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Die neue Welt · 1935-06-06 · Heft 470 (6.6.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 470 (6.6.1935)
Date
1935-06-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite S DIE JN35UB WELT Ein „gemaßregelter" Rabbiner in Berlin Ein Vorstoß der Assimilanten , JJer Aufruf aller guten jüdischen Kräfte In uns zu einerdas jüdische Leben neu fundierenden, befreienden Tat, der Aufbau des neuen Lebens im eigenen Land schaffen Kräftequellen, aus denen neuer Mut auch für das alltägliche Leben der Arbeit kommen kann." Rabbiner Dr. Prinz in einer Ansprache in der Synagoge Friedenstempel (Berlin). Die -Grüner Gemeindeverwaltung läßt durch ihre Rabbiner au den FreitS-g-Abenden „Ansprachen" halten, die sich von Predigten dadurch unterscheiden, daß sie bloß kurze Bemerkungen und Deutungen darstellen, ohne auf das Thema näher einzugehen. Die unendlich große jüdische Seelennot in Hitler-Deutschland hat es mit sich gebracht, daß das deutsche Judentum mehr denn je seelischer Stütze und Aufmunterung bedarf, geistiger Führer, Menschen, die sagen, in welcher Situation sich der deutsche Jude befindet . . . In Berlin wirkt seit kurzem der junge Rabbiner Dr. Joachim Prinz, ein Mann mit großen Fähigkeiten und Kenntnissen, ein tiefer Psychologe, voller Verantwortung für sein Amt und für die jüdische Gesamtheit. Er gehört bereits zu den sogenannten „führenden" Köpfen des Berliner Judentums — als vorzüglicher Redner und charakterstarker Wissenschaftler. Seine Predigten und Ansprachen gehören zu den jüdischen Ereignissen in Berlin; wenn er spricht, ist die Synagoge voll Menschen, welche die Worte eines offenen und kompromißlosen Charakters hören wollen. Dr. Joachim Prinz hat in der kurzen Zeit seines Wirkens die Juden einander nähergerückt —r durch Darstellung des gemeinsamen Judenschicksals, durch Hinweis auf eine gemeinsame Lösung der Judennot! Und hier gerade traf es ihn. Dr. Prinz hat nämlich in den Augen des Berliner Gemeindevorstandes einen großen, unverzeihlichen Fehler: Er ist Zionist! Umden Z i o n i s t e n Dr. Prinz aus dem jüdischen Leben Berlins auszuschalten, hat der Vorstand der Ber- Fast hafte man ♦ ♦ ♦ Aus Kassel: Die „Kurhessische Landeszeitung" schreibt: „Für das große Himmelfahrtsfest auf dem Heiligenberg war die Aufführung eines Laienspiels „Grenzmark" von Otto Bruder vorgesehen. Wie sich jetzt im letzten Augenblick herausstellte, handelt es sich bei dem Verfasser des Stückes um einen Juden. Mit Recht haben daher die in dem Stück mitwirkenden Laienspieler es a b g e 1 e h n t, ein jüdisches Werk zur Aufführung zu bringen und damit jüdischem Geist zu dienen. Das Volksfest findet übrigens im geplanten Rahmen statt. — Wieder einmal Judas Hand! Versteckt und geschickt, getarnt hat ein Jude es verstanden, sein volksfremdes Machwerk in einem Verlag unterzubringen und damit die Möglichkeit erreicht, es der Oeffentlichkeit zu präsentieren, sie mit jüdischem Geistesgut zu beeinflussen. An dem gesunden Geist unserer kurhessischen Landesbevölkerung... ist der Versuch gescheitert. Wir wehren uns dagegen, daß uns heute noch von den Verlagen in der Laienspielliteratur jüdische Schmierereien vorgesetzt werden, mögen sie inhaltlich noch so national verbrämt sein ..." Fleischhauer als Mentor der deutschen Burschenschaft Aus Berlin (J. T. A.): Wie die „Nationalsozialistische Parteikorrespondenz" meldet, veranstaltet die Führung der Deutschen Burschenschaft für ihre sämtlichen Amtsträger ein Frühjahrslager in Eisenach. Unter den Themen, die während der Schulungswoche behandelt werden, befindet sich auch die Judenfrage. Bei dieser Gelegenheit wird u. a. der Sachverständige im Berner Judenprozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion", Oberstleutnant a. D. Fleischhauer, sprechen. „Stürmer"-Tafein vor einer Berliner Synagoge Aus Prag: Wie die Polnische Telegraphen-Agentur meldet, macht es einen niederdrückenden Eindruck auf die jüdische Einwohnerschaft des Berliner Stadtviertels Lindenstraße, daß die Polizei es Julius Streicher erlaubt hat, eine der Berliner Verkaufsstellen mit blutrünstig-antisemitischen Werbetafeln des „Stürmer" in unmittelbarer Nachbarschaft der Synagoge Lindenstraße aufzustellen. Ausgewanderte Aerzte Aus BerUn: Laut Bericht des „Deutsches Aerzteblatt" sind 1307 Aerzte in den letzten zwei Jahren ausgewandert, d. i. 2,4 Prozent des deutschen Aerzteständes. Rund zwei Drittel (860) befanden sich im Alter von 30 bis 45 Jahren, über ein Zehntel (150) waren jünger und noch nicht ein Viertel (297) älter, während die Gesamtärzteschaft sich auf diese Altersgruppen zu etwa fünf Zehntel, ein Zehntel und vier Zehntel verteilen dürfte. Bei einem Gesamtanteil von 6,85 Prozent Aerztinnen stellte das weibliche Geschlecht zu den Auswanderern 16 Prozent. Allein aus Berlin sind 572 Aerzte ausgewandert, 58 aus Hamburg, 59 aus Frankfurt a. M. und 375 aus den übrigen deutschen Großstädten, während noch 125 der Auswanderer in Städten mit 50.000 bia 100.000 Einy/ohaern und mir 158 in den kleineren Gemeinden beheimatet waren. Genau 584 der Auswanderer sind ins Ausland ohne (vettere Angabe abgemeldet. Von den übrigen statistisch Erfaßten Aerzten sind 33,6 Prozent nach P.aläfltina liner Jüdischen Gemeinde an ihn einen Brief gerichtet, worin Dr. Prinz untersagt wird, weiter zu predigen, da seine Predigten Streitigkeiten und Erregung hervorrufen könnten, während „gerade im gegenwärtigen Augenblick alles geschehen muß, um die Gemeindemitglieder zusammenzuhalten und Differenzen nach Möglichkeit zurücktreten zu lassen..." Der Ruf des Dr. Prinz nach Einigkeit, der in allen seinen Ansprachen zum Ausdruck kam, ist nach Ansicht des Vorstandes (Heinrich Stahl heißt der Herr!) geeignet, Differenzen hervorzurufen! Die Herren Liberalen der Berliner Judengemeindfi haben wiederholt Anlässe gesucht, Dr. Prinz, den Nationaljuden und Palästina-Fanatiker, in seiner Wirksamkeit zu hemmen. Selbst heute, da das deutsche Judentum sich in Vernichtungsgefahr befindet und nur der nationaljüdische Einheitsgedanke den deutschen Juden Halt gibt, lassen es sich die Assimilationsliberalen in der Berliner Kultusgemeinde nicht nehmen, eine Kampfhaltung gegen die nationalen Teile der Judenschaft zu beziehen, gegen die positiven Elemente in der Judenschaft einen Schlag zu führen. In allen Kreisen, die echtes jüdisches Ehrgefühl und Sinn für Anstand und Würde besitzen, wird die „Maßregelung" des Dr. Prinz als Provokation empfunden. Man verlangt in Berlin, daß der Mißbrauch der Machtbefugnis der assimilatorisch-liberalen Mehrheit abgeschafft werde und daß ein Gemeindevorstand fungiere, der den heutigen politischen und psychologischen Machtverhältnissen entspricht. Tiefe Empörung herrscht über den Vorfall. Gerade aus ihm wird ersichtlich, wie notwendig die Forderung der Zicjaisten ist, einen den Zeitumständen entsprechenden Einfluß auf die Führung der Gemeindegeschäfte eingeräumt zu erhalten. gegangen, 45 Prozent sind in Europa geblieben, z. B. 7,7 Prozent in Frankreich, 7,6 Prozent in England, 5,8 in der Schweiz, 2,4 Prozent in der Tschechoslowakei. Nach Amerika sind 13 Prozent, nach A f r i k a 2,9 Prozent und nach Asien 5,5 Prozent abgemeldet. ne. m £in Bauerndorf will zum Judentum Ubertreten Aus Warschau: Vor einiger Zeit haben sich die Bewohner eines weißrussischen Dorfes bei P i n s k, 27 Männer, 16 Frauen und mehrere Kinder, an das Warschauer Rabbinät mit der Bitte gewandt, sie ins Judentum aufzunehmen. Das Rabbinat wies auf die aus der Zarenzeit herrührenden und heute noch geltenden Vorschriften hin, wonach es verboten ist, Christen zum Uebertritt ins Judentum aufzunehmen. Nunmehr erschien eine Abordnung von drei Bauern beim Warschauer Rabbinat und bat, Mohelim (Beschneidungsfunktionäre) zur Durchführung der Beschneidung an den männlichen Mitgliedern des Dorfes zu entsenden. Die drei Bauern erklärten, die Bewohnerschaft des Dorfes halte schon jetzt an den Vorschriften der jüdischen Religion fest, bete dreimal am Tage und genieße nur rituelle Kost. Das Rabbinat versprach d«n Bauern, bei den Behörden vorstellig zu werden, damit ihrem Wunsche willfahren werden könne, Von jüdischer Kunst und Literatur Wie aus Jerusalem gemeldet wird, verhandelt das hebräische Theater Habimah mit dem bekannten Berliner Regisseur Prof. Leopold Jeßner, der mehrere Inszenierungen durchführen soll. Unter seiner Regie wird zunächst ein Drama von Shakespeare aufgeführt. Ferner bereitet die Habimah die Komödie „Geula" (Erlösung), eine Fortsetzung des „Golem" von Hersch Leiwik, sowie die Komödie „Grüne Felder" von Perez Hirschbein (ein Repertoirestück der Wilnaer Truppe\ vor. * Demnächst erscheint eine hebräische Monographie über den Präsidenten der Tschechoslowakei Masaryk. Das Werk stammt aus der Feder der in Prag lebenden hebräischen Schriftstellerin Eva Schapira. * Zur Zeit weilt in Melbourne (Australien) der berühmte jüdische Violinvirtuose Jehudin Menuhin. Er wurde von der Filmgesellschaft „Paramont" aufgefordert, gegen ein Honorar von 500.000 Dollar in einem Film aufzutreten, lehnte aber dieses Anerbieten ab, mit der Motivierung, daß er nur seiner Kunst dienen wolle, * Im Nationalmuseum für keramische Kunst in Se vres (Frankreich) wurde soeben eine Ausstellung des aus Polen stammenden jüdischen Malers und Keramikers Rybach eröffnet. Die Statuetten behandeln durchaus jüdische (ostjüdlsche und biblische) Motive. Keine Reklame jüdischer Finnen bei der Reichsbahn Aus Dortmund: Wie die „Westfälische Landeszeitung — Rote Erde" mitteilt, hat sie auf eine Anfrage bei der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft in Berlin das folgende Schreiben erhalten: „Wie wir bereits in unserem Schreiben vom 31. August 1934 ausgeführt haben, darf Reklame jüdischer Firmen auf Reichsbahngebiet nicht mehr zugelassen werden ... In dem vorliegenden Falle war der Deutschen Eisenbahn-Reklame G. m. b. H. nicht bekannt, daß die Firma Gebr. Kaufmann ein jüdisches Unternehmen ist." s Antwort an die „deutschnationalen" Juden Aus Berlin: Unter Bezugnahme auf ihren Aufsatz „Für Juden ist kein Platz im Heer" schreibt die Zeitung „Das Schwarze Korps", daß vor allem der „Verband der nationaldeutschen Juden" (geführt von Dr. Max Naumann) nichts unversucht gelassen habe, die Zeitung zu einer Diskussion über dieses Thema zu bewegen. „Inzwischen ist nun das neue Wehrgesetz herausgekommen, so daß alle Betrachtungen in dieser Hinsicht überflüssig geworden sind. Trotzdem möchten wir nicht verfehlen, die Juden darauf aufmerksam zu machen, daß sie in einem Irrwahn leben, wenn sie glauben, sich heute mit uns über die Judenfrage unterhalten zu können. Eine Judenfrage, wie wir sie früher sahen, gibt es für uns nicht mehr. Man wird sich auch in jüdischen Kreisen damit abfinden müssen, die minderen Rechte nun mal als gegebene Tatsache hinzunehmen. Mit Minderberechtigten pflegte sich aber der Deutsche von jeher nicht käme-« radschaftlich zu unterhalten, sondern er behandelte ihn so, wie es dem gesunden Empfinden unserer Rasse entspricht." Warnung vor Besuch der Danziger Bäder Aus Warschau: Das Zentralkomitee der Anti¬ Hitler-Aktion warnt Juden vor dem Besuch der Bäder im Danziger Freistaat: Zoppot, Oliia, Bressen und Gletkow. In der Mitteilung heißt es, daß seit Uebernahme der Macht im Danziger Freistaat durch die Nazis nicht allein in' Danzlg, sondern auch in den Bädern ein antijüdischerTerror herrscht. Obwohl die jüdischen Kurgäste die Hauptquelle des Einkommens der genannten Bäder sind, werden die Juden dort fortwährend terrorisiert und öffentlich beleidigt, wobei die Polizei die angegriffenen Juden durchaus nicht schützt. Alle jüdischen Angestellten sind in diesen Bädern entlassen worden, die Angehörigen der jüdischen Intelligenzberufe werden scharf boykottiert. Sehr oft sind auch jüdische Kurgäste attackiert und be« leidigt worden. Verdauungsstörungen. Namhafte Magenärzte bezeugen, daß sich der Gebrauch des natürlichen „Franz- Josef"-Bitterwasser für den durch Essen und Trinken überladenen Verdauungsweg als eine wahre Wohltat ' erweist. K In Tel-Aviv fand eine Konferenz hebräischer Schriftsteller und auswärtiger Besucher an Stelle des aufgeschobenen hebräischen Kongresses statt. Mitglieder des vorbereitenden Komitees des hebräischen Kongresses erklärten, daß der Kongreß wegen Nichterteilung von Einreisevisen nach Palästina nicht zustande gekommen sei, und machten die Zionistische Exekutive (Einwanderungsdepartement) hiefür verantwortlich. Die Konferenz beschloß, eine Abordnung zum Zionistenkongreß nach Luzern zu schicken. * In London wurde eine Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen des bekannten palästinensisch-jüdischen Malers Abel Pann in der Fine Art Gallery eröffnet. Der Eröffnung der Ausstellung wohnten zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten der Londoner Gesellschaft beL Der jüdische Maler Armin Stern, ein Tschechoslowake, dessen Bilder in verschiedenen europäischen Galerien zu sehen sind, hat aäch 33jähriger künstlerischer 1 Tätigkeit in Deutschland dieses Land nach dem Machtantritt Hitlers verlassen müssen und lebte zwei in Palästina. In einer im Hause der Bne-Brith-Loge in Prag arrangierten Ausstellung zeigt Armin Stern die Frucht seiner Kunsttätigkeit in Palästina. Es sind 60 Bilder von Land und Menschen des alten und des neuen Palästina zu sehen. Palästina-Film //Segen der Arbeit" Wenn wir Bilder aus Palästina betrachten, klingt etwas Tieferes als bloßes Interesse in uns an: Freude, Rührung, Erschütterung und das Bewußtsein einer nationalen Gemeinschaft. Um wieviel stärker wird dies Gefühl, wenn uns ein Film, ein Tonfilm — also Bild und Klang — die Söhne und Töchter unserer Heimat über tausende Meilen hinweg vorzaubert und gerade das Thema anschlägt, das für das neue Leben in Palästina das wesentlichste ist: Arbeit. Arbeit — Avodah! Die Autoren des palästinensischen Tonfilms „Segen der Arbeit" hatten allerdings nicht die Absicht, jenes Gefühl und Sentiment in uns wachzurufen. Ihnen ging es um den Begriff „Arbeit" an sich. Die Bilder (Hilmar Lerski) sind in ihrem Zuschnitt der optischen Welt des Russen Eisenstein entnommen — sachlich, kühl, hart. Die Musik (Paul Dessau) rauscht inniger, bei allem Betonen des Rhythmischen in der Arbeit, rechnet mit akustischen Assoziationen. Aber Arbeit ist überall die gleiche, ist weder soziologisch noch volklich differenziert. Darum empfindet man den Film nicht zwingend .als palästinensisch, und Maschine ist überall Maschine, darum bringt sie ein Kollektiv-Schicksal. Der erste Eindruck, noch nicht verarbeitet und verschiedenen Erwägungen, auch politischer Natur, Spielraum lassend, kann als nur die Oberfläche streifend regiw striert werden. Packend bloß der Augenblick, wo der Segenspender „Wasser" alles enthusiasmiert und Dürre. Takt der Arbeit bis zum Ermüden, vergessen läßt. Ein kleines, ganz kleines Stückchen Palästina. Statt Men« sehen und Landschaft — Muskeln und Maschinen. «

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