Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 467 (28.5.1935)
- Date
- 1935-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 467 ■ in ein europäisches ist, und so wie es ein europäisches Problem ist, so ist es auch ein italienisches, ein besonderes italienisches, aber keineswegs ein ausschließlich italienisches ..." Diese Aeußerungen Mussolinis, abgegeben unmittelbar nach Hitlers Expose, besagen, daß Italien entschlossen ist, jedem Angriff Deutschlands auf die territoriale, geistige, politische und ökonomische Unabhängigkeit Oesterreichs entgegenzutreten. Damit bekommt Oesterreich die Wichtigkeit, die ihm im Donauraum auch schon als Kulturfaktor gebührt. Die absurde Art, wie das nationalsozialistische Deutschland den Begriff „Nichteinmischung" definiert sehen will, wurde von allen beteiligten Staaten zurückgewiesen. Deutschland will glauben machen, daß Oesterreichs Unabhängigkeitserhaltung mit Opfern für seine Giranten verbunden ist, und die Ansicht lancieren, daß es selbst, Hitler-Deutschland, in d e m Sinne für die Unabhängigkeit sorgen will, der den Interessen des Landes, bzw. den Wünschen seiner „deutschen" Bevölkerung, am besten entspricht. Aber Oesterreich bedankt sich für die Ratschläge, die nichts anderes bedeuten als Vormundschaft. Die österreichische Regierung ist eine autonome Regierung. Sie wird sich mit den Herren, die den 30. Juni inszeniert haben, nicht in Erörterungen über politische Freiheit und politische Gewalt einlassen, sondern den Weg weitergehen, der Oesterreichs Gesundung und Wiederaufstieg verbürgt. ■ Es ist gut, daß Oesterreich im Mittelpunkt der Gespräche auf den kommenden Konferenzen, mit und ohne Deutschland, sein wird — allerdings ein souveränes Oesterreich. Und dieses souveräne Oesterreich wird selbst, durch seinen Regierungschef Dr. Sehuschnigg, Mittwoch, den 29. Mai, der Welt sagen, wie es seine Stellung unter den Kulturvölkern sieht und wie es seine Interessen wahren will. Diejenige Interpretation, die Sehuschnigg von der Unabhängigkeit Oesterreichs und der „Nichteinmischung" geben wird, die allein wird die authentische sein. Die britischen Staatsmänner und alle anderen, die mit ihnen in den Richtlinien der äußeren Politik übereinstimmen, werden noch viele Enttäuschungen erleben, wenn sie mit Hitler-Deutschland als mit einem aufrichtigen Partner, der jedes hinterhältige Spiel meidet, glauben verhandeln zu können. Solange sich die europäischen Mächte der Illusion hingeben, daß Hitler-Deutschland ein Staat ihresgleichen ist, werden sie von einer Enttäuschung in die andere fallen. Vielleicht wird die Erklärung des österreichischen Bundeskanzlers über die außen- und innenpolitische Situation Oesterreichs auch eine Aufklär u n g s e i n. o. r. Mit dem Be§en ♦ ♦ ♦ Im Mittelpunkt des Berner Prozesses um die „Protokolle von Zion" stand der vom Gericht als Sachverständiger bestellte nichtjüdische Schweizer Schriftsteller C. A. Loosli, welcher in seinem Gutachten die Hitler-Bewegung als die Menschheit bedrohende sittliche Seuche aufs schärfste verdammte. Loosli, welcher nach dem Prozeß mit Zuschriften, besonders Drohbriefen, überschüttet wurde, veröffentlicht nun in der Schweizer Preise einen „Offenen Brief an Freund und Fein d", in welchem es heißt: „Ungezählte Zuschriften und rressestimmen belehren mich, daß meine Pflichtauffassung als Sachverständiger im neulichen Berner Prozeß um die sogenannten „Zionistischen Protokolle" zum Teil nicht, zum Teil mißverstanden wurde. Darum sehe ich mich genötigt, folgendes zu erklären: In einem Alter, wo sich der herbstliche Reif des Lebens mählich auf meine Stirnc senkt, weiß ich mich davor gefeit, in einem nicht bloß unser Land bewegenden Kampf um persönliche Erfolge zu buhlen. Allein, wir stehen vor einem Abgrund, der da droht, weniger uns, die wir abtreten, als der Zukunft, die schönsten Hoffnungen der menschlichen Gesellschaft zu v e rschlingen. Was wir als Bindung, Gesittung, allmenschliche Hochwerte, ohne die wir weder leben möchten noch könnten, schätzen und hochachten, ist schon heute schwer gefährdet und verwundet. Es geht um der Menschheit erhabenste Güter, um ihre Daseinsbedingungen, um die Luft zum Atme n." „Das war mir von Anfang an kuir; daher nicht nur meine grundsätzliche Einstellung, sondern auch meine Kampfesweise. Es handelt sich für mich nicht um eine Mensur mit einem achtbaren, ebenbürtigen Gegner, sondern um eine Säuberung. Ein Besen aber ist keine Waffe, sondern ein Werkzeug; mein Werkzeug. Ich weiß mir weder Haß noch Ruhmsucht, sondern nur Kettungspflicht gegen geistige und sittliche Stickgase. Notwehr also! Ich beanspruche weder Vorteile noch Ehre, sondern Reinlichkeit. Ich erstrebe klare Luft und Sonne nicht für mein, sondern für das Leben der kommenden Geschlechter, der heranwachsenden Jugend, der Menschheit von morgen und übermorgen." „Mitbürger, Schweizer, Menschen! Rettet euch, solange es noch Zeit ist, vor der Verdämmerung alles dessen, was des Menschen Dasein lebenswert gestaltet. LaßtWahrhelt, Güte, Schönheit, Rcchtnlcht zugrunde gehen! I<aßt uns, wenn nicht uns selbst, so Joch unseren Kindern leben!" Vertreibung ju*tf§dier Bauern in Deutschland Das Ende der Groß* Gaglower Siedlung Au3 Berlin wird gemeldet: Im Jahre 1931 wurden in clor Nähe von K o 11 b u s Versuche gemacht, eine jüdische Siedlung zu schaffen und dadurch den Nachweis zu führen, daß eine ländliche Seßhaftmachung von Juden ohne weiteres möglich sei. Insbesondere war der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten an dieser Siedlung interessirt. Der Versuch dieser beruflichen Umschichtung wurde selbstverständlich auch von zionistischer Seite begrüßt. In Groß-Gaglow bei Kottbus hatten sich 24 Familien zusammengefunden und in ihre Siedlung ungefähr 300.000 Mark investiert. Man konnte hoffen, schon in kürzester Zeit die Früchte der landwirtschaftlichen Tätigkeit dieser jüdischen Kolonisten zu sehen. Mit einem Mal wurde das Werk, das, wie bereits gesagt, insbesondere der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gefördert hatte, vernichtet. Die deutschen Behörden haben nämlich angeordnet, daß die jüdische Siedlung bis zum 1. Juni d. J. geräumt werden müsse und die Siedler gezwungen, ihr lebendes und totes Inventar zu verschleudern. Die jüdischen Siedler von Groß-Gaglow sehen jetzt nach Aufwendung von soviel Energie und Kapital einer unsicheren Zukunft entgegen. Die Mehrzahl von ihnen wird wahrscheinlich von Palästina aufgenommen werden müssen. KREUZ-KINO Wollzeile 17 - Tel. R-24-2-16 „Der Kampf um U.S.A." Vor.(eIIUBgens mit Gary Cooper und Marion Devies *,%6,v«e, wo Pilsudski und die jüdische Lesion In der Zeitung „Nasz Pfeglad" veröffentlicht der bekannte jüdische Historiker Prof. Dr. M. B a 1 a b a n Erinnerungen aus der Zeit des Weltkrieges und erzählt, daß im Jahre 1914 von jüdischer und polnischer Seite Vorbereitungen getroffen worden waren, um in Galizien eine jüdische Legion zu bilden, die der Führung Joseph P i 1 s u d a k i s hätte unterstellt sein sollen. Im Sitzungssaal der Lemberger Jüdischen Gemeinde bildete sich ein Komitee, bestehend aus dem Gemeindepräsidenten Doktor Diamant, Prof. Mandel, Dr. Silberstein, dem jetzigen polnischen Konsul in Tel-Aviv Dr. Bernhard Hausner u. v. a., um eine Legion der nationalen jüdischen Jugend zu schaffen, die in der Front der polnischen Legionen kämpfen sollte. Dr. Hausner übernahm die Aufgabe, mit der österreichischen Heeresleitung und mit den Führern der polnischen Legionen zu verhandeln. Pilsudski und die übrigen Legionsführer begrüß ten den Plan mit großer Wärme, dagegen verhielt sich die österreichische Heeresleitung zögernd. Schließlich erklärte auch diese sich mit dem Plan einverstanden und stellte den jüdischen Soldaten, die sich in sehr großer Zahl für den Dienst in der Legion meldeten, Montur und Waffen zur Verfügung. Durch die überraschende Okkupierung Ostgaliziens mit der Hauptstadt Lemberg durch die russischen Truppen wurde der Plan vereitelt. Die Juden, die sich für den Dienst in der Legion meldeten, beeilten sich, nach dem Westen zu entkommen, um dann in die österreichische Armee einzutreten. (J. T. A.) Das griechische Parlament ohne Juden? Aus Saloniki: Ministerpräsident Tsaldaris, der soeben den Wahlkampf für die Regierungspartei eröffnet hat, tritt für die Zulassung der Panachage (Möglichkeit, einzelne Namen der Kandidatenlisten durch andere zu ersetzen) bei den bevorstehenden Wahlen ein. Da jedoch der Kriegsminister und stellvertretende Ministerpräsident General Kondylis den entgegengesetzten Standpunkt vertritt, wird die Panachage nur in Saloniki, dean Hauptort der Juden in Griechenland, zugelassen werden. Die Wahl jüdischer Vertreter ins griechische Parlament ist hiedurch in Frage gestellt, da nach den Erfahrungen der letzten Wahl damit zu rechnen ist, daß gerade die Namen der in die Regierungsliste aufgenommenen jüdischen Kandidaten von vielen christlichen Wählern gestrichen und durch andere Namen ersetzt werden. Studentenpolizei Aus Bukarest (J. T. A.): Die Universitätsbehörden haben beschlossen, als Mittel zur Verhütung weiterer antisemitischer Ausschreitungen an den rumänischen Hochschulen vom kommenden Semester an eine „S t u d c n t e n p o 1 i z e i" einzuführen und damit die Studentenschaft selbst für die Aufrechterhaltung des ungestörten Studienbetriebes verantwortlich zu machen. Im Hinblick auf die bisherige Haltung großer Teile der Studentenschaft wird daran gezweifelt, ob der angestrebte Zweck durch die3e Maßnahme erreicht werden wird, Caf 6 KRONPRINZ II, Aspernbrilckenaatse 4-6 / Telephon R-48-0-25 Seit kurzem unter neuer Führung Mittwoch, den 20. Mai 1939, um 20 Uhr 30 Minuten I. RUMMY-TURNIER 1. Preis 3 SO.— / 2. Preis S 30.— / 3. Preis S 20.— / 12 «ohflne Trottende Nenngeld S 3>~ Um zahlreichen Besuch bitten Alice Krelndler, Spielleiterin Betty Thaller, CafepDchterin ssmmmmmmmmmmmmmmmmmm Judensfaatspartei' Oesferreidhs Robert Stricker, Fritz Richter, Dr. Salomott Wolf, Rabbiner Dr. I. Z. Kanncr, Theodor Grubner, Josef Frankel sprechen über Aktuelle Probleme des Zionismus in folgenden Mitglicdsversammlungen: Dienstag, den 28. Mai, Sektion VI/VII. Mariahilfcr- Straße 89a (Cafe" Mariahilf). Dienstag, den 28. Mai, Sek« tion XIII bis XV, im Heim, XIII., Schanzstraße 32. Dienstag, den 28. Mai, Frauen- und Studentenversammlung im Zentralheim, I., Werdertorgasse 14. Montag, den 3. Juni, im Heim des B. J. F., Gasthaus Zaruba, X., Gudrunstraße Nr. 125. Montag, den 3. Juni, Gruppe XVI/XVH, Cafe Baidiahof, XVI., Ottakringerstraße 102. Beginn sämtlicher Vorträge halb 9 Uhr abends. Eintritt frei. Judenstaatsjugend. Dienstag, den 28. Mai, finden in allen Sektionen um halb 9 Uhr abends Plenarvcrsammlungen statt. Erscheinen Pflicht. Zum englischen Königsjubiläum Dic Judenstaatspartei Oesterreich« übersandte anläßlich des englischen Königsjubiläums dem Wiener englischen Gesandten Mr. A. S c I b y ein Gratulationsschreiben, worin es u. a. heißt: „Das frohe Fest des 25. Regierungsjubiläums der beiden Majestäten gibt auch dem jüdischen Volk willkommene Gelegenheit, seiner innigen Verbundenheit und Sympathie mit dem englischen Herrscherhaus und darüber hinaus mit dem ganzen englischen Volk Ausdruck zu verleihen, und ganz besonders gedenkt die zionistische Bewegung in tiefer Dankbarkelt der Tatsache, daß unter der Regierung Seiner Majestät dem jüdischen Volk die Balfour-Deklaration gegeben wurde, die das Recht des jüdischen Volkes auf die Wiedererrichtung seiner nationalen Heimstätte in Palästina dokumentiert.. Indem wir Eure Exzellenz bitten, unsere Glückwünsche der Regierung Seiner Majestät zum Ausdruck zu bringen, bleiben wir u. s. w." Am 10. Mal beantwortete Exzellenz Mr. A. Sclby den Gratulationsbrief mit folgendem Schreiben: „Meine Herren, ich habe mit viel Interesse und Freude Ihren Brief zur Kenntnis genommen, der Ihre Glückwünsche anläßlich des Silberjubiläums Seiner Majestät des Königs, meines erhabenen Herrschers, enthält. Ich danke Ihnen wärmstens für ihre herzlichen Gefühle, die Sie darin zum Ausdruck bringen. Ich empfehle mich Ihnen als ein ergebener A. Selby." Britische Gesandtschaft, Wien, III., Metternichgasse 6. 4500 ausländische Juden nach Biro-Bidschan. Aus Moskau (J. T. A.): Dem Vertreter der J. T. A. wurde mitgeteilt, daß die Regierung beschlossen hat, für die Siedlungsperiodc 1935/36 die Einwanderung von 1000 ausländischen jüdischen Familien und 500 alleinstehenden ausländischen jüdischen Personen, insgesamt 4500 Seelen, nach Biro-Bidschan, dem zu einer jüdischen autonomen Sowjetrepublik ausersehenen Lande im russischen Fernen Osten, zuzulassen. Die zur Regelung dieser Einwanderungsbewegung ausländischer Juden benötigte technische Maschinerie wird bereits eingerichtet, auch werden die bei der Auswahl des Siedlungselements anzuwendenden Grundsätze ausgearbeitet. Es steht schon heute fest, daß qualifizierte Arbeiter und im Baufach tätige Personen bei der Zulassung ins Land den Vorzug haben werden. Estland sichert den Juden Anteil au der Staatsführung Aus Tallinn (J. T. A.: Durch die Uebcrlcitung aller Einrichtungen des estnischen Staatswesens vom parlamentarischen zum korporativen System wird den Juden, die bisher infolge ihrer geringen Zahl niemals dauernd eine Vertretung in den leitenden Körperschaften des Staates erlangen konnten, ein entsprechender Anteil an der Staatsführung gesichert. Bisher wurden im Zuge der Verwaltungsreform erst eine Reihe berufsständischer Organisationen geschaffen, den betreffenden Kammern gehören auch die in den einzelnen Berufen tätigen Juden an. Nunmehr soll auch an Stelle des Parlaments eine allgemeine beratende Kammer treten, der Vertreter aller Richtungen, Berufe und Nationalitäten angehören werden. Hier wird auch den Juden eine ständige Vertretung gesichert werden. Bisher hatten die Juden nur in den Städten Tallinn (Reval) und Valk einen Vertreter im Stadtrat, während sie in den übrigen Städten und im Parlament unvertreten waren. 1819 Juden sind 1934 in Brasilien eingewandert Aus Rio d e J a n e i r o (J. T. A.): Nach dem Berichte der Vereinigung für Einwandererschutz (Hicom- Abteilung in Rio de Janeiro), sind im Jahre 1934 1819 Juden nach Brasilien eingewandert. Fast die Hälfte der Einwanderer, nämlich 900 Personen, stammten aus Deutschland. 90 Prozent von diesen hatten durch die Pariser Hicem-Zentrale Auswanderungshilfe erhalten. Die zweitstärkste Gruppe, 749 Personen, stammte aus Polen. 1435 Personen haben mit Hilfe der Vereinigung in Rio de Janeiro und benachbarten Landesteilen festen Fuß gefaßt. 129 Einwanderer wurden mit Hilfe der Vereinigung bei Verwandten untergebracht. Durch die Speisungsaktion der Vereinigung wurde» 10.837 Mittagamahlzeiten verabreicht.