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Die neue Welt · 1935-06-13 · Heft 471 (13.6.1935) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 471 (13.6.1935)
Date
1935-06-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 471 Sollen die Ziom'§len Deuf§dtland§ kommen Eine schmerzliche Frage zum Zionistenkongreß Kürzlich wurde gemeldet, daß die' Zionisten Deutschlands sich am 19. Zionistenkongreß in Luzern beteiligen werden. Die Berliner Zionistische Vereinigung veröffentlicht einen Aufruf, worin sie ..eine starke Delegation aus Deutschland" fordert. Die Schekelaktion in Deutschland wird ungehindert, betrieben und es ist anzunehmen, daß tatsächlich Zionisten, Zionisten aus Hitler-Deutschland, in Lünern erscheinen werden. Daß die deutsche Regierung im letzten Augenblick Schwierigkeiten machen oder die Ausreise verbieten wird, erscheint unwahrscheinlich. Der Zionistenkongreß wird zweifellos — so wie bisher — die Lage der Juden aller Länder behandeln; in einem Generalreferat und in der Debatte. Solch eine Darstellung läßt sich nicht vermeiden. Denn der Zionistenkongreß stellt eine Tribüne dar, von der aus alle die Judenheit betreffenden wirtschaftlichen, politischen und nationalen Probleme besprochen werden. Er ist die Repräsentanz des jüdischen Volkes. Als im Vorjahr das Kapitel „Deutsches Judent u m" zur Sprache kam, konnte ungehindert darüber gesprochen und verhandelt werden — wenn man auch davon absehen muß, daß eine würdige Deutschland-Resolution infolge der Schwachherzigkeit der Linken und Allgemeinen Zionisten nicht zustande kam. Aber die breite Oeffentlichkeit. die zivilisierte Welt erfuhr aus den Presseberichten und Kongreßbulletins, wie der Zionismus über das Verhältnis des Hitler- Regimes zum Judentum, insbesondere zum deutschen Judentum, denkt. Diesmal, in Anwesenteit der Zionisten Deutschlands, wird die Situation nicht so einfach sein. Auf der einen Seite muß der Kongreß die Verpflichtung fühlen, die so wichtige, moralisch wie technisch bedeutsame Frage der deutschen Judenheit in ihrer ganzen Breite aufzurollen. Dazu gehört die Frage der Auswanderung von Menschen und Vermögen aus Deutschland, also auch das Transfer- Abkommen, das für uns Zionisten eine Frage allgemein-politischen Charakters, eine Frage jüdischer Ehre und zionistischer Politik ist, während deutscherseits die Auffassung bestehen kann, daß solch eine Debatte eine „innerpolitische Einmischung" bedeutet. Jeden Palästina vor dem Völkerbund Aus Genf: Die Mandatskommission des Völkerbundes unter Vorsitz von Marquis Theo doli prüfte in ihrer Sitzung vom 5. Juni den Jahresbericht für 1934 des Mandatars für Palästina und Transjordanien. Der Sekretär der Palästina-Regierung, Herr Moody, berichtete, daß die finanzielle Position der Palästina-Regierung weiterhin gesund ist. Die Einkünfte aus Zöllen halten sich auf einem genügend hohen Niveau, so daß Vorkehrungen für verschiedene Verbesserungen getroffen werden, um den rechtmäßigen Forderungen einer wachsenden Bevölkerung zu begegnen. Es war auch möglich, die Steuern in gewissen Hinsichten zu reduzieren. Die lokale Industrie entwickelte sich in einer gesunden Weise. Die Häfen von Jaffa und Haifa wurden erweitert und verbessert, aber benötigen bereits weiterer Ausdehnung, um den wachsenden Geschäftsumfang zu bewältigen. Der Zivil-Lufthafen nahe Lydda werde ebenfalls entwickelt. Die Ernteaussichten seien infolge der Winterregen gute. Alles nur Mögliche werde getan, um das Los der palästinensischen Farmer — jüdischer wie arabischer — zu bessern; sie erhalten Unterstützungen durch die Landwirtschaftlichen Stationen der Regierung, ein Programm, an dem der High Commissioner besonders interessiert ist. Ferner erklärte Herr Moody: Die Einführung eines Legislative Council (Parlament) in Palästina wird erwogen, wenn das Funktionieren der Munizipalautonomie besser übersehen werden kann. Während alle Araber für Einführung des Council sind, sind die Juden dagegen. Herr Moody kam auch auf die ernste innerjüdische Spaltung zwischen Zionisten und Revisionisten zu sprechen. Auf der Nachmittagssitzung wurde die Frage jüdischer Einwanderung in Palästina diskutiert. Herr Moody erklärte, daß die Zahl der nach Palästina kommenden Araber unbedeutend ist, Einige Mitglieder der Mandatskommission befragten ihn über die Möglichkeiten jüdischer Einwanderung in Transjordanion. Herr Moody erwiderte, daß im Prinzip keine Hindernisse bestünden. Aber Gründe politischen Opportunismus sprechen immer noch dagegen. Die Prüfung der Palästina-Petitionen durch die Mandatskommission wurde für den 7. Juni festgesetzt. Sennor Penha G a r c i a, der portugiesische Vertreter, fungierte als Berichterstatter über da« jüdische Memorandum, während Sennor Palacios, der spanische Vertreter, Berichterstatter über die arabische Petition war. Anmerkung der Redaktion: Trotz ihrer Dürftigkeit lassen die Berichte wieder erkennen, wie unhaltbar der Zustand ist, daß kein Vertreter des jüdischen Volkes vor der Kommission erscheinen und die jüdischen Interessen verteidigen kann. Versuch des Kongresses, die Lage der deutschen Judenheit in ihrer Wirklichkeit darzulegen, kann die deutsche Reichsregierung zum Anlaß von Repressalien an den zionistischen Delegierten und an den in Deutschland lebenden Juden nehmen. Solcherart müßte sich eine unvoreingenommene Deutschland- Debatte für die deutschen Zionisten ungünstig auswirken. Andererseits kann auch die weitestgehende Rücksicht den Kongreß nicht veranlassen, auf grundlegende Erörterungen und Beschlüsse zu verzichten. Vielmehr wird er — gerade im Hinblick auf die in fast allen Ländern der Welt vom deutschen Hakenkreuz inspirierte und organisierte Judenhetze — dicsmals rigoroser als bisher den Abwehrkampf gegen den Pogrom-Hitlerismus proklamieren müssen Wie dem immer auch sei, die zionistischen Delegierten aus Deutschland müssen darauf gefaßt sein, daß ihre Anwesenheit in Luzern den Kongreß nur ungünstig beeinflussen kann. Wir wissen, welche Bedeutung gerade unter den gegebenen deutschen Verhältnissen der Zionistenkongreß für die deutschen Juden hat. Wir würdigen vollauf den großen Anteil der deutschen Zionisten an der Erstarkung des jüdischen Bewußtseins, an der Renaissance des jüdischen Menschen im heutigen Deutschland; ja, wir sind sogar überzeugt, daß die deutschen Zionisten kraft ihrer jüngsten Erfahrungen die Beratungen in Luzern durch wertvolle Winke bereichern können. Aber all diese Umstände können uns nicht von dem Ratschlag abbringen, die deutschen Zionisten mögen dem heurigen Kongreß fernbleiben. Ihre seelische Teilnahme können sie auf vielerlei Art ausdrücken. Der Kongreß hinwiederum wird restlos ihre Interessen vertreten. Es ist ein schmerzlicher Gedanke, gerade diejenigen Delegierten, denen so vieles am Herzen brennt, vermissen zu wollen. Aber die Gründe hiefür sind klar genug gesagt. Bisweilen ist ein Verzicht wertvoller als eine Teilnahme. KREUZ-KINO '< Wollzeile 17 . Tel. R-24-2-16 Das Rätsel der Cülnston-Farm Vorstellungen: d, %6, Vi8, ftIO Aus dem zionistischen Bericht an die Mandatskommission Aus Genf wird gemeldet: In dem Palästina- Bericht der Jewish Agency an die Mandatskommission ist ein Abschnitt der Arbeit des Zentralbüros für die Ansiedlung deutscher Juden gewidmet. Das Büro war bemüht, einen möglichst großen Teil des Einwandererstromes in die ländlichen Siedlungen zu lenken. Es wurden für 3000 Personen Wohnhäuser und besondere Einrichtungen für 500 Jugendliche geschaffen. Die Einwanderer erhalten zu diesem Zwecke Kredite auf 15 Jahre zu einem Zinsfuß von 4 Prozent. Die berufliche Umschulung der Einwanderer aus Deutschland wurde von dem Büro mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt. 600 Einwanderer haben eine technische Spezialausbildung erfahren. Etwa 1000 Familien wurden mit Erfolg auf dem Lande angesiedelt. Bis Ende 1934 hat das Zentralbüro für Hilfsarbeit zugunsten deutscher Juden 132.000 Pfund ausgegeben. Von den seit 1933 eingewanderten 16.232 Juden aus Deutschland seien rund 8000 in der Landwirtschaft untergebracht worden. In den Städten Tel-Aviv, Jerusalem und Haifa wohnen etwa zwei Drittel des Jischuw. Das Budget der Stadt Tel-Aviv ist im Finanzjahr 1934/35 auf 305.000 Pfund gegenüber 196.000 Pfund im vorangegangenen Finanzjahr gestiegen. Da» Tel-Avlvcr Budget macht 42 Prozent der Gesamtsumme der Gemeindebudgets Palästinas aus. Bedeutende Fortschritte sind auch in Jerusalem, Haifa und Jaffa zu verzeichnen. Es wird geschätzt, daß die Einkünfte, die der Palästina-Kegicrung von der jüdischen Bevölkerung zufließen, per Kopf dreimal höher sind als die von der arabischen Bevölkerung. Der Bericht führt sodann eine Reihe der 1934 gegründeten 170 neuen industriellen Unternehmungen an. Die Industrie beschäftigt zur Zeit 25.000 Personen, während es 1930 10.968 und 1921 erst 1900 waren. Die Zahl der Bezieher elektrischen Stromes von der Ruthenberg-Ge Seilschaft (Palestine Electric Corporation) ist. von 22.000 im Jahre 1933 auf über 35.000 im Jahre 1934 gestiegen, der Stromverbrauch von 20 Millionen auf 34.000 Millionen Kilowatt. Das neue Kraftwerk der Gesellschaft in Haifa ist in Betrieb gesetzt. Die Ausbeute der Kaliwerke am Toten Meer beträgt jetzt 25.000 bis 30.000 Tonnen jährlich gegenüber 10.000 Tonnen im Jahre 1933. Der erste Teil der am Südende des Toten Meeres neu errichteten Werke wird noch .1935 eröffnet werden. Die Gesellschaft liefert 75 Prozent der britischen Bromproduktion. Nach langjährigen Versuchen ist es gelungen, ein für die Zitrusproduktion und die palästinensische Landwirtschaft im allgemeinen besonders geeignetes Düngemittel herzustellen. Sehr bemerkensv/ert war auch die Entwicklung der Zementfabrik „N e s c h e ru und der Oelfabrik „Scheine n". Die vom 26. April bis zum 6. Juni 1934 in Tel-Aviv abgehaltene Levante-Messe hat einen bedeutenden Erfolg erzielt und wurde von 600.000 Personen besucht. Es folgt eine Darstellung der sanitären Verhältnisse und der Arbeit des Waad Leumi auf sanitärem Gebiet. Die Zahl der Malariafälle und der Fälle von typhoidalem Fieber ist 1934 in den jüdischen Kolonien gestiegen, wodurch die Krankenhäuser in Tel- Aviv, Haifa und den Kolonien stark in Anspruch ge: nommen wurden. Die führenden medizinischen Institutionen haben in dem Finanzjahr 1934/35 196.000 Pfund *vuafegeben. In dieser Ziffer ist das Budget der JUdjjK&M Krankenhäuser in Trl-Aviv und Haifa und der von jüdischen Wohlfahrtsorganisationen erhaltenen Krankenhäuser nicht berücksichtigt. Die Regierungssubvention für das jüdische Gesundheitswesen beträgt 4245 Pfund. Eine Zwang skrankenkasse in Palästina gibt es nicht. Pläne, eine solche einzuführen, sind von der Regierung, hauptsächlich aus finanziellen Gründen, abgelehnt worden. Außer gelegentlichen Beihilfen für die Errichtung von Krankenhäusern erhält die Kasse von der Regierung keine Subvention. * Wie man sieht, wird das Gesundheitswerk in Palästina ausschließlich von jüdischem Geld erhalten. Die Palästina-Regierung lehnte eine Unterstützung aus finanziellen Gründen ab, obwohl ihre Überschüsse bereits mehrere Millionen Pfund betragen. Aus aller Weif Der Krieg der „Hemden" Aus Buenos Aires: Wie die J. T. A. erfährt, , haben der argentinische Außenminister Dr. Llamas und » der Innenminister Dr. M c 1 o den ObGffkommLssar MacDonald dahin informiert, daß die Regierung keine besonderen Verfügungen für die Einwanderung deutse hjüdischer Flüchtlinge zu machen gedenkt, da solche Einwanderung nur Wasser auf die Mühlen faschistischer Elemente im Lande bedeuten und zu antisemitischer Propaganda ausgenützt werden würde. Die Regierung habe jedoch nichts dagegen, wenn deutsch jüdische Flüchtlinge als Landarbeiter oder als Verwandte im Lande Wohnender nach Argentinien kommen. •X- Aus Mexico City: 5. Juni (J. T. A.). Die mexikanische antisemitische Organisation der „Goldhemde n" hat dem Präsidenten Cardenas eine 200.000 Unterschriften tragende Petition überreicht, in der die Regierung von Mexiko ersucht wird, den Juden daa Bürgerrecht zu entziehen, jüdische Industrie- Unternehmungen zu beschlagnahmen und den Juden in Mexiko zu verbieten, an dem politischen Leben teilzunehmen. Bei der Propaganda der „Goldhemden" handelt ea sich um Umtriebe vom Ausland besoldeter Elemente. Die Zeitungen der „Goldhemdcn" bringen Artikel, die die gleichen Titel und Texte wie die Zeitungen in Deutschland haben und auch mit dem gleichen Bildmaterial geschmückt sind. * Eine Kollektion von Hemden ist gegen das jüdische Volk aufgestanden. In Deutschland und verwandten Ländern die „Braun-Herade n", in England die „Schwarz-Hemde n", in Irland die „Blau-He md e n", in Südafrika die „Grau-Hemde n", in Amerika die „Silber -Hemde n", jetzt in Mexiko die „G o 1 d- Hemde n". Eine ganz stattliche Zahl von Farben. Es fehlen zwar noch einige Dutzend. Aber was nicht ist, kann werden. Zionisten-Verfolgung in der Türkei Aus Istanbul (Konstantinopel): Wie die J. T. A. erfährt, ist der vor kurzem in Istanbul verhaftete Direktor der Jewish Colonization Association in der Türkei, Sadiaah Tscherniak, infolge der Intervention des britischen Konsulats in Istanbul aus der Haft entlassen worden. Im Zusammenhang mit dieser Haft und den gleichzeitigen Haussuchungen und Aktenbeschlagnahmungcn im Istanbuler ICA.-Büro und in den Privatwohnungen der ICA.-Angestellten besteht unter den Juden der Türkei eine tiefe Besorgnis hinsichtlich des Schicksals der vielen hunderte Bewerber um Einwanderungszertifikate für Palästina, deren Identitätsausweise im Besitze Tscherniaks gefunden und beschlagnahmt wurden. Etwa 400 dieser Palästina-Einwanderungsbewerber sind bereits zur Polizei beordert und dort verhört worden. Gegen mehrere jüdische Beamte, die unter dem Verdacht stehen, die Palästina-Einwanderung türkischer Juden zu fördern, wurde eine Untersuchung eingeleitet. Bekanntlich hat die türkische Regierung die Ziostischc Organisation in der Türkei verboten und jede theoretische oder praktische zionistische und propalästinensische Betätigung unter Strafe gestellt. Der „Ehren*lude" In Hannover starb der Generaloberst von L i n s i ng c n, einer der berühmtesten und erfolgreichsten deutschen Heerführer des Weltkrieges. Als im Winter 1914/15 eine deutsche Armee aufgestellt wurde, um die zurückgedrängten Oesterreichcr in den Karpathen gegen die Russen zu unterstützen, wurde Linsingen mit dem Oberbefehl über diese neugeschaffene deutsche „SUdarmec" betraut und eroberte Galizicn zurück. Für die Abwehr der Brussilow-Offensive 1916 erhielt Linsingen den Schwarzen-Adler-Orden I. Klasse. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk wurde er Gouverneur von Berlin. Nach dem Umsturz 1918 nahm der 68jährige Abschied vom Militär und lebte zurückgezogen. Im Juli 1933 wurde er aus dem Deutschen Frontkämpferbund ausgeschlossen, als festgestellt wurde, daß er m U 11 e rlichcrseita von Juden abstammt. Diese Behandlung des Heerführers hat damals in der Welt viel Aufsehen erregt. Der damals Vierundachtzigjährige aber ließ sich nicht seelisch zu Boden drücken, sondern er schrieb an den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten: „Nachdem ich zum Juden ernannt worden bin, bitte ich um Aufnahme in Ihren Bund." Der Reichsbund antwortete, es sei ihm eine hohe Ehre, den Heerführer in seinen Reihen zu haben, und ernannte Linsingen zum Enro»» mitglied.

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