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Die neue Welt · 1935-05-31 · Heft 468 (31.5.1935) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 468 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 46S D{£ NEUE WELT Sg&afttt TMeeias Ofn /ofH ICUtecetU Die Stadl dec (Studien und Ueilig&t (ft&bu Von Jakob Josefsberg (Jerusalem) Vier hriligc Städte besitzt der jüdische Jischuw Palästinas: Jeruschalajim, Zfath, Hebron und Twcrjah. Alle diese vier Städte sind uralt, haben eine bewegte Geschichte und jede für sich besitzt besondere Heiligtümer. Nächst Jeruscholajim hat Twerjah (Tiberias), wo der „Talmud Jeruschalmt" entstand, die interessanteste Geschichte. An der Hauptchaussee Haifa— Nazareth—Metula gelegen, etwa 9 Kilometer entfernt von der Bahnstation Samakli, die Haifa mit Damaskus verbindet, in einer Brüaenkung ungefähr 180 Meter unter dem Meeresspiegel, liegt der 26 Kilometer lange, und 7 Kilometer breite „Jara Kinercth" (Genezareth-See), der von Norden nach Süden vom Jordan auf seinem Laufe von den syrischen Bergen zum „Jam Hamelach" (Totes Meer) durchschnitten wird. An diesem heiligen See, der von Bergen eingebettet ist — wie etwa der Vierwaldstättcrsee in der Schweiz —, wo schon im frühen Altertum Städte und Dörfer blühten, liegt Tibcrias. Chamath, Rakath und Kinereth, diese drei an den Ufern des „Jam Kinereth" erbauten Städte, eroberte .Tosua und gab sie nach dem Los dem Stamm Naftali. Die vielen Kriege, welche in Erez Israel tobten, vernichteten die Städte und ihre Bewohner; viele Jahrhundertc waren diese Orte in Wüsteneien verwandelt, bis Antipas, der Sohn des Königs Herodes. zu dessen Einflußsphäre Galiläa gehörte, an der Stätte, wo Rakath lag, eine Stadt erbaute, die er zu Ehren des römischen Kaisers Tibcrius Tiberias nannte. An der Stätte von Chamath. wo die heißen Quellen flössen, erbaute Antipas Badehäuser. Die Stadt entwickelte sich, zumal die Pharisäer, an ihrer Spitze Rabbi Jochanan ben Sakkai, von Jabneh aus und zwei Generationen später Rabbi Schimon bar Jochai die Entwicklung der Stadt förderten. Der Ausbruch des Aufstandes gegen Rom im Jahre 66 richtete auch in Tibcrias Verheerungen an; es wurde aber nicht, wie die Städte von Obergaliläa, ganz vernichtet, denn im Gegensatz zum oberen Gallil und Judäa erhielt die Friedenspartei über den Zelotenführcr Jochanan von Gusch-Chalaw und seine Freunde die Oberhand. Nach Niederwerfung des Aufständes. da Judäa und Obcrgaliläa zu Wüsteneien verwandelt waren, stand Tiberias, da es sich rechtzeitig vor Rom gebeugt hatte, unerschüttert da. Wirtschaftlich blühte, die Stadt. Der Fischfang auf dem Jam Kinereth brachte reichen Ertrag. Tiberias war von Weinvund Blumengärten umgeben, Feigen- und Obstbäume wuchsen in seiner Umgebung, alle Bewohner arbeiteten fleißig, sogar die Greise. Eine Agada (Erzählung) übermittelt folgendes: Kaiser Hadrian spazierte in der Umgebung von Tiber.ia3 und beobachtete, wie ein Greis einen Obstbaum pflanzte; er fragte den Greis, wie alt er sei. Dieser antwortete: „Hundert Jahre." Der Kaiser sagte: „Du bist alt, wozu die Mühe?" Worauf der Greis erwiderte: „Wenn Gott will und ich's erlebe, werde ich noch die Früchte des Baumes genießen, und wenn nicht, werden meine Kinder und Enkel den Ertrag haben. Meine Eltern arbeiteten für mich, weshalb soll ich denn für meine Kinder nicht arbeiten?" Diese aufrichtige Antwort gefiel dem Herrscher. Er sprach: „Wenn du es erlebst, bringe mir Früchte von diesem Baum." Nach drei Jahren, als Hadrian seine Reise durch die Länder des Ostens beendet hatte, kehrte er nach Tiberias zurück. Der Greis sandte einen Sack mit Früchten an den Kaiser. — Tiberias hatte aAich eine Industrie, wie Gerbereien und Glasfabriken. Tiberias wurde ein Ha ndels Zentrum. Tiberias wurde aber auch das geistige Zentrum. Erez Israels. Noch zur Zeit, als Rabbi Jochanan ben Sakkai in Jabneh saß, kamen Weise nach Tiberias, um in den heißen Quellen zu baden, und verbreiteten bei dieser Gelegenheit hier Lehre und Wissen. Als nach der Niederwerfung des Bar-Kochba-Aufstandes (104) Jabneh zurstört wurde, Rabbi Akiba und seine Freunde den Märtyrertod starben und Lehren und Lernen der Thora unter Todesstrafe verboten waren, entsandte einer der Großen aus Jabneh, Rabbi Jehuda ben Baba, sechs Jünger in die Berge zwischen Uscha und Sparam und beauftragte sie, das Werk von Jabneh fortzusetzen. Nach dem Tode Hadrians verließ Rabbi Schimon bar Jochai die Höhle bei Meron, wo er sich 13 Jahre den römischen Verfolgern entzogen hatte, und kam nach Tiberias, um in den heißen Quellen Heilung zu finden. Er lehrte dort, sein Freund Rabbi Meier bal Haness gründete in Tiberial das berühmte Bcth - Hamidrasch. Auch Rabbi Jehuda Hanassi brachte seine Familie und das „Beth Din" nach Tiberias, so daß es das Zentrum des Synhedrions geworden ist. Rabbi Jochanan aus Sephoris verließ seine Stadt und seinen Wirkungskreis, kam nach Tiberias, gründete dort eine Jeschiwah und einv Beth-Hamidrasch. Dort lehrte auch sein Schwager Rabbi Schimon ben Lakisch. Tiberias als Sitz des Synhedrions und des Nassi wurde nicht nur das geistige Zentrum für Erez Israel, sondern auch für die Juden in Babylon und der übrigen Welt. Als Rom unter Konstantin sich von einem heidnischen zu einem christlichen Staat umwandelte, begannen die Verfolgungen auch in Tiberias (352), es wurde die Jeschiwoh, die Rabbi Jochanan hundert Jahre früher gegründet hatte, aufgelöst, die Chachamim flüchteten meistens nach Babylonien, wo Raw und Schmuel ein neues geistiges Zentrum errichteten. Gleichzeitig mit der Auflösung der Jeschiwah wurde auch das Synhedrion nach 1500jährigem Bestehen im Jahre 358 aufgelöst. Was das heidnische Rom nicht zu tun gewagt hatte, tat unter Einfluß von Hetzern das christliche Rom. Unter der Regierung des Kaisers Julian (Apostata) hofften diee Juden, in Tiberias wieder das Synhedrion errichten zu können, aber Julian starb nach kurzer Reglerungsszeit. Die Weisen sahen das Kommende voraus. Sie sammelten alle Kommentare, Erläuterungen, Gesetze usw. der Mischnah und redigierten den „Talmud Jeruschalmi". Dieses grandiose Werk hat die Judenheit der damaligen Epoche von Tiberias zu verdanken. Nach dem Tode Theodosians II. (425) wurde die Institution des Nassi aufgelöst,, was einen großen Schlag für das Gesamtjudentum und für Tiberlas bedeutete. Tiberias erholte sich ein wenig unter dem Kalifen Omar (638), um dann unter den Kreuzrittern ganz zurückzugehen. Jahrhunderte war Tiberias von Juden verlassen. Zur Zeit Don Josef von Naxos, des sogenannten jüdischen Fürsten, war Tiberias wieder von Juden besiedelt, wurde aber hundert Jahre später, etwa 1500, wieder zerstört. 1 Ungefähr um 1740 wurde Raw Chaim Aboulafi«, aus Ismai vom Scheich Tahar aufgefordert, nacb^Tiberia» zu kommen und es neu aufzubauen. Raw Aboulafia kam mit seinen Anhängern und wurde vom Scheich mit großer Ehrerbietung empfangen. Er erbaute eine schöne Synagoge, Läden für Geschäftsieute und ließ Weihgärten pflanzen. Dreißig Jahre später kamen Einwanderer aus Litauen, Polen und Rußland nach Ere-z-Israel — es war eine chassidische Einwanderung. 1795 kam Rabbi Nachman aus Ho roden ka mit seinen chas3idischen Anhängern, zehn Jahre später kamen Rabbi Mendel aus Witebsk und der Rabbi aus K a 1 i s k, mit ihren etwa 300 Seelen. In der damaligen Zeit, als es noch keine Dampfer gab, war das eine „Massen-Alijah". Die Liebe zu Erez Israel war sehr groß. Ein Teil blieb in Tiberlas, ein Teil ging nach Safed, wo sich in Meron (bei Safed) das Grab des Rabbi Schimon bar Jochai und auf den Bergen in Safed die Gräber von Caro, Alkawec, Lurja und Cordovero befinden. Die Drangsalierung durch die Behörden und der ungastfreundliche Empfang seitens der eingesessenen Juden veranlaßte sie, sich in Tiberias niederzulassen. In Tiberias wurden sie mit Herzlichkeit aufgenommen. Tiberias wurde ein chassidisches Zentrum, die Gemeinde wuchs, bis das große Erdbeben von 1838 die halbe Stadt zerstörte und tausend Juden tötete. Sechzehn Jahre nach dem Erdbeben war Tiberias noch zerstört. Die neuen Einwanderergruppen gingen, weil sie die Hitze nicht vertragen konnten, nach den kühleren Orten Säfed und Jeruschalajim; erst mit Beginn der .,Chowewe-Zion"-Epoche und der Kolonisationsarfyeit durch Baron Rothschild, mit dessen Unterstützung die Kolonien Jabneeh. Milchamija Mescha im Südosten, Mizpa im Westen, Migdal im Norden und die Kwuzoth Dagania Alef und Kinereth errichtet wurden, kamen auch neue Einwanderer nach Tiberias. Kaum begann das jüdische Tiberias von neuem zu wachsen, als der Weltkrieg ausbrach. Die Lage in Tiberias war trotz mancher Leiden besser als in Judäa und im Scharon. Tiberias, umgeben von vielen jüdischen Dörfern, kannte keine Hungersnot. Es würde die Zufluchtsstätte tausender Juden aus Judäa, die vor den Verfolgungen des berüchtigten Djemal Pascha flüchteten. Obwohl die Juden von Tiberias arm waren, empfingen sie die Flüchtlinge doch mit großer Liebe, sie teilten mit ihnen den letzten Bissen Brot, sie berieten und hüteten die Verfolgten. Während des Krieges wurde in Tiberias eine hebräische Volksschule eröffnet. Die Schule, die für die Kinder der Flüchtlinge errichtet worden war, besuchten auch die Kinder des Chalukka-Judcntu/ns. Die hebräische Sprache begann die französische Sprache, die in der Schule der „Alliance Israelite Universelle" vorherrschte, zu verdrängen. Im heutigen Tiberias leben unter 10.000 Einwohnern etwa 8000 Juden; den Rest bilden Muselmanen und christliche Araber. Der Bürgermeister ist der Jude Lunz, Direktor der Anglo-Paiestine Bank. Zwei Drittel der Juden sind Sephardim. ein Drittel Aschkenasim, hauptsächlich Juden aus Polen und Rußland. Ein großer Teil lebt von Chalukkageldern, d. h. von den in der ganzen Welt für die armen frommen Juden Erez Israels gesammelten Geldern. Die Rabbinen und Lehrer der sephardischen und. aschkenasischen Jeschiwoth erhalten Gehalt von den Kuratorien der Jeschiwoth. Es gibt hier Händler und Handwerker, auch einige kleine Fabriken, wie eine Eisfabrik, Zement- und Steinfliesenfabriken und eine Mühle, die einige jüdische Angestellte und Arbeiter beschäftigt. In Tiberias, dem Kurort, gibt es etwa 40 Hotels, wovon etwa 15 komfortabel eingerichtet sind. 15.000 jähr- Hofmeister stud. med., Jahrelange Praxis bei Kindern, Sprache*'* Musik« und Sportkenntnisse, derzeit Lehrer, »iw. Hof* meuter In den besten Häusern, sucht Hofmeisterstelle wahrend der Ferien. ««Fällige Zuschriften an die Administration des Blattes unter „Sehr verlanlich" ill!:!!!'1"!!:!!!!!!1!!!!!1:!!!'!!;!!',!!!1 HH'ü'il!1:! liehe Badegäste geben den Hotels gute Einnahmen. N?ben den Hotels, die mit Ausnahme eine.« einzigen in jüdischen Händen sind, gibt es 20 Aerzte, durchwegs Juden. Für die Andacht sorgen etwa 25 Synagogen. Es gibt hier vier Volksschulen, und zwar eine, die von der Jewish Agency unterhalten wird, eine von der Alliance, eine Talmud-Thora von der Agudas Jisroel, eine Talmud- Thora der Sephardim mit insgesamt 650 Schülern und 25 Lehrern, ferner drei Kindergärten. Tiberias beherbergt viele heilige Gräber. Auf einem Hügel mit dem Ausblick auf den Tiberias-See, das Golan-Gsbirge und den schneebedeckten Hefmon nahe dea heißen Quellen liegt das Grab des Rabbi Meier bal Haness. Ueber dem Grab gibt es zwei Synagogen,;md zwar eine der Sephardim und eine der Aschkenasim. Ebenso gibt es eine Jeschiwa der Sephardim und eine Jcschiwa der Aschkenasim. Im Zentrum der Stadt befinden sich die Gräber des Rabbi Jochanan ben Sakkai und des Rambam. Oben au.<: den Bergen werden die Gräber des' Rabbi Akiba und des Rabbi Eleazar ben Arach gezeigt. Eine Aktiengesellschaft, der Judge Rosenblatt, Colonel Kish, Gesundheit und Dr. Aron Barth angehören, hat im Jahre 1932 die Konzession zur Ausnützung der Quellen für die Dauer von vierzig Jahren erhalten. Mit 40.000 pal. Pfd. sollen alle Quellen gefaßt. Badehäuser, ein Inhalatorium, Park, Salzgewinnungsanstalt, Moorbäder usw. errichtet werden. Der leitende Ingenieur zeigte uns die Ausschachtungsarbeiten: er erklärte, daß das Wasser aus einer Tiefe von 1700 Meter quillt. Die Temperatur beträgt 60 bis 62 Grad, die Quellen haben unterirdische Verbindungen mit dem Tiberias-Sce. Bei den Ausschachtungsarbeiten für den Bau der neuen Bassins stieß man auf Reste einer Mauer aus der Zeit von Herodes Agrippa. In einer Entfernung von eineinhalb Kilometer vom Zentrum der Stadt, etwa vier Kilometer von den heißen Quellen, an der Chaussee nach Nazareth—Emek—Haifa, auf einem Htigel mit einem herrlichen Ausblick auf den Tiberias-See. liegt das „T c 1 Aviv" von Tiberias, die jüdische Vorstadt Kirjath Schmuel. Im Jahre 1918 gründeten russische Juden eine Gesellschaft „Achusath Bapta" zum Zweck, eine jüdische Vorstadt bei Tiberiaa anzulegen, sie erwarben von der Pica 650 Dunam ä 16 pal. Pfd. und - legten 1920 den Grundstein zur Sch'chuna. Im Jahre 1921 siedelten sich 20 Familien aus Tiberias in Kirjath Schmuel an. Mit Hilfe der Regierung und der Gemeinde Tiberias bauten sie die ersteh Wege und legten eine Wasserleitung zum Jam Kinereth. Im Jahre 1925 kauften 30 Chassidim des Gerer Rebben Bauplätze, 1926 wohnten bereits 50 Familien dort, 1930 setzte eine rapide Entwicklung ein. Heute leben in Kirjath Schmuel etwa 1000 Seelen, hier wohnt die Intelligenz, von hier aus werden die philanthropischen Institute von Tiberias unterstützt. 1933 bis 1935 siedelten sich 20 Familien aus Deutschland mit Kapital in Kirjath Schmuel an, unter ihnen einige Aerzte. Das größte Hotel von Tiberias (Hotel Elisabeth mit 100 Zimmern) liegt im Kirjath Schmuel. Das Hotel beherbergt das Theater. Außer diesem großen Hotel gibt es noch eine kleineres Hotel, drei Pensionen, ein Kinomit 700 Plätzen, ein Beth-Am, eine Rambam-Bibliothek, zwei Synagogen und einen. Kindergarten. Im Jahre 1928 wurde mit einem Kapital von 15.000 pal. Pfd., das der amerikanische Jude Schweitzer gespendet hat, ein großes, modernes Krankenha.us erbaut. Das alte heilige Tiberias mit seiner glorreichen Geschichte geht einer glänzenden Zukunft entgegen. X rOäe. ■parjamen Aktuelle Waschstoffe: Mode-Kretonne für Kleider und Dirndl, o. 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