Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 468 (31.5.1935)
- Date
- 1935-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2711613-2712049-2712092--5108-2718680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite S DIE NEUE WELT Nr. 46$ rsrrr tm fudisckes Ht&medtm StzäUtuKf uoh MtfiUton Reisen (View tyock) Der alte Mosche, dessen polnische Kunden ihn Mowscha nannten, während die älteren Bauern und Schlachzizen. halbe polnische Fürsten, ihm den Titel „Panje" beilegten. Panje Morvscha — hielt in seinem Kramladen hauptsächlich solche H aren »orten, die fest waren in Preis. Der Preis war entweder auf der Ware selbst mir geschrieben, auf den Päckchen Tabak, zum Beispiel auf ..Bakun" oder „Machorka", oder der Preis war sowieso fest. Preis für Markenware. Wenn man auch gewisse Waren auf die Waage legen mußte, so hatte der polnische Kunde Vertrauen in Mosche des Krämers Waage und zweifelte nicht an deren Richtigkeit. Wenn auch die Ware die teuerste war — Seife zum Wäschewaschen —, die ganze zwölf Groschen für ein Stück im Gewicht von 2 Pfund kostete, so galt Mowschas Wort: Zwei ist zwei! Und wenn ein neuer Kunde, ein großer Herr, noch nicht routiniert im Kaufen, seinem Zweifel Ausdruck geben wollte, so bekam er eine tüchtige Portion ... Der alte Mosche nahm die Ware von der Waage, legte sie auf ihren früheren Platz und fuhr im Ton eines bitterbös Beleidigten gegen den Kunden los: „Geh mit Gott und schau, daß du weiterkommst! Da merkte der Kunde, daß er an den Unrich tigen geraten sei, und er bat devot: „Gut! Gib her!" Daraufhin gab der alte Mosche ihm wortlos die Ware und nahm wortlos das Geld und gab den Best heraus. Das war so bei Mosche dem Krämer gang und gäbe. Mit dieser Gepflogenheil, die Kunden zu behandeln, setzte sich Mosche der Krämer als „ehrliches Jidel" in der ganzen Gegend durch, und an Losung, insbesondere an Markttagen, fehlte es ihm nicht. Ein Bauer, der bei Mosche dem Krämer Ware eingekauft hatte, schickte einen zweiten: „Du brauchst Seife? Geh zu Morvscha. Er ist streng, aber ehrlich. Seine Waage ist Gold ... Du brauchst Machorka? (Pfeifentabak)? Geh nur zu Mowscha Bei ihm kriegst du vom besten Fabrikat; trocken und stark. Mit einem Zündhölzel rauchst du herunter die ganze Pfeife. Es geht nicht alleweil aus wie andere Machorka . . . Bei Mowscha gibVs den besten —" Darum ist Mosche, weder durch seine Kunden, noch durch seine Methode, reicher geworden als andere Krämer. Im übrigen darf Mosche sich nicht mit seinen Kunden herumstreiten, sich nicht das Herz aufzehren — er hat im Grunde genommen gar andere Dinge, gar andere Aufgaben, höhere. Ein Gelehrter ist er wahrlich nicht, aber in einem Musser-Sefer (Moral-Lektüre) in Jidisch-Daifsch und sogar in einem einfachen Gebet-Hebräisch oersteht er zu lesen und er blickt in ein solch Buch hinein, sitzend und übergebeugt, wenn der Kundengang ein ganz schwacher ist ... Da ist sein Kopf von anderen Dingen und anderen Gegenden eingenommen, und andere Menschen schweben ihm vor. Mit der Stadt Safed beispielsweise, der heiligen Stadt in Palästina, ist er besser bekannt als mit seinem eigenen Städtel, wo er geboren ist und wo er einen Hausstand gegründet, Kinder auf gezogen und verheiratet hat und wo er schon seit soviel Jahren ein Krämer ist ... Und nicht nur Safed — ganz Palästina, das einstige und das spätere, nach der ersten Zerstörung, nach der zweiten und sogar auch nach der dritten — ist ihm auf seine Weise bekannt... auch König David bis Meir bal Haness ... und all das aus den MusserSforim, die zumeist in Jidisdi-Daitsch gesdirieben waren, zum Teil auch von den Wanderpredigern, von denen er keinen einzigen zu hören ausließ — zwischen dem Mincha- und dem Maarew- Gebet. Da blieb im Kramladen an seiner Statt die „Alte", sein Weib Dinke. Sie, von Natur aus mehr dem Erwerb zugeneigt, ging auch schon bei der Behandlung der Kunden nadi seiner, Mosches, Methode vor. Darum nannten die polnischen Kunden sie ,JMowschedia", und nur selten „Pani Mowschecha"... und nur deshalb, weil sie gemütlicher, leutseliger war, insbesondere mit den bäurischen Kunden.. . Und gerade darum, weil Mosche mit höheren Dingen beschäftigt war, halte er die Gewohnheit, in seinem Kramladen zu einer bestimmten Jahreszeit — ein paar Wochen nach Pessach —, die bei der Bevölkerung „Vesna" heißt, eine Sorte Ware zu führen, die nicht die Eigenschaft hat, Nutzen abzuwerfen, sondern an sich eine sonderbare Sache ist. Er machte damit sich sowie den Kunden ein Vergnügen. Es ist dies eine gewisse Art Samen für Gärten, den die Landbevölkerung und auch die Juden „hassenje" nennen. ... und den die Bauern bei ihm kaufen müssen, da sie sich das nicht selbst beschaffen können. Diese Sorten sind sehr fein, und, entsprechend den Kunden, auch (euer: Samen für Gurken. Samen für Möhren, für Kraut und auch für andere Arten Grünzeug ... Einige davon bestehen aus kleinen, feinen Körnchen, einige aus Zweiglein mit zarten Würzelchen wie Härchen, einige aus Blättchen wie Blümlein. Jede Sorte, die er in der Großstadt einkauft, wohin er sich gleich nach Pessach mit der Fuhr begibt, um dort seinen Laden mit allerhand Waren zu versorgen — jede Sorte oerwahrt er in einem neuen separaten Tontopf, eine andere Sorte hält er bis zu halber Höhe in Wasser. Er hat darin schon seine Erfahrung. Er selbst hat keinen Garten. Aber er kennt sich in diesen Dingen aus, als wäre er kein Krämer, sondern ein Botaniker. Gewiß, er hat schon viel gehört vom Kapitel „Samen", jene Bezeichnungen, waren jedoch andere. Ober das Wort ..Nassenje" auf Polnisch bedeutet gewiß Samen, sei es im Jüdischen, sei es in der Heiligen Sprache. Es macht ihm nichts aus. daß seine Kunden, die darauf reflektieren, in der Mehrzahl Leute vom Dorf sind, und insbesondere die Bauernweiber, weil die Männer, die Bauern selbst, schon mit der Feldarbeit beschäftigt sind. Sie säen Korn, Weizen, Gerste, Hafer und Flachs. Die Gärten mit Grünem neben ihren Hütten zu versehen — das ist schon eine Arbeit für .die Weiber. Solch einen Kunden, auf „Nassenje", behandelt Mosche nicht in seiner ständigen Art — mit Ge hässigkeit. Im Gegenteil. Da kann man ihm den Kopf vollreden. Er lächelt solch einem Kunden zu — sobald es sich um Samen, um „Nassenje" handelt, eine Sache, die wachsen wird, wachsen ... Eine Kleinigkeit, wachsen!, stellt er Betrachtungen an und sieht schon ein volles Beet mit grünen Gurken, mit roten Rüben, mit Rettig, mit Kraut und Kürbis Und er wird schon zugänglicher. Sowohl bei der Waage wie beim Preis. Wenn die Bäuerin die Bemerkung macht, daß es zu wenig ist, legt er noch ein paar Körnlein zu, einen Setzling oder ein Sträuchlein. Und den Kunden selb st,, die Bäuerin, obwohl er sie kaum ansieht, zumal sie in allerlei bunte Tücher eingewickelt ist, so daß aus ihrem Gesicht bloß die Augen und die Nase herausschauen, läßt er sich angelegen sein mit ihrem Einkauf und gibt sich mit dem bißdien Samen Mühe, ebensoviel Mühe, als würde sie mehrere Gulden für eine andere Ware zu lösen geben. Man erzählt sich, daß er während der paar Wochen an der „Nassenje" ein paar Rubel draufzahlt. Nicht deshalb etwa, weil er die Ware unterm Gestehungspreis abgibt, sondern weil er selbst gewisse Körnlein, gewisse Zweiglein, gervisse Stengelchen und Blümchen ausstößt. Er befürchtet, daß sie nicht genug frisch, nicht genug gesund sind und darum auch nicht „fangen" werden. Das ist kein Päckchen Machorka, das in Rauch aufgehl, das ist kein Stückchen Seife, das in Schaum vergehl. Nein. Das ist Samen, den man in die Erde sät und der die Menschen speist ... Eine Kleinigkeit, wachsen! murmelt er zu sich selbst und sein frühzeitig zerfurchtes Gesicht erhellt sich, verjüngt sich und lächelt in heiterem, geläutertem Lächeln ... Das lächelt er zur Welt hin, zu der Sonne, die schon stark im Leuchten und Wärmen ist, und auch zur Bäuerin, dem Kunden, die selbst beim Kauf des Samens, der „Nassenje" .aussieht wie von einem anderen Stamm. Er erinnert sich irgendwie an Ruth, die aus dem Stamm Moab, die Noemi nachgegangen ist ... Und wie es dazu kommt, legt er ihr noch ein paar Körnchen zu. Ein sonderbarer Mensch ... Und. es wird gewiß wachsen, es wird sich verhundertfachen — kraft der Körnchen, der Stämmchen, der Zweiglein mit den Blättchen. Und er wird seinen Anteil daran haebn .. Er hat es zugerichtet ... Was schert ihn da der Nutzen? ... An „Nassenje" will er nicht verdienen. Mag ihm auch sein Weib Dinke vorwerfen, daß er beim Samen nicht einmal den Einkaufspreis herausbekommen hat. Ihr genau erklären, warum er das tut, kann er nicht und joill er auch nicht, aber es ist genug für sie, daß er es heraussingt und dabei 80 fröhlich und heiter ist: ' j „Eine Kleinigkeit, es mächst ...!" Da erfühlt auch sie, daß „Nassenje" keine Seife und kein Tabak ist, und auch sie murmelt, wie mit einer Melodie: „Ja, wirklich, es ist keine Kleinigkeit ..." Und auch sie hat mit der Zeit erkannt, daß es wirklich, ein. höheres Ding ist, und auf ihren Alten mit nodi mehr Vertrauen geblickt, und auch sie selbst hat allein, ohne ihn, dem Kunden einige Körnchen drauf gegeben und gewünscht, es möge ein gutes Jahr werden, ein gesegnetes. Palästina*Reisen Nächste Abfahrten: 31. V., 5. VI., 12. VI., 14. VI NORDISCHES REISEBÜRO Palästina-Abteilung, Leitung N. M. Racker Wien I, Graben Nr. 10, Telephon R-24-2-31. Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Caf&s etc. Holcl-Kestaurant „Stephanie", II., Taborstraße 12. Vorzügliche Wiener Küche. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60. Täglich frische Fische. Cafe-Restaurant Espresso, i., Hotenturmsti'Sße 1. Internationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. „ „ , Cllfo Schottentor, L. Ring des 12. November 10, Telephon Ü-2G-5-90. vis-ä-vis der Universität. . „ Cafe-Konditorei rfemuann, Ii.. Gredlerstraße 2 (Telephon A-42-3-81). III.. Löwengasse 47 (Tel. U-10-5-78). „Vcgetaria", Restaurant, Diätküche. Milchspeisen, II.. Obere Donaustraße 89 a: TX.. Wfihringerstraße 21. Restaurant „Spritzer", früher „Hotel National", Jetzt II.. Hammer-Purgstallgasse 7. Vorzügliche Wiener und internationale Küche. Tel. A-45-5-42 Rotensterngasse 10. Groschen aufwärts. Vegetarische KUcho Zuckcrmann, II. Alle Arten polnische Speisen. Menüs von 81 Bekleidung, Wäsche Glanzmann, Epstein & Co., Herren- und Damen-Konfektion, Spezialerzeugung von Regenmänteln jeder Art, II.. Obere Donaustraße 35. Tel. A-49-0-86. Schuhe »S;„ Abrn"amovicz, Schuhhaus. II., Taborstraße 33, Telephon A-4S-1-62. Pelze Markt NÄ? Tef U-A24-i-S: ßermann & Co- Wien, l„ Hoher Optiker ,M- Schächter. II.. Glockengasse 25. (Samstag geschlossen.) Sämtliche Rezepte werden gewissenhaft ausgeführt. Große Auswahl. Billigste Preise. Reparaturen sofort. Diverse „ ... Parfümerio Freyung, I., Heidenschuß 3. Tel. ü-20-8-73. Parfümeriewaren, Toiletteu. Wirtschaftsartikel. Billigste Preise. Nr. 1-3/66.,iTneTnA-48"e-i4,5rlCh Juwe,enfasse<- ^Dorstraüe Halpern S. Tel. A-46-4-12. „ ~ . . Internatlonale Spedition (Palästina-Transporte) P. Ritt« g e 1 b 1 u m. II., Große Mohrengasse 3 a. Tel. R-41-9-75. M k „ iJüd> B"chrhand!unK, Erzeugung aller GebetarUkel, M. S a I z m a n n, II.. Große Schiffgasse 4. Tel. A-49-9-74. Kalb Josef, Juwelengeschäft und Piazisionsuhrmacnex, Palästina-Produkte. £1., Förstergass« 6. II.. Untere Augarten- und Dekorationsmaler, n.. II.. Taborstraße 56 . ,. JS' s* Rainer. Spenglermeister Straße 31. Tel. A-45-0-29. Schwedenapotheko (Besitzer: J. Bauer), i.. Schwedenplata. Josef Teller. Friseur, il.. Molkereistraße 7. Zimmer- und Dekorationsmaler Samuel Kleinberg, Limmer- Taborstraße 69. Tel. A-48-6-50. Installationen und Elektrowaren Advokat & Fantl, Beleuchtung. Glühlampen, Elektrcstraße 8 b^Tel^R 47B*d5^elnrichtunS°n- Beheizung. II., Tabor- Paul Heller, Installationen für elektrische Kraft- und moderne Beleuchtungsanlagen, elektrische Beheizungs- und Haushaltungsgeräte. Radio. Luster, I.. Lichtensteg 1, Tel. U-21-9-12 * .. A,n'rasen und WUnscno, welche diese Rubrik betreffen, sind an die Verwaltung des Blattes, IX., Universitatastraße 8. Telephon A-20-2-78. zu richten- ^voraiuua VERSICHERUNGS. BESTAND. . . 3.1 Milliarden GARANTIEMITTEL . 680 Millionen VERSICHERTE VERSICHERUNGS¬ ZAHLUNGEN 1933 877.309 72 Mill!on«i» LEBENS VERS IC HERUNGS-GES. Wochen-Kalender Mai-Juni 1935 TD-VN rmn Ijar 5695 Ifreitag 31 28 Sabbateingang 7.45 Samstag 1 29 Sabbatausgang 8.45 Sonntag 2 1 w-in VK1 Montag 4 2 Dienstag 5 3 Mittwoch 6 4 Donnerstag 7 5 nwaw ny Eigentümer, Sterleger» Herausgeber und xerjurtffioctlieliei; RedaKteur: Oberbaurat Robert Stricker. Druck; Druckerei* und Veriaga-A.-G, ignaz Steinmann, beide wie*. SC** llEiWMimtiBt rafta Ammm^L * ^^SS^ Ä^B.f W WwPWW If^WV W^^^^B^