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Die neue Welt · 1935-05-31 · Heft 468 (31.5.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 468 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 20 Groschen Jahrgang 9 Steifag, den 3f ♦ Mai l<>$5 Nr* 468 ¥♦ bb. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'editeur" 187 Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40. vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—: Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—: Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—, viertel jährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, Vierteljährig Lire 14^—t Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung : IX, Universitätsstr. 8, Tel, A-20-2-78 — Erscheint Dienstag or. Freitag Umwandlung Palästinas in eine britis AeKronkolonie Bevorstehender Unterhausantrag Col. Wedgwoods Der englische Abgeordnete Colonei Josiah Wedgwood hat sich seit dem Bestand des britischen Mandats über Palästina als Freund des Zionismus, als unermüdlicher Befürworter des jüdischen Aufbauwerkes erwiesen. Seine mehrfachen Reisen nach Palästina haben in ihm die Ueberzeugung wachgerufen, daß die beste Lösung der palästinensischen Frage (im Sinne einer britischen Weltpolitik) die Umwandlung Palästinas in ein englisches Dominion (selbständiger Staat im Imperium) wäre — eine Lösung, die bekanntlich von zionistischer Seite weder gänzlich abgelehnt noch begrüßt wurde. Die Entwicklung der Dinge würde, so argumentierte man, zu einem für die zionistische Grundkonzeption günstigen Schlußpunkt führen. Wedgwood modifiziert jetzt in einem Aufsatz der dem britischen Kolonialamt nahestehenden Zeitschrift „Near East and India" seine Forderung dahin, daß das Mandatsland Palästina zunächst in eine englische Kronkolonie umgewandelt werden soll. Er beabsichtigt, dem Unterhaus einen derartigen Antrag, der einer praktischen Politik entspreche, zu unterbreiten, in seinem Aufsatz führt Wedgwood aus: „Daß Palästina letzten Endes ein sich selbst regierendes englisches Dominion werden soll, mag ein frommer Wunsch sein; daß es aus einem Mandatsgebiet in eine Kronkolonie umgewandelt werde, ist eine Forderung praktischer Politik. Ich habe vor kurzem für die Tagesordnung des Unterhauses einen Antrag bzw. eine Entschließung vorgemerkt, in der es heißt, daß „nach Ansicht des Hauses die Einwanderung von Juden nach Palästina und Transjordanien uneingeschränkt vor sieh gehen und daß P alästina in eine Kronkolonie umgewandelt werden soll'. Daß die Oeffnung der Grenzen Palästinas und T,r ansjordaniens für uneingeschränkte jüdische Einwanderung eine Forderung der Menschlichkeit ist, bedarf im Hinblick auf die Lage in Mittel-, Ost- und Südostcuropa keiner näheren Erläuterung. Unglückliche fleißige Menschen werden durch einen fJk alten Pogrom" zugrunde gerichtet. In Polen, Litauen und Rumänien gehen sie einem langsamen Hungertode entgegen. Aus Saloniki und Algerien werden die alteingesessenen sephardischen Juden durch antisemitische Propaganda vertrieben. Um das Maß ihrer Verzweiflung voll zu machen, wird ihnen nirgends, sogar in England nicht, Zuflucht gewährt. Noch nie in der Geschichte hat es eine so weit ausgebreitete Verfolgung und Verzweiflung gegeben. Daher sind die Gefängnisse Palästinas überfüllt von '„illegalen Einwanderern", die lieber Hungers sterben, -als sich zurücktreiben zu lassen. Die Forderung der Menschlichkeit ist klar genug, sogar in einer Welt, deren Christentum nur Tünche ist. In Palästina und jenseits des Jordans brauche man sowohl Arbeitskräfte als Kapital. Die Juden haben Palästina bereits wieder aufgebaut, die Eingeborenen bereichert und England die besten Orangen der Welt gegeben, die im übrigen zugunsten Südafrikas besteuert werden. Einströmendes Kapital steigert die Bodenpreise, weil Arbeitskräfte nicht vorhanden sind. Im Gegensatz zu den Gewerkschaften in allen anderen Ländern wird in Palästina sogar von den Gewerkschaften der Ruf nach mehr Arbeitern erhoben. Nach Palästina kannst du kommen, wenn du 1000 Pfund, nicht aber, wenn du zwei Arme mitbringst, um sie zu gebrauchen. Nein, die „Aufnahmefähigkeit" muß von christlichen Beamten festgestellt werden und nicht durch die Idaren alten Gesetze von Angebot und Nachfrage. Wären die Juden, die nach Palästina gehen wollen, Engländer, dann könnte diese Situation nicht eine Minute lang fortdauern. Man stelle sich den Aufschrei der Empörung vor! Aber sie sind Juden, nicht Engländer, bevor sie ankommen; sie bleiben palästinensische Bürger, nicht englische Untertanen, nachdem sie angekommen sind. Es gibt hierfür noch einen anderen, mehr Achtung verdienenden Grund. Viele betrübt es, daß das Heilige Land in einen Bienenstock betriebsamer Arbeit umgewandelt wird. Als Allenby nach Jerusalem kam, da hatte es sedn Aussehen seit 1000 Jahren nicht verändert, nur daß es immer schmutziger und schmutziger geworden war. Heute ist es eine Stadt von Palästen mit einem freigehaltenen Musealstück in der Mitte. Viele möchten so ganz Palästina unter Glas halten als einen ewigen tteberrest des Touristen-Orients. Wäre Palästina Kronkolonie, dann hätte es dia Vorteile der Imperial Preference, ein ungeheures bene in dieser Zeit. Es ist nur selbstverständlich, daß die jüdischen Bauern eine Resolution zugunsten der Umwandlung angenommen haben. Aber auch alle übrigen Juden würden eine Aenderung begrüßen. Nicht begrüßen würde sie die arabische Intelligenzschicht. Es gibt in dem Lande 350.000 Juden und 750.000 Eingeborene, Mohammedaner und Christen. Die arabischen .Intellektuellen würden froh sein, uns und die Juden loszuwerden. Was sie im Irak gemacht haben, könnten und würden sie auch in Palästina tun. Aber die Intellektuellen sind nicht die 750.000 Eingeborenen. Was die Zivilisation des Westens den Fellachen in Palästina gebracht hat, ist am besten aus einem Vergleich mit den Fellachen Aegyptens oder Syriens zu ersehen. In Palästina sind Löhne und Das Feinste vom Feinen: echter SCHWEIZER Emmentaler-Käse BERKA Juden Favoritens! Beachtet die Ankündigung auf Seite 2. Lebensstandard außerordentlich gestiegen. Sie wollen nicht, daß wir fortgehen. Aber das Mandat und die drohende' Einsetzung eines Legislative Council, möglicherweise die Furcht vor einer schließlich kommenden jüdischen Oberherrschaft, all dies hat ein Gefühl der Unsicherheit bei allen, Juden und Arabern, hervorgerufen. Das Ende all dieser endlosen Erregung, die hervorgerufen ist durch die Furcht vor einem jüdischen Regime oder einem Regime des Mufti — das ist die Bedeutung der Einfügung ins Britische Reich. Ein Ende — das ist es, was alle in Palästina bis auf eine Hand« voll Menschen wünschen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß dagegen vom Völkerbund oder von einer der Großmächte auch nur der geringste Einwand erhoben werden würde. Niemand neidet uns das Geschäft, alle sind bemüht, der stark umworbenen Macht zu Gefallen zu sein, deren Schutz alle wünschen. Stehen wir denn vor einem Abstieg, daß wir alle Verantwortlichkeiten ablehnen, die uns groß gemacht haben? Von Palästina können wir wieder einmal unseren Einfluß ausdehnen — durch unsere Gesittung unser Recht. Wir Engländer sind keine guten Mischer, aber im Bunde mit jüdischer Vitalität, durch Zusammenschluß unserer einander ergänzenden Kulturen, können wir für den Orient mehr tun als Griechenland vor 2200 Jahren." * Für arabisch-jüdische Selbstverwaltung in Palästina Aus Jerusalem: Der arabische Gelehrte Hassan Sidki Dajan hat dem High Comisaioner Wauchope ein Projekt unterbreitet, das die Uebernahme der Verwaltung Palästinas unter Einhaltung der Bestimmungen des Mandats durch Araber und Juden auf der Grundlage engster Zusammenarbeit beider Volksstämme vorsieht. (J. T. A4 Entdeckungen der //Reach$po§t" Die schwache Kirche und das starke Judentum Die Münchener Polizeidirektion teilt mit, daß „unter der Führung einer Reihe von verbrecherischen Elementen sich in München Terrorgruppen gebildet haben", die sowohl jüdische Einwohner bedrohten und jüdische Geschäfte zum Schließen zwangen als auch karitative Sammlungen katholischer Kreise störten. Man erfährt weiters aus der Meldung, daß die Terrorbande, welche sogar die Polizei tätlich angriff, schließlich festgenommen wurde und „wegen Landfriedensbruch, Störung der öffentlichen Ruhe usw. vor Gericht gestellt werden wird. Die Wiener katholische „Reichspost" will wissen, daß erst die Mißhandlung ausländischer (englischer und amerikanischer) Juden die Behörden zum Einschreiten gegen die nationalsozialistischen Rowdies veranlaßt habe, und schließt ihren diesbezüglichen Kommentar mit folgendem: „Das Münchner Exempel beweist, daß heute im Dritten Keich ein Judenprotest weit mehr vermag als alle Proteste der katholischen Bevölkerung und der kirchlichen Autorität, daß das Judentum weit mächtiger und einflußreicher ist als das bodenständige katholische Volk. Vor der Macht des Judentums kapituliert die nationalsozialistische Münchner Polizeidirektion.'4 Die „Reichspost" weiß natürlich, wie alle Welt, sehr gut, daß der Nationalsozialismus schon programmatisch das Judentum vernichten will, die jüdischen Bürger entrechtet und verfemt, der Judenheit aller Länder den Krieg erklärt hat; sie weiß auch, daß kein jüdischer Protest auch nur das Geringste an den Methoden des Dritten Reiches geändert hat. In ihrem Haß gegen das kirchenfeindliche Hakenkreuz muß — wie auch sonst üblich —- das Judentum herhalten. Es fehlt nur noch, daß die „Reichspost" erklärt, man müsse in HiUer-Deutechland vom Katholizismus zum Judentum Ubertreten, um vor der Verfolgung durch das Hakenkreuz; geschützt zu sein . . » -WD Hotel Arras Aller Koralon. Elegant« Kasino. Idealer Aufenthalt. NIZZA 7 Avenue Baquls Zimmer. Nahe am Meer und Komplette Pension: fFr es. 35.— Pension Irma Meister. Meran Idealer aanzJftbrlae*' Auienthalt. letzter Komfort, gerühmte Hiebe, hwirPark, mäßige Pr«Ue, Vert&nptn Sic Pt»tr»1*tc Die heimtückischen und unlogischen Jüdischnationalen Die „Reichspost" benützt den Umstand, daß der „Jüdische Volksbund" und die „Neue Welt" im Kampfe gegen die „Judenklassen" an den Wiener Schulen nicht locker lassen, um den Jüdischnationalen Hinterhältigkeit und Unlogik vorzuwerfen und ihnen die Trennungs-Orthodoxen als Muster braver Offenheit und folgerichtigen Denkens gegenüberzustellen. Die „Reichspost" schreibt: „Ohne ersichtlicheuAnlaß schlug der zionistische „Jüdische Volksbund'* in seinem Organ „Neue Welt" wieder einmal aggressive Töne in Sachen der Parallelklassenverordnung an. Vermutlich verfolgte die publizistische Aktion den Zweck, der Forderung des radikalen Flügels der Zionisten, daß die Gemeinde die Kosten für die kürzlich mit 17 gegen 11 (unionistlsche) Stimmen beschlossene Errichtung einer jüdischnationalen Volksschule übernehme, einigen Nachdruck zu verleihen. Das Beginnen erscheint unlogisch. Wer für jüdischnationale Volksschulen ist, kann gegen den Parallelklassenerlaß keinen ernsten Einwand haben, am wenigsten den, daß von den Parallelklassen eine Diskriminierung der jüdischen Kinder zu besorgen sei." Vorerst sei mit Bedauern bemerkt, daß die Herren von der „Reichspost" an Störung der Sehkraft zu leiden scheinen, da sie den Anlaß für unsere Erregung nicht „ersichtlich" finden. Die Parallelklassen sind noch immer da. Dann beginnt bald ein neues Schuljahr und es sind keine Anzeichen dafür vorhanden, daß man die jüdischen Parallelklassen auflassen wird. Der Anlaß für unsere Erregung und Besorgnis ist also sehr ersichtlich. Sollte aber die „Reichspost" deshalb keinen Anlaß für Erregung sehen, weü unsere bisherige Erregung Erfolg gehabt bat und man im kommenden Schuljahr die Parallelklassen auflassen wird, dann allerdings weiß sie mehr und sieht besser als wir. Bei ihrem guten Verhältnis zur Regierung wäre das nicht verwunderlich. In diesem Falle würden wir uns an der Sache und an dem Erfolg unseres Kampfes um sie sehr freuen. Dann wird auch unsere, der „Reichspost" jetzt so mißliebige Erregung und Agrea* aiyität mangels eines Anlasse« schwinden,

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