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Die neue Welt · 1935-06-28 · Heft 475 (28.6.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 475 (28.6.1935)
Date
1935-06-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 475 DIE NEUE WELT Seite 3 Zwei kleine Notizen — zwei große Skandale Von Meir Großmann (Tel-Aviv) Die palästinensische Presse hat die Eigenart, lokale Neuigkeiten in kurzer, fast lakonischer Form zu bringen; Ereignisse von Bedeutung, hinter denen sich Wichtiges verbirgt, mit ein paar Zeilen abzutun und den Leser so zu führen, daß er sie sozusagen überfliegt. Man kann sich seine Gedanken darüber machen... Beide, die Redaktionen und die Leser, gleiten über Notizen hinweg. .Von solchen zwei Notizen will ich hier erschien. Die erste betrifft eine Schlägerei zwischen den Chauffeuren der neuen privaten Automobil-Gesellschaft ,,A 1 i j a h" und der alten kooperativen Automobil-Unternehmung „A g a t h", welche die Strecke Tel-Aviv—Jerusalem bedienen. Die zweite Notiz berichtet über die Registrierung einer neuen Arbeiterorganisation mit dem bescheidenen Namen „Brith Poali Erez Israel" (Verband palästinensischer Arbeiter). Diese kurzen, unscheinbaren Nachrichten sind in den Zeitungen überflogen worden — obwohl hinter ihnen ganze Kapitel eines nationalen Dramas stecken, das die verborgenen Winkel des neuen jüdischen Lebens enthüllt und geeignet ist, zu schweren Folgen zu führen. Aber der palästinensische Jude ist von der Hetzjagd des Lebens erfaßt, hat keine Zeit, sich in solche Dinge zu vertiefen; in Dinge, die im JDawar" und „Haarez" mit ein paar Zeilen in der „Chronik" abgetan werden, obwohl sie eine breite und auffällige Darstellung verdienen. „Gestern morgens", schreibt der „Dawar", das Organ der linken Arbeiter, „hat sich auf der Herzl-Straße zwischen den Mitgliedern der Kooperative ,Agath' und den Mitgliedern der neuen Gesellschaft , Alijah' (ein Konkurrenzunternehmen) eine Schlägerei abgespielt, bei welcher zwei Menschen (die Herren Leiserowitsch und Gußmann) verwundet wurden. Der rote ,Magen David' leistete ihnen die erste Hilfe." Das ist alles. Nichts mehr. Man könnte meinen, daß es eine Prügelei zwischen den Chauffeuren gewesen ist. Die brave Zeitung hat nämlich vergessen, zu gestehen, daß einige Tage vorher ein großer Autobus der „Agath" in ein kleines Auto der „Alijah" hineingefahren ist und es schwer beschädigt hat. Zufällig war ein englischer Polizist Zeuge des Vorfalls. Er packte den Chauffeur des „Agath" beim Kragen und verhaftete ihn. Die Passagiere, darunter ein führender holländischer Zionist, waren außer sich. Sie erzählten, daß der Chauffeur des „Agath" die Konkurrenz unmöglich machen wollte und dabei das Leben der Passagiere riskierte. Der Schluß dieser Geschichte wird sich im Gerichtssaal abspielen. Die Gesellschaft „Agath", welche die Linie Tel- Aviv—Jerusalem befährt, gehörte einst mittellosen Chauffeuren und Mechanikern, ist aber heute wohllabend und ihre Teilhaber gehören zur Kategorie „Mittelstand". Sie betrachten sich aber immer noch als echte Proletarier und sind ausnahmslos Mitglieder der linken Arbeitergewerkschaft „Hista- Ein ernstes Wort zur allgemein-zionistischen Ein Leser der „Neuen Welt" übermittelte ihr das Exemplar einer zionistischen Jugendzeitschrift mit rot angestrichenen Stellen. Im Begleitbrief führt er Klage, daß durch derartige „Jugendschriften" die jüdische Jugend verhetzt und der Familie entfremdet wird. Er führt an, daß sein zwölfjähriges Kind mit dieser Schrift beteilt wurde, und frägt voll Verbitterung, welche zionistischen Führer für derartige Angriffe auf Kinderseelen verantwortlich sind. Die angestrichenen Stellen sind aus palästinensischen Jugendschriften übernommene Zitate. Einige Proben: „Soll das jüdische Volk, das sich seine Freiheit erkämpft hat, in das Joch kapitalistischer Versklavung gezwungen werden . . . soll es in sein neues Land die Schande der Unterdrückung und Ausbeutung tragen?" „Im Garten wird über Juda Makkabi gesprochen. Nachher diskutieren die Kinder und kommen zu folgendem Resultat: Wenn Makkabi wirklich so ein Held war, dann konnte er nur Arbeiter gewesen sein..." druth". Ohne die Histadruth-Legitimation kann man bei der „Agath" keine Arbeit bekommen, alle Angestellten müssen Mitglieder der Histadruth sein. Bei einem Sympathiestreik beispielsweise wird die „Agath" den Verkehr zwischen Tel-Aviv und Jerusalem stillegen. Die einzigen Konkurrenten der „Agath" sind die arabischen Automobile, aber Juden benützen sie selten. Jüdische Konkurrenten werden nicht zugelassen. Einfach: Nicht zugelassen. Das heißt: Jeder Versuch, einen Parallel-Autodienst einzuführen, wird mit allen Mitteln, mit guten und bösen, gestört. Die Konkurrenz wird einfach beseitigt. Eines der einfachsten und billigsten Mittel ist das Schlagen der Chauffeure und das Beschädigen der Autos. Man zahlt Strafe, man wird verhaftet. Das macht nichts. Die Monopolisten können jeden Verlust tragen. Sie beherrschen weiter die Asphaltstraße, sie kontrollieren weiter einen wichtigen Wirtschaftszweig ... Und das Pubilkum? Das Publikum, das schon lange eine Parallel-Linie Tel-Aviv—Jerusalem verlangt, weil es nicht der „Agath" unterworfen sein will, liest die Notiz in der Zeitung und versteht gar nicht, daß die Opfer der Schlägerei für das Recht auf Arbeit kämpfen und sich dem Terror der Monopolisten entgegenstellen. * Es gibt nur ein Mittel, diesen den Aufbau Palästinas schädigenden Methoden entgegenzutreten: parallel laufende Unternehmungen zu schaffen, welche auf natürlichem Weg die Bedürfnisse regulieren; welche Arbeit auch nicht links orientierten Menschen geben. Ein Monopol korrumpiert. Es tötet die Initiative. Ein Monopol, kontrolliert durch eine politische Körperschaft, ist an sich ein Unding. Es muß zu Mißbrauch führen, insbesondere wenn ringsum Klassenkampf gepredigt wird. Die Schlägereien zwischen „Alijah" und „Agath" sind erst der Keim. Die bösen Früchte werden erst kommen. Ueber die zweite Notiz — ein weiterer Artikel. Die Sensation für Herren! m IfflB^&K MOVeX» der neue Rasierapparat A wSKKMmm^ bewe9ter Klinge — Kein Strom, ^i^9HE|kein Motor, jede Klinge verwendbar H ^^^^^^R In allen besseren « Üh^^^P! einschlägigen Geschäften erhältlich Generalrepräsentanz: ^^fSBiwm. Salzmann, Wien I, Adlerg. 12 und zionistisch-sozialistischen Jugenderziehung. „Peasach in Sen-Charod, Sederabend. An uns Kinder, die wir hier (in Palästina) sind, tritt zum ersten Male die Frage heran : „Mah nischtaneh?" . . . Die Kinder tanzen; dann stellt eines die Frage. Aber nur eine'Frage wird gestellt: „Warum gibt es Arme und Reiche?" . . . Und ein erwachsener Chawer bemüht sich, die Frage zu beantworten." „Man sagt zu Zionah, daß ihr Onkel schnell weggehen muß, da seine Frau krank wurde. Darauf Zionah: „Ah, was! Kranke Frau, das ist g'rad wichtig — krankes Kind, das ist wichtig!" „Man erzählt im Kindergarten, daß die kleine Binah ihre Großmutter nicht leiden kann. Darauf eine Kleine: „Wenn ich eine Großmutter hätte, ich würde sie küssen und herzen, viel, vielmal!" — Ruft Binah: „No, schweig' nur! Du hast noch keine Großmutter gehabt und kannst darüber nichts reden!" „Vorabend. Es regnet. Die Mutter holt ihre Tochter zum Nachtmahl ab. Die Kleine: „Warum ist der Vater nicht gekommen?" — Die Mutter: „Vater hat sehr viel zu arbeiten." — Die Kleine: „Wenn der Vater keine Zeit für sein Kind hat, dann soll er k e i n Vater sein!" * Das sind so einige Blüten aus dem Strauß, der zwölfjährigen jüdischen Kindern geboten wird. In roher, flacher, dümmster Art werden ahnungslose Kinder verhetzt, mit Haß gegen ihre Mitmenschen erfüllt, bevor sie noch eine Ahnung vom wirklichen Leben haben. Jahrtausendealte Feste werden in stupid-rationalistischer Art zu Parteiangelegenheiten herabgwürdigt. Das kostbarste Gut, die jüdische Familie, wird mit ordinärem Witz Übergossen und dem Kinde als verachtenswert hingestellt. Was soll daraus werden? Wer ist für diese Verwüstung jüdischer Kinderseelen und die damit verbundene Schwächung der jüdischen Nation verantwortlich? Die hier zitierte Jugendschrift wird von einem Zionistischen Jugendverband herausgegeben und verteilt, welcher von den Allgemeinen Zionisten gegründet wurde und aus allgemein-zionistisch und zionistisch-sozialistisch eingestellten Jugendlichen besteht. Die Zionisten-Sozialisten handeln schlecht, aber sie halten sich eben an ihr Programm. Hundertmal verwerflicher ist aber der programmlose und darum widerwärtige Salonbolschewismus der Allgemeinen Zionisten, welche nur aus Snobismus und Unfähigkeit die ihnen anvertraute Jugend solcher Erziehung ausliefern. Wenn diese Parteien keine andere Schuld, trügen, als die Schuld an dieser Schändung der kindlichen Seele, sie hätten jeden Anspruch auf Führung im Zionismus verwirkt. Die judi§che Frau und die Kongreßwahlen Seit dem I. Zionistenkongreß besitzt die jüdische Frau das aktive und passive Wahlrecht. Es war dies für Theodor H e r z 1 — dem genialen Schöpfer des Kongresses — selbsverständlich. Er ermöglichte ohne Bedenken den jüdischen Frauen, die zahlenmäßig den größeren Teil des jüdischen Volkes darstellen, die Mitbestimmung des Schicksals ihres Volkes. Frauen anderer Nationen mußten um das Wahlrecht Jahrzehnte kämpfen. Dieses mühelose, kampflose Erlangen des Wahlrechtes fand die jüdische Frau politisch unvorbereitet. Die jüdische Frau Ferienfahrt der „Czernowifzer Allgemeinen Zeitung" mit Sammelpaß nach POLEN und CERNAUTI I am 7. und 28. Juli. Rückfahrt 4. August, 1. September und 15. September. Technische Durchführung, Anmeldung und Auskunft: „Oesterr. Verkehrsbürö", Wien I, Friedrichstr. 7, Tel. B-27-500; Wien I, Graben 20, Tel. U-29-0-35; Polnisches Reisebüro „ORBIS", Wien I, Kärntnerstr.41, Tel.R-26-1-43; Reisebüro „MarienbrUcke", Wien I, RotenturmstraBe 26, Tel. R-24-2-86, R-24-2-87 machte von ihrem Wahlrecht einen sehr geringen Gebrauch. Sie war politisch indifferent und wählte nie aus innerer TJeberzeugung. So wurde sie nie im Zionismus zu einem politischen Faktor. Das jüdische Volk steht nun wieder am Wendepunkt seines Schicksals. Der XIX. Zionistenkongreß naht heran. Palästina hat aufgehört ein Lieblingsdiskussionsthema zu sein. Erez Israel ist Wirklichkeit, ist einzige Zufluchtsstätte geworden. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist das Schicksal der jüdischen Frau. Die jüdische Frau empfindet die Not des jüdischen Volkes doppelt: durch sich und ihr Kind. Sie leidet als Mutter ganz besonders unter der Aussichtslosigkeit der Z u k u n f t ihrer Kinder.' Sic sieht ihre Kinder auf Schritt und Tritt leiden: in der Schule, bei der Berufswahl, im beruflichen Leben. Die jüdische Frau ist infolge ihrer schwachen politischen Einstellung der Demagogie der Parteien am ehesten zugänglich. Im Rennen um Mandate bedient man sich verschiedener Lockmittel, besonders dann, wenn es gilt, die wenig geschulte Frau zu umgarnen. Judenstaat — die einzige Losung I Wähle am 4. Juli Liste der Judenstaatspartei Listenführer Robert Stricker Hiifet das jüdische Kind!

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