durch Flucht in einen Hausflur zu beenden, wurde er von den deutschen Volksgenossen herausgeholt und erhielt für seine Feigheit ein paar kräftige Püffe. Das Ueberfallkommandd setzte den Juden schließlich in Schutzhaft. Hoffentlich wird diese kleine Lektion der frechen Mischpoke zur Warnung dienen, deutsche Mädchen ein für allemal in Ruhe zu lassen. Denn sonst könnte es vorkommen, daß eines Tages die halbe Synagogengemeinde mit einem Plakat vor der Brust durch die Straßen wandern müsse. Wir warnen davor." Die Petition der Danziger Juden Aus Genf: Zwecks Prüfung der verschiedenen" Danziger Petitionen, darunter der Petition der Danziger Juden, die dem Rat anläßlich seiner Maitagung, vorlagen, hat der Völkerbundrat ein Juristenkomitee ernannt. Dieses Juristenkomitee wird Ende Juli zusammentreten und sein Gutachten für den am 5. September zusammentretenden Völkerbundrat ausarbeiten. Der Berichterstatter des Rates für die Danziger Fragen ist der Vertreter Großbritanniens, Minister für Völker-* bundangelegenheiten Anthony Eden, Aus Polen In dem Jahresbericht der Pester Isr. Kultusgemeinde werden im Zusammenhang mit den Austritten folgende Daten veröffentlicht: 1932 haben 409, 1933 495, 1934 582 Personen ihren Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft angemeldet. Die Ursache der Austritte ist zumeist familiärer und Wirtschaft-' lieber Natur. 129 jüdische Verlobte und 121 jüdische Eheleute ließen sich ihren christlichen Verlobten bzw. Ehepartnern zuliebe taufen. Aus gemischten Ehen sind 33 Personen zum Christentum übergetreten, während weitere 30 als Grund angaben, daß sich in ihrer Familie bereits Täuflinge befinden. KREUZ-KINO Wollzeile 17 * Tel. R-24-2-16 Die Königin der Unterwelt SSS/I; Slurm iiier Mexitil Verschärfte Boykofibewegung gegen die Juden in Deutschland Der Korrespondent des „Prager Tagblattes" meldet unter dem Titel „Streicher beherrscht Berlin" u. a.: „Seit einigen Wochen ist eine neue judenfeindliche Boykottbewegung im Gang. Im Gegensatz zu den früheren Aktionen, die sich zumeist auf bestimmte Provinzgebiete beschränkten, kommt die Kampagne diesmal In der Hauptsache in Berlin zur Durchführung, wo heute unter dem Zwang der Verhältnisse etwa die Hälfte der deutschen Juden ihren Sitz hat. Als das kaum mehr verhüllte Ziel der Bewegung gilt es, die jüdischen Staatsbürger von den von ihnen noch behaupteten wirtschaftlichen Positionen zu verdrängen, obwohl nach dem Gesetz und nach den Erklärungen maßgeblicher nationalsozialistischer Führer die Juden in der Wirtschaft keinen Sonderbeschränkungen unterworfen sein sollen. Daß in der Praxis nicht nach diesem Grundsatz verfahren wird, dafür lehnen die Regierungs¬ und Parteistellen die Verantwortung ab, die sich im Einzelfall auf die angebliche Volksstimmung beriefen, obwohl es allgemein bekannt ist, daß die Boykottaktionen von der Gruppe des Nürnberger Gauleiters Julius Streicher und seinen Stoßtrupps organisiert werden. Die Streicher-Leute wissen andererseits, daß sie bei ihrem Vorgehen von allen in Betracht kommenden Stellen nicht die geringste Behinderung zu befürchten haben. , .. Die Aktion erschöpft sich aber nicht In der Propaganda, sondern arbeitet gleichzeitig mit den Mitteln des direkten Boykotts. Dabei erhält der „Stürmer", dessen Büros allmählich zu Boykottzentralen ausgestaltet werden, die wirksamste Unterstützung durch die Arbeitsfront, deren Vertrauensmänner in allen Betrieben auf die Angestellten und Arbeiter einzuwirken suchen, nicht mehr in jüdischen Geschäften zu kaufen. , . . In der letzten Zeit haben sich in Berlin viele Fülle ereignet, in denen jüdische Großkaufleute unter bestimmten Beschuldigungen verhaftet wurden, die »ich hinterher als unhaltbare Denunziationen herausstellten. Die Betroffenen mußten aber zwei bis drei Wochen Ira Polizeigefängnis verbringen, bevor man sie unter Entschuldigungen wieder entließ. Das Nachspiel fehlte nicht, denn zumeist schon am Tago nach der Freilassung erhielt der jüdische Flrmen- <hef den Besuch eines Vermittlers, der ihm den Verkauf seiner Firma, bzw. seines Aktienbesitzes nahelegte, wobei er durchblicken ließ, daß andernfalls neue Unannelunllchkelten zu befürchten waren..," Di© Zionisten Kongreßpolens proklamieren Wahlenthaltung In Warschau wurde soeben eine Tagung des Zionistischen Parteirates für Kongreßpolen abgehalten« Der Parteirat hat eine Reihe von Resolutionen zu Pro^ blemen der zionistischen Landespolitik gefaßt. Beschlossen wurde u. a., an den bevorstehenden Wahlen zum Sejm unfl Senat nicht teilzunehmen, weil diese Wahlen nicht auf demokratischer Grundlage vor sich gehen werden. Auf der Tagung wurde auch die Kandidatenliste für die Wahl zum XK. Zionistenkongreß aufgestellt. Die Liste enthält die Namen von J. Grünbaum, Dr, J. Szyper, Adv. Hartglas, Doktor Rosenblatt tt. a. m. Der Beschluß wegen Wahlenthaltung wurde gefaßt, weil die neue Wahlordnung den Juden die Wahl vott höchstens fünf Abgeordneten möglich macht, statt der ihnen zukommenden vierzig. Zehn Jahre Gefängnis für Boykott Die polnische Presse berichtet, daß in Berlin? Verhandlungen, betreffend ein Handelsabkommen zwischen Polen und Deutschland, eröffnet wurden,, Bei diesen Verhandlungen sollen die Deutschen auf den starken Rückgang der Exporte aus Deutschland nach Polen als Folge des Boykotts deutscher Waren durch die polnischen Juden aufmerksam gemacht haben. Der deutsche Export nach Polen betrug 1928 496 Millionen Mark, 1934 nur 82 Millionen Mark. Bekanntlich wurde in den letzten Tagen das jüdisch.« antideutsche Boykottkomitee -in Polen von den Behörden geschlossen. Wie „United Press" meldet, erhielten die Komitee« mitglieder, durchwegs bekannte Persönlichkeiten des polnischen Judentums, von der Polizei ein gleichlautendes Schreiben, in dem sie aufgefordert werden, ihre Tätigkeit in dem Komitee endgülitig zu liquidieren, widrigenfalls sie eine Strafe bis zu zehn Jahren Gefängnis zu gewärtigen hätten. Das Schreiben stellt fest, daß die Tätigkeit des Komitees für Polen verhängnisvolle diplomatische Folgen haben könnte. Um die Schechita in Polen Aus Warschau: Gegen das rituellcSchäch« t e n in Polen ist ein neuer Vorstoß unternommen worden* Der Direktor des polnischen Städteverbandes, dem sämtliche kleine und große Städte Polens angeschlossen sind, hat dem Hauptrat des Städteverbandes einen Plan zur Bekämpfung und Abschaffung der Schechita unterbreitet. Alle Städte Polens sollen eine Aktion gegen das Schächten unternehmen. Es sollen Petitionen von den Stadtverwaltungen an die Regierung gesandt werden, in denen diese aufgefordert wird, das Schächten zu verbieten. Die nächste Sitzung deB Hauptrates des Städteverbandes wird sich mit diesem Vorschlag beschäftigen. 100 polnische Juden nach Südamerika ausgewandert Aus Warschau: Aus Warschau sind 100 Juden nach Südamerika ausgewandert. Sie sind von ihren dortigen Verwandten angefordert worden,