Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 475 (28.6.1935)
- Date
- 1935-06-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE .WELT Nr. 475 Aus HitlerjDeufsdiJand Was sie Unverschämtheit nennen Die „PommerscheZeitung" in Stettin bringt unter der Ueberschrift: „Verdiente Zurechtweisung der jüdischen Unverschämtheit" folgenden Bericht: Zu den Juden, die noch immer nicht begriffen haben, wie sie sich im nationalsozialistischen Deutschland zu benehmen haben, gehört die Familie des Juden K r o n h e i m. Freitag vormittags erschien bei der Ortsgruppenleitung der NSDAP ein bei dem Juden beschäftigtes arisches Mä d c h e n und wollte im Auftrage des Juden die Auskunft haben, wer der Maler sei, der das Plakat: „Schaffende Deutsche, bekämpft mit uns die Juden. Sie sind ein Unglück!" beschriftet habe, und von welcher Stelle die Aushängung dieses Plakats genehmigt worden sei. War dieses Ansinnen eine unglaubliche Frechheit, so ließ die Antwort nicht auf sich warten. Die Bevölkerung geriet in begreifliche Erregung. Abends zog eine nach Hunderten zählende Menge vor das Geschäftslokal und die Wohnung des Juden, um sich die jüdische Frechheit — Plakate gaben dieser Absicht sinnfälligen Ausdruck — zu verbitten. Dieser berechtigten Empörung glaubten die Tochter des Juden Kronheim und die Frau des Juden Mayer dadurch begegnen zu müssen, daß sie provozierend am Fenster erschienen.'Die Polizei nahm die Jüdinnen in Schutzhaft. Auch in Frankfurt Juden unerwünscht Das „Frankfurter Volksblatt" teilt mit, daß sieben von den acht Gasthäusern des als Ausflugsort beliebten Frankfurter Vorortes Ginnheim Schilder mit der Aufschrift „Juden sind hier unerwünscht" ausgehängt haben. Das gleiche Blatt beanständet, daß das Brentanobad in Frankfurt zu Pfingsten stark von Juden besucht war, die zum Teil aus Gießen gekommen waren, weil es ihnen dort unmöglich gemacht wurde, zu baden. Verbot von Mischehen durch das Wehrgesetz Das Standesamt in Pforzheim hatte vor kurzem die beantragte Eheschließung eines Ariers mit einer Jüdin unter Berufung auf die Bestimmungen des Wehrgesetzes, die arischen Angehörigen der Wehrmacht das Eingehen der Ehe mit Personen nichtarischer Abstammung verbieten, abgelehnt. Dies, obwohl der betreffende Arier noch nicht Heeresangehöriger ist. In einer Aeußerung des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen an das Rassenpolitische Amt der NSDAP hat der Stellvertreter des Reichsjuristenführers diese Entschließung begrüßt und erklärt, daß rechtliche Bedenken gegen sie nicht geltend gemacht werden können. Er werde dementsprechend auch eine Stellungnahme der Deutschen Reichsfront veranlassen. Hitler — der fleißigste Leser des „Stürmer" Aus Prag: Wie aus Nürnberg gemeldet wird, erklärte Julius Streicher ausländischen Pressevertretern gegenüber, das einzige Blatt, das der Führer Adolf Hitler jeden Tag von Anfang bis zu Ende lese, sei der „Stürmer". Wie Streicher seinen Spitzeldienst in der Schweiz organisiert, wird durch folgende „Briefkastennotiz" in der letzten Ausgabe des „Stürmer" beleuchtet: „Lugano: Herzlichen Dank für Ihre Auskünfte! Es ist eine Schande, daß sich artvergessene deutsche Männer und Frauen in der Schweiz mit Juden herumtreiben. Bitte, berichten Sie uns Einzelheiten." Demonstrationen in Magdeburg Aus Warschau: Die Polnische Telegraphen- Agentur meldet aus Magdeburg, daß dort ausgedehnte antisemitische Straßendemonstrationen im Zusammenhang mit der Verurteilung des getauften Juden Hirschland zu zehn Jahren Zuchthaus wegen „Rasseschändung" stattgefunden haben. Das Signal zu den Demonstrationen gab der Hauptredakteur des von Julius Streicher in Nürnberg herausgegebenen „Stürmer", Karl Holz, der eigens hiezu nach Magdeburg gekommen war. Literarische Fesfvorstellung Wie wir bereits berichtet haben, findet Freitag, den 28. Juni, ys9 Uhr, in den Jüdischen Künstlerspielen, IL, Fraterstraße 34, eine Festvorstellung zu Ehren des Schriftstellers Dr. Oskar Rosenfeld statt. Dargeboten werden ein Einakter von Perez, ferner Bilder aus der nationalen Chaluz-Revue „OhneZertifikatnach Palästina", jüdische Volkslieder von L. Glücksmann und S. F o s t e 1. In den Bühnenstücken wirken die Damen Weintraub-Graf, Welsberg, M. Deutsch, C. Bell und die Herren Sigal und Perlmann mit. Als Solist tritt der bekannte Tenor Max L i c h t e g g auf. * Leopold Hichl er hat seine Mitwirkung zugesagt und wird aus seinem berühmten Roman „Heimweh nach Wien'« das Seder-Kapitel lesen. Schreib-, Rechen- und Additions-Maschinen_ Vervielfältigungsapparate Neu und gebraucht! 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Eduard und Rosa Gottlieb war es in diesem Jahre möglich, ein eigenes zweckdienliches Kindererholungsheim in Payerbach-Ktlb zu erwerben, das nach seiner Ausgestaltung weit mehr als 400 Kindern einen idealen Sommeraufenthalt bieten könnte. Allein die Kostenaufbringung für dieses Heim sowie für andere Vorkehrungen — i m Vorjahre wurden mehr als? 5 0 0 jüdische, unterern Ii hrte, durch Entbehrungen geschwächte Kinder der Erhol ungsfürsorge zugeführt — bereitet schwerste Sorge, wenn die Aktion auch durch das im Auftrage der Regierung arbeitende Kinderferienwerk der Vaterländischen Front und das Jugendhilfswerk der Gemeinde Wien in dankenswerter Weise unterstützt wird. Der Kultusvorstand appelliert deshalb an die immer und auch in Zeiten schwerster wirtschaftücher Not bewährte Hilfsbereitschaft der Wiener Judenschaft, und bittet sie, mitzuhelfen, damit arme Kinder, deren junges Leben ohnehin von so wenig Glück und Freude erfüllt ist, wenigstens vier Wochen 1 an g Jugendglück, Freude und Sorglosigkeit genießen können. Alle, die zu diesem Werk der Nächstenliebe beitragen, werden für ihre eigene Erholung von sorgenvoller Arbeit das beseligende Bewußtsein mitnehmen, ihre Menschenpflicht erfüllt und mitgeholfen zu haben, Tausenden armen jüdU sehen Kindern einige Wochen ungetrübten Glückes zu schaffen. Spenden werden an die Fürsorge-Zentrale der Isr. Kultusgemeinde. Wien, I., Seitenstettengasse 2 (Postsparkassenkonto B-29-6-59), erbeten. |o:o*.o* P. ö* •o:o: .o o •?V 0 0*!V° O' «' ,.o* o* - 'i I I 1 * Jttt imffiflnsA llvTABOR.STR,2g2£ Bhc-BcoIi, die cUa^idUcUc Stadl Von Jacob Josefsberg, Haifa Zwischen Tel-Aviv und Petach-Tikwah, benachbart von den jüdischen Siedlungen Ramath-Gan, Nachlath- Jizchak, Ramath-Jizchak, Montefiore und Borochow, entsteht, fast unbemerkt und unabhängig von der Prosperity, eine Stadt, die vorläufig einzigartig ist in der jüdischen Welt. Auf dem historischen Boden von „Bne-Brak", wo vor 2000 Jahren Rabbi Akiba, Rabbi Tarphon und Rabbi Eleasar lehrten, entsteht ein neues „Bne-Brak". Es wird eine Stadt, wo das Leben aller Einwohner eine religiöse Basis hat. Im chassidischen Bne-Brak kann am Sabbath kein Auto, kein Wagen, kein Fahrrad ein- oder ausfahren. Alles ruht, auch die Tiere. Einen Sabbath in Bne-Brak zu verbringen, ist tiefes Erlebnis. Dort ist der Sabbath greifbares Sein. Neu eröffnet BUtherschwemme Schwedenbrücke Franz-JOseF-Kal 7. Neue Bücher bester Autoren zu 20, 30 und 50 Groschen. Reiche Auswahl. Im Jahre 1921 gründete Jizchak Gerstenkorn aus Warschau die Gesellschaft „Bajrth Wenachlah" mit dem Ziele, eine Kolonie aus gesetzestreuen Juden zu errichten. Die Gesellschaft erwarb in einer Stein- und Sandwüste einen Bodenkomplex von 1500 Dunam. Man machte sich über Jizchak Gerstenkorn und seine Freunde lustig, die im Begriffe waren, Warschauer Kaufleute auf einem wüsten, unfruchtbaren Berg anzusiedeln. Im Jahre 1924 kam Gerstenkorn mit 25 Familien, etwa 120 Seelen, nach Erez Israel und ließ sich auf dem wüsten Boden nieder. In primitiven Baracken und Zelten wohnend, begannen die Galuth-Menschen das Bergterrain urbar zu machen. Mit Spitzhacken und Harken arbeiteten die Chassidim in glühender Hitze, in Schweiß gebadet, lockerten den felsigen Boden und machten ihn anbaufähig. Sie arbeiteten mit einer Verbissenheit und einer Hartnäckigkeit, die man nur noch bei den Gründern von Gedera, den „Biluim", und den Gründern von Chedera sah. Die Liebe zum Boden ließ diese fanatischen Chassidim alle Not und Leiden vergessen. Sie richteten eine Milchwirtschaft ein, führten die Milch täglich nach Tel-Aviv und ernährten sich auf diese Weise kümmerlich. Allmählich kamen aus Polen und auch aus anderen Ländern neue chassidische Siedler. Es begann der Bau fester Häuser und das Anlegen von Orangenplantagen. Im Jahre 1930 wohnten in Bne-Brak bereits 1000 Seelen. Da die Kolonie auf sich selbst angewiesen war — sie erhielt keine Unterstützung von außen, weder von den zionistischen Fonds, noch von der Pica und verwandten Instituten — machte sie schwere Krisen durch, doch gelang es dem energischen Jizchak Gerstenkorn, der zwecks Aufbringung von Darlehen Nordamerika, Kanada und Südafrika bereiste, die Krisen zu überwinden. Große Schwierigkeiten bereitete der Mangel an Wasser. Nach langen Mühen wurde auch diese Krise überwunden. Im heutigen Bne-Brak, in dem mit amerikanischem Tempo gebaut wird, leben auf 12.000 Dunam — 10.000 Dunam sind mit Orangen bepflanzt — 3000 Seelen, darunter etwa 800 Arbeiter. Der Ort hat sich zu einer Industriestadt entwickelt: es gibt 20 Fabriken, u. zw. die große moderne Zigarettenfabrik „Dubek" mit raebr als 200 Arbeitern-; eine große Papierfabrik mit 80 Arbeitern, 2 Gerbereien, 1 Schokoladenfabrik, 1 Fabrik für Biskuit, 1 Eisfabrik, 1 Gasosfabrik, 2 Drahtfabriken, 1 Seifenfabrik und diverse andere Industrien. In den Betrieben gibt es hundertprozentige jüdische Arbeit. In Bne-Brak gibt es 8 Synagogen, die Jeschiwa „Beth-Josef" (sie errichtet jetzt ein Monumentalgebäude), 1 Talmud-Thora von der Aguda mit 90 Kindern, eine achtklassige Volksschule vom Misrachi mit 250 Kindern und 8 Lehrern, 2 Kindergärten, u. zw. 1 des Misrachi und 1 der Aguda. Es gibt 1 Beth-Am, 1 .Postgebäude, 2 Krankenkassen und 3 Aerzte. Die Mehrheit der Bewohner stammt aus Polen, der Rest aus Rußland, auch einige Orthodoxe aus Deutschland sind im letzten Jahre eingewandert. Etwa einen Kilometer von Bne-Brak entfernt liegt auf einem Hügel, umgeben von Orangengärten, die chas-i aidische Kolonie „Sichron-Meie r", nach dem im vorigen Jahr verstorbenen Raw Meier Schapira, dem Begründer der berühmten Jeschiwa in Lublin, benannt. Im Jahre 1934 wurde diese Kolonie durch Jakob Halpern gegründet. Diese Siedlung ist für die streng orthodoxen, Juden, die in Bne-Brak, in Petach-Tikwah, bzw. in Tel- Aviv arbeiten, bestimmt. Heute leben in 30 Häusern etwa 150 Seelen aus Polen, Deutschland, Oesterreich und Amerika, eine Synagoge ist vorhanden und eine Jeschiwah; eine Volksschule soll errichtet werden. Alle Straßen und Häuser zeigen Stil und Gediegenheit. Alles entwickelt sich planmäßig. Ein Stück jüdischer Geschichte liegt in den Namen der Straßen, die Raschi, Obadja Bartenura, Chofez Chajim u. a. heißen. Möbels und HoEzpBaltienfabrikafion in Palästana Rischon.le-Zion (Palnews). Die mit einem Kapital von 18.000 Pfd. registrierte „Tirsah Ltd." hat in diesen Wochen mit der Fabrikation begonnen. Die Fabrik in Rischon-le-Zion besteht aus drei aneinandergebauten Fabrikhallen, deren Fläche sich insgesamt aut 2500 Quadratmeter beläuft. Die 9!/o Meter hohen Hallen sind aus Beton hergestellt, das Dach eine Eisenkonstrukt.'on, die mit Asbest isoliert ist. Das Unternehmen verfüg! über folgende Abteilungen: Poliererei mit modernsten Poliermaschinen, Tapeziererei, Schleiflack lerere i, Furnier- und Leimabteilung mit hydraulischen Pressen, Tischlerei, Maschinenhalle und Schlosserei, Exhaustoranlage, die die Sägespäne automatisch abführt. Eine Sperrplatte n- (Paneelplatten-) Abteilung, die mit Spezialmaschinen installiert ist, soll den ganzen Landesbedarf an Tischlerplatten, decken, die bisher importiert wurden. Bürohaus, Kantine und Arbeiterwohnungen mit geringem Mietzins, um einen Stamm qualifizierter Arbeiter mit dem Unternehmen fest zu verbinden. Die „Tirsah Ltd." richtet ihr Hauptaugenmerk aut die Fabrikation qualitativ hochwertiger Schlafzimmer in mittlerer Preislage und Einrichtungen für Hotels, Pensionen, Kaffeehäuser, Büros. Daneben werden Möbel aller Art hergestellt. Die Tischlerplattenfabrikation für den Lande »bedarf und Exportzwecke wird in großem Maßstab betrieben. Durch rationelle Erzeugung-