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Die neue Welt · 1935-05-24 · Heft 466 (24.5.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 466 (24.5.1935)
Date
1935-05-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 466 CROSSE MOTORRAD-BAHNRENNEN Inttrnatlonal« Fohrer am Start Kampf um das „Blaue Band' Starhemberg, und um den Preis der Stadt Wien Besucher-Prämie 1 Puch-Motorrad auf der Wiener Trabrennnbahn Kricau Sonntag, 26. Mai 1935, 2 Uhr nachmittags gestiftet vom obersten Sportf-ihrer Vizekanzler Fürst Eintrittspreis«: S I.SO, 2.-, 2.30 Oesterreichifdi« Motor Rennfahrer ■ Vereinigung, Wien VI, Gumpendorferstraße *1 Henleiit und die Einkreisung Von Fritz Kohn-Gcdall (Prag) Na* den Wahlen Der Nürnberger Feinschlosser Peter Henlein brachte vor etlichen hundert Jahren durch die Erfindung der Uhr Ruhe, Ordnung und Kontinuität in das öffentliche Leben, das Leben des einzelnen. Konrad Henlein, Turnlehrer zu Asch in Böhmen, trug jetzt durch geschicktes Kopieren bekannter Vorbilder, unterstützt durch tatkräftige Hilfe eines großen europäischen Reiches, Unruhe und Verwirrung in die politische AtmosphäÄp dÄ^tschechoslowakisehen Republik. Als im Jahre 1933 die deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei und die Deutschnationale Partei in der Tschechoslowakei wegen staatsfeindlicher Propaganda aufgelöst wurden, standen die Sudetendeutschen, obwohl sie bereits damals zum größten Teil mit den nationalsozialistischen Gedankengängen im Reich sympathisierten und zu Hitler-Deutschland als Volks- und Kulturheimat emporblickten, unentschlossen und ratlos da. Und manchmal hatte es den Anschein, als ob die Staats- und regierungstreuen deutschen Sozialdemokraten und Landwirte aus der Eliminierung der Rechtsparteien profitieren sollten. Daß es anders kam, ist nicht die Schuld der deutschen loyalen Parteien, sondern das Verdienst eines sehr schlauen und findigen Herrn, der in Berlin das Propagandaministerium verwaltet. Schon früher hatte man sich im sudetendeutschen Lager eifrig bemüht, eine geschlossene Front aller deutschen Parteien in der Republik zu schaffen. Stets scheiterten diese Versuche. Als der Turnlehrer Konrad Henlein im äußersten Zipfel Böhmens die Sudetendeutsche Heimatfr.ont begründete, stellten er und die Herren in Berlin sich die Struktur dieser Bewegung anders vor, als sie sich später entwickelte. Henlein glaubte, sämtliche deutsche Parteien würden sich in diese Bewegung einreihen. Zu seiner nicht geringen Ueberraschung mußte er feststellen, daß von allen Seiten energische Absagen kamen. Nachdem also feststand, daß seine diesbezüglichen Bemühungen resultatlos blieben, warf diese Berlin-Ascher Kombination das Steuer energisch herum und ging daran, aus der Sudetendeutschen Heimatfront (S. H. F.) eine eigene Partei zu schaffen, deren Ziel es sein sollte, die anderen Parteien, wenigstens im deutschen Lager, überhaupt abzuschaffen. Das Programm lautete: „Schaffung einer wahren Volksgemeinschaft, Verständigung von Volk zu Volk, Niederringung des Liberalismus und der volksfremden Elemente, Zuführung der Jugend zu echt deutschen Idealen durch Zucht und Ordnung, unbedingte Anwendung des Führerprinzips und des Totalitätsanspruche s." Wenn man über die „Originalität" dieser Ideologie verschiedener Meinung sein kann, so muß neidlos festgestellt werden, daß alle diese Gedanken vollendet sinn- und wortgetreu kopiert wurden. Gespeist durch Geldquellen, deren Trübheit nichts an ihrer Ergiebigkeit änderte, oder einfacher gesagt, durch materielle Unterstützungen aus dem Reiche gestärkt, erfaßte die S. H. F. fast alle Sudetendeutschen. Die bürgerlichen Parteien zerfielen, die Kommunisten und deutschen Sozialdemokraten bröckelten ab. Die bedeutendsten Köpfe der Deutschen „ordneten sich" Henlein unter und in den bürgerlichen Parteien blieben ein paar eigensinnige Landwirte und ein Häuflein „unerschrockener" Juden, die nicht begreifen konnten, daß die Zeit des liberalen ,,M enschheitstraum'es" nicht mehr ist. Wie aber, so fragt man heute, konnten die Tschechen, denen doch alles eher als Mangel an Energie nachgesagt v/erden kann, diese Partei zu den Wahlen zulassen? Die größte tschechoslowakische Partei, die Partei des Ministerpräsidenten, protegierte Henlein, in der Hoffnung, in ihm einen gewissen Gegendruck, keineswegs aber einen Bundesgenossen, gegen die Sozialisten zu finden. Man begeht leichte und schwere Fehler. Die tschechische Agrarpartei (genannt „Republikaner") hat, das sieht sie jetzt und zu spät ein, einen sehr, sehr schweren Fehler begangen. Wenn uns die Wahlerfolge der Nationalsozialisten i n und u m Deutschland heute noch ein Rätsel wären, würden wir vor dem durchschlagenden Erfolg der S. H. F. ratlos dastehen. Aber wir wissen bereits, wie die Wahlen „gemacht" werden, wie für Stimmung und Begeisterung gesorgt wird. Große Massenversammlungen mit grandiosen Fanfaren und Bläserkapellen, mit halbmilitärischen Aufzügen (den Behörden gegenüber sind es „Ordner" oder „Turner"), mit unheimlich großer Propaganda und mit unheimlich viel Geld. Die Spannung wird tum Reißen gesteigert. Endlich erscheint der ,,F übrer" Unter den Klängen von Monsterkapellen. Er spricht schlicht, klar, für jeden verständlich, ist gerührt vom Beifall, empört Uber die Not des Volkes. Er spricht überlegt und dennoch mit einem gewissen Doppelsinn, der großdeutschen Ohren wie Himmelsmusik klingt. Gehämmerte Sätze nehmen die Herzen und Geister der großen Massen gefangen. „Der Kamerad neben uns, der Gegner vor uns, die Idee über uns!" Und die Hunderttausende jubeln ihm zu und sind bereit, ihm bedingungslos zu folgen, wohin immer. Nicht, daß Henlein die stärkste Partei der Tschechoslowakei überhaupt leitet, nicht, daß er Ziele verfolgt, die sich mit einer demokratischen Verfassung n i em a 1 s vereinbaren lassen, nicht seine betont „arisch e" Einstellung flößt uns Besorgnis ein, sondern die Tatsache, daß nicht Henlein der wahre Führer ist, sondern ein kleiner Mann mit einem großen Münd, wohnhaft in Berlin an der Spree. Da auch im tschechischen Lager die rechtsradikalen Stimmen stiegen — zum Glück nicht in dem Maße wie bei den Deutschen — geht die Tschechoslowakei schweren Zeiten entgegen. Nach dem Erfolg Henternsin der Tschechoslowakei dürfte sich die Tätigkeit der österreichischen Nationalsozialisten wieder verstärken. Die Methoden der Nationalsozialisten sind in den einzelnen Ländern verschiedene. In allen Spielarten, vom „legalen" Weg bis zum brutalen Terror, wird der Kampf um die Macht geführt werden. In großdeutschen Gehirnen schließt sich der Ring um Mitteleuropa immer enger und fester. Es ist eine Existenz- und Schicksalsfrage sowohl der jungen Völker und Staaten als auch der Westmächte, es ist eine Angelegenheit der gesamten Kulturweit, daß diese Visionen Visionen bleiben und Licht und Gerechtigkeit gegen Dunkelheit und Gewalt siegen. pjksiöH kicsteiH - Seumetm^ Das §dweizer=VoIk wehrt sidt Die Schweizer Presse konstatiert im Zusammenhang mit dem Berner Prozeß, daß sich in der Schweiz nur gewisse individuelle Ausschreitungen vor den Richter ziehen lassen, nicht aber die summarische Beleidigung der Juden als eines kollektiven Bestandteils des Schweizer Volkes. Lediglich in der Gesetzgebung des Kantons Bern habe sich eine Handhabe gefunden, gegen einige Produkte allgemeiner antisemitischer Hetzpropaganda vorzugehen, und so sei der Berner Prozeß möglich geworden. Die „Neue Zürcher Zeitung" begnügt 3ich aber nicht mit dieser Feststellung. Sie zieht den Kreis ihrer Betrachtung weiter. Sie beruhigt die Schweizer Juden und flößt ihnen Vertrauen zum Schweizer Volk und zur schweizerischen Gesetzgebung ein, wenn sie schreibt: „Die jüdischen Kläger dürfen damit rechnen, daß das Schweizer Volk von diesem Urteil Kenntnis nimmt und sich seiner bei allfälligen weiteren Konversationen über das Judentum erinnert. Aber wenn die Verwirrung weitergeht und der Judenhaß neuerdings geschürt wird, dann kann wohl kaum eine Wiederholung solcher Prozesse das Mittel sein, um ein mit der Energie Besessener dem Volke eingespritztes Gift zu beseitigen. Julius Streicher, der Vertreter des extremsten Antisemitismus im Dritten Reich, ist unter dem früheren Regime wegen Verbreitung von Judengreuelnachrichten wiederholt verurteilt worden. Seither hat die Kampfstimmung gegen das „Weltjudentum", der Verdächtigungsdrang gegen ein ganzes Volk, der Wahnwitz von einer auszurottenden oder doch endgültig zu verbannenden Rasse nun einmal von einer beträchtlichen Zahl von Menschen Besitz ergriffen. Schweizerischer Widerstand gegen diese geistige und seelische Verpestung, gegen Verrückung des gesunden Menschenverstandes wird wohl nicht weiterhin sich nur auf Gerichtsurteile stützen wollen. Der wirkliche Schutz des ange- 148 STUNDEN ARBEIT in welchem Beruf immer, das ist eine ganze Woche einseitiger Betätigung. Diese einseitige Betätigung führt zu erhöhter Ermüdung der bei der Arbeit besonders beanspruchten Körperpartien, aber auch zur Erschlaffung der minder beanspruchten. Sport und Natur sind der gebotene Ausgleich, aber auch der Gebrauch von DIANA-Franzbranntwein mit Menthol, Tägliche Massage mit Diana erfrischt, regt den Blutkreislauf an, erhöht die Spannkraft. Ebenso wertvoll zur Mund- und Haarpflege Verlangen Hie ausdrücklich „DIANA". Weisen öie minderwertige Nachahmungen zurück. griffenen Judentums liegt in der Gemeinschaft von Bürgern, die unerbittlich den Zustand des Rechtsstaates beibehalten wollen..." Das Blatt zeigt weiter den Druck der nationalsozialistischen Großmacht Deutschland gegen den demokratischen Kleinstaat Schweiz auf, erwähnt die kürzlich von Goering gehaltene Rede, worin dieser wirtschaftliche Repressalien gegen die Schweiz für ihre anständige Haltung im Protokolle-Prozeß androht und schließt (Goering sagte wörtlich: „Leute, die so über Deutschland schreiben, müssen Dreck in ihrer Gehirnschale haben...") folgendermaßen: „An SUndenböcken scheint noch immer Bedarf zu sein im Dritten Reich. Der allergrößte, der Jude, ist uns Schweizern soeben in tagelangcr Gutachtenredc vorgeführt worden. Nun scheinen allmählich die Sündenböcko im eigenen Lande nicht mehr auszureichen. Die Rede Goerings in Freiburg hatte vielleicht den Zweck, den nächstfälligen zu markieren. Was sie über den Inhalt der schweizerischen Hirnschale sagte, rückt die Rede gewissermaßen in die Nachbarschaft des Berncr Judenprozesses. Bindeglied ist die Methode der summarischen und kategorienweisen Verdammung von Völkern. Bindeglied ist aber auch der im Berner Prozeß bloßgelegte Versuch der Schweizer Frontisten, den Schweizern die dem deutschen Volk diktierten Anschauungen beizubringen." Das große und angesehene Schweizer Blatt will damit sagen, daß die Abwehr des Terrors gegen die Juden einen Teil des Kampfes gegen den unschweizerischen Nationalsozialismus hitleristischer Couleur bildet und daß ein Staat, der Rechtsstaat bleiben will, diesen Kampf führen muß. Ein Beispiel für jene Länder, die das Hakenkreuz für nicht gefährlich halten, solange es bloß den Juden droht... Der Vatikan und die „Protokolle" Der Vatikan, der jeweils zu den wichtigen kulturpolitischen Ereignissen — bei aller Distanzierung von rein aktuellen und zeitlich bedingten Dingen — Stellung nimmt, hat in seinem Organ „O s s e r v a t o r c Romano" nun auch seine Ansicht über das Urteil im Berner „Protokolle"-Prozeß niedergelegt. Die katholische Macht, der Kirchenstaat, weiß, was er der Wahrheit schuldig ist; er weiß, daß zu allen Zeiten Religionsgemeinschaften Verfolgungen und Diskriminierungen ausgesetzt waren; insbesondere wird er sich daran erinnern, mit welchen Mitteln auch katholische Gruppen bekämpft wurden. Das Urteil des Vatikans ist darum eindeutig. Der „Osservatore Romano" schreibt: „Die Protokolle sind ein lächerliches und böswilliges Falsifikat, und es ist traurig, daß es noch heute törichte und gemeine Menschen gibt, die an deren Echtheit glauben. Auch Jesuiten wurden mit solchen Falsifikaten bekämpft." So klar diese Definition auch sein mag, wird sie zweifellos nicht imstande sein, auf die Verbreiter der „Protokolle" und auf die Judenhetzer im Dritten Reich Eindruck zu machen. In der Schweiz selbst gehen die Betrachtungen über das Urteil weiter. Sie sind dadurch bemerkenswert, daß sie die Gefahr erkennen, die über die Judcnhetzr« hinaus dem Rechtsstaat droht. Danziger Juden klagen beim Volkerbund Aus Dan zig: Auf der Tagesordnung der bevorstehenden Session des Rates des Völkerbundes werden sieben den Freistaat Danzig betreffende Punkte stehen, darunter eine Petition Danziger Juden an den Obo.rkommissär des Völkerbundes in Danzig, L c s s t e r, vom 8. April 1035. Darin werden auf 100 Schreibmaschinenseiten die Lage der jüdischen Bevölkerung in Danzig und die Schikanen und Verfolgungen, denen sie immerwährend ausgesetzt ist, geschildert. An Hand konkreter Tatsachen wird nachgewiesen, daß durch die Bestimmungen der Danziger Konstitution, die sich auf den Versailler Vertrag stützt, ausdrücklich verletzt werden. Verletzt werden ferner die Pariser Konvention sowie das Abkommen zwischen Danzig Und Polen, schließlich auch die allgemeinen Bestimmungen über Schutz der Minderhexten, denen sich auch Danzig unterworfen hat. Hingewiesen wird auch auf die faktische Einheit der Danziger Regierungsorgane mit den Organen der Danziger N. S. D. A. P. und auf die schweren Folgen, die der von der nationalsozialistischen Leitung organisierte antijüdische Boykott für die Juden Danzigs hat, In der Petition bitten die Juden um Schutz ihrer Interessen und ihrer Ehre. Das offizielle Organ des Danziger Senats, ,,V o rp o s t e n", das sich durch ständige antisemitische Propaganda in der Art Streichers auszeichnet, greift scharf dici jüdische Petition an und behauptet, die Juden werden mit dieser Petition die gleiche Niederlage erleiden wie In Kairo, Der Oberkommissär des Völkerbundes, L e s s t c r, hat beim Völkerbund Beschwerde gegen die Haltung des Danziger Senats gegenüber Petitionen Danziger Bürger erhoben. Lesster klagt, daß die Danziger Regierung die Petitionäre als Landesverräter brandmarkt und behandelt, wo doch nach dem Statut Gruppen der Einwohnerschaft durchaus ein legales Recht auf Petitio« nen und Beschwerden beim Oberkommissär haben,

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