Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1935-07-05 · Heft 477 (5.7.1935) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 477 (5.7.1935)
Date
1935-07-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712049-2712101--5170-2718751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 477 DIE NEUE WELT Seite 3 Billige Ferienfahrten Polen und Czernowitz naeh Abfahrten: 7. Juli 8.10Uhr früh, mit Sonder-D-Zug Nordbahnhof, 14., 21., 38. VII., 8. u. 29. VIII. Aufenthalt naeh Betleben Telephon U-1B-4-90 , FRANCOP OL' III, Rcnnwcg 1 deren Fällen antijüdischer Propaganda erzählt, daß in Starnberg, auf dem Wege nach Garmisch-Partenkirchen, wo im kommenden Winter die Olympischen Spiele stattfinden werden, eine Tafel angebracht ist, die die Aufschrift trägt: „Juden betreten diesen Ort auf eigenes Risiko." „Die Judenverfolgungen", führt der Briefschreiber aus, „verursachen sogar dem Arier ein Gefühl großen Unbehagens." Er fordert die englischen Besucher auf, nicht nach Deutschland zu gehen, bis sie durch solche Beispiele nicht mehr beleidigt werden. Das Oberlandesgericht in Marienwörder sagt in einer Urteilsbegründung: „Diejenigen deutschen Volksgenossen, die noch heute beim Juden kaufen, sind kein Teil des deutschen Volkes, der die öffentliche Meinung darstellt. Die deutsche öffentliche Meinung vertritt vielmehr die Auffassung von dem sittlichen Unwert des Einkaufes bei einem Juden. Die Frage, ob die deutsche öffentliche Meinung die Behauptung, ein deutscher Volksgenosse habe "bei einem Juden gekauft, als Ehrenkränkung empfindet oder nicht, ist nach Auffassung des Senats zu bejahe n!" Der Herr Bisdioff mms London: Wie „Daily Express" aus Berlin berichtet, hat Reichsbischof Müller vor einer Versammlung von 1500 Pastoren erklärt, die a n t ijüdische Bewegung in Deutschland, die im Abnehmen sei, müsse wieder Aufflammen. Es bedeute einen Angriff in den Rücken des Führers, wenn deutsche Christen bei Juden kaufen. Die Dienstleistung im Kriegsfall Aus Berlin: Im Vorwort zu einer im Verlag Georg Stilke erschienenen Ausgabe des Textes des neuen Wehrgesetzes erklären die Herausgeber, Geheimer Kriegsrat und Abteilungschef im Reichskriegsministerium Paul Semler und Oberregierungsrat im Reichskriegsministerium Dr. Otto Senftieben, zur Frage der ^militärischen Verwendung nichtarischer Reichsangehöriger: . „Reinrassige Juden dürfen keinen Wehrdienst leisten. Im Kriege kommen sie für die Verwendung in Artoeitsformationen in Betracht ... Auch alle Nichtarier unterliegen der militärischen Meldepflicht und der Wehrüberwachung." Zur Auflösung der jüdischen Siedlung in Groß- Gaglow Aus Dortmund: Zu der behördlich verfügten Räumung der jüdischen Bauernsiedlung in Groß-Gaglow schreibt die „Westfälische Landeszeitung Rote Erde": „In diesen Tagen hat eine Einrichtung ihr Ende gefunden, die für die ganze politische und weltanschauliche Einstellung der judenfreundlichen Nachkriegspolitiker mehr als typisch war. Die ländliche Judensiedlung bei Groß-Gaglow bei Kottbus wurde aufgehoben. Wer weiß, wieviel jüdische Siedler es heute schon in Deutschland geben würde, wenn nicht der Nationalsozialismus einen Strich durch,diese fein ausgeklügelte Rechnung gemacht hätte. Will der Jude beweisen, daß auch er ein „seßhafter Bauer" ist, so mag er das in Palästina tun. Auf deutschem Boden ist kein Platz für solche Versuche. Boykottexzesse in Berlin Aus Berlin: Am Montag, den 24. Juni, fanden in einem südöstlichen Stadtteil von Berlin tumultuöse antijüdische Kundgebungen statt, die offenbar organisiert waren und den Zweck hatten, die antijüdische Boykottbewegung auch in der Reichshauptstadt zu stärken. Der Hauptrummel spielte sich vor drei jüdischen Eiscremeläden ab, vor welchen sich mehrere hundert Personen, unter ihnen Angehörige der SA und der Hitler-Jugend, versammelt hatten. Bei einem Geschäft wurden die Fensterscheiben eingeschlagen und der Inhaber zur Schließung gezwungen. Inzwischen hatten sich zahlreiche Neugierige eingefunden. Vereinzelt wurden Rufe laut: „Das ist ein Skandal, das ist eine Schande!" Peräonen, die in einem "der jüdischen Geschäfte gekauft hatten und mit Eisdüten auf die Straße traten, wurde das Eis aus den Händen geschlagen, wobei man sie anschrie: „Kauft nicht beim Juden!" Die Vorderfront der Läden wurde mit die Juden lächerlich machenden Zeichhungen und nationalsozialistischen Symbolen bemalt. Auch der alte Ruf „Juda verrecke!" erscholl wieder. Einige Folgen des „Stürmer" wurden an den Türen der jüdischen Läden befestigt. Schließlich wurden die Demontranten durch Polizei zerstreut; auf Anfrage bei den zuständigen Stellen wurde erklärt, daß von Unruhen nichts bekannt sei. (Burian-Theater), welches die „Dreigroschen* oper" in tschechischer Sprache zur Aufführung bringt, haben sich wiederholt und in der Schweiz ungewohnte brutale Formen angenommen. Während anfangs die Frontisten sich mit Kundgebungen vor dem Theater begnügten, drangen sie bei der zweiten Aufführung der „Dreigroschenoper" in den Zuschauerraum ein, warfen Stinkbomben und brachten auch Petarden zur Explosion, durch die zahlreiche Fensterscheiben zertrümmert wurden und auch sonst großer Schaden angerichtet wurde. Die Frontisten schrien: „Weg mit den Saujuden!", „Ihr habt Deutschland in Prag beschimpft!" u. v. a. Gegen die Polizei, die zur Räumung der Straße und des Theaters anrückte, gingen die Exzedenten mit Messern und Hundspeitschen vor. Die Sonntagsvorstellungen des Burian-Theaters mußten wegen dieser Krawalle abgesagt werden. Wiederum wurde eine Reihe Frontisten verhaftet. Das Ensemble begab sich nach Basel, um dort zu gastieren. Aber auch dort kündigen die Frontisten Krawalle an. — Die tschechischen Schauspieler des Burian-Theaters haben wohl kaum etwas mit Juden zu tun. In Schweizer Kreisen wird vielfach angenommen, daß die Aktion auf Initiative reichsdeutscher Propagandastellen zurückzuführen ist. Kleine Tube S — SO Große Tube S 1.40' Nach den t§diedioslowaka§dien Wahlen Ein Epilog von Dr. E. Margulies Dr. Emil Margulies, der Führer der tschechoslowakischen Zionisten, bis vor kurzem noch „Radikaler", hat sich für die zionistische Arbeit der Judenstaatspartei zur Verfügung gestellt. Als die Jüdische Partei in der C. S. R. nicht mehr selbständig kandidierte, sondern einen Pakt mit den tschechoslowakischen Sozialdemokraten schloß, protestierte der Herzl-Zionist Dr. MarguJie3 gegen diesen Akt und legte sein Stelle als Präsident der Jüdischen Partei nieder. Das Resultat der Parlamentswahlen in der C. S. K. für die Jüdische Partei, so führt Margulies aus, war feststehend: Zwei Abgeordnete, kein Senator. In der slowakischen Landesvertretung Verlust des bisherigen Mandates. In Potkarpatska Rus ein Mandat für eine jüdische Konkurrenzpartei unter dem Namen „Jüdische Agrarier." Anders könnte man sagen: Im Parlament zwei Mandate, aber keine Wähler; in den Landesvertretungen Wähler, aber keine Mandate. Die Jüdische Partei, die im Verlauf von zehn Jahren aufgebaut worden war, ist jetzt demoliert worden. Schwere Demonstrationen in Zürich Aus Zürich (J. T. A.): Die antisemitischen Demonstrationen im Züricher Schauspielhaus anläßlich des Gastspiels des Frager Theaterkollektivs „n ßb)M Gipfel der der Schweden-Stahl, Gipfel der Klingendie schwedische Vor zehn Jahren erreichte die Jüdische Partei für die Landes Vertretung in Potkarpatska Rus (P. K. R.) ohne jede Organisation und Vorbereitung gegen 7000 Stimmen, jedoch kein Mandat, in der Slowakei 45.000 Stimmen und ein Mandat. 1935 erhielt die Jüdische Liste für die Landesvertretung in P. K. R. über 9000 Stimmen, aber kein Mandat; in der Slowakei über 36.000 Stimmen und ebenfalls kein Mandat, hier also bei beträchtlichem Stimmenwuch3 einen Abgang. In P. K. R. bedeutet der Stimmenzuwachs von 2000 Stimmen einen Rückschritt, da die Jüdische Partei bei den Parlamentswahlen 1929 hier fast 17.000 Stimmen auf sich vereinigte. Dieser Rückgang wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, daß im letzten Wahlkampf in P. K. R. die „Jüdischen Agrarier" über 18.000 Stimmen, also um 9000 mehr erhielten als die Jüdische Liste. Die Legitimation, daß die Jüdische Partei die Juden in P. K. R. führe, besteht nicht mehr. Man schweigt jetzt, nachdem man alles verkauft hat, von der Ehre des jüdischen Namens, der Stärke der Idee, dem Bekenntnis zum Gedanken der Gleichberechtigung. Dr. Margulies macht für den neuen, entehrenden Zustand diejenigen verantwortlich, die den Namen von der Firma entfernten und daher zusehen mußten, wie das jüdische Volk sich von ihnen abwendete. Die Jüdischen Agrarier, die Sieger von den Maiwahlen 1935, das ist die Partei des MunkaCever Rabbi Spira, der die Namen Jehuda Halevy und Bialik von den Straßen entfernen ließ, der das hebräische Schulwerk und die nationalen Juden verfluchte und der knapp vor den Wahlen mit Zustimmung der tschechoslowakischen Sozialdemokraten gegen den jüdischen Protest die Orthodoxe Landeskanzlei erhielt. Die nationale Politik der Jüdischen Partei wurde von Geschäftemachern zuschanden gemacht. Aber nicht das Volk ist krank. Die Verantwortung liegt bei der tschechoslowakischen zionistischen Landesorganisation. Bei den Allgemeinen Zionisten. Dr. Margulies sagt von ihnen: „Sie waren dabei, als es galt, die Jewisch Agency an die Assimilation wegzugeben; dabei, wann immer es galt, den Widerstand des jüdischen Volkes gegen die Mandatarmacht zu brechen; dabei, wenn es darum ging, die zionistische Idee zu verkleinern; dabei, als es galt, den Prager Kongreß im Schicksajsjahr 1983 alaunm zu machen *— gegenüber Hitler-Deutschland. So taten sie auch 1935 bei den tschechoslowakischen Parlamentswahlen das, was ihnen gemäß war: ihrer Auffassung vom jüdischen Volk, ihrer Auffassung vom Zionismus." Sie schlössen einen Wahlpakt mit einer nichtjüdischen Partei, mit den tschechischen Sozialdemokraten. Dr. Margulies führt diesbezüglich aus: „Man hat dem jüdischen Volk erzählt, daß das Gesetz uns einen anderen Ausweg nicht offen gelassen hat. Das ist unwahr. Die Unwahrheit stammt aus Feigheit und aus Absicht. Man hat unsere Erfolgsmöglichkeiten in heißem Bemühen herunterlizitiert, bis man das systematisch schwach gemachte Volk so weit hatte, daß es an sich nicht mehr glaubte. Sowohl Bündnisse als die vom Gesetz geforderte Zahl von 120.000 Wählern lagen im Bereich des Möglichen. Natürlich unter einer mutigen, ehrlichen, ergebenen und gläubigen Führung. Unter einer Führung, der man glaubte. Politik ist eine Sache des Möglichen, nicht des Sicheren. Mit Ziffern: 1925 wurden für die Jüdische Partei gegen 100.000 Stimmen bei den Parlamentswahlen abgegeben. In den historischen Ländern allein — vor Hitler und Henlein — über 43.000 Stimmen. In den östlichen Ländern stand 1925 der Liste der Jüdischen Partei eine Liste der „Jüdischen Wirtschaftspartei" gegenüber, geführt von der orthodoxen Zentralkanzlei und den angesehensten Rabbinern. Die Jüdische Partei erhielt in der Slowakei zirka 37.000, in Karpathorußland gegen 20.000. Was 1935 aufzubringen gewesen wäre, wäre also ein Plus von etwa 20.000 Stimmen. In Karpathorußland (P. K. R.) betrug die Summe der jetzt bei den Landeswahlen auf die zwei Parteien, welche jüdische Namen trugen, abgegebenen Stimmen beinahe 30.000. In der Slowakei hatte schon 1928 bei den Landeswahlen die Zahl der auf die Liste mit jüdischem Namen abgegebenen Stimmen 45.000 betragen. Rechnet man sehr genau das Plus der Jahrgänge der 21- bis 24jährigen, welche bei den Parlaments wählen (nicht aber bei den Landeswahlen) mitwählen, mit nur 30 Prozent, das sind also mit rund 7500, dazu, und rechnet man sehr bescheiden die Stimmen der deutschen Juden in den historischen Ländern, welche durch die Konstellation im deutschen Lager seit 1933 unterstandslos geworden sind und nach einer jüdischen Partei riefen, auch nur mit 7500 dazu, und sieht man sonst ab von den Juden, welche in den Ländern Kommunisten, Ungarn, A -Tarier, Gewerbepartei wählten, so ergibt das allein 'die Anzahl jüdischer Wähler, die zu erfassen möglich war, mit mehr als 130.000. —,, Nur das wollte ich beweisen: es war nicht unmöglich. Mehr hatte ich nicht zu beweisen. Natürlich, man mußte wollen und man mußte daran glauben. Ein wenig Mut gehörte auch dazu. OhneZiffern: Jahrelang hatte das jüdische Volk Wähler und keine parlamentarischen Mandate. Es hatte. Hoffnungen und den Willen, diese Hoffnungen zu verwirklichen. Damit errang es die parlamentarische Vertretung. Heute hat es Parlamentsmandate — und keine Wähler. Von 1925 an konnte die Entwicklung .iufwärt3 gehen, und sie ging aufwärts. Denn Wähler tragen das Recht und den Anspruch auf die Zukunft in sich. Von 1935 gibt es keine Entwicklung aufwärts. Ohne Wähler gibt es vielleicht einmal geschenkte Parlamentsmandate. Dann gibt es vielleicht noch Juden, die bei fremden P a rt e i e n Abgeordnete sind; aber keine Abgeordneten des jüdischen Volkes mehr. Abgeordnete ohne Wähler sind ein dem Ghetto adäquater Ausdruck. Keine Angelegenheit der Gemeinschaft. Wähler sind die Zukunft. Abgeordnete ohne Wähler sind das Ende. Kein stolzes Ende. Kein Ende in Eh*en. Ein häßliches Endei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.