Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 470 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4<u DEE NEUE WELT Seite T SCHEWUOTH 5695 QoüesStuMHe Eine Schewuoth-Betrachtung Von Dr. Israel Zwi Kanner Aus den Tiefen der Protokolle der Steintafeln vom Sinai dringt zu uns die Stimme Gottes ohne Unterlaß. Darum ist für uns Juden die Bibel kein Literaturwerk, kein Testament, kein Denkmal, sondern etwas Lebendiges, ein Stück unserer selbst, noch mehr: der Mittelpunkt, um den wir uns konzentrieren. Mögen wir uns noch so sehr vom Judentum — durch verschiedene Umstände gezwungen — entfernen, so werden wir, doch kaum, daß wir auf irgend einen biblischen Vers stoßen, mit zentripetaler Kraft in unser Sein zurückgeschleudert; Darum sind alle Fluchtanstrengungen vergeblich. Die Stimme Gottes wird nicht aufhören, sein Mahnen wird nicht enden, ewiglich werden wir das Donnern am Sinai in unserer Seele vernehmem Der Glaube der Propheten war wie ein „brennendes Fetic r"*), eingeschlossen in ihrem Herzen, bis es zu toben begann, keine Ruhe wußte und nicht schweigen konnte. Die Propheten kannten keine religiösen Dogmen; sie schufen keine Prinzipien und Gesetze, sondern ein heiliger Geist ruhte auf ihnen; in ihrem Herzen war die Flamme Gottes und das Wort Gottes in ihrem Munde. Die Thora ist nicht dogmatisch gehalten **), sie will auch nicht dogmatisch gesehen werden. Sie zwingt uns keinen Glauben auf. Aber wenn wir Tag und Nacht, d. h. in unseren hellen und in unseren dunklen Stunden, in ihr forschen, fühlen wir unbewußt ein Verlangen nach Gottesnähe, wir fühlen: das ist gut, das ist Glück, das ist der Grund des ewigen Lebens, das ist die Quelle des Lichtes und das ist der Nährboden des Paradieses. Aus finsteren Abgründen heben wir uns in lichte Höhen. Höchste Stufe der Philosophie, innere Schau, göttliche Berauschung.***) Die Thora erleuchtete unsere Leben, floß uns Heiligkeit und Reinheit ein, gab uns Tugenden, ein gutes Herz, die hpchste Frömmigkeit und tiefste Gottesfurcht. Das ist die Thora und ihre wunderbare Kraft — Macht und Pracht Gottes. Die Worte der Thora begeisterten die Herzen der Menschen vor tausenden Jahren und begeistern sie noch in unserer Zeit. Auch in Zeiten, da der Mensch erniedrigt ist und keine sittlich erhabenen Gefühle in sein Herz eindringen können, wird die Stimme Gottes nicht aufhören, in ihm zu brausen. Diese Stimme wird ihn wieder reinigen, nicht äußere Symbole wie Wasch- und Taufbäder. Den Charakter eines Menschen wird sein Gewissen bestimmen, seine innere Stimme, Gottes Stimme. Und weil die Völker unsere Bibel annahmen, haben wir ein Recht zu hoffen, daß Gottes Stimme auch in sie eindringen und aus dem Sumpf des Kriegswahns, des Menschenmordens in die Höhe des Friedens, der Menschlichkeit, der Bruderliebe heben wird. *) Der brennende Dornbusch ist eine Versinnbildlichung der Vorgänge im entflammten Herzen des einen Gott suchenden Moses. **) Erst der Rambam gründete die dogmatische Basis des Judentums und stellte 13 Glaubensartikel auf, weswegen er auch stark bekämpft wurde. Maimonides sah Sich aber dazu durch die Zeitumstände genötigt, damit jeder bei den verschiedenen Disputationen mit den Andersgläubigen gewissermaßen sein Waffenmaterial bei sich trage. ***) In diesem Zusammenhang sei bemerkt, daß der Gott der nicht jüdisch en Philosophen etwas Abstraktes ist, dem Liebe und Barmherzigkeit abgehen. Auch fehlt den Büchern Piatons das begeisternde Feuer der jüdischen Propheten und der Ruaoh Hakodesch. The t iVKt Nl«t P.O.B. 119,Telephone963—964.Cable «E| .»n, address: „ASHRA1 BANK" TEL-AVIV TEL-AVI V Ausführung sämtlicher Bankgeschäfte SPEZIALABTEILUNG für palästinensische und aus- . ländische Wertpapiere Erteilung von Informationen für Neueinwanderer The Hadar Hacarmel P. O. B. 950, Telephone 344. Cable address: „ASHRAIBANK" HAIFA HAIFA ts kellten deine /teMtee /i^ci»... Als der Heilige, gepriesen sei nein Xame, das Heiligtum in Jerusalem zu zerstören besdiloß. spradi vi: „So lange idi in dem Tempel weile, rührt kein Volk der Welt daran. Idi will mein Auge oon dem Heiligtum abtuenden, mögen dann die Feide Israels kommen und den Tempel zerstören. Das ist es, was geschrieben sieht: ..Kr hat die Rechte abgewendet vor dem Feinde." Und in dieser Stunde sind die Feinde eingedrungen und haben den Tempel verbrannt. Da weinte der Heilige, gepriesen sei sein Name, und rief: „Meine Kinder, wo seid ihr? Meine Priester, wo seid ihr? Wohl habe idi eudi gewarnt, dodi ihr seid, nidit zurückgekehrt in Reue und Buße . . ." Dann spradi Gott zu Jeremia: „Geh' hin und rufe Abraham, Isaak. Jakob und Mose aus ihren Gräbern!" Und sie kamen alle und zerrissen ihre Geioänder. Abraham trat heroor und spradi: „O. Herr der Welt, warum hast du meine Kinder oertrieben, warum hast du sie in die Hände ihrer Feinde geliefert?" — Du antioorlete der Herr: „Gesündigt haben deine Kinder! Sie haben alle Gesetze der Thora übertreten!'' — Abraham entgegnete: „Wer zeugt gegen Israel, daß es die Thora übertreten?" — Gott erwiderte: ..Die Thora selbst komme und lege Zeugnis gegen Israel ab!" Ahogleich ersdiien die Thora und wollte ihre Aussage erstatten. — Da rief Abraham: .Meine Toditer, du willst gegen Israel Zeugnis ablegen, daß es gegen, dein Wort gesündigt? Gedenke dodi des Tages, da der Heilige, gepriesen sei sein ]\ame, didi allen angeboten und sie alle didi verschmähten! A'ur meine Kinder nahten sidi dem Sinai, empfingen didi, ehrten didi. Und nun willst du gegen sie Zeugnis ablegen?'1 .-— Als die Thora diese Worte Abrahams vernommen, trat sie' sdiweigend zur Seite. Abraham aber fuhr fori: „Herr, als idi ein Greis oon WO Jahren war, gabst du mir einen Sohn und ah er blühend aufgewadisen war, spradist du zu mir: „Bringe mir deinen Einzigen zum Opfer!" Idi habe ihn mit eigenen Händen gebunden, um deinen Willen zu erfüllen , . . Willst du dessen nidit gedenken und didi meiner Kinder erbarmen?" Dann trat Isaak liin und spradi: „Herr, als wir mein Vater sagte: „Der Herr wird sidi das Lamm zum Opfer ausersehen"'. — da sträubte idi midi nidit, streckte meinen Hüls dem Messer entgegen, damit dein Wille geschehe! Willst du dessen nicht gedenken und dich meiner Kinder erbarmen?" Und dann trat Jakob heroor und spradi: „Zwanzig Jahre diente idi im Hause Labans; als ich es oerließ, begegnete mir Esau, der meine Kinder zu morden gedachte. Da bot idi ihm mein Leben für das ihre an. Willst du dessen nidil gedenken und didi meiner Kinder erbarmen?" Nach, ihm Iral Moses vor und bat: „Herr, war idi nicht vierzig Jahre lang der treue Hirie Israels? Ah aber die Zeit des Einzuges in das Land gekommen war, sprachst du zu mir: „Du sollst das Land nidit betreten, hier in der Wüste falle dein Gebein!" Das ist der Spruch der Leute: „Im Glück des Herrn ist für ihn kein Glück, dodi im Weh des Herrn findet auch er sein Weh", Willst du nidit dessen gedenken, was ich um Israel gelitten, und dich meiner Kinder erbarmen?" Da — plötzlich — sprang Rahel, unsere Mutter, vor den Heiligen, gepriesen, sei sein Name, und rief: „Herr der Well, dir ist bekannt, wie dein Knecht Jakob mich geliebt, wie er um meinetwillen sieben Jahre meinem l'uler gedient hat? Und ah die sieben fahre um loaren, gedachte mein Vater meine Schwester Leah. gegen midi zu oerluusdien. Und idi gab Jakob geheime Zeichen, damit er die Absicht meines Vaters vereiteln könne. Dodi bald bereute idi dies, im Erbarmen für meine Sdiwester, damit sie nidit der Besdiämung verfalle! Idi bekämpfte meiner Liebe Glut und am Abend, da Leah stall meiner Jakob zugeführt werden sollte, weihte ich sie in die geheimen Zeichen ein, an denen Jakob seine Rahel erkennen sollte. Ich. ein schwaches Weib, habe niein Herz oerleugnet, habe den Mann, den idi Lebte, meiner Nebenbuhlerin überlassen. Und du, o Gott, der Allmäditige, Lunge, hast geeifert gegen Götzenbilder aus Holz und Stein, hast meine Kinder vertrieben, der Willkür der Feinde preisgegeben. Willst du nidit gedenken des Opfers, da* idi gebracht, und meinen Kindern oerzeihen?" Da regte sidi miiditig die Barmherzigkeit Gottes und er rief: „Um deinetnnllcn, Rahel, werde idi dereinst Israel wieder aus der Verbannung in seine Heimat zurückführen!" Das ist es, was gesdirieben steht: „Eine Stimme ivird vernommen in der Höhe. Rahel weint um ihre Kinder und läßt sidi nimmer trösten." Und weiter aber heißt es: „Also spricht der Ewige: „Halte zurück deine Stimme vom Jammern und deine Augen von den Tränen! Es kefccu deine Kinder heim in ihr Land!" (Nach dein Midrasdi.) Noomi und Ruth Zum SdiewuothsFesfte Von Dr. Rachel Offner Schewuoth, das Offenbarungsfest, das Fest der Frühjahrsernte ... Die Geschichte unserer Feste gibt zugleich Zeugnis für die Kulturgüter unseres Volkes. Am Tage dieses Erntefestes wird das Buch Ruth gelesen — im Kernpunkt dieser lieblichen Erzählung glänzen die Tage der Ernte auf. Goethe bezeichnete das Buch Ruth als das erhabenste und idyllischste Werk, das je geschrieben wurde. Während viele Juden der Ansicht sind, daß man große literarische Werke nur bei fremden Völkern finden kann... Durch dieses idyllische, zarte Werk schreiten edle Frauengestalten — eine Symphonie von Frauenadel und Naturerleben. Wir werden hineingestellt in das naive, naturgebundene Leben unserer Ahnen. Frischer Erdgeruch Erez Israels umweht uns. Vor unserem innern Auge erscheint das Bild der emsig arbeitenden judäischen Schnitterinnen und Garbenbinderinnen. Wir glauben ihre Lieder zu hören. Frischer Hauch weht durch das freie Leben unserer Ahnen. Frühling atmet die stille, den Leiden des Galuthlebens entrückte Natur. Aehrenfeldcr beugen sich unter der Last ihrer Früchte. * Inmitten dieser Welt, fern vom geräuschvollen Treiben leben zwei Frauen: Noomi und Ruth. Noomi, das vom Schicksal schwergeprüfte jüdische Weib, die tief betrübte Witwe! Die Bibel spricht nicht viel über sie; aber gerade ob dieses Umstandes tritt ihr kraftvoller Charakter besonders hervor. Die große Duldnerin Noomi! Die Liebe zu ihrem Volke gibt ihr die Kraft, ihr schweres Schicksal zu tragen. Sie ist der Urtypus der jüdischen Mutter. Gebeugt von Jammer, hört sie nicht auf, die aufopferungsvolle, seibat. lose Mutter zu sein. Alt, verarmt, verwitwet denkt sie nicht an ihr eigenes Schicksal. So übt dieser edle, sanfte Charakter der jüdischen Frau auf die Moabiterin Ruth einen unendlichen Zauber aus. Hell leuchtend erscheint uns neben der alternden Noomi die junge, lebensfrohe Gestalt der wackeren Ruth. Ihr edles Wesen löst in uns Begeisterung aus. Sie gibt ihre Heimat, ihre Sitten, ihre Götter preis, um der verlassenen, hartgeprüften Noomi Stütze zu sein. Ruth — die Aehrenleserin, die Ahnenmutter des königlichen Geschlechtes in Israel! Die Moabiterin, die sich dem judäischen Volke angeschlossen hat, gleicht in ihrem tugendhaften Wesen den Töchtern Israels ... Durch die zartprofilierte Schilderung dieser zwei Frauengestalten und ihrer Umwelt wird uns das Leben unserer Ahnen in der klassischen Zeit nähergerückt. Nur ein Bauernvolk, das auf dem Boden der eigenen Heimat lebt, kann solche freie, charakterfeste, natürliche Frauengestalten hervorbringen und sie in seiner Kunst formen. Das Galuthleben, die Loslösung von Erez Israel entfremdete uns der Naturgebundenheit. Noomi und Ruth sind Gestalten einer fernen Vergangenheit. Die Rückkehr zum heimatlichen Boden kann solche Figuren wieder schaffen ... Uhsczc nächste Ausgate uscUeini Tceüaty, cUh J4. JuhL lllllllilllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllM Wir bitten _ um Einsendung von Adressen, an die wir Probeexemplare versenden können O/e Verwaltung „D IE NEUE WELT' lüliüllülülllliüIjlllllllllllllliülllSüüiil ÜülUUülliUpiU