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Die neue Welt · 1935-06-13 · Heft 471 (13.6.1935) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 471 (13.6.1935)
Date
1935-06-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite C DIE NEUE WELT Nr. 471 Aus Polen Antijüdische Ausschreitungen in Grodno Aus Warschau: Am ersten Schwuoth-Tag kam es in Grodno zu schweren antisemitischen Ausschreitungen. In einem Tanzlokal war ein gewisser Ladislaus Kuscz in der Xacht zum 4. Juni mit zwei Juden in eine Prügelei geraten und durch Messerstiche tödlich verletzt worden. Im Anschluß an die Beerdigung am Freitag marschierte eine Gruppe nach dem Juden viertel und ging gewalttätig gegen die jüdische Bevölkerung vor. Die Demonstranten plünderten eine Anzahl von Läden, drangen auch in die Wohnungen ein und zerstörten die Einrichtungen. Die Unruhen waren am heftigsten in der Hauptstraße der Stadt, der D o m i n i k a n s k a. Die Huligans konzentrierten sieh besonders auch auf die Stadtperipherie und mieden die Stadtviertel, in denen die jüdischen Fuhrmänner und Schlächter wohnen; vermutlich fürchteten sie deren S e 1 b s t w e h r. Insgesamt wurden 60 Personen verwundet, mehrere von ihnen wurden in ernstem Zustand ins Hospital eingeliefert. Von diesen Schwerverwundeten ist am 9. Juni Israel B e r e s z c z o w s k i, der 21jährige Sohn des Leiters des Synagogenchors, seinen Verletzungen erlegen. Die jüdischen Schulen sind infolge der großen Spannung geschlossen. Die Eltern weigern sich, ihren Kindern zu erlauben, die Häuser zu verlassen. Ueber 30 christliche Rowdies wurden verhaftet, ferner acht Juden wegen Bildung eines Selbstschutzes (!). Zwei Juden, Samuel Steiner und Melech K a ntarowiez sind unter der Beschuldigung, Ladislaus Kuscz ermordert zu haben, verhaftet worden. (J. T. A.) Die Not unter der Warschauer Judenheit Aus Warschau: Als Protest gegen die in den letzten Tagen erfolgte Schließung der jüdischen G e m e i n d e k ü c h e. die die jüdischen Arbeitslosen der Möglichkeit einer billigen und warmen Mahlzeit beraubt, hat eine große Menge jüdischer Arbeitsloser den Präsidenten der Warschauer Jüdischen Gemeinde, Elijah Mazur, angegriffen, als dieser in einem Taxi mit Herrn Piezuc, einem Mitglied der Gemeindeexekutive, über die Straße fuhr. Es wurden Steine auf das Taxi geschleudert, der Chauffeur wurde verwundet. — Bereits im Februar sollte, die Gemeindeküche wegen Geldmangels geschlossen werden. Damals stürmten große Mengen arbeitsloser Juden das Gebäude der Gemeinde, und erklärten, daß eine Schließung der Küche sie dem Hunger preisgeben würde. (J. T. A.) Menschenschmuggel nach Palästina Aus Uzhorod (J. T. A.): In der Vorstadt von Mukaöevo, Rossyegovo, hielt die Polizei drei griechische Staatsbürger an, welche Juden die illegale Auswanderung nach Palästina ohne englisches Visum und ordentlichen Paß für Bezahlung von 3000 tsch. K versprachen. Einer der Verhafteten, Miltiades Emberikos, behauptete auf dem Mukacevoer Polizeikommissariat, mit einem griechischen Minister und Politiker verwandt zu sein. Alle drei sprechen mehrere Sprachen, verfügen über große Geldmittel und benehmen sich sehr selbstbewußt. Die Polizei hat die drei Ausländer in Haft behalten und forscht nach ihrer Herkunft. Landflucht in Palästina Das Resultat „allgemein-zionistischer" und „zionistisch-sozialistischer" Wirtschaft. — Ein Bericht der zionistischen Exekutive Die Judenstaatspartei ist mit einem Programm in die Wahlen zum XIX. Zionistenkongreß getreten, zu dessen Hauptpunkten die Bekämpfung der jüdischen Landflucht in Palästina durch Einführung der Nationalen Arbeitsdienstpflicht zählt. Wenn die wirtschaftliche und soziale Entwicklung so weitergeht, dann kann kein „Jüdisches Nationalheim" entstehen. Das Resultat muß ein jüdischstädtisches Ghetto inmitten eines mit dem Boden verwurzelten, gewaltigen Arabertums sein. Die traurigen Ergebnisse der Politik einer Leitung, welche sich seit mehr als 15 Jahren in Händen der „allgemeinen" Zionisten und Zionisten-Sozialisten befindet, geht aus dem Berichte hervor, welchen diese Leitung jetzt der Mandatskommission des Völkerbundes erstattet hat. Der Bericht sagt u. a.: „Eine von der zionistischen Exekutive in vier großen j ü d i s ch e n Kolonien durchgeführte Zählung ergab, daß im Jahre 1934 in diesen Kolonien (Petach Tikwah, Rechoboth, New Zionah und Chederah) 2515 jüdische und 2664 arabische Arbeiter beschäftigt waren. Im Jahre 1935 aber arbeiteten in diesen Kolonien 2882 jüdische und 6214 arabische Arbeiter. (In einem Jahre ist also die Zahl der Araber in diesen Judenkolonien von 51,5 Prozent auf 68,3 Prozent gestiegen.) Unter den im Februar 1935 in Petach Tikwah allein beschäftigten Arabern stammen nicht weniger als 1470 aus dem H a u r a n und Transjordanien (also ausländische Araber, die frei eingewandert sind). Ein anderer Teil des Berichtes behandelt die jüdische landwirtschaftliche Entwicklung im Jahre 1934: „Im Jahre 1934 wurden insgesamt 25 neue Siedlungen gegründet, in welchen 800 Familien (rund 3000 Seelen) leben. Nachdem im Jahre 1934 rund 50.000 Juden eingewandert sind, geht aus den obigen Ziffern hervor, daß durch die Privatwirtschaft und die Zionistische Organisation also insgesamt nuv rund 6 P r o z e n der landwirtschaftlichen Arbeit zugeführt wurden. Die Zahl der neu hinzugekommenen Araber beträgt wohl ein Mehrfaches. Dann heißt es weiter: Die Bevölkerungsstatistik von 18 durch die Zionistische Organisation (Keren Hajessod und Keren Kajemeth) begründeten älteren Kolonien zeigt: Von den alten Einwohnern, insgesamt Schreib-, Rechen- und Additions-Maschinen Vervielfältigungsapparate Neu und gebraucht! Auch leihweise! Langfristige Kredite! Verlangen Sie kostenlose, unverbindliche Angebote.! HebräischeP*aschinen lagernd! Kontor-Einrichtungs-Gesellschaft Wien I. Eschenbachg. 9.11, Tel.: B.26-0-61, B-26.0-71 2189, sind 1592 geblieben, 497 haben die Kolonien verlassen. 392 sind im Jahre 1934 hinzugekommen, und von diesen haben 268 die Kolonien wieder verlassen. Das sind niederschmetternde Ergebnisse. Von den alten Einwohnern haben rund 24 Prozent und von den neuen Einwohnern rund 68 Prozent den ländlichen Boden verlassen: Und wie ungeheuer die Opfer sind, welche die nationalen Fonds für diese, jetzt von der Pest der Landflucht befallenen Siedlungen gebracht haben, geht aus folgendem Passus des Berichtes hervor: „Insgesamt (also vom Beginn der Kolonisation durch die Fonds bis jetzt) hat die Zionistische Organisation 50 Siedlungen auf einem Gebiete von 200.000 Dunam gegründet. Der Boden ist Eigentum des Jüdischen Nationalfonds. Die Einwohnerzahl beträgt 8000 Seelen (was ungefähr 2000 Familien entspricht). Der Keren Hajessod hat 1,250.000 Pfund investiert und der Keren Kajemeth hat für die Vorbereitung des Bodens für landwirtschaftliche Nutzung einen gleich hohen Betrag ausgegeben." Bei Zuschlag der Kosten der Erwerbung des Bodens kommt man zur Feststellung, daß die Zionistische Organisation für die ländliche Ansiedlung einer Familie rund 1800 Pfund (rund 50.000 Schilling ö. W.) verausgabt hat. Die Bedenken, welche dieser horrende Betrag hervorruft, werden um so größer, wenn man sieht, daß die wahrlich geringen Ergebnisse der Wirtschaftspolitik der zionistischen Leitung durch die Landflucht noch tiefer herabgesetzt werden und den nationalen Wert einbüßen. Die Hilflosigkeit der zionistischen Leitung gegenüber dieser Entwicklung geht auch aus einem Referat hervor, daß das Mitglied der Zionistischen Exekutive, Herr Elieser Kaplan, vor kurzem in Wien vor Vertretern der Presse erstattet hat. Er erklärte, daß für 1935 eine Einwanderung von 60.000 Juden zu erwarten sei, und berichtete gleichzeitig, daß die zionistische Exekutive 250 Familien (also rund 1000 Seelen) landwirtschaftlich anzusiedeln plane. Auf den Hinweis eines Pressevertreters auf das schreiende Mißverhältnis 1 : 60 konnte Herr Kaplan keine klare Antwort geben! * Die Ziffern, welche die jüdische Landflucht aus den teuer erkauften jüdischen Kolonien und den Anstieg der arabischen landwirtschaftlichen Arbeit so kraß illustrieren, beweisen, wie berechtigt die Forderungen der Judenstaatspartei nach gründlicher Aenderung des Systems der zionistischen Leitung und nach Einführung der nationalen Arbeitsdienstpflicht sind. Sie zeigen, daß eine blühend erscheinende Wirtschaft in Palästina die Gefahr einer Katastrophe in sich birgt und die Abkehr von den alten Methoden rasch und radikal erfolgen muß. Musik und Stimmung Im eigenen Heim durch Schallplatten (auch in Hebräisch, Jargon, Russisch u. a.) aus dem Grammophonhaus M e t z k e r, IX., Währingerstraße Nr. 62, Telephon A-ll-7-59. Bei Nieren-, Harn-, Blasen- und MaBtdarmlelden lindert das natürliche „Franz-Josef "-Bitterwasser auch heftige Stublbeschwerden in kurzer Zeit und sichert zufiteltA, eine zufriedenstellende Verdauung, |o:o'.o* Ä Ö* o o .? .° p © ,.o* ©* / I, II.JABO RSTR Eine Schrift über die Familie MondirVfeldieftt Der Engländer Hector B o 1 i t h o hat sich der Auf«« gäbe unterzogen, die Geschichte der Familie Mond» Melchett zu erzählen; eine dankenswerte Aufgabe und interessant für den jüdischen Leser, der Alfred Mond und seinen jungen Sohn als Förderer des Palästina-Werkes kennt. Das Werk heißt „Alfred Mond, First Lord Melchett" und ist in der deutschen Uebersetzung von. Prof. Dr. W. Roth im Verlag Ludwig Nath, Wien, EX, Rennweg 94, in guter Ausgabe erschienen. Wir erfahren zunächst aus dem Buch, daß die jüdische Familie Mond aus Kassel (Deutschland) stammt, das Judentum verläßt, und begegnen dem Vater des geadelten Alfred, dem genialen Ludwig Mond, deij Deutschland verläßt und nach London geht, wo er eine, der mächtigsten Industrieunternehmungen der Welt, den, englischen Chemietrust, gründet. Alfred Mond (und sein Bruder Robert) ist bereits in England geboren. Wir verfolgen seinen Weg als Studenten, als denkenden Menschen, der sich mit Politik, Wissenschaft, Musik, sozialen Fragen; beschäftigt und schließlich im Zenith seines Lebens zum, Judentum zurückfindet, das ihm zum Mittelpunkt seines geistigen und seelischen Seins wird. Lord Alfred Melchett wird nationaler Jude, Zionist, erkennt diq Bedeutung Palästinas als altneue Heimat für das Judentum, begründet dort Kolonien, ist als politischer Zionist in London tätig, stirbt — als Schüler und Nacheifere!; Herzls. Ihm folgt als Sohn und Erbe Henry Melchett. Dieser, junge, tatkräftige Mann hat seine Rückkehr zum Juden-« tum öffentlich in der großen Londoner Synagoge dokumen* tiert und keinen Anlaß versäumt, sich zum nationalen; Judentum (er ist auch Ehrenpräsident des Sportwelt* Verbandes Makkabi) zu bekennen. Im Nachwort der Schrift zieht Henry Mond eine. Bilanz seiner nationalpolitischen Anschauungen und über«« zeugt den Leser, daß er das Erbe seines zionistischen: Vaters gut verwalten wird. Die palästinensische Presse gegen die Mandafarmadtt Vor der Mandatskommission des Völkerbünde« in Genf erklärte der Vertreter der Palästina-Regierung, Moody, daß es im Prinzip kein Hindernis für eine jüdische Einwanderung in Transjordanien gebe, daß aber Gründe politischen Oportunisraus gegen diese Einwanderung vorhanden seien und daß dio Einführung eines Legislativen Ratet; in Palästina orwogen werde. Die hebräische Presse bezeichnet diese Erklärungen als „zynisch". Sie beweisen, schreiben dio Blätter, daß in der Frage von Transjordanien die Mandatarmacht weder mit den objektiven Möglichkeiten noch mit den Wirtschaft-! liehen Notwendigkeiten rechne, sondern bloß mit Gründe» politischen Charakters, welche Moody selbst als opor* tunistisch bezeichnet hat. Die Juden werden niemals ihren politischen Selbstmord (In bezug auf die Er-« rientung eines Parlaments gemeint. Annx. d. Red.) unter-» schreiben. Wichtig! Wir bitten höflichst um pünktliche Ueberweisung der Abonnes mentsgebühr für die laufende Bea zugszeit, damit keine Unterbrechung in der Zusendung eintrete. Die wiederholte Uebersendung von Erlagscheinen verursacht Mühe und Kosten. Die Verwaltung „DIE NEUE WELT".

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