Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 469 (4.6.1935)
- Date
- 1935-06-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ME NEUE WELT Nr. '469 RUNDSCHAU JabotinskyvVortrag in Wien Die Weltunion der Zionisten-Revisionisten ist bekanntlich knapp nach der Tagung des Zionistischen Aktionskomitees in Jerusalem aus der Zionistischen Organisation ausgetreten und bereitet die Gründung einer Unabhängigen Zionistischen Organisation vor. Damit soll der Prozeß abgeschlossen sein, der sich in den letzten sechs Jahren in Form von Spannungen, Drohungen, Exzessen zwischen den Revisionisten und den nicht judenstaatlerisch eingestellten Gruppen der zionistischen Bewegung abspielte. Vladimir Jabotinsky, der Präsident der nunmehr der Z. O. nicht mehr angehörenden revisionistischen Union, konnte daher für seinen, Samstag, den 1. Juni, im Konzerthaus abgehaltenen Vortrag großes Interesse beanspruchen, da die Zionisten und sonst interessierten Juden hören wollten, welch weitere Entwicklung dem Revisionismus vorgezeichnet werden wird. Es hatten sich über 2000 Personen zum Vortrag eingefunden. In seinem Referat führte Jabotinsky zunächst aus, daß da.s englische Verwaltungsregime in Palästina den Bedürfnissen des jüdischen Aufbauwerkes nicht entspreche, daß sowohl dem Bodenerwerb, der Immigration, der Industrie, der Erschließung Transjordaniens Beschränkungen auferlegt sind, die schließlich einen Zusammenbruch der Prosperity zur Folge haben und das Prestige des Zionismus in höchste Gefahr bringen können. Die Revisionisten hätten diese Gefahr erkannt, vor ihr gewarnt, während die Mehrheit der heutigen Leitung, die linke marxistische Exekutive, mit der politischen Lage zufrieden sei und die drohende Katastrophe nicht erkenne, denn ihr genüge ein sozialistisches Gemeinwesen, während die Revisionisten einen Judenstaat verlangen, der nur durch eine radikale Aenderung des bisherigen Regimes «reicht werden könne. Aus dieser weltanschaulichen Differenz resultieren alle anderen Gegensätze, die schließlich zur Spaltung der Organisation geführt haben. Jabotinsky legte dann eine Bilanz über die Geschehnisse im eigenen revisionistischen Lager vor, um schließlich zu erklären, daß die gegenwärtige zionistische Organisation nicht das Recht habe, sich die Erbin Herzls zu nennen, da sie sein Vermächtnis schlecht verwaltet und eine Metamorphose mitgemacht habe, die keinen patriotischen Zionisten verpflichten könne, dieser völlig veränderten Organisation die Treue zu wahren. Den Abschluß des Referats bildete die Betrachtung über die zu gründende Unabhängige Zionistische Organisation (abhängig vom Ausgang des gegenwärtig im Gang befindlichen Plebiszits), die ihre Anhänger aus dem großen Reservoir der jüdischen Massen beziehen könne und daher Aussicht auf Erfolg habe. Voraussichtlich werde im Dezember d. J. der erste Kongreß der U. Z. O. auf Basis des Stimmrechts für jeden das Judenstaatsprinzip anerkennenden und den Klassenkampf ablehnenden Juden stattfinden. KREUZ-KINO Wollzeile 17 --" TeirR-2l3£i6 Das Rfltsel der (ölnston-Form Und die Schweizer Regierung? Das „Schweizer israelitische Familienblatt" schreibt unter „Pöbelantisemitismus im Zürcher Kantonra t": Als die „Nationale Front" aufkam, wollte sie zunächst den Anschein erwecken, als wenn ihr Antisemitismus zivilisiertere Formen aufweise als in Deutschland. Sehr schnell hat sich aber das wahre Gesicht enthüllt. Selbst T o b 1 e r, der noch vor wenigen Jahren gar nicht wußte, daß er Juden nicht leiden möge... hat nach dem Berner Prozeß losgebrüllt, das Urteil des Berner Richters müsse man mit „r a d ikalem Antisemitismus beantworten". Wie weit die Tonart schon gediehen ist, zeigt der folgende Bericht des „Volksrecht" über die Verhandlungen des Zürcher Kantonsrates, gelegentlich der Beratungen des neuen Wirtschaftsgesetzes. Es heißt darüber: „Namens der Nationalen Front legte Herr D o c 1 k e r aus Zürich 4 bei dieser Gelegenheit ein fulminantes Bekenntnis seiner Partei zu den rein arischen Theorien der deutschen Nationalsozialisten ab und erhärtete damit ein neues Mal die völlige geistige Abhängigkeit unserer Frontenfaschisten von ihren Herrn und Meistern im Dritten Reich. Mit einem Schmierenpathos, das allgemeine Heiterkeit auslöste, donnerte Herr Doelker in den Saal: ,Mit dieser jüdischen Gesellschaft muß einmal gründlich aufgeräumt werden! Es gilt, ganze Arbeit zu leisten, mit der jüdischen Mentalität endlich Schluß zu machen!' Wörtlich stellte der Frontenredner zum § 4 folgenden Zusatzantrag: .Patente werden weiter nicht erteilt an schwer assimilierbare Personen, zum Beispiel Neger und Juden.'" Dann führt das Blatt Klage darüber, daß in den Verkaufsständen der Bundesbahn der „Stürme r" von Julius Streicher aufgelegt wird. Es schreibt: „Die betreffende .Stürmer'-Nummer enthielt als Schlagzeile das Wort ,T a 1 m u d - O p f e r'. Wieso duldet die Zürcher Polizei und dulden die Zürcher kantonalen Behörden die Verbreitung dieses Schundblattes auf öffentlichem Boden?" * Anmerkung der Redaktion: Die Schweizer Regierung setzt alle Hebel in Bewegung, um ihre Fremdenverkehrsindustrie zu heben. Glaubt sie, daß der „Stürmer" auf Bahnhöfen und in öffentlichen Klosken eine Ermunterung zum Besuche der Schweiz ist? Wieder ein judenreiner Fach betraf Die Jüd. Telegraphen-Agentur meldet am 1. Juni aus Wien: Nachdem kürzlich ein vollkommen ..judenreiner" Fachbeirat der Acrzte beim Gencralsekretariat der ..Vaterländischen Front" gebildet wurde, wird heute die Ernennung eines ebenso ..judenreinen" Fachbeirats der Rechtsanwälte bekannt. Diesem Fachbeirat gehören an: als Vorsitzender Dr. Fogler-Deinhartstein. als Stellvertreter Dr. Draxler. als Mitglieder Doktor Emil Krasser. Dr. Karl Maschin, Dr. Otto Mayer und Dr. Alfons Schöller. Die genannten Herren sind Mitglieder des christlichsozialen Rechtsanwälte-Klubs .,U n i o n". dem auch der Nationalsozialist Dr. Walter Riehl angehört, über dessen Betreiben der gesamte Klub korporativ dem Verband deutsch-arischer Rechtsanwälte beigetreten ist. In jüdischen Kreisen empfindet man dieses Vorgehen der Leitung der V. F. als eine Verhöhnung. Diese Zusammensetzung der Fachbeiräte stellt eine eminente Gefahr für die jüdischen Rechtsanwälte dar, besonders aber für die Rechtsanwaltsanwärter, da der Versuch der Zurückdrängung der Juden, an der entscheidenden Stelle der „Vaterländischen Front" von Erfolg begleitet, sich nun ungehemmt auf allen Gebieten auswirken kann, die für die Stellung des jüdischen Rechtsanwalts und Rechtsanwaltsamvärtcrs im öffentlichen Leben von Bedeutung sind. „Der König — Sdmlzherr der Juden" Aus Saloniki. (J. T. A.) Der griechische Monarchistenführer General Metaxas sprach hier in einer Massenversammlung. In seiner Rede wandte er sich an die Juden und erklärte: „Ich weiß, daß die Juden Freunde der Ordnung, der Arbeit und des inneren Friedens sind. Ich bin überzeugt, daß sie auch der Ansicht sind, das einzige Mittel für die Wiederherstellung der Ruhe im Lande sei die Zurückrufung eines Kön igs. Der König ist für die Juden der natürliche Schutzherr. Erinnert euch an die Tage Geogs I. und Constantins. Diese 'beiden Könige sind den Juden stets mit herzlicher Sympathie und aufrichtiger Freundschaft entgegengekommen. Ich bin überzeugt, daß die Juden ihre Stimme für den König abgeben werden, da dies der einzige Weg zur Rettung ist." Erbitterte Konflikte unter den Arabern Palästinas Aus Jerusalem. (J. T. A.) Die arabische Zeitung „Fa last in" und andere arabische Zeitungen setzen den Kampf gegen den Jerusalem er Mufti El Hussein i, den Emir Shakib Arslan vom syrischpalästinensischen Komitee in Genf und andere „sündige Führer" fort, die nach Meinung dieser Presse ihren eigenen Nutzen über die arabischen nationalen Interessen stellen und einmal für die Interessen der Engländer, ein andermal für die der Italiener, ein drittesmal für die der Juden arbeiten. Diese Führer handeln mit dem Blut des Volkes, das während der Ereignisse in den Jahren 1921, 1929 und 1934 vergossen wurde. Neun Zehntel der für die arabischen Opfer dieser Ereignisse eingeflossenen Spenden haben sie in die eigenen Taschen gesteckt. „AI Jamea el Islamia", ein Organ der arabischen Opposition, richtet folgende Fragen an den Mufti: 1. Wieviel Geld haben Sie in Indien, gesammelt? Wo ist dieses Geld? 3. Wird es seinem B,cstimmungszweck zugeführt werden? Das Organ des Mufti „AI Jamea el Arabia" erklärt, die Urheber dieses Sturmes gegen den Mufti seien die Juden; die Jewish Agency habe für ihr „a rabisches Büro" in diesem Jahre Pf. St. 30.000 aufgewendet, mit diesem Gelde werden die Sohreibfedern und die Herzen der Araber erobert. Die Zionisten sehen in dem Muftc ihren Hauptgegner, weil er es nicht zuläßt, daß arabischer Boden in jüdische Hände übergeht. Sie lügen weiter Aus Prag: Die im Roman „B i a r r i t z" des Antisemiten Goedsche beschriebene mitternächtliche Versammlung auf dem alten Prager Judenfriedhof ist bekanntlich ein Bestandteil der „Protokolle der Weisen von Zion" geworden. Der vom Antisemiten Leonhard redigierte „Volksbund" in Basel hat Goedsches Schauermär vor einigen Monaten aufgegriffen. Es war dort zu lesen von der Rede eines Rabbiners Reichhorn am Grabe des Großrabbiners Simeon ben Jehuda aus dem Jahre 1869. Auf eine Anfrage der Jüdischen Gemeinde in Vevey-Montreux hat nun die Jüdische Gemeinde in Prag folgendes geantwortet: „In Beantwortung Ihrer Zuschrift vom 28. November 1934 teilen wir höflich folgendes mit: Die im Archiv unserer Gemeinde und bei der jüdischen Beerdigungsbrüderschaft in Prag eingeleiteten Nachforschungen haben ergeben, daß im Jahre 1869 kei n Rabbiner Simeon ben Jehuda in* Prag gestorben oder beigesetzt wurde, so daß auch keine Grabrede auf dem jüdischen Friedhofe gehalten werden konnte. Weiter wurde festgestellt, daß weder in dem Archiv, noch in der Bibliothek der jüdischen Gemeinde eine Grabrede eines Rabbiners Reichhorn oder eines Rabbiners Simeon ben Jehuda enthalten ist und daß über eine solche Grabrede absolut nicht bekannt ist. Infolgedessen erklären wir, daß Mitteilungen über eine solche Grabrede und ihren vermeintlichen Inhalt erfunden sind." (J. T. A.) Judenstaatspartei Oesterreich* Dienst ag, d c n l. J uni: Gruppe VI/VII. Vixfv. Mariahilf, VI., Mariahllfcrstraße 89 a, halb!) Uhr abends, Vortragsabend. Redner: Oberbaurat Robert Strick o. r, Dr. Sal. W o 1 f. Gruppe XIV/XV. Schan/st raße 32. halb 9 Uhr abends, Vortrag Aron Sohwcrtf ingi'r. JudcnstHatsjugend. 8 Uhr abends, im Zentralheim, L, Werdertoigasse 14, wichtige Mitgliedervollvcrsammlung. Erscheinen Pflicht. M i 11 \v o c h, d on 5. Juni: Zentralheim. I., Werde rtorgasse 14, 7 Uhr abends, Lcitungssftzung. 8 Uhr abends, Partei ratssitzung. Erscheinen Pflicht. Junge Juden vom Boden vertrieben- Aus Berlin: Der Bescheid des Ministers für Landwirtschaft betreffend die von uns berichtete Auflösung der jüdischen Siedlung in Groß-Gaglow lautet: „Es handelt sich im vorliegenden1 Falle nicht um die grundsätzliche Frage, ob Nichtarier, insbesondere ehemalige Frontsoldaten, in Deutschland überhaupt Grundbesitz erwerben dürfen, sondern nur darum, ob in dem behördlich geleiteten Siedlungsvcrfahrcn von Groß-Gaglow arische oder nichtarische Siedler angesetzt werden. Für dieses Siedlungsverfahrcn aber muß ich daran festhalten, daß nur solche Personen angesetzt werden, die deutschen oder stammesgleichcn Blutes sind. Hier kann ich auch für ehemalige Frontkämpfer keine Ausnahme machen." Palästina zur deutschen Judentrage Auf der Konferenz der Volkerbundligen Der Weltverband der Volkerbundligen wird vord 9. bis zum 13. Juni seine .XIX. Jahreskonferenz in Brüssel abhalten. Einen Punkt der Tagesordnung wird ein dem Weltverband von der palästinensischen Völkerbundliga vorgelegter Entschließungsentwurf über die Lage der Juden in Deutschland bilden« Dieser Entwurf hat folgenden Wortlaut: „Die XIX. Jahreskonferenz des Weltvcrbandes der Völkerbundligen erinnert an die durch die XVII. Jahrcskonferenz angenommene Entschließung über die Lage, der Juden in Deutschland sowie an den anläßlich dieser Jahreskonfercnz von Lord C c c i I im Namen des Weltverbandes an die deutsche Völkerbundliga gerichteten Appell, sie bedauert, daß dieser Appell nicht dieerwünschten Folgen in Form irgend einer Besserung der Lage der Juden in Deutschland gezeitigt hat, sie stellt fest, daß im Gegenteil die seither durch die Reichsregierung getroffenen gesetzlichen und administrativen Maßnahmen gegen die jüdischen Bürger Deutschlands, einzig und allein wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Kasse, noch ganz bedeutend verstärkt wurden, sie ist der Ansicht, daß die Aufrcchterhaltung von Maßnahmen, die die jüdischen Staatsangehörigen des Reiches von der Gleichberechtigung ausschließen und sie der unwandelbaren Menschen- und Bürgerrechte berauben, eine Herausforderung bedeutet gegenüber den. elementaren Grundsätzen, auf denen der Völkerbund und die menschliche Zivilisation aufgebaut sind, sie sieht es als eine Pflicht der internationalen Gemeinschaft an, den Minderheiten der Rasse« Sprache und Religion in all e. n L ä n d c r n die Anwendung der „allgemeinen Grundsätze der Gerechtigkeit und Freiheit" ihnen gegenüber zu garantieren, sie protestiert gegen das Gesamtausmaß der Verfolgungen, denen die Juden in Deutschland ausgesetzt sind, und sie. bittet den Volk e r b u n d und alle Regierungen, wirkungsvoll zugunsten der Juden in Deutschland zu intervenieren und entsprechende Mittel und Wege zu finden, um die bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Juden in Deutschland wiederherzustellen und dein in dieser Hinsicht in Deutschland herrschenden, das G cwissen der ganzen zivilisierten Menschheit verletzenden Zustand ein Ende zu setzen." Die palästinensische Völkerbundliga wird auf der Brüßler Konferenz durch eine zahlreiche Delegation vertreten sein, der Dr. Nahum Goldmann, Dr. Mossinson, Tolkovsky, Hoofien und Dr. Feinberg angehören werden. Die jüdische Völkcrbundliga Oesterreichs wird durch Herrn Dr. Gottfried Weidenfeld vertreten sein. Sonderbarerweise nehmen auch Vertreter Hitler- Deutschlands an der Konferenz teil, als Delegierte der „Deutschen Gesellschaft für Völkerbund-Fragen". Aus der Wiener Judengemeinde In der Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde wurde beschlossen, die Villa der Baronin Vecera (bekannt aus dem Lebensroman des Kronprinzen Rudolf) im Semmeringgcbiet zwischen Küb und Paycrbach mit dem gesamten 56.000 Quadratmeter umfassenden Grund um den Betrag von S 77.000 zu erwerben und als, Kindererholungsheim einzurichten. Es wird möglich sein, in diesem in prachtvoller Lage befindlichen. Heim etwa 400 jüdische .Kinder unterzubringen. In der Plenarsitzung wurde berichtet, daß es durch Reorganisierung des unentgeltlichen Arbeitsnachweises gelungen sei, jüdischen Arbeitsuchenden in nennenswerter Zahl Arbeit zu verschaffen. Im Jänner konnten 57 Erwachsene und 25 Jugendliche, im Februar 51 Erwachsene und 21 Jugendliche, im März 67 Erwachsene und 20 Jugendliche und Im April 68 Erwachjenl und 15 Jugendliche in Arbeitsstellen untergebracht werden.