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Die neue Welt · 1935-05-14 · Heft 463 (14.5.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 463 (14.5.1935)
Date
1935-05-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WEL1 Nr. 403 schieren. Und da nun die Sicherheitspakte in Europa schon so weit gediehen sind, daß sich ihnen kein auf sein Prestige bedachter Staat entziehen kann, wird Polen sich entscheiden müssen, ob es weiter die Sphinx spielen oder eine e i n d e u t i g e Haltung einnehmen will. Der Tod des Marschalls Pilsudski wird wahrscheinlich diesen Prozeß beschleunigen. Die polnischen Staatsmänner stehen jetzt vor der schwierigen Aufgabe. Deutschlands Isolierung als vollendete Tatsache hinzunehmen und hieraus die Konsequenzen zu ziehen. Ob sie in einem Umfang zu Frankreich zurückkehren werden, den ihre Interessen heute schon vorschreiben, oder ob sie glauben, durch Kokettieren nach beiden Seiten mehr profitieren zu können — das ist die Frage, die heute die Kabinette beschäftigt. Für die Juden Polens bedeutet zweifellos die Neubesetzung des Präsidenteustuhls ein großes Fragezeichen. Pilsudski hatte kraft seines Ansehens die antisemitischen Strömungen, die sich oft genug in Exzessen entluden, eingedämmt und im großen ganzen die in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung der Juden nicht unterminieren lassen. Was in Polen gegen die jüdischen Staatsbürger geschah, waren Maßnahmen der administrativen Hand. Selbstverständlich ist es im Endeffekt gleichgültig, ob eine gesetzliche Vorordnung oder eine Handhabung der Praxis die Lebensinteressen der Juden einschränkt, indem sie die theoretische Gleichberechtigung unwirksam macht. Aber die polnische Judenheit hatte Vertrauen in die staatsmännische Einsicht Pilsudskis. der mehr war als ein bloßer Repräsentant des Staates. Vorläufig befindet sich die Macht in den Händen des Präsidenten Professor Moscicki, des Ministerpräsidenten Slawek und des Außenministers Beck. Minister Beck, Offizier wie der verstorbene Pilsudski, eine populäre Figur in der Arena der internationalen Politik, dürfte nunmehr mit Entschlossenheit Polen über den gefährlichen Weg der Isolierung führen. Lavais Gespräche mit Moskau sind wichtige Etappen auf dem Gebiet der Friedenssicherung. Wenn Polen sich nicht rasch in dieses System einbaut, könnte es leicht ..außerhalb" bleiben und das Schicksal Deutschlands teilen. Die neuen Männer werden sich für oder gegen den Frieden entscheiden müssen. Ein weiteres Zögern, ein weiterer Versuch, die labile Politik fortzusetzen, wird von der Wucht der Ereignisse überrannt werden. o. r. KREUZ-KINO '• Wollzeile 17 ■ Tel. R-24-2-16 «Steckbrief Z 48* Wer war Joe Levy? Der antisemitische Sachverständige im Berner „Protokolle"-Prozeß führte den Namen des Verfassers der „Dialogues", Joly, de« Vorbildes der „Protokolle", auf die Figur Joe Levi in Herzls Roman „Altneuland" zurück. Er erklärte, man lasse im "Vornamen Joe das „e" und im Familiennamen Levy das „ev" aus und man gelange zum Namen „Joly". Herz! schrieb in einem Brief am 8. Oktober 1902, der eine Art Biographie für Meyers Konversationslexikon darstellen sollte: „Für mein bisheriges Hauptwerk halte Ich das eben erschienene „Altneuland". „Altneuland" ist der bekannte zionistische Roman Herzls, in welchem das Schicksal zweier Sonderlinge erzählt wird, die nach vieljähriger Verschollenheit im Jahre 1920 Palästina betreten und dort einen Juden3taat vorfinden. Der Judenstaat ist Herzls Traumland, die Vision eines Dichters; darum ist der Schlußsatz dieses Romans ,,Alles Tun der Menschen war vorher Traum und wird später zum Traum" für Herzls philosophische und politische Einstellung bezeichnend. Herzl läßt im „Altneuland" einige Figuren aus seinem persönlichen Kreis auftreten: in der Gestalt David Littwack seinen Nachfolger David Wolffsöhn, der in Litauen geboren ist, in Dr. Friedrich Löwenberg seinen unglücklichen Freund Heinrich Kana, im Architekten Steineck den Architekten Marmorek, in Professor Steineck den Bakteriologen Professor Dr. Alexander Marmorek, im anglikanischen Priester Rev. Hopkins den in Wien wirkenden Rev. William Hcchler, im Augenarzt Eisenstamm den Prof. Mandel stamm, im Ing. Warschawski den Wiener erst kürzlich verstorbenen Ingenieur Johann Kremenezky. Prof. Kellner ist das Vorbild für Wellner, Prof Otto W a r b u rg für den Botaniker Harburger u. s. w. Nun kommen wir zu dem „verdächtigen" Joseph Levy. Dieser Joseph Levy — die beiden Steinecks (Marmoreks) kürzten seinen Namen auf englisch zu „Joe" ab - wird in ,,Altneuland" vom Direktorium der Kolonisierungegesellschaft zum Generalrnanager ernannt, damit er das große Projekt, die Ueberwanderung der Juden nach Palästina, durchführe. Man weiß, daß Herzl in der Figur des Joseph Levy seinem Freund und Mitarbeiter in London, dem im Vorjahre verstorbenen JosephCowen, ein Denkmal setzen wollte. Dieser Joseph Cowen erschien bereits zum eisten Zionistenkongreß, um, ebenso wie Sokolow und Zangwill, die Verhandlungen zu beobachten. In Basel selbst wurde er eifriger Anhänger Herzls und übernahm später zusammen mit L. J. Greenberg die Leitung der Zionistischen Organisation England?!. Als solcher war er auch gemeinsam mit Greenberg in der Redaktion des „Jewieh Chronicle" tätig. Im Jahre 1902 machte er mit Herzl die Reise zum Sultan nach Konstantinopel mit und nahm Anteil an der Gründung des Jewish Colonial Trust. Wie nahe er Herzl stand, geht daraus hervor, dnß ihn dieser neben Direktor Reichenfeld. David Wolffsohn und Johann Kremenezky zum Testamentsvollstrecker bestimmte. Nach Ansicht des deutschen Sachverständigen Ulrich Fleischhauer soll dieser englische Jude Joseph Cowen identisch setn mit dem berüchtigten Maurice Jo 1 y. der im Jahre 1864 die Schrift „Dialogues", das Vorbild der „Protokolle der Weisen von Zion". verfaßt hat. Joseph Cowen ist im Jahre 1868 (in England) geboren und war also, als das Buch Jolys erschien, noch nicht auf der Welt. Ihn zum Verfasser des Joly-Werkes zu machen, ist ein Kunststück, das nur von einem Sachverständigen vom Rang und von der Art des reichsdeutschen Oberleui?v>r.(r; Fletschhäuer zuwege gebracht werden kann. Josef Frftnkel. RUNDSCHAU Wer hat recht? Die Erklärung der jüdischen Frontkämpfer Oesterreichs durch ihren Bundesführer v. Friedmann: „Wir bitten nicht um Gleichberechtigung, wir betteln nicht um das gleiche Recht, sondern wir fordern", hat in der Oeffentlichkeit eine lebhafte Diskussion hervorgerufen. In einer Zuschrift an das christliche „Neuigkeits-Weltblatt" heißt es: „Wir Christen sind gegen jene Juden, die in der Presse das christliche Volk vergiften und Staat und Volk in himmelschreiender Weise ausbeuten. Unser Antisemitismus ist gerecht und notwendige Abwehr gegen jüdische Uebergriffe, wie sie auch Christus der Herr übte. Die christliche Bevölkerung besorgt auch keinesfalls die gereizte Stimmung, sondern vor allem die jüdische Presse. Solange die gebildete Welt sich nicht von der Judenpresse loslöst, ist an eine Besserung der Lage Überhaupt nicht zu denken. Abkehr vom Christentum hat die ganze Welt in die Knechtschaft des Judentums gebracht." Der erste Teil dieser Zuschrift wiederholt die seit Jahrzehnten bekannten antisemitischen Phrasen. Beachtung verdient nur der Schluß, der die Folgen der Abkehr vom Christentum an die Wand malt. Im Dritten Reich wird das Gegenteil erzählt. Dort lehrt die nationalsozialistische Weltanschauung, daß gerade das Christentum schuld sei an der „Verjudung der Welt" und daß aus eben diesem Grund das Christentum bekämpft werden müsse. Wer also hat recht? Die Herren vom Berliner „Völkischen Beobachter" oder die Herren vom Wiener „Neuigkeits-Weltblatt"? Die (ängste Chapliniade Chaplin nennt man den König der Komiker. Einzig seines Talents wegen, das ihm durch den Film die Welt erorbert hat. Man hat sich hiebei nicht allzuviel um seine Abstammung gekümmert. Erst als die Weltpresse glauben machen wollte, daß Chaplin „Arier" sei, meldeten sich Zeugen seiner Jugendjahre, sozusagen Gespielen, die mit dem berühmten Mann im Londoner jüdischen Elendsviertel Whitechapel aufgewachsen waren. Man erinnerte sich auch an den jüdischen Schriftsteller Isroel Zangwill, der sich Chaplins, des armen Judenjungen, annahm und ihm seine Karriere ebnete. » Chaplin selbst hat — auf der Höhe seines Ruhms — nicht zugegeben, daß er jüdischer Abkunft sei. Er gab auf Interviewer - Fragen „komische" Antworten — er wisse nicht, und wenn jüdisches Blut in seinen Adern rollen sollte, so würde er das nicht als Manko betrachten. Im übrigen sei er Schauspieler usw. Bei Beginn des Hitler-Regtmes soll Chaplin sich gegen den „Wert der Aufnordung" ausgesprochen haben. Es zirkulierten damals zahlreiche Wendungen. So soll Chaplin sogar den „Führer" mit dem Schnurrbart-Fleckchen auf der Oberlippe karikiert haben. Chaplin, der Komiker. Und wieder ist Chaplin komisch: Ein Berliner Naziblatt veröffentlicht das Faksimile eines Offenen Briefes Chaplins an das Blatt, worin Chaplin auf das entschiedenste bestreitet, jüdischer Abstammung zu sein, und seiner Freude, bald wieder in Berlin zu sein, Ausdruck gibt. Glücklicher Chaplin! Wie wohl wird er sich in Berlin fühlen, wenn er die Tausendc S. A.- und S. S.¬ Männer mit ausgestreckten Händen an sich vorbeiziehen sehen und das edle Lied „Wenn's Judenblut vom Messer spritzt" singen hören wird... Glücklicher Chaplin! Alles [ wird nach seinem Geschmack sein. Aber er soll sich um i Gottes Willen nicht einfallen lassen seia klassisches Get ' wand mit dem Zylinderhut, den ausgetretenen Schuhen j und dem Bambusstöckchen anzulegen ----- sonst könnte es ihm passieren, daß man ihn als „Nlchtarier" agnosziert und die Bekanntschaft mit einem der Konzentrationslager machen läßt .. . Manipulation mit {jüdischen Namen In der Tschechoslowakei steht man vor den Parlamcntswahlen. Die Wiener „Reiehspost" berichtet, daß ".ich an der Wahlpropaganda für die sozialdemokratische Partei auch reichsdeutsche und österreichische Emigranten beteiligen, unter letzteren Julius Braunthal, der gewesene Chefredakteur eines Wiener sozialdemokratischen Blattes. Von diesem Braunthal weiß die „Reiehspost" zu sagen, daß er aus dem Anhaltelager Wollersdorf befreit wurde, indem er sich verpflichtete, außerhalb Oesterreichs und der Tschechoslowakei Wohnaufentlmlt zu nehmen. „Er erlangte", schreibt die „Reiehspost", „durch Vermittlung zionistischer Organisationen und Zeitungen eine Aufenthaltsbewilligung in Palästina, wo er sich mit seiner Familie niederlassen wollte . . . Nach den Wahlen übersiedelt Braunthal nach Brünn, um an der Seite der Herren Bauer und Deutsch zu wirken." Mit besonderer Betonung setzt die „Reichspost" fort: „Neben Braunthal arbeiten die folgenden Juden (das Wort gesperrt gedruckt) aus dem Brünner Emigrantenbüro Im sozialdemokratischen Wahldienst: W. Prager, E. Fischer, K. Heinz, Böhm, W. Schlamm" usw. Unsere. Leser kennen den Fall des österreichischen Sozialdemokraten Braunthal, der in seinem Blatt „Kleines Blatt" die Araberrevoltc 1929 als Empörung des arabischen Proletariats gegen den ausbeuterischen Zionismus darstellte und im Vorjahre eine Einreiseerlaubnis für Palästina bekam, wo er im Kreis der Zionistischen Arbeiterpartei „Vorträge" (!) hielt. Allerdings ist die Darstellung der „Reichspost." nicht harmlos. Dieses einstige christlichsoziale Blatt will glauben inachen, daß die sozialdemokratische Wahlpropaganda In C. S. R. fast nur von j ü d i s c h c n Emigranten gemacht wird. Zu diesem Zwecke macht sie aus waschechten „Ariern", wie Fischer, Heinz, Böhm usw., Juden. Die Oeffentlichkeit soll irregeführt werden. Das ist ihre Absicht. Daher die Manipulation mit scheinbar jüdischen Namen. §ammlung! Dr. Emil Margulies — Listen führer der Judcnstaatszionisten in der Tschechoslowakei Die Leitung der Judenstaatspartei teilt mit: Sonntag, am 12. Mai, fand in Brünn eine Konferenz von Vertretern der „J udenstaatspartei" und der „Politischen Zionisten" (Gruppe Dr. Emil Margulies) statt, in welcher das Vorgehen dieser Gruppen im Wahlkampfc zum Zionistenkongreß in der Tschechoslowakei beraten wurde. Der Konferenz wohnten die Vertreter d«>r leitenden Instanzen beider Gruppen bei, und zwar von der Gruppe der „Politischen Zionisten": Dr. Emil Margulies, Ing. Josef Sommer (Brno), Max Schwarz (Bratislava), Bruno Grünberger (OlmUtz), Egon Haas (Pohrlitz), lug. Rudolf Fischl, Moritz Pollak, Egon Jokl (Brno), von der Judenstaatspartei: Oberbaurat Robert Stricker, Vertreter der Weltexekutive, Fritz Richter und Theodor Grubner (Wien), Dr. Erwin Fischl (Mähr.-Ostrau), Fritz Sborowitz und Ing. Josef Mandl (Frößnitz). In den programmatischen Hauptpunkten und den wichtigsten taktischen Fragen wurde volle Uebereinstimmung erzielt. Beide Gruppen werden eine gemeinsame Liste (Liste der Judenstaatspartei und der „Politischen Zionisten") aufstellen. Liste nführcr ist Dr. Emil Margulies. Die Liste wird der Wcltwahllistc der Jndcjistaats« p a r t e i angeschlossen. «■ Diesem Beschlüsse kommt eine weit über die Grenzen der Tschechoslowakei reichende Bedeutung zu. Es ist ein Zeichen dafür, daß die Sammlung aller judenstaatlerischen Elemente in der Zionistischen Weltorganisation begonnen hat. Das Zusammengehen des ältesten und prominentesten Führers des tschechoslowakischen Zionismus und seiner Gruppe mit der Judenstaatspartei ist ein bedeutsamer Anfang der Konsolidierung des Herzl-Zlonismus in der Zionistischen Weltorganisation. Er wird den Wahlkampf um den Kongreß ideell und sachlich stark beeinflussen. Mitteilungen der Judenstaatspartca Dienstag, den 14. Mai: Judenstaatsjugend. In sämtlichen Sektionen finden um halb 9 Uhr abends Plenarversammlungen statt. Gruppe VI/VI1 halb 9 Uhr abends, Cafe Patria, VI., Mariahil.ferhilferstx*aße 127, wichtige Leitungssitzung. Sektion XIV/XV, Schanzstraße 32, halb 9 Ur abends, Vortrag Fritz Richter. Mittwoch, den 15. Mai: Vortrag Dr. Salomen Wolf, halb 9 Uhr abends, im Zentralheim, I., Werdertorgasse 14. Thema: Der Allgemeine Zionismus vor dem 19. Zionistenkongreß. Donnerstag, den 10. Mai: Sektion Prater, II., Kleine Zufahrtsstraße 166, halb 9 Uhr abends, Mitgliederversammlung. Bezirksgruppe L e o p o 1 d s t a d t, II., Taborstraße 21a, halb 9 Uhr abends, Vortrag Kultusrat Ing. Eugen Buchbinder: Arbeitsdienstpflicht in Palästina. Gruppe Brigittenau, XX., Heinzelmanngasse 20, halb 9 Uhr abends, wichtige Ausschußsitzung. Dr. Hermann Rosenblum (Kaunas, Litauen) und Dr. Bernard Joz (Mitglied des Zentralkomitees der Judenstaatspartei Polens) weilten dieser Tage in Wien, wo sie in zahlreich besuchten Versammlungen sprachen und mit den Wiener Parteifreunden Beratungen abhielten. Unser Parteiratsmitglied Herr Moritz Teich hat durch das Abiehen seiner Mutter einen schweren Verlust erlitten. Die Judenstaatspartei Oesterreichs spricht ihm auf diesem Wege ihr innigstes Beileid aus. Legltlmistiselie jüdische Frontkämpfer im ICiwernen Ring Mittwoch, den 15. Mai 1935, S Uhr abends, findet im Festsaal des I-Iotel „Continental", IL, Taborstraße 4, ein Vortragsabend mit folgendem Thema statt: „Die Juden und der Staat Oester reic h". Es werden sprechen: Dr. Leo Fischmann, Hans Kandl und als Gastredner Oberbaurat Stricker. Einladungen in der Verbandskanzlei, L, Parkring; 4, Fernruf R-27-7-ST«

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