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Die neue Welt · 1935-05-17 · Heft 464 (17.5.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 464 (17.5.1935)
Date
1935-05-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 MB NEUE WELT Nr. 464 Diu Oskar Rosenfeld —50 Jahre Oskar Rosenfeld, geboren 1885 in Korycany in Mähren, betätigte sich schon als Gymnasiast schriftstellerisch. Als er im Jahre 1902 nach Wien kam, um an der Universität Kunstgeschichte und Philologie zu studieren, wurde er von Theodor Herzl zur Mitarbeit an der „Welt" herangezogen. Er war Mitgründer des Hochschülervcreines „Theodor Herzl". Im Kreise von Martin Buber, Berthold Feiwel, Hans Müller, Hugo Zuckermann u. a. wurde er, der Westler, ein Vorkämpfer und Interpret der ost jüdischen Literatur, die sich damals nur schwer im Westen durchsetzen konnte. Gemeinsam mit Adolf Stand, Egon Brecher, Hugo Zuckermann und Leo Goldhammer gründete er im Jahre 1909 die „Jüdische Bühne" und dank seiner Arbeit gehen zum ersten Male im Westen die Dramen von Perez, Asch, Pinski usw. über die deutsche Bühne. Oskar Rosenfeld war die Seele dieser Schauspielertruppe und Bewegung um sie. Er wirkte sowohl als Regisseur, Dramaturg und auch als Schauspieler in Hauptrollen mit. Seine Romane, Erzählungen und Novellen (,>Die vierte Galerie", „Mendel Ruhig", „Tag und Nacht") erlebten mehrere Auflagen und zeichneten sich durch die künstlerische Feinheit des Stils, die Lebendigkeit der Handlung und die Natürlichkeit der Charakteristik aus. Während des Krieges weilte er in Sofia, wo er sich als politischer Korrespondent der größten europäischen Zeitungen internationalen Ruf erwarb. Als Organisator und Propagandist hat er damals vieles zur Stärkung und Befestigung des zionistischen Gedankens in den Balkanländern beigetragen. Die jüdische Tageszeitung „Wiener Morgenzeitung" berief ihn nach dem Kriege als Mitarbeiter. Es bildete sich um ihn als Kunstkritiker und Feuillctonist ein Kreis, der voll Interesse und Spannung seine literarischen Kochleistungen verfolgte. Seine Uebersetzungen . von Scholem Alejchem, Bialik, Abraham Reisen, Perez usw. werden nicht allein von den Lesern, sondern von den Dichtem selbst als die besten bezeichnet. In vielen Journalen, Zeitschriften, Monatsheften und Wochenzeitungen fHickls Kalender, „Ost und West", „Harnburger Familienblatt", „Die Neue Welt"- usw.) erschienen seine Beiträge, in welchen er als erster den Begriff „Jüdische Kunst" festlegte. Auf diesem Gebiete ist er noch heute in unerreichter Art schöpferisch tätig. Josef Frankel. Mit Stolz kann die „Neue Welt" auf Dr. Oskar; Rosenfeid als ihren ersten Mitarbeiter hinweisen. Ein ganzer Journalist, und doch grundverschieden von dem Typua des Journalisten von heute. Ein geschworener Feind de« Banalen, ein Hasser jeder „Geschäftigkeit", jeder Sensationshascherei. Ein Mann von Geist und literarischem Charakter, der in der Behandlung des kleinsten Details zum Auadrucke kommt. Dr. Oskar Rosenfeld bereichert das jüdische und zionistische Leben und Schrifttum. Dafür sei ihm tiefer Dank und herzlicher Glückwunsch aller entgegengebracht, die Gelegenheit haben, sein Wort zu hören und zu lesen. Jugoslawien Hotel - Pension OLYMPIC Streng orth. Wiener Küche / Am Seeufer, in der Hauprallee des Kurortes gelegen / Aller Komfort / Fließendes Kalt- und Warmwasser / Herrlichster Aufenthalt in den prachtvollen Julischen Alpen / Prospekt auf Wunsch Lag Beömer Eine Betrachtung Von Dr. Israel Zw« Kanner Alljährlich beginnt am Lag-Beömer-Fest ein großes Rätselraten. Was ist Lag Beömer? Seit wann und zu welchem Anlaß wurde dieses Fest eingeführt? Wie soll man es feiern? Die Zeitungen wissen sich insofern zu helfen, als sie Schilderungen über „Meron", „Simon ben Jochai". ,,R. Akiba" und „Die Leiden der Juden zur Zeit der Kreuzzüge" bringen. Ich habe schon im Vorjahr in dieser Revue (Nr. 363) unter dem Titel „Lag Beömer, das Fest der Jugend" darauf hingewiesen, daß die obengenannten Themata bloß Nebemanstände betreffen, und gleichzeitig die wirkliche Herkunft des Festes nachgewiesen. Es ist mir aber noch nie gelungen, in der ganzen homiletischen Literatur eine Lag-Beömer-Betrachtung zu finden. Wohl wird viel Uber die Bedeutung des Sefira- Zählens, über die Bedeutung des Omers gepredigt, aber nicht über die Bedeutung des Lag Beömer selbst. Wenn also der vorjährige Artikel der wissenschaftlichen Seite jrewidmet war, so_soll der diesjährige der homiletischen, der religiösen, gewidmet sein. An keinem Fest ist der Jude so heiter, wohlgelaunt und der Freude hingegeben wie zu Purim. Kurz war dieses Fest. Kurz für den Juden, dessen Feste sonst einen ernsten Beigeschmack haben. Er sehnt sich wieder nach solch einem lustigen Fest. Für welches Datum soll er ein neues Fest ansetzen? Einen Monat vor Pessach hat er Purim gefeiert, einen Monat nach Pessach, just auf den Wochentag, auf den Purim gefallen ist, setzt er den Nach- Purim an, den Purim II, den Lag Beömer. Teuer hat er dieses Fest erkauft. Die Vor- und Nachtage hat er zü Trauertagen erklärt, damit er mit um so größerer Berechtigung eine Festpause einschalten könne. UensioH idtsteit* - Smttteeikf Die Motive beider Feste ähneln einander. Wurde Purim gefeiert zur Erinnerung an die Errettung aus den Händen'eines Haman,. so wird Lag "Beömer gefeiert zur Erinnerung an die Erre'ttung aus einer Seuche zur Lehrzeit R. Akibas. Beide Feste werden Überdies in Spiel und Sport verbracht. Wenn am Purim alles Verbotene erlaubt ist, so ist auch am.Lag Beömer alles, was während der Omerzeit , verboten war, erlaubt. Beide sind Tage der Volksunterhaltung. Das Volk will in freudiger Erregung sein, das Volk will leben. Chanuka, Chamischa-Assar, Purini, Lag Beömer sind die einzigen Feste, an denen sich die Jugend des Jischuw begeistert. Das ist traurig. Gewiß, alle diese Feste dienen der Belustigung und es soll auch kein Tropfen Wermut in sie gegossen werden, aber wir würden begeistert sein,' wenn wir wüßten, daß unsere Jugend mit derselben Innigkeit, mit derselben Hingabe und mit derselben Frömmigkeit auch die ernsten Feste feiert, mit der sie die heiteren Feste begeht. Haben wir jemals einen Bericht darüber gelesen, wie unsere Jugend Rosen Haschanah, Jörn Kippur usw. feiert? Wir lesen wohl Abhandlungen, Betrachtungen über diese Feste; wir lesen, wie diese Feste begangen werden sollen, aber wir lesen nie, wie sie begangen wurden. Es fehlt diesen Festen die Feierlichkeit, die geistige Vorbereitung, die sich vormals im Leben der Juden so sehr fühlbar gemacht hat. An den hohen Feiertagen fühlt man gar nicht das Schaudern, sie vergehen blaß und verwischt. Das jüdische Kind wird nur in geringem Maße von ihnen beeinflußt. Der Jomtow erfüllt nur eine kleine Rolle in der Phantasie und im innferen Leben des jüdischen Kindes in Erez Israel. Das Omer-Zählen verlangt von uns, die Aufklärung des Kindes, die wir am Sederabend begonnen ^-ben, systematisch, mit Berechnung fortzusetzen. Und gerade das Lag-Beömer-Fest mahnt uns daran, uns für das bevorstehende hohe Fest der Offenbarung (Schcwuoth) zu rüsten. Jubelt, freut euch, aber zählet Sefiroth. seid gerüstet! Ein hohes Fest kommt. Lag Beömer ist ein Einschnitt mitten in den Sefirothtagen, welcher den Menschen sagt: Bleib' stehen, betrachte, überlege, was vor dir ist, was nach dir ist und wo du jetzt stehst! Bei Erkältungen, Grippe, Halsentzündung, Mandelschwellung sowie Nervenschmerzen und Gliederreißen tut man gut, mit einem halben Glas natürlichen „Franas-Josef"- Bttterwasser für tägliche Darmcntleerung zu sorgen. Jüdisches Schicksal! Aus Brüssel (J. T. A.): Fünfzig deutsch-jüdische Flüchtlinge, die nach dem Hitler-Umsturz nach Brasilien auswanderten, aber dort ihren Lebensunterhalt nicht finden konnten, sind als Rückwanderer In einem belgischen Halen eingetroffen. Die Behörden verbieten ihnen die Landung. Die arabische Jugend gegen jüdische Einwanderung Aus Jerusalem: Die arabische Jugendkonferenz in Haifa hat eine Resolution angenommen, in der mit Protestkundgebungen gedroht wird, falls die Regierung ihre Politik der Förderung der Jüdischen Einwanderung fortsetzt. Polen Abfahrten: 25. Mai,4. Juni, 14. Juni, 7., Mi., 18. Juli „Francopol Mehrwöchiger Aufenthalt in Polen nach Wunsch Auskünfte u. Anmeldungen: Polnisches Verkehrsbüro |ll Wt«n Iii, H«nnwcg 1 (riciniurfc dp* l'olnfsclion Konsulats) Tri. K*16>4*S6 Aus der Tschechoslowakei Vor den Parlament swahlen Aus Prag wird uns berichtet: Der Beschluß der „Jüdischen Partei" (Zionisten), auf die Aufstellung einer eigenen jüdischen Liste zu verzichten und sich der tschechischen Sozialdemokratie, welche der Jüdischen Partei zwei Mandate auf ihrer Liste einräumt, anzuschließen, hat im zionistischen Lager Verwirrung hervorgerufen. Die Folgen dieses Kompromisses, über dessen grundsätzliche Bedeutung bereits . geschrieben wurde, werden die zionistische Arbeit im Lande nicht günstig beeinflussen. Zu den wahrlich genug großen Gegensätzen sind nun neue hinzugekommen. Als Kuriosum ist die Haltung der Poalc Zion, der zionistischen Sozialdemokraten, zu betrachten. Man hätte annehmen können, daß der Einzug der Jüdischen Partei ins sozialdemokratische Lager von dieser Seite begrüßt werden wird. Weit gefehlt! Er hat auf poalczionistischerSeiteWutausbrüchc hervorgerufen, welche sich gleicherweise gegen die tschechische Sozialdemokratie und die „Allgemeinen" Zionlsten, die Träger der „Jüdischen Partei", richten. In Anschlägen und Flugzettcln fordert die Poale Zlon ihre Anhänger auf, gegen die tschechisch-sozialdemokratische Liste zu stimmen. In dem Aufrufe heißt es: „Chawcrim, Chawerot, werktätige Juden! In dieser Stunde herrscht in unseren Reihen eine große Erbitterung, weil es dem Apparat der tschechischen sozialdemokratischen Partei gefallen hat, unsere Partei zu brüskieren und mit der bürgerlichen Jüdischen Partei — ohne unsere Meinung auch nur zu hören — einen mysteriösenPakt abzuschließen. Es ist nicht unsere Schuld, wenn wir nicht genug aktiv und aufklärend eingreifen können, denn dieser Pakt ist Sozialisten unverständlich und ein Hohn auf proletarischeSolidarität. Wir erklären dabei ausdrücklich, daß weder Dr. Angelo G o l d s t e i n noch Dr. Chaim Kugel oder sonst ein von der bürgerlichen „Jüdischen Partei" präsentierter und auf der Liste der tschechischen Sozialdemokratie kandidierter Mann unser Vertreter ist und wir lehnen im vorhinein irgend welche Gemeinschaft ab. Die Verantwortung für deren Politik trägt ausschließlich die tschechische sozialdemokratische Partei." Da aber der Poale Zion trotz aller Entrüstung nichts übrig bleibt, als sozialdemokratisch zu wählen, so empfiehlt sie ihren Anhängern, für die deutsche sozialdemokratische Partei zu stimmen, obzwar die stark unter jüdisch-assimilatorischem Einfluß stehende Sozialdemokratie antizionistisch orientiert ist. -x- Aber auch auf der rechten zionistischen Seite, bei den thoratreuen Zionisten, macht sich Desorientierung breit. Ein Teil des „Misrachi" geht mit der Jüdischen Partei, ein Teil erhebt schärfsten Protest. Dieser Teil des Misrachi ist insbesondere über die Kandidatur des Direktors des Hebräischen Gymnasiums in Munkacs, Dr. Chaim Kugel, erbittert. Dr. Kugel, ein Sozialist, steht in scharfem Kampf mit dem religiösen Judentum, welches ihn beschuldigt, die ihm anvertraute Jugend dem jüdischen Glauben zu entfremden. Im Aufruf der misrachistischen Leitung der Slowakei heißt es: „Der Kinuss erhebt Protest gegen die Kandidierung des Direktors Chajim Kugel seitens der Jüdischen Partei zur bevorstehenden Wahl in die Nationalversammlung. Diese Kandidierung liegt nicht im Interesse der Jüdischen Partei, denn die in ihrer überwiegenden Mehrheit religiösen und bürgerlichen Kreisen angehörende jüdische Bevölkerung der Slowakei und PRK muß diese Kandidierung wie einen Faustschlag empfinden." Jedenfalls ist das Bild der Zerrissenheit, welches dio Zionistische Organisation in diesen Tagen bietet, nicht geeignet, das Ansehen des Zionismus im Lande zu heben. Ein Epilog Von E. Gedall (Prag) Diesen Sonntag gehen in der Tschechoslowakei die Parlamentswahlen vor sich. Die Vorwahlzeit bedeutete früher für uns Juden eine Epoche schärfsten Kampfes gegen die „bürgerliche" und „rote" Assimilation. Und wenn auch damals ein großer Teil der jüdischen Wähler für nichtjüdiBche Listen gestimmt hat, so vereinigte uns nationale Juden eine große Idee. Wir waren alleinige Kämpfer für die Rechte und Stellung der jüdischen Minorität. Und dieses „Monopol der I nteressenwahrun g", dieses Gefühl der alleinigen Verantwortung gab uns Schwung und Elan, verlieh uns Kraft und Energie, die jüdischen Massen aufzurütteln, nationale Gedanken in sie hereinzutragen. So war es früher. Heute stellen uns die Wahlen vor eine völlig geänderte Situation. Während uns bisher eine gewisse Würde, eine in die Augen fallende Geschlossenheit nicht abzusprechen war, sind wir ietat Zeugen einoi

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