Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 466 (24.5.1935)
- Date
- 1935-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erfrag, den Mai Nr* 466 V« b* b» Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6di6 par rediteur" REVUE HCT AUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Bamänlen monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteüähxto Mark 3.—; Balgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14*—9 Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit 33 bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich, Redaktion U.Verwaltung .* IXt Universitatsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u, Freitag Einem Pogrom oder einer Judenaustrefbung entgegen Nirgends ist der Prozeß um die „Protokolle 4«r Weisen von Zion" mit so intensiver Aufmerksamkeit, ja mit Heraklopfen und Ungeduld verfolgt worden, wie in Deutschland, wie von den deutschen Juden. Es ging natürlich nicht um den Beweis der Echtheit oder Unechtheit für sie; für jeden Juden wie für jeden einsichtigen und objektiven Nichtjuden bestand kein Zweifel an der Fälschung. Aber für den in Deutschland lebenden Juden gab es auch noch ein singuläres, aktuelles Interesse: in Hitler-Deutschland zählen die „Protokolle" zu den wichtigsten Bestandteilen der antisemitischen Literatur und zum Beweismaerial für die Gefährlichkeit der Juden und Notwendigkeit ihrer Vernichtung. Ob die breiten nationalsozialistischen, seit einem Jahrzehnt schon vergifteten und mit „Stürmer"-iLiteratur gefütterten Massen der Beweisführung, wie der Berner Prozeß sie ergab, zugänglich sind, läßt sich eher verneinen. Die „Protokolle" sijfci. wie man weiß, eine Fälschung, ein Plagiat, Schundliteratur und Unsinn. Aber der Glaube an die „Protokolle" ist ein Stück Wirklichkeit, mit der man rechnen muß. Die nationalsozialistische Antwort auf das Berner Urteil sah durchaus nicht nach einem Rückzug, nach einer Erkenntnis, nach einer neuen Einstellung aus. Im Gegenteil. Der „Völkische Beobachter" erklärte, daß der Kampf um die Protokolle erst beginnen werde. So sieht keineswegs seelische Einkehr aus! Die Juden Deutachlands stehen also nach wie vor einer Wand von Mißtrauen, Haß und Feindschaft — rings um die „Protokolle" — gegenüber. * Die jüdische Wirklichkeit in Deutschland bringt es mit sich, daß auch innerjüdische Auseinandersetzungen entbrennen. Vor kurzem traten die Berliner Zionisten an die liberale Majorität der Berliner jüdischen Gemeinde mit der Forderung heran, ihnen, den Zionisten, einen der Sachlage entsprechenden Einfluß auf die Agenden der Gemeinde zuzugestehen. Die Liberalen lehn- Feinschmecker Bßfflfl-KfiSß erklären Ubereinstimmend: WwJLIiü llMkfW ist der Beste! ten ab. Die Berliner zionistische „Jüdische Rundschau" beschäftigt sich mit diesem Vorfall, indem sie die Berechtigung des zionistischen Verlangens folgendermaßen motiviert: „Es gibt wohl keinen Teil der deutschen Judenheit mehr, der nicht unter dem Zwang der Tatsachen die Bedeutung Palästinas anerkennte. Aber man will nicht wahr haben, daß der Umstand, daß jeder junge Jude ein „potentieller" Einwanderer für Palästina ist, die ganze Gestaltung des jüdischen Lebens und die Auffassung von Diaspora grundlegend beeinflußt. Das wird maßgebend für die Gestaltung der beruflichen Ausbildung, des Schulwesens, und — ganz allgemein gesprochen — der „Judentums-Freudigkeit" sein müssen. Es ist also — wie auch von jedem objektiven Betrachter ohne weiteres anerkannt wird — kein unbilliges Verlangen, daß die Zionisten in all den Verwaltungszweigen, die mit den erwähnten Dingen zu tun haben, auch einen Einfluß bekommen. Wenn aber in der innerjüdischen Diskussion angedeutet wird, die Zionisten würden nicht genügend die Interessen der hier lebenden und hier bleibenden Juden berücksichtigen, so muß demgegenüber gesagt werden, daß auf diesen, Gebieten das Ausmaß und die Art der Tätigkeit zwangsläufig vor ig eschrieben und auf allen Gebieten der praktischen Volksarbeit gerade von zionistischer Seite stets Entscheidendes geleistet worden ist. Für die in' Deuschland lebenden Juden, gleichviel welcher innerjüdischen Richtung sie angehören, gibt es die gleichen Interessen zu wahren. Die deutschen Juden haben viel umzulernen; die nichtzionistischen Führer selbst rühmen sich ja in letzter Zeit immer wieder, sie häten umgelernt. Dieses Umlernen bedarf aber einer geistigen Führung, die natürlicherweise denen zufällt, die den Prozeß schon früher durchgemacht haben. Diese fühlen zwar die Not und Bedrängnis der deutschen Juden zutiefst mit, aber sie können ihnen auch ein Ziel und einen Weg weisen. Es hieße die Sache viel zu primitiv darstellen, wenn man dieses Ziel einfach „Auswanderung" nennen wollte. Es heißt: ja sagen zum Judentum, verbunden mit dem großen tröstlichen Bewußtsein, daß etwas Neues im Werden i ist, was an die Juden große Anforderungen stellt; denn 1 &ife*m sich-z selbs.t~^rtwa<&e^ :diß-. .wirkliche Lebenskraft besitzt, braucht eine Aufgabe und ein Ziel. Diese Notwendigkeit anzuerkennen: das ist es, worum es in unserer innerjüdischen Auseinandersetzung in Wahrheit geht." Das Ziel, dem die zionistische Lösung des Judenproblems, auch des deutschen, zustrebt, fordert rasches Handeln. Die in Deutschland lebenden Juden haben keine Zeit, sich platonischen Auseinandersetzungen und Diskussionen hinzugeben. Der Tag drängt. Jeder einzelne bringt neues Leid. Die letzten Nachrichten aus Deutschland lassen erkennen, daß die Hoffnung einzelner Optimisten auf Pardon, bzw. auf Stiliehaltung, verfehlt war. Hier einige Nachrichten: Die Zeitung der Schutzstaffeln der NSDAP, schreibt, man habe eine Klarstellung der Judenfrage im Staate gewünscht und es gäbe nur eine einzige klare Folgerung aus der nationalsozialistischen Weltanschauung: Deutscher Staatsbürger kann nur ein arischer Volksgenosse werden! Bezüglich der Einstellung der Juden ins Heer sagt dasselbe Organ, daß der Versuch, Über das neue Wehrgesetz eine Anerkennung zu erschleichen, die das bevorstehende Staatsbürgerrecht verweigere, als vergeblich bezeichnet werden müsse. „Für Juden ist kein Platz im Heer", lautet die diesbezügliche Parole. Aber nicht immer und überall läuft die Diskussion über die Judenfrage so theoretisch ab. Eine neue Hetzwelle hat mit ungeheurem. Tempo eingesetzt. Das Hakenkreuz will dem deutschen Judentum noch den letzten Rest seiner Widerstandskraft, der seelischen und subj stantiellen, nehmen. Der Kopenhagener Zeitung „Berlingske Tidende" schreibt ihr deutscher Korrespondent: „Es besteht kein Zweifel daran, daß breite Kreise des deutschen Volkes unter der Einwirkung der planmäßigen Aufreizung die Verdrängung der Juden aus den letzten Einnahmestellen, die sie noch haben, wünschen. Der Korrespondent schildert dann die Hetze Julius Streichers und seines „Stürmer", dessen Verlegung nach Berlin bald bevorsteht, und geht dann zu der neuen, in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Der Judenkenner", über, die er als noch gefährlicher bezeichnet. Diese Zeitung fordert direkt zu Judenpogromen im Falle des Krieges auf. Der Korrespondent schließt: „Die Stellung der Juden in Deutschland ist ganz verzweifelt. Diejenigen, die geblieben sind, kämpfen einen fürchterlichen Kampf um die nackte Existenz." Das Ausland, vornehmlich England, betrachtet den Vernichtungsprozeß gegen die Juden mit Abscheu, aber es bleibt bei einer verurteilenden Geste. Im englischen Unterhaus haben kürzlich die Parlamentarier Maxton, Aneurin, Bevan und sieben weitere Unterhausmitglieder eine Resolution eingebracht, in der die englische Regierung aufgefordert wird, der deutschen Regierung Kenntnis zu geben „von den Gefühlen des Abscheus, die der jetzt in Deutschland herrschende Massentorror" in England erweckt. Ferner möge die englische Regierung der deutschen Regierung zur Kenntnis bringen, daß solche Zustände in Deutschland die zwischen Deutschland und England herrschenden Beziehungen ungünstig beeinflussen müssen. - Wie gesagt, eine platonische Geste! In Hitler- Deutschland selbst reagiert man nicht auf derlei „Interventionen". Die antijüdischen Aktionen gehen weiter. So meldet die „Neue Zürcher Zeitung" aus Berlin: „Der .Stürmer' hat in Frankfurt a. M. eine Filiale errichtet, um sich von dort aus eine stärkere Verbreitung in Westdeutschland zu sichern. Zur Vorbereitung der Uebersiedlung seines Hauptsitzes von Nürnberg nach Berlin hat das antisemitische Wochenblatt hier bereits seine Visitenkarte abgegeben, und zwar in Form von anderthalb Meter hohen Plakaten, die auf offener Straße angeschlagen werden. Sie enthalten verschiedene Illustrationen, die von erschreckender Rohelt und krankhaft er- *v£>d Hotel Arras NIZZA 7 Avenue Baquis Alier Komiort. Elegant« /.immer. Nahe am Meer und Kasino. Idealer Aufenthalt. Komplette Pension: fFrcs.35.— Rension Irma Meister. Meran idealer aa«t«JahHger Autenthalt, letzter Komlqrt, gerühmte Ku^e.^wrl.n^rk,^ hitzter Phantasie zeugen. Ritual morde, Schlachtungen arischer Kinder und Sexualverbrecher mit gekrümmten Nasen, diabolisch aussehende jüdische Aerzte, die ihre christlichen Patienten vergiften* sind auf den Plakaten dargestellt. KRAMPFADERN? Empfindliche Frauen tragen unseren „PARADRUIT"-Lastex Krampfadernstrumpf, auskochbar, hauchdünn, faltenlos, luftig, porös, gleichmäßige Kompression, unsichtbar auch unter dünnen Strümpfen. Stück von S 10.50 aufw. Alleinverkauf: BflndPocn-nUhoIPBch Wien, Taborslf. 22 Tel. R-42-5-40 Serie Wertvolle Fachbroschüren kostenlos überallhin. Wenn diese Art der Volksaufklärung und Propaganda noch weiter um sich greift, so steuert Deutschland entweder einem Pogrom entgegen oder einer Judenvertreibung von einem Umfang, wie ihn die Geschichte Spaniens am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts verzeichnet." Neben dieser Propagandahetze geht die administrative Vernichtung der jüdischen Existenzen mit unvermindertem Tempo weiter. Im „Reichsgesetzblatt" wird - eine Verordnung über die Zulassung von Zahnärzten und Dentisten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen veröffentlicht, wonach Juden, auch wenn sie Frontkämpfer waren oder wenn ihre Väter oder Söhne im Weltkrieg gefallen sind, nicht mehr zugelassen werden. Durch diese und ähnliche Verordnungen sinkt rapid die Zahl der jüdischen Erwerbstätigen. Nach einer Statistik, die kürzlich der Stellvertreter Hitlers, Sfraoen 6ie 3|ten 9lrst! flUeb lauer Set üftierert* unb SSIafenletben: " ©aucrbiunn Rudolf Heß, in Stockholm bekanntgab, ist die Zahl der Juden in Industrie und Handwerk in der letzten Zeit um mehr als 30 Prozent, in H a n d e 1 und Verkehr; um mehr als 20 Prozent zurückgegangen. Der Verarmungsprozeß macht riesige Fortschritte. Die deutsche Judenheit steht vor der wichtigen Frage, wie sie ihr weiteres Schicksal in Deutschland gestaltet sehen will. Wenn auch die Erklärung des nationalsozialistischen Führers Grohe, in fünf Jahren dürfe es in Deutschland keine Juden mehr geben, nicht wörtlich zu nehmen ist, so muß doch mit einer weiteren Verschlechterung gerechnet werden. Die Auswanderung bleibt nach wie vor das einzige, wenn auch langwierige) und schwierige Heilmittel. Juden und deutsches Wehrgesetx Das soeben veröffentlichte reichsdeutsche Wehrgesetz, soweit es sich auf die Juden (Nicharier) bezieht, basiert auf dem Grundsatz, daß nur Arier für den aktiven Wehrdienst in Betracht kommen und daß nur Arier Vorgesetzte in der Wehrmacht sein können. Wenn arische Mitglieder der Wehrmacht die Ehe mit nichtarischen Personen eingehen, müssen sie das Heer verlassen. Ein besonderer Punkt bezieht sich auf die Dienstleistung der Nichtarier im Kriege. Hier wird eine besondere Regelung getroffen werden. Wenn diese Regelung dem Geist des deutschen Nationalsozialismus angemessen ist, dann würde aus den Juden eine besondere Truppe für schimpfliche und gefahrvolle Aufgaben gemacht werden, wie dies die extremen Elemente ä la Streicher und Genossen schon mehrfach vorgeschlagen haben. Jedenfalls sehen sich wieder gewisse jüdisene Kreise in Deutschland, wie der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und die Nationaldeutschen Juden, von .^ehrgesetz^in^ ihren ^offnun^en; betrogen,