Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 468 (31.5.1935)
- Date
- 1935-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WEL1 Nr. 468 Juden Favoritens! Montag, den 3. Juni, halb 9 Uhr abends, im Heim des Bundes jüdischer Frontsoldaten, Gasthaus Zaruba. X, Gudrunstraße 125 Großer Vortragsabend Thema: Vor dem XlX.Zioniftenkongreft Redner: Oberbavrat Ing. Robert Stricker, Theodor Grubner Eintritt frei! Auf die ..Enthüllung", daß wir von Regierung und Gemeinde den entsprechenden Beitrag für das jüdisch*! Schulwerk verlangen, brauchen die Herren von der ..Reichspost" wirklich auch nicht stolz zu sein. Da gibt's »ichts zu vermuten und zu enthüllen, denn wir haben immer offen und laut erklärt: Wenn der österreichische Staat das öffentliche Schulwerk auf die deutsch-christliche Erziehung umstellt, dann ist er verpflichtet, den jüdischen Staatsbürgern die Möglichkeit zu geben, ihre Kinder gleichfalls national-religiös in jüdischem Sinne erziehen zu lassen, d. h. er ist verpflichtet, für die Errichtung eines öffentlichen jüdischen Schulwerkes zu sorgen und Mittel aus Steuergeldern hiefllr bereitzustellen, wie für die deutsch-christliche Schule. Durch den Vorwurf mangelnder Logik fühlen wir uns ebensowenig betroffen. Es ist sehr logisch, wenn wir uns dagegen verwahren, daß man jüdische Kinder in eigene Klassen absondert, wo sie von deutsch-christlichen Lehrerrt nach deutsch-christlichem Lehrplan erzogen werden und vom Judentum gar nichts oder nur Schlechtes hören. Es ist sehr logisch, wenn wir darin keine Wohltat für die jüdischen Kinder, sondern eine „Diskriminierung" erblicken. Und es ist sehr logisch, wenn wir aus der Ablehnung des unwürdigen und allen Regeln der Erziehung Hohn sprechenden Schulghettos die Forderung nach einem würdigen jüdischen Schulwerke herleiten. Es ist sehr logisch, wenn wir dagegen Sturm laufen, daß man unsere Kinder in sogenannte .Tudenklasscn sperrt, nicht um sie jüdisch zu erziehen, sondern nur um sie abzusondern. Der Tadel, den uns die „Reichspost" so reichlich zugemessen hat. trifft uns nicht, und das Lob, welches sie gleichzeitig den jüdischen Trennungsorthodoxen noch reichlicher spendet, erregt nicht unseren Neid. Sie schreibt: ,.Folgerichtiger handeln die orthodoxen Juden, wenn sie in ihrem Organ („Jüdische Presse") gegenüber dem Jüdischen Volksbund erklären: ,Wir halten an unserem Standpunkt fest, daß die Parallelklassen Verordnung als Vorstufe zur konfessionellen Schule zu begrüßen Ist. Wir sehen in dor Absonderung auch keine Diskriminierung und wir würden es vom religiösen Erziehungsstandpunkt aus sogar begrüßen, wenn es möglich wäre, unsere Kinder von jene« jüdischen Kindern zu scheiden, deren Erziehung vom Elternhause areligiös ist.'" Etwas salbungsvoll bemerkt noch die „Reichspost" hiezu: „Es bedarf kaum noch der Hervorhebung, daß diese Forderung dem Geiste der neuen Verfassung durchaus konform ist." Die Pächter jüdischer Frömmigkeit „begrüßen" es, wenn ihre Kinder in Sonderklassen in deutsch-christlichem Geiste von Nichtjuden erzogen werden, wenn man ihnen nichts vom Judentum erzählt, und sie statt dessen, auch am Sabbat, bis ins kleinste Detail darüber belehrt, wie man den Helligen Nikolaus und das weihnächtliche Christfest feiert. Bravo! Die frommen Männer von der Trennungsorthodoxie wollen jüdische Kinder dafür büßen lassen, daß ihre Eltern nicht fromm genug, und sie ausstoßen aus der heiligsten jüdischen Gemeinschaft, aus der Schulgemeinschaft! Die „Reichspost" findet das alles folgerichtig und durchaus konform dem Geiste der neuen Verfassung. Da bleiben wir schon lieber bei unserer Auffassung von Logik und von dem, was guter Geist einer guten Verfassung ist. Zertifikate! Zertifikate! Aus Saloniki meldet die J. T. A.: Bei der Wiedereröffnung des Palästin a- A m t e s, das längere Zelt geschlossen war, spielten sich stürmische Szenen ab. Eine Menge von ungefähr 1000 Menschen, Männer, Frauen und Kinder, belagerten das Palästina-Amt und forderten unter lürmenden Kundgebungen Zertifikate. Hunderte Zertiftkat-Helschende hatten sich außerdem vor dem Gebäude eingefunden. Da das Palästina-Amt im Geschäftsviertel liegt, beklagten «ich viele Kaufleute Uber die Störung der Ruhe und forderten die Polizei auf, einzuschreiten. Die Polizei ordnete an, daß das Palästina-Amt unverzüglich gesperrt werde und bei der Wiedereröffnung jeweils nur SO Petenten Einlaß erhalten. Neuer Bodenkauf Aus Jerusalem wird gemeldet: Arabische Zeitungen melden, daß ein Grundstück des Dorfes Oeora bei Haifa im Ausmaß von 5000 Dunam in jüdische Hände übergegangen ist. Der Verkaufspreis beträgt rund 14.000 Pfund. RUNDSCHAU Wer kein Zertifikat bekommt In der Ncw-Yorker hebräischen Zeitschrift „Hadoar" erzählt der bekannte jüdische Historiker und Schriftsteller Prof. Dr. Simon Bernfeld von den Schwierigkeiten, die ihm bei seinem Bestreben, nach Palästina zu übersiedeln, gemacht wurden. Sein Brief an die Redaktion des „Hadoar" besagt: „Die Nachlässigkeit der Bonzen in Jerusalem trägt Schuld daran, daß ich in der Gallith verbleiben soll. Schon anfangs 1933 wendete ich mich mit einem Brief an eine der zionistischen Größen mit der Bitte, mir ein Visum oder die Einreisemögllchkeit zu verschaffen, wobei ich ihm von Haus aus versicherte, daß ich der Gesellschaft nicht zur Last fallen werde, da für meinen Unterhalt gesorgt sei -~ das einzige, was ich benötige, sei ein Visu m und darauf hätte ich Anspruch. Längere Zeit bekam ich keine Antwort und als ich schließlich eine Antwort bekam, enthielt sie einen solch erniedrigenden Vorschlag, daß ich ihn nicht akzepieren konnte. (Welcher Vorschlag Dr. Bernfeld seitens des Einwanderungsdepartements der zionistischen Exekutive gemacht wurde, hat dieser schamhafterweise anzugehen unterlassen. Anm. d. Red.) So bin ich in der Gallith verblieben im Gegensatz zu anderen, die Zertifikate bekamen, obwohl sie, wie mir bekannt ist, Feinde des Zionismus sind, Schadenfreude über das große Unglück in den Augusttagen des Jahres 1929 empfunden haben und jetzt vergnügt im jüdischen Heim leben und es sich gut gehen lassen . . .Wie groß ist mein Schmerz, daß ich, dessen Sprache immer Hebräisch war und dessen Träume stets nur Palästina galten, in der Galuth verbleiben muß ..." Die Anklage Dr. Bernfelds gegen die von der linken Exekutive geübte Methode ist kein Sonderfall. Zahlreiche verdiente Zionisten bewerben sich vergeblich um ein Einreisevisum, während zur selben Zeit Menschen, die für das zionistische Werk nur Spott, übrig hatten, mit Liebenswürdigkeiten seitens unserer Einwanderungsinstanzen überschüttet werden. Wir erinnern hier bloß an zwei Fälle der jüngsten Zeit: an den Wiener Sozialdemokraten Julius Braunthal, dem die Exekutive in Jerusalem bedenkenlos ein Einreisevisum verschaffte, und an den linksradikalen Warschauer Herrn Serubawel. den Feind der hebräischen Kulturbewegung, der für seine „zionistischen Verdienste" ein Zertifikat bekam. Uettsiofr ttks/tem - immem^ Der lüde und das deutsdie Wehrgesetz Das soeben erlassene reighsdeutsche Wehrgesetz enthält eine Reihe von Arierbestimmungen, von denen die wichtigste dahingeht, daß reinrassige Juden zum aktiven Wehrdienst nicht herangezogen werden, während allerdings der militärischen Meldepflicht und der Wehrüberwachung alle Nichtarler unterliegen. Der „Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten" hat die vielen Jahre seines Bestehens hindurch damit gerechnet, daß er auch bei einer Neugestaltung der politischen Verhältnisse eine Ausnahmestellung einnehmen werde, zumal er ja als Ausdruck des Wehrgedankens (im deutschen Staat) nicht mit dem gleichen Maßstab gemessen werden könnte wie andere jüdische oder nationaljüdische, zionistische Gruppen. Das neue Wehrgesetz hat ihm daher eine bittere Enttäuschung bereitet. Die patriotischen Dienste während des Krieges, das Bekenntnis zur deutschen Nation vermochten nicht, ihm eine Sonderstellung zu sichern. 100.000 deutsche Juden kämpften im Felde unter Deutschlands Fahnen, davon 80.000 im Frontfeuer; 12.000 fielen auf dem Felde der Ehre; 35.000 erhielten hohe Kriegsauszeichnungen; 23.0^0 wurden befördert, davon 2000 zu Offizieren. All das half nichts. Der Führer und Reichskanzler Hitler selbst, der „Gefreite des Weltkriege s", stellte die Grundsätze über die Stellung der Nichtarier im Heer auf. Das Organ des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten, „Der S c h i 1 d", schreibt resigniert, daß die jüdischen Frontsoldaten die Bestimmungen des Wehrgesetzes nur zur Kenntnis nehmen können und sich jeder öffentlichen Aeußerung enthalten. Es tröstet sich mit der Feststellung,' daß der deutsche Jude nicht wegen seiner Unfähigkeit und Nichteignung vom Heeresdienst ausgeschaltet wurde, sondern nur wegen seiner Abstammung. Uns machen Sie j An Abend? „Ich las.se mich mit Diana - Franzbranntwein massieren!" „Warum gerade mit DianarFranzbranntwein?" „Weil ich mich überzeugt habe, daß nur Massage mit DIANA Blut-, Haut- und Nervenkranke erreichen durch den Gebrauch dea natürlichen „Fraiw-Josef-Bitterwaasers — morgens ein Glasvoll genommen — vollkommene Reinigung des Darmkanals und durchaus geordnete Verdauungsverhältisse. FRANZBRANNTWEIN HIT MENTHOL solche Schmerzen lindert, welche von U e b e ranstrehgung und schwerer Arbeit herrühren. . Eben darum kaufe ich nur DIANO-FRANZBRANNTWeiN und nichts anderes." In jedem besseren Geschäft erhältlich. Verlangen Sie ausdrücklich „Diana" und nehmen Sic nur „Diana". Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen. Der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten glaubte, sich dem jüdischen Schicksal entziehen zu können — kraft seiner soldatischen Tugenden usw. Seine Anschauung hat Schiffbruch gelitten. Eine Mahnung für jene Juden in anderen Ländern, die auch glauben, daß geleisteter Kriegsdienst politisch honoriert wird, und daß ein Kompliment da und dort seitens sonst antisemitischer Kreise sie gegebenenfalls vor Diskriminierung und Verdrängung bewahren wird ... Dornig vor dem Völkerbund Die Danziger Juden hatten schon rachrerenml Veranlassung, sich über das Verhalten des Vorsitzendon de* Danziger Senats Greiser zu beschweren. Da der Schuts der Danziger Verfassung dem Völkerbund untersteht, konnten die jüdischen Besehwerden bei der Aussprach" über die Dänzlger Fragen Im Völkerbundrat vorgebracht, bzhw. behandelt werden. Der englische Delegierte Im Völkerbundrat Eden legte dar, daß Greiser <Ho Befugnisse und die Mission des Völkerbundkommissars für Danzig, I, est er, in einer öffentlichen Kundgebung unrichtig Interpretiert habe. Nach einer längeren Aussprache, an der außer Greiser auch der Völkerbundkommissar Lcster und der polnische Delegierte Komarnlcki teilnahmen, wurden die Schlußfolgerungen des Berichterstatters Eden genehmigt, der hervorhob, daß der Vö 1 k e rbu n d rat eine Beschränkung der Garantien der Danziger Verfassung nicht zulassen werde. Der Völkerbundrat, erklärte Eden, habe volles Vortrauen zu dem Völkerbundkommissar Lester. Diese allgemein gehaltene Formulierung findet insbesondere auf die Danzlgei*' Juden Anwendung, die »Ich unter dem Regime des Nationalsozialisten Greiser in ihren Rechten bedroht fühlen. Die Petition einem Juristen-Rat überwiesen Aus Genf: Die Prüfung der Petition der Danziger Juden wurde einem Juristenkomitee überwiesen, welches dem Berichterstatter des Rates, Lordsicgelbe.wahre r Eden, einen besonderen Bericht erstatten wird. Erst dann wird die endgültige Behandlung durch den Rat auf der nächsten Tagung im September d. .1. erfolgen. Bei der jüdischen Petition handelt es sich um eine solche des „Vereins jüdischer Akademiker" und der „Vereinigung selbständiger jüdischer Danziger Gewerbetreibender" vom 8. April 1935. Die Petition befaßt sich mit der Lage der jüdischen Bevölkerung in Danzig und wird durch eine Petition des „Vereins jüdischer Akademiker" vom 14. Mai 1935 ergänzt. Gemeiifderatswahlen in Algier In der Vorwoche wurden in ganz Algier, das bekanntlich unter französischer Oberhoheit steht, G c« meinderat 's wählen durchgeführt. Man hatte bc« fürchtet, d&ß sich bei dieser Gelegenheit die seinerzeitige antisemitische Hetze wieder geltend machen werde, zumal die Unruhe stiftenden Elemente der Zuerkennung der französischen Staatsbürgerrechte an die Juden sehr erbittert waren. Aber die Behörden sorgten dafür, daß diä Ruhe nicht gestört werde. In der Stadt Algier ist bei den Wahlen die Lista der sogenannten „Nationalen Front" vollkommen durchgedrungen. Jüdische Kandidaten waren von dieser Parte! nicht aufgestellt worden. In O r a n erhielt die von AbbS Lambert geführte Liste eine starke Mehrheit. Die jüdische Bevölkerung hatte sich nachdrücklich für diese Liste eingesetzt, die auch den Namen einer volkstümlichen jüdi« sehen Persönlichkeit, eines Kriegsverletzten, enthielt. JA Constantine, dem Schauplatz der pogromartigen Ausschreitungen im vorigen Jahr, wo noch immer eine starke antisemitische Strömung vorhanden ist, wurden vier jüdische Stadtverordnete in den aus 32 Mitgliedern bestehenden Stadtrat entsandt. Die Juden bilden in Constantine fast ein Drittel der gesamten Wählerschaft. Auch in Bone, Setif, Tlemcen und Ain Beida haben Juden Mandate in den Stadtvertretungen erobert. Da das französische Militär von der Pariser Zentral« Verwaltung, d. h. von der Regierung den strengen Auftrag erhielt, jeden Exzeß im Keim zu unterdrücken, dürfte die Ruhe weiter anhalten. Der Gouverneur Carde hat in der| letzten Zeit mehreren jüdischen Abordnungen, die bei ihm vorsprachen, die Versicherung gegeben, daß Frankreich Angriffe von mohammedanisch-arabischer Seite gegen Juden auf keinen Fall dulden werde. Bi'ro'Bi'dsdian als jüdisches Einwanderuitgss land Aus Moskau (J. T. A.): S. Dimanstein, Vori sitzender der Gesellschaft für jüdische Siedlung OZET, erklärte in einem Vortrag, daß der Beschluß der Regierung» ausländische Juden als Siedler in Biro-Bid« s c h a n zuzulassen, keineswegs auf Mangel an Einwanderern, sondern auf ein politisches Interesse an den Einwanderung ausländischer Juden in Biro-Bldachani zurückzuführen ist. Der Zudrang auch inländische? Juden nach Biro-Bidschan war nie so groß wie Jetzt* dennoch ist noch viel Raum für ausländische Einwanderer; vorhanden. Vor der Revolution war Rußland ein Aua« wanderungsland, in den letzten Jahren des Zaren« reglmes wanderten etwa zweieinhalb Millionen Juden aus dem damaligen Rußland aus. Die Sowjet« union hingegen ist ein Einwanderungsland geworden, auf das Millionen Augen aus allen Ländern der Welt gerichtet sind. Unter den jüdischen arbeitenden Massen des Auslandes besonders besteht ein großer Drang, sich an dem Aufbau des autonomen jüdischen Landes zu beteiligen. Benötigt werden vor allem Bauarbeiter und andere gelernte Arbeiter, die bei der Zulassung bevor« zugt werden.