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Die neue Welt · 1935-05-31 · Heft 468 (31.5.1935) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 468 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. W* DIE NEUE WELT Seite 5 Ist Englands Kolomalpolifik „unfehlbar"? Parallelen zur britischen Palästinapolitik Von Dr. J. Adler (Tcl-Aviv) Gegenüber allen Anfragen und Anklagen innerhalb und außerhalb des Parlaments hat sich die englische Regierung bisher stets entschieden geweigert, eine detaillierte Begründung für die restriktive Einwanderungspolitik zu geben, die sie seit Jahr und Tag in Palästina führt, zum Schaden des jüdischen Aufbauwerkes und im Widerspruch zum Geiste des Palästina- Mandats. Was der „High Commissioncr" in Jerusalem vorschlägt, was das „Colonial Office" in London beschließt, bedarf offenbar keiner sachlichen Motivierung, ist allem Anschein nach eine unfehlbare und unanfechtbare Entscheidung. Sir Philipp Cunliffc- Lister und Sir Arthur Wauchopc sind zweifellos davon überzeugt, daß sie die Sachlage am besten kennen, und daß alles, was siejn bezug auf Palästina tun, unbedingt richtig ist, absolut frei von allem Irrtum. Wie merkwürdig und unbegreiflich, daß England so wenig aus «einer eigenen Kolonialgeschichte zu lernen vermag! Palästina ist nämlich keineswegs das erste Ueber3eegebict, in dessen Behandlung England sich für „unfehlbar" hielt, vom Stolze einer „Herren-Nation" erfüllt, um seine Fehler und Mißgriffe erst nachträglich einzusehen, als es schon längst zu spät war. Wir möchten einige Beispiele dafür nennen, die im Hinblick auf die Palästina-Politik besonders lehrreich sind. Warum hat England seinerzeit die nordamerikanischen Kolonien verloren, die heute die U. S. A. bilden? Die dortigen Kolonisten waren, bevor 1775 der offene Konflikt mit dem Mutterlande ausbrach, großenteils angelsächsischen Ursprungs und durchwegs treue Anhänger des Königshauses gewesen; außerdem hatten sie sich in ihren Kämpfen mit den Indianerstämmen vielfach auf Londoner Hilfe angewiesen gesehen. Dennoch mußte es zu offenem Bruche kommen, als die Rechthaberei des damaligen „Colonial Office" unerträgliche Formen annahm. Man wollte den Kolonien einen handelspolitischen Kurs aufzwingen, der einseitig auf Englands Schiffahrts¬ und Exportinteressen berechnet war. Eine Begründung dafür hielt man in London nicht für nötig, denn man konnte sich ja einfach nicht irren, weiß man noch, wie die Emanzipation der U. S. A. begann? Mit dem simplen Ereignis, daß die erbitterten Einwohner von Boston eine Ladung Tee ins Meer warfen! Der Halsstarrigkeit seiner damaligen Regierung hat England es zuzuschreiben, daß ihm ein Ueberseegebiet verlorenging, welches sich schon zu jener Zeit „Neu-England" nannte, und das sich seitdem zu einem Staatswesen von heute 125 Millionen Bürgern entwickelt hat, also fast dreimal soviel wie Großbritannien heute selbst an Einwohnern zählt. Was haben 1775 die englischen Minister im Parlament gesagt? Es wäre interessant, ihre Argumente mit den neuesten Palästina - Bemerkungen Sir Philippe Cunliffe-Listers zu vergleichen. Ein anderes Kapitel: Irland! Dieses Land steht heute kurz davor, auch das letzte staatsrechtliche Band, das es noch mit dem „British Empire" verknüpft, aufzulösen — politisch eine für England sehr unerwünschte Entwicklung, da es seiner Tradition nach wie. auch auf Grund elementarster strategischer Erwägungen kaum gleichgültig bleiben kann, wenn sich jenseits der Irischen See eine souveräne Macht etabliert, die eventuell auf eigene Faust Rüstungen zur See und in der Luft durchführt. Könnte Irland nicht auch heute noch ein treues Glied des „United Kingdom" sein, so selbstverständlich wie Wales oder Schottland, die ja auch von Kelten bewohnt sind? Die Schuld an der Entfremdung Irlands tragen jene englischen Staatsmänner, die sich viel auf ihre ,,U nfchlbarkeit" einbildeten, als sie dem irischen Volk eine Politik aufzwangen, die den kulturellen und wirtschaftlichen Interessen des Landes schroff widersprach, Millionen zur Auswanderung nötigte und eine allgemeine Verarmung bewirkte. Einst hat man den Iren die „Homerule", eine ziemlich bescheidene Autonomie, verweigert. Was will Ramsay MacDonald heute tun, wenn de Valera eines Tages die irische Republik wirklich proklamiert? Das dritte historische Streiflicht: Indien! Auch hier sind es Sünden der Vergangenheit, Nachwirkungen einstiger britischer Unbelehrbarkeit, die die gegenwärtige Situation außergewöhnlich erschweren. Was Lord Clive und Warren Hastings vor mehr als anderthalb Jahrhunderten dem indischen Volk angetan, Dinge, die heute noch jedes indische Schulkind kennt, galt seinerzeit dem Durchschnitts-Engländer als unbedingt richtig, als Gipfelpunkt britischer Staats Weisheit. Mahatma Gandhi hat in „Jung-Indien" erzählt, wie im 18. Jahrhundert die indische Textilindustrie planmäßig vernichtet wurde, um den indischen Markt für die Baumwollwaren Manchesters zu erobern. Die Saat des Hasses, die damals in die Herzen unzähliger friedlicher Inder gestreut wurde, ist heute gewaltig aufgegangen. Das indische Problem erscheint fast unlösbar, und im Londoner „India Office" ist man schon froh, wenn durch das gegenwärtig in Vorbereitung befindliche indische Veri'assungsgesetz wieder einmal eine Atempause von einigen Jahren gewonnen wird. Freimütig gestehen führende Engländer heute, da das Vergangene kaum noch zu reparieren ist, es vor sich und anderen ein, daß die Indien-Politik durch Jahrzehnte hindurch großenteils eine einzige Kette von psychologischen, politischen und ökonomischen Irrtümern war. Und daraus sollte man nichts lernen? Wie kann angesichts der ungeheuren Fehler, die man in Indien beging, ein verantwortlicher englischer Staatsmann noch behaupten, daß für einen englischen Kolonialadministrator, beispielsweise für einen High Commissioner in Palästina, die Möglichkeit des Mißverständnisses und des Mißgriffes grundsätzlich nicht existiert? Noch andere Teile des britischen Machtbereiches gibt es, wo durchaus nicht jene Zufriedenheit und Harmonie herrschen, von der man uns kürzlich aus Anlaß des Königsjubiläums so viel berichtet hat. Nur ein paar Dampferstunden von Palästinas Küste entfernt liegt die Insel C y p e r n. Als sie 1876 von den Engländern besetzt j wurde, fühlten sich die — zumeist griechischen — Einwohner von osmotischer Mißwirtschaft befreit. Und wie sieht es gegenwärtig auf Cypern aus? Noch vor wenig mehr als einem Jahr galt im Londoner Unterhaus alles, was der Gouverneur zu Nikosia beschloß, für „unfehlbar", bis die Mißstände, die den Wohlstand der Insel bedrohten und schon vor geraumer Zeit die an sich so geduldige Bevölkerung der „Kronkolonie" zum Aufstande trieben, sich nicht länger beschönigen ließen. Daher mußte im Frühjahr 1934 eine Londoner Untersuchungskommission nach Cypern reisen, um die schweren Vorwürfe nachzuprüfen, die gegen die Wirtschafts- und Finanzpolitik der britischen Kolonialverwaltung erhoben wurden. Vor wenigen Wochen ist nunmehr bekanntgeworden, daß die Untersuchung schwere Versäumnisse in der Pflege der cypriotischen Wirtschaftsinteressen, zumal auf dem Gebiete der Agrarpolitik, hat erkennen lassen. Soll man noch Aegypten nennen, wo neuerdings der Streit um die „Kapitulationen" und besonders um die „gemischten Gerichtshöfe" eine allgemeine Verbitterung erzeugt hat? Diese an sich ganz unnötige Spannung, die die ewige Wunde des so komplizierten anglo-ägyptischen Problems erneut entblößte, wäre leicht zu vermeiden gewesen, wenn nicht Politiker von der Art eines Lord Lloyd, des früheren Residenten in Kairo, sich an ihrer eigenen ..Unfehlbarkeit" berauscht und eine rechtzeitige vernünftige Lösung dadurch verhindert hätten. Auch Südafrika kann hier erwähnt werden. Zwar besteht dort heute eine politische Allianz zwischen Engländern und Buren, die ja auch immer wieder ostentativ gerühmt wird. Allein es handelt sich höchstens um eine „Vernunftehe" — durch die gemeinsame Sorge vor der Majorität der Negerbevölkerung herbeigeführt —, keineswegs um eine „Liebesehe", da die Buren die Schrecken des englischen Eroberungsfeldzuges von 1898 bis 1902 noch längst nicht vergessen haben. Damals erfanden englische Heerführer die Einrichtung der „Konzentrationslage r", worin sie Buren-Frauen und Buren- Kinder einsperrten, um dadurch den Feind zum Nachgeben zu zwingen — genau so, wie man heute jüdische „illegale" Einwanderer in Palästina mit Weib und Kind in den Kasematten der Festung Akko inhaftiert. Damals kamen die englischen Truppenchefs in Südafrika mit ihrer „Erfindung" sich selber höchst klug und unfehlbar vor, eine Ansicht, in der sie Londons Regierung und Parlament zur Seite hatten. Wie glücklich würden heutzutage Englands Kolonialhistoriker sein, wenn sie jene furchtbare Episode aus ihren Büchern streichen dürften! Und auch daraus will man keine Lehre für die Gegenwart ziehen? Und niemand unter den Mächtigen Großbritanniens, der Südafrikas gedenkt, will seine Stimme zugunsten jener Unglücklichen unter den jüdischen Heimkehrern Palästinas erheben? Ganz gewiß haben wir keinen direkten Anlaß, uns mit Großbritannien Uber Einzelheiten seiner früheren und heutigen Kolonialpolitik, soweit sie sich außerhalb Palästinas abspielt, herumzustreiten. Die Probleme Nordamerikas und Irlands, Indiens und Cyperns, Aegyptens und Südafrikas sind nicht unsere Sache. Uns geht nur Palästina an. Gerade deshalb jedoch erschemt es uns wichtig, den umfassenden Tatsachenbeweis dafür zu einbringen, daß der Unfehlbarkeitsanspruch des „Colonial Office", wie er heute in Palästina zur Störung und Lähmung des jüdischen Aufbauwerkes benützt wird, vor der objektiven Kritik, die sich auf die britische Kolonialgeschichte stützt, völlig zusammenbricht. England ist heute unmittelbar dabei, die fundamentalen Fehler, die es in den vorhin erwähnten Ländern zu seinem eigenen schweren Schaden beging, nun auch in Palästina zu wiederholen. In höchst „taktvoller" Weise hat soeben die Palästina-Regierung es für richtig befunden, genau in der Woche des Königsjubiläums — das wir alle aufs herzlichste und loyalste ehrten — 2E2 Hotel Bellevue m Pörtsdiadi am Wörfhersee Vornehmes Haus unter streng ritueller Leitung. Herrl. Lage, direkt am See. Schöne, sonnige Zimmer mit Fließwasser. Vorzügliche Internationale Küche Voll« Pension: Vor* und Nachsaison . . . . S 9. - Hauptsaison . . . . . . 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Wir schätzen die Balfour-Deklaration als unsere „M agna Charta" und wir werden für ihre redliche Verwirklichung dem britischen Volke nicht minder dankbar sein wie unsere Vorfahren nach dem babylonischen Exil jenem Perserkönig, der Esra und Nchemia zum Wiederaufbau des Judenstaates autorisierte. Es leuchtet uns auch völlig ein, daß der Alltag der Palästina- Politik nicht immer ohne Meinungsverschiedenheiten und Dispute verlaufen kann. Eines aber ist für uns unannehmbar und erschwert uns die ehrlich erstrebte Kooperation, mit London aufs äußerste: die Methode, abhängige Ueberseegebietc rein als Objekt britischer Interessen und, fast schlimmer noch, als Spielball britischer Launen zu behandeln, eine Methode, die — obwohl historisch dutzendfach an der wahren Realität gescheitert — au3 dem Colonial Offlee und aus gewissen Gouvernementspalästen bisher offenbar nicht zu verbannen ist! Chemische GtaBrnämtme in Palästina Professor Weidmann wird Präsident der P. C. S. Aus Tel-Aviv (Palnews) wird uns berichtet: Nach langen Verhandlungen ist die „Palcstiae Chemical Industries Ltd." (P. C. I.) mit einem Kapital von pal. Pf. 100.000 registriert worden. Gründer der Gesellschaft sind Herr A. Mann aus Polen und die Industrial and Financial Corporation of Palestinc Ltd. (Ifico). Die Palestine Chemical Industries Ltd., deren Aktionäre zum größten Teil jüdische Kapitalisten sind, die der Ifico nahestehen, wird in Beziehungen zur Imperial Chemical Industries Ltd. (I. C. I.), London (dem großen von Mond gegründeten Trust) treten und mit ihr Verträge zwecks Zusammenarbeit auf chemisch-industriellem Gebiet in Palästina und den benachbarten Ländern schließen. Im Hinblick hierauf sollen Tochtergesellschaften begründet werden, an denen sich die I. C. I. beteiligen wird. Die Frage der Kapitalbeteiligungen der Palestine Chemical Industries und Imperial Chemical Industries wie auch über die Einflußnahme der beiden Unternehmen auf die Tochtergesellschaften ist noch nicht endgültig entschieden. Es ist jedoch anzunehmen, daß die beiden Unternehmen auf paritätischer Basis zusammenarbeiten werden. Die endgültigen Verträge zwischen den beiden Parteien sind noch nicht abgeschlossen, sie werden zur Zeit in den Detailfragen ausgearbeitet. Wie uns mitgeteilt wurde, sind gelegentlich des letzten Besuches von Lord Melchett in Palästina im vergangenen Monat intensive Verhandlungen über den gesamten Fragenkomplex zwischen Lord Melchett (für die I. C. I,), Chaim Welzmann (der Präsident des neuen Unternehmens werden soll), Emanuel Neumann (für die Ifico) und A. Mann (als Generaldirektor der neuen Gesellschaft) gepflogen worden. Nach unseren Informationen werden die abschließenden Verhandlungen, von denen die Regelung der grundlegenden Fragen des neuen Unternehmens und der Abschluß der Verträge zwischen den beiden Kontrahenten abhängig ist, in London zu Ende geführt. Die Herren Neumann und Mann werden sich zu diesem Zweck alsbald nach London begeben. Als erste Tochtergesellschaft wird die „Palestine Chemical Development Co. Ltd." mit einem Kapital von zunächst pal. Pf. 100.000 gegründet. Das Kapital wird den Bedürfnissen entsprechend erhöht werden. Die Gesellschaft wird in Haifa oder der Umgebung von Haifa eine Fabrik zur Erzeugung von Schwefelsäure und v e rwandten Produkten errichten. In dieser Beziehung ist darauf hinzuweisen, daß die I. P. C. nach Errichtung der Raffinerie in Haifa große Mengen von Schwefelsäure verbrauchen wird. Der Bedarf wird auf jährlich 35.000 Tonnen zur Raffinierung von 1 Million Tonnen Petroleum geschätzt. Etwa 2000 Tonnen werden jährlich von den verschiedenen in Palästina arbeitenden chemischen Industrien verbraucht. Auch die Palestine Potash Ltd. kommt als großer Schwefelsäureverbraucher in Betracht, nach unseren Mitteilungen sind die Verhandlungen mit der „Palestine Potash" bereits aufgenommen. Weiterhin werden große Mengen von Schwefelsäure zur Superpltosphatproduktion gebraucht, die von der Palestine Chemical Industries autgenommen werden soll. Die zweite «kbrik, die in Betracht gezogen wttrtSj

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