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Die neue Welt · 1935-05-28 · Heft 467 (28.5.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 467 (28.5.1935)
Date
1935-05-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen lahrgang 9 Diemtaq, den 28« Mar 1915 Nr« 467 V« b« b« Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par rediteur" (86 l/nive, mätsbibnothek Wen. REVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40» vierteljährig S 4.~. ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljahrig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteliährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Wir haben nichts erreicht Das Präsidium der „Vereinigung jüdischer Acrzte Oesterreichs" hat der Generalversammlung einen Bericht erstattet, welcher folgendes enthielt: „Gegenstand vielfacher Bemühungen, Vorsprachen, Petitionen und Verhandlungen waren nach wie vor unsere jungen Kollegen in den Krankenanstalten. Mit tiefem Schmerz müssen wir konstatieren, daß wir auf diesem Gebiet nichts erreicht haben, nach wie vor werden Juden bei der Ernennung zu Aspiranten und Sekuudarärzten — von ganz vereinzelten, auf persönlichen Beziehungen beruhenden Ausnahmefällen abgesehen — grundsätzlich übergangen, das Prinzip wird sogar so weit geführt, daß sy3temisierte Stellen unbesetzt bleiben, weil nur jüdische Anwärter vorhanden sind. Im Allgemeinen Krankenhaus gibt es 9 Assistenz- und 32 Abteilungsärzte; am 1. August dieses Jahres werden von diesen 61 Stellen — sage und schreibe zwei von Juden besetzt sein. Im Franz-Josef-Spital"sind 40 Hilfsärzte, daVon 7 Juden; von diesen wird nun aber der letzte am 31. Oktober das Spital verlassen müssen. Im W i 1hclmincnspital gibt es unter 80 angestellten Hili'särzten nur eine n jüdischen Sekundararzt und einen jüdischen Aspiranten. Im Rudolfsspital gibt es nur einen jüdischen Sekundararzt. Wir haben bei allen zuständigen Stellen vorgesprochen und haben nichts erreicht." „Unser Bundeskanzler hat gelegentlich der Eröffnung des Bundestages am 1. Dezember 1934 versprochen, in diesem Staate einen Minoritätenschütz zu schaffen, der für die ganze Welt vorbildlich sein soll. Der Geist jedoch, in welchem der Vcrwaltungsapparat arbeitet, zeigt nur zu deutlich, daß man gewillt ist, uns Einschränkungen in unserer geistigen und wirtschaftlichen Entfaltung aufzuerlegon, die zu der für uns so hoffnungsfreiidigen Proklamation Schuscluüggs in bedauerlichem Widerspruch stehen. Das traurige Los unserer jungen Kollegen, die bitter enttäuschten Hoffnungen mühseliger und entbehrungsreicher Lehrjahre, bedeuten für uns mehr als nur eine Reihe von unglücklichen Einzelschicksalen. Für uns bedeutet dies den Vorlust einer der stolzesten Positionen im geistigen und wirtschaftlichen Leben der Juden Oesirrreichs." „Wir haben nichts erreicht.." D as ist du-: Resultat der Politik der Eingaben, Petitionen, papierenen Proteste, offizieller Vorsprachen usw. Von jüdischnationuler Seite ist längst erkannt und gesagt worden, daß diese Art von Judenpolitik zur Fruchtlosigkeit verurteilt ist. Man muß über den Rahmen offizieller Abwehrpolitik hinweg danach trachten, zu einer Aussprache mit den maßgebenden Führern der nichtjüdischen Parteien und Gruppen zu gelangen, mit allen jenen nichtjüdischen Persönlichkeiten von politischer Bedeutung, welche erkannt haben, daß antisemitische Gewalt und Aussperrung das jüdische Problem nicht lösen und daß eine gerechte und vernünftige Regelung ebenso im Interesse des Staates liegt wie im Interesse der Juden. Im jüdischnationalen Programm wird diese Politik offener und rückhaltloser Aussprache, welche die einzig vernünftige und Erfolgsmöglichkeiten bietende ist, als „Verständigung von Volk zu Volk" bezeichnet. Es kennzeichnet die traurige Situation in Oesterreich, daß gerade von denjenigen jüdischen Stellen, deren Bemühungen sich als früchtlos erwiesen haben, jeder Versuch der Aussprache verhöhnt oder als „gefährlich" hingestellt und der Grundsatz von der „Verständigung von Volk zu Volk" bekämpft und verspottet wird. In der vergangenen Woche haben gleichzeitig zwei jüdische, sonst einander bitter befehdende Zeitungen in dasselbe Horn geblasen und ihrer Ablehnung der Politik der Aussprache Ausdruck verliehen. Die „W a h r h e i t", das Blatt der assimilatorisch eingestellten Kreise, schreibt: hW>Q yo 1 k zu y-olk! Diese? Phrase begegnet man in der letzten Zeit gar häufig in jüdischnationalen Zeitungen und Reden." Viel agressiver aber geht „Die Stimm e", das Organ der Allgemeinen Zionisten, vor und läßt sich so aus: „Eine Diskussion über das Verhältnis der Minderheit (Anm. der Red.: gemeint ist die jüdische) zum Staat oder zur Mehrheit ist unnötig, auch in der Art, in der jetzt viel von einer „Verständigung von Volk zu Volk'' gesprochen wird. Das ist ein Wort, das sich in Versammlungen sehr hübsch anhört, aber doch leer und schal ist. Verständigung heißt Bereitschaft, auf etwas zu verzichten ... ,Von Volk zu Volk' klingt schön, besagt aber überhaupt nichts. Die verantwortliche Vertretung des Judentums ist die Leitung der Kultusgemeind e." Die Herren von der „Union österreichischer Juden" handeln nur konsequent, wenn sie ihre „Wahrheit" so schreiben lassen. Sie sind eben Verfechter der assimilatorischen Protestpolitik und sind ihr, trotz aller Erfolglosigkeit und trotz der fürchterlichen deutschen Lehre, treu geblieben, Sie leugnen die Existenz eines jüdischen Volkes, können daher für eine Verständigung von Volk zu Volk in der jüdischen Sache nichts übrig haben, Was,. &ber die derzeitigen Führer; der „'Allgemeinen Zinoistcn" -in ihrer „Stimme'« schreiben, ist glatte Verleugnung und Preisgabe des beschworenen jüdischnationalen Programms, auf Grund dessen sie ihre Positionen im öffentlichen Leben Oesterreichs erlangt haben. Wenn heute die Führer der Allgemeinen Zionisten die Leitung der Kultusgemeinde innehaben und jene Würden, welche Staat und Gemeinde verleihen, so verdanken sie das einzig und allein dem jüdischnationalen Programm, über dessen Hauptpunkt sie sich jetzt höhnend hinwegsetzen, und der Arbeit jener zionistischen Jüdischnationalen, deren Bemühungen um eine „Verständigung von Volk zu Volk" sie jetzt verspotten und als „Preisgabe von Rechten'* verdächtigen. Von der ethischen Wertung dieser Handlungsweise sei abgesehen. Aber es muß festgestellt werden, daß sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Sie kehren zu jener fruchtlosen Politik zurück, um derentwillen die Assimilation ihnen die Plätze räumen mußte. Und sie tun etwas, was noch viel schwerwiegender ist. Sie täuschen sich und die Judenschaft Oesterreichs darüber hinweg, daß die ökonomische und politische Verelendung der Juden erbarmungslos fortschreitet und sich die von ihnen betriebene „Kultusgemeinde-Politik" als völlig unwirksam erwiesen hat. Sie verhindern den Versuch einer Politik, welche die Aufrollung des jüdischen Problems in seiner ganzen Breite und Tiefe anstrebt, und verharren bei einer Politik, deren Resultat heißt: „Wir haben nichts erreicht.,,*4 Verstärkung des antideutschen Boykotts gefordert Wie aus Kopenhagen unter dem 25. d. berichtet wird, fand dort die Internationale Gewerkschaftskonferenz statt, auf welcher auch, die Frage des BoykottsgegenDeutschland behandelt wurde. Der Hauptredner, der englische Vertreter H i c k s, erklärte, man müsse den Kampf gegen den Faschismus Hitlers führen, da dieser barbarische Formen angenommen habe. Der antideutsche Boykott, führte Hicks aus, wird nicht nur von den Juden organisiert und durchgeführt, vielmehr beteiligen sich in Amerika und auch in England1 an dem Wirtschaftskampf gegen Hitler-Deutschland die verschiedensten nationalen und konfessionellen Gruppen. Der Boykott ist die wirksamste Waffe gegen das barbarische Hakenkreuzregime und die Auswirkungen des Boykotts, insbesondere in der Verminderung des deutschen Exports, rechtfertigen seine weitere Ausgestaltung in allen Ländern. Der Führer der holländischen Gewerkschaft, F i m m e n, wies auf eine Ermüdung in der Boykottpropaganda hin und forderte, daß die Propaganda verstärkt werde, und daß außer dem Proletariat auch die mittleren Schichten zum Boykott herangezogen werden. Jouhaux (Frankreich) betonte mit Nachdruck, daß auch der Boykott des deutschen Imports unumgänglich notwendig sei, insbesondere des Imports der Rohstoffe, damit Hitlers Kriegsrüstungen unterbunden werden können. Der Vorsitzende der Tagung, C i t r i n e, gab hierauf Einzelheiten über die Boykottmaßnahmen in geschlossener Sitzung bekannt, *. Wie man aus der Kopenhagener Meldung ersieht, ist sich die Internationale der Wichtigkeit eines lückenlosen Boykotts gegen Hitler-Deutschland bewußt — im Gegensatz zur palästinensischen Arbeiterpartei und ihren „allgemein zionistischen" Freunden, welche sich kein Gewissen daraus machen, aus Hitler-Deutschland Waren ins jüdische Palästina zu importieren. Der Durchbruch der antideutschen Boykottfront gerade in Palästina gab vielfach schon den Nazi Anlaß, die sogenannte jüdische Solidarität zu verhöhnen; er ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Linken und der ihnen in der Boykottsache folgenden allgemein zionistischen Gruppen, ORK Weltpolitik der Woche Die Rede Hitlers vor seinem „Reichstag" hat zu einem politischen Weltgespräch Anlaß gegeben. Die europäischen Kabinette beschäftigen sich nunmehr mit der Möglichkeit, das gerüstete Deutschland an den Konferenztisch zu bringen und in die Kette friedenverbürgender Vertragspartner einzugliedern. Diese Möglichkeit erstreben alle Mächte, mir in der Frage der Modalitäten gehen sie nicht konform. Die Reflexe der Bemühungen sind daher nicht die gleichen. Ein großer Teil der öffentlichen Meinung Englands, insbesondere die Anhänger der demnächst abtretenden Politiker MacDonald und Simon, wünschen durch Rückfragen an Hitler um genauere Definitionen über die wichtigsten Probleme eine leichtere Verhandlungsbasis zu gewinnen — ohne hiebei zu verhehlen, daß gewisse Punkte, wie Luft- und Seerüstung sowie „Nichteinmischung", restlos geklärt werden müssen. Fr 3, n k r e i c h läßt im großen und ganzen erkennen, daß es sich nicht wieder einem Bluff aussetzen will. Italien hat ■—■ durch seinen Regierungschef Mussolini in der Kammer — seinen Standpunkt am deutlichsten präzisiert: die 13 Punkte. Hitler-Deutschlands sollen weder als Ganzes angenommen noch zurückgewiesen werden. Mussolini ist aber weiter gegangen. Er hat über das strittige Problem, das nach Ansicht des Dritten Reiches der einzige Trennungspunkt zwischen Deutschland und Italien darstellt, etwas Positives gesagt; dazu noch in einer Form, die keinerlei einseitige Deutung zuläßt, nämlich: „Was die italienisch-deutschen Beziehungen anlangt, ist es wahr, daß nur ein einziges Problem sie beeinträchtigt, das österreichische, aber dieses ist von grundlegender Bedeutung. Bei diesem Anlaß ist es notwendig, ein für allemal und in der ausführlichsten Form zu erklären, daß das Problem der österreichischen Unabhängigkeit ein österreichisches und

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