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Die neue Welt · 1935-06-04 · Heft 469 (4.6.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 469 (4.6.1935)
Date
1935-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis tO Groschen Jahrgang 9 Dienstag, der « Jum' 1935 18? *»/. fr Nr* 469 V-b-b, Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6die par Tfidlteur" «*sbi %, e/c *i '% l REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monaüich Zloty 1.60. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljährig Kc 15.—; Jngoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—. vierteljährig Lewa 80.—J Italien monatlich Lire 6.—, vierteljahrig Lira 14.—; Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franc3 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätssir, 8, Tel, A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Sprechverbot für Jabotinsky in C. S. R. Eine zionistische Schande Der Führer der Zionisten-Revisionisten, der jetzt eine Vortragsreise durch Europa unternimmt, wollte sich nach Erstattung eines Referates in Wien in die Tschechoslowakei begeben, um in Bratislava und Prag Versammlungen abzuhalten. In Wien erreichte ihn die Nachricht, daß die tschechoslowakische Regierung gegen ihn ein Sprechverbot erlassen habe. Jabotinsky hat bisher in allen Ländern anstandslos gesprochen. Die Behörden haben seinen Veranstaltungen nicht das geringste Hindernis bereitet. So konnte er beispielsweise in Oesterreich trotz des jetzt allgemein geltenden Versammlungsverbotes vor der breitesten Oeffentlichkeit sprechen. Die Maßregel der Regierung der Tschechoslowakei muß um so befremdender wirken, als die Tschechoslowakei ein demokratisch regierter Staat mit sonst unbeschränkter Redefreiheit ist. Hiezu kommt, daß die revisionistische Partei in der Tschechoslowakei eine absolut regierungsfreundliche Haltung einnimmt, und eine Einmischung Jabotinskys in innerpolitische Angelegenheiten des Landes außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegt. Das Verbot ist auch tatsächlich nicht im Hinblick auf die allgemeinen politischen Verhältnisse in der Tschechoslowakei erfolgt, sondern mit der Begründung, daß das Auftreten Jabotinskys zu wilden Demonstrationen und Schlägereien der Juden, insbesondere der Zionisten gegeneinander, führen müßte. Für jeden Kenner der Verhältnisse ist es klar, daß die Behörden der Tschechoslowakei dieses Verbot nicht spontan erlassen haben, sondern auf Grund von Auskünften, welche sie bei zionistischen Stellen eingeholt haben oder, was leider auch nicht ausgeschlossen scheint, über Betreiben und Denunziation von jüdisch - zionistischer Seite. In der Zeit der Türkenherrschaft standen im heiligsten aller christlichen Heiligtümer, in der Grabeskirche in Jerusalem, türkische Soldaten, um unter den christlichen Sekten, welche in der Kirche mit Fäusten und Messern übereinander herzufallen pflegten, Blutvergießen zu verhüten und Ordnung zu stiften. Damals sprachen die Juden aller Welt mit Recht von der christlichen Schande im Heiligen Lande und davon, daß unter Juden so etwas nicht möglich sei. Was ist jetzt? Jetzt sind Juden in Palästina, keine wilden Sektierer aus Rußland und den griechischen Bergen, sondern westlich-zivilisierte Menschen, Söhne des Buches, keine Religionsfanatiker, sondern wohlorganisierte „Parteiangehörige" mit Statuten und Sekretären. Und was ist jetzt? Wenn es heute in Palästina eine jüdische Demonstration oder ein jüdisches Fest gibt, dann stehen zwischen den Juden fremde Söldner mit Revolver, Peitsche und Gummiknüttel, um Ordnung unter den Juden zu stiften. Lachend schlägt der Araber, grinsend der Engländer drein, wenn sich die Juden ineinander verbeißen wie verhetzte Köter. Im Heiligen Lande, im jüdischen Lande ,«* * Das zionistische Leben in Palästina ist nur ein Spiegelbild des Getriebes in der Welt. Ueberall gibt es zionistische Parteien, welche herrschsüchtig und haßerfüllt sind und kein Mittel zu schlecht halten, wenn es nur dem Konkurrenten weh tut. Auch in der Tschechoslowakei hat dieser Zersetzungsprozeß eingesetzt. Dort herrscht eine Majorität von „Allgemeinen" Zionisten und Zionisten-Sozialisten, eng verbunden im Bestreben, alle Macht und alle Posten und Pöstchen für sich zu ergattern und zu behalten. Zeitungen und Veranstaltungen von Gruppen, welche eine andere Meinung pflegen, werden boykottiert. Wenn Boykott nicht ausreichend erscheint, dann geht man zu Terror und Denunziation über. Die revisionistischen Gegner legen sich auch keinen Zwang auf. Wo sie die Stärkeren sind, bringen sie die gleichen Mittel in Anwendung. So geht es hin und her, bis die tschechoslowakische Regierung mit einem Verbot dreinfährt. Wie ist es zu dieser Zerklüftung der zionistischen Organisation, zu diesem Haß und zu dieser Würdelosigkeit gekommen? Sind die Zionisten von heute vielleicht schlechter veranlagte Menschen als die Zionisten einer früheren Periode? Gewiß nicht! Aber ihnen ist verloren gegangen, was Einheit und Würde schafft: Die große, einigende und über den Alltag erhebende Idee! Die Idee vom jüdischen Patriotismus! Die Idee vom Judenstaat! Zionismus ohne Judenstaat ist keine große, nationale Bewegung, sondern eine Angelegenheit von Parteien, die um Prestige, Titel und Stellungen raufen. Es geht mit kleinsten Mitteln um die kleinsten Sachen. Die „Allgemeinen Zionisten" haben sich vom Judenstaatsgedanken abgewendet und einem Klein-Zionismus hingegeben — welcher dem Volke nichts bietet und der Jugend nichts sagt. Die Zionisten-Sozialisten stellen die Internationale über den Judenstaat, hängen das Bild von Marx vor das Bild von Herzl. Die Revisionisten haben die Weltorganisation verlassen und damit die genialste Schöpfung Herzls, den Judenstaat auf dem Wege, verleugnet. Was hält diese Gruppen noch zusammen, was stellt sie unter heiligen Zwang zur Einheit und nationalen Würde? Nichts! Zu Feinden sind sie geworden, die bar gegenseitiger Achtung und bar jedes gemeinsamen Wollens sind. Die Zustände im Zionismus, die zum Sprechverbot für Jabotinsky geführt haben, sind nicht vorübergehende Erscheinungen, welche auf die Ungunst der Zeit und die Schlechtigkeit von Personen zurückzuführen sind. Hier geht eine Entwicklung zur Zersetzung vor sich, der nur Einhalt geboten werden kann, wenn die große Herzische Idee wieder zur herrschenden im Zionismus wird. Ohne sie gibt es keine jüdische Würde, keinen jüdischen Patriotismus, keine jüdische Brüderlichkeit. Wo sie nicht ist, dort schwingt der fremde Polizist die Peitsche über Juden, in Palästina, in der Tschechoslowakei und morgen in aller Welt. r. st. ,il Ii. Unsere nächste Ausgabe von Donnerstag, den 6. Juni, erscheint wegen des bevorstehenden Schewuoth-Festcs in vergrößertem Umfang. I»' Die deutschen Zionisten kommen zum Kongreß Dem 18. Kongreß in Prag im Jahre 1933 sind bekanntlich die Zionisten Deutschlands ferngeblieben. Das eben etablierte Hitler-Regime gestattete ihnen nicht die Ausreise und die Teilnahme an einer Tagung, die sich zu einem Teil auch mit dem speziellen Schicksal der deutschen Judenheit zu beschäftigen hatte. Am heurigen 19. Zionistenkongreß werden sich die deutschen Zionisten beteiligen, u. zw. in einem Ausmaß, der der Bedeutung Palästinas für das deutsche Judentum entspricht. Unter dem Druck des Hakenkreuz-Regimes haben über 80.000 Juden Deutschland verlassen, davon wurden über 22.000 von Palästina aufgenommen. Palästina hat sich also gegenüber der drückenden Judennot als einziges Aufnahmsland erwiesen. Im Hinblick darauf, daß im ersten Vierteljahr 1935 über 18.000 Juden in Palästina eingewandert sind, ist mit einer weiteren Einwanderung, also auch aus Deutschland, zu rechnen. Die einzige praktische Hilfe, die den deutschen Juden zuteil wurde — das Flüchtlingswerk unter Leitung des Amerikaners MacDonald hat sich nicht bewährt — ist auf das Konto des jüdischen Palästina zu buchen. Darum ist mit einem großen Schekelverkauf unter den deutschen Zionisten zu rechnen. _ludenstaatspatiei «Oesterreichs Mittwoch, den 5. Juni 1935, präzise 8 Uhr abends, im Zentralheim, I, Werdertorgasse 14, dringende ParfeirafeSitzung Daher entfällt die Mittwoch-Versaiwnlung 'y^/ Judenstaatler! Der Endtermin der Schekel-Abrechnung steht bevor. Nützet die Zeit und verdoppelt eure Anstrengungen zum Verkauf des Schekelsl Weltpolitik der Woche Das neue, christlich-deutsche Oesterreich hat dem deutschen Regierungschef durch den Mund des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg geantwortet. Die Rede Dr. Schuschniggs hatte die große Wirkung, die ihrer Bedeutung entsprach. Das ganze Ausland nahm die Erklärungen der österreichischen Regierung mit Genugtuung auf; es nannte sie sachlich, klar, entspannend. Die Rede konnte nur diejenigen enttäuschen, die Sensation erwarteten, Wortschwall, tönende Phrasen, Versprechungen, Illusionen. Aber Oesterreich hat dieses in Hitler-Deutschland so beliebte Menü nicht zu bieten. Oesterreich ist anders geartet. Wichtig vom Standpunkt der inneren Ruhe war zunächst Schuschniggs Erklärung, daß in Oesterreich kein.Platz. seifür den National» sozialimus. Mit dieser Deklaration wird all jenen Elementen, den Unentwegten und den Konjunkturisten, die auf eine „Machtergreifung" hoffen, jede Aussicht auf eine Chance genommen. Oesterreich will seinen Platz unter den Kulturvölkern beibehalten. Es kann die Früchte eines Naziregimes im Nachbarland bewundern. Mit dieser einen Feststellung hängt die zweite^ von Europa mit zustimmendem Lächeln aufgenommene, ein wenig ironisch gefärbte Bemerkung Schuschniggs zusammen, daß man über Gewalt (Hitler sagte in seiner Rede, daß in Oesterreich das Nazideutschtum mit Gewalt unterdrückt werde!) nur dann sprechen könne, wenn man unter Gewalt da und dort dasselbe verstehe. Diesen feinen Hieb in seiner sprachlichen Exaktheit haben insbesondere jene freudig zur Kenntnis genommen, die wissen, mit welchen Mitteln in Hitler-Deutschland Volksstimmung gemacht wird. So ergab Schuschniggs Antwort auf Hitlers Rede ein freundliches und ergebnisreiches Echo: nach' außen in der Festigung des Gedankens bestehend, daß Oesterreichs Unabhängigkeit ein unerschütterliches Dogma der internationalen Politik ist; nach innen im steigenden Tempo der Arbeitsanleihe-Zeichnung. Man weiß, woran man ist. Keine Regierung läßt sich durch die „Friedensrede" Hitlers bestimmen, Maßnahmen, die sie ins Auge gefaßt hatte, zu unterr lassen. Und Oesterreich reicht seine christlich-deutsche Bruderhand dem deutschen Volk, nicht aber dem hitleristischen Nationalsozialismus, der sich als Organisierung der Bestie im Menschen erwiesen hat. Für die Juden Oesterreichs können die Erklärungen des Bundeskanzlers vom Nationalsozialismus, der keinen Platz bei uns hat, und von der Gewalt, von der das österreichische Regime nichts wissen will, als günstige Symptome gelten und Beruhigung schaffen. Aber diese Erklärungen sollen in der Wirklichkeit sichtbar werden. Auf manchen Gebieten ist ihr Geist nicht sichtbar. Unverantwortliche Elemente geben sich den Anschein, im Sinn der neuen Staatsführung zu handeln, wenn sie einen antijüdischen Kurs zur Schau tragen. Ihre Methode, die jüdischen Staatsbürger in ihren Rechten zu schmälern und ihre Existenz zu unterminieren, muß nicht gerade Nationalsozialismus heißen, um wirksam zu sein. Es gibt genug Symptome dafür, daß da und dort — man nenne es administrativ oder sonstwie — Versuche gemacht werden, mit Glacehandschuhen Gewalt gegen Juden zu üben: durch Verdrängung, Ausschaltung, Pressestimmung usw. Unter solchen Umständen wäre die Erklärung nützlich: Im neuen Oesterreich ist in keiner Gewandung Platz für Dinge, die der Nationalsozialismus auf dem Gebiet der Judenfrage anstrebt. ©. V.

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