Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 463 (14.5.1935)
- Date
- 1935-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Ti«. Universitätsbibliothek Wien, f. Preis 10 Groschen fabigan<£4 Dieastaq, den *4* Mai 1015 Nf ♦ 463 V. b. b« Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'editcur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—? Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, rierteliährig Dinar 40.—: Bnmänlen monatlich Lei 40.—, vierteljahrig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig jviarfc 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, Vierteljährig Lire. 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel, A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitef Die «Protokolle* — schändliche Fälschung Sensation 3 m Berner Prozeß Am 7. Mai kam der vom Oericht bestellte Hauptsachverständige, der Berner Schriftsteller C. A. Loosli, zur Begründung seines schriftlichen Gutachtens zu Wort. Er gab zunächst eine persönliche Erklärung ab, indem er beantragte, das Gericht möge Vorkehrungen treffen, um eine Entwendung, eine Beschädigung oder eine Zerstörung der ihm von der russischen Regierung anvertrauten Akten aus dem Moskauer Archiv und aus dem Privatbesitz der seinerzeitigen Zeugen Miljukow, Sliosberg, Burzew u. a. unmöglich zu machen. Es bestehe die Gefahr, daß die Nationalsozialisten in der Schweiz diese Akten rauben wollen, um sie zu vernichten, denn sie hätten schon früher auf offenerStraßeAk tengeraubt, eine Tat, die im „Völkischen Beobachter" offen und höhnisch eingestanden wurde, und der neuerliche Menschenraub in Basel (Journalist Jacob) lasse erkennen, daß jede Gewalttat von den Nazis zu erwarten sei. Außerdem verwahrte sich Loosli gegen die Lügen Slöfl Verleumdungen des von Alfred Rosenberg redigierten „Völkischen Beobachters"; er machte ferner darauf aufmerksam, daß in Deutschland im Zusammenhang mit dem Berner Prozeß eine Neuauflage der sogenannten „Protokolle von Zion" erschiene)? sei, welche nichts anderes darstellen als eine Neufähchung der früheren Ausgabe der „Protokolle" des berüchtigten antisemitischen Hammer-Verlags. Die Einführung in diese Schrift sei dem Gutachter Fleischhauer zu verdanken, der sein Gutachten dem Verlag früher zur~Verfügung gestellt habe, als er es vor dem Berner Gericht hielt. Diese neue Fälschung, welche unter dar Aegide Fleischhauers zustande gekommen sei, habe den Zweck, die Oeffentlichkeit für die Auffassung Fleischhauers zu gewinnen, sie entsprechend zu beeinflussen und obendrein ein Geschäft damit zu machen. Loosli stellt es dem Gerichtspräsidium anheim, dieses Vorgehen des Sachverständigen Fleischhauer gebührend zu würdigen. Als Sensation wirkte insbesondere folgende Erklärung Looslis ans Gericht: In der unverkennbaren Absicht, meine Person herabzuwürdigen und damit die Unvoreingenommenheit meines Gutachtens yai verdächtigen, werde ich außerdem vom „Völkischen Beobachter", als dessen Herausgeber der derzeitige deutsche Ku lturminister Alfred Bosenberg amtet, zwar noch nicht zum Juden beschnitten, wohl aber zum Hochgradfreimaurer befördert. Es ist das derselbe Herr Rosenborg, den die Beklagten und Fleischhauer als wissenschaftliche Autorität gerade in den uns in diesem Strafhandel beschäftigenden Belangen immer wieder als icine der höchsten und letzten Instanzen anrufen. Ich halte es kaum der Mühe wert, zu versichern, daß ich der Freimaurerei oder irgend einer ähnlichen Gemeinschaft weder angehöre, noch je angehörtenoch je angehören werde, und daß ich seit nun 27 Jahren auch keiner politischen Partei mehr angeschlossen bin. Mit Nachdruck erkläre ich, daß, auch wenn dem anders wäre, ich darin nichts Ehrenrühriges oder Entwürdigendes zu erblicken vermöchte. Ich würde es sogar mit meiner Selbstachtung, meinem Gewissen und meiner Ehre für wesentlich vereinbarer halten, einer noch so hochgradigen Freimaurerei anzugehören, als etwa der wohl ein wenig allzu warmen Brüderschaft nationalsozialistischer Prägung, die im Dritten Reich einzelne ihrer Mitglieder zu weitreichendem öffentlichem Einfluß, hohen Aemtern und Würden beförderte, welche nur von ihrer sexual-perversen, sadistischen Anrüchigkeit in einer Weise überwogen werden, die ihren erschütternden, nach N i b e 1 u n g e n t r e u e riechenden Abgang nach der Walhalla vom 30. Juni 1984 bedingte. Bezüglich Fleischhauers erklärte Loosli, daß seine Auffassung der abendländischen Bildung und Gesittung entgegengesetzt sei und seine Ueherzeugungen die Verneinung alles dessen darstellen, was die europäische Kultur beinhalte. Es sei notwendig, die Anschauungen Fleischhauers mit allen erlaubten Mitteln unerbittlich zu bekämpfen. Zur Begründung seines Gutachtens führte C. A. Loosli zunächst aus: „Es ist notwendig, aus der erstickenden Vernebelung, die uns seit Beginn des Prozesses ununterbrochen einhüllte, in die reine Atmosphäre der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes herauszutreten. Meine Aufgabe besteht nicht darin, mich mit der übergeschnappten antisemitischen Literatur und ihren Autoren analysierend auseinanderzusetzen, sondern Tatbestände aufzuklären. Ich habe mich seit Jahren mit den Thesen des Antisemitismus befaßt und bin zur Einsicht gelangt, daß mich jene Thesen, sollte ich mir sie persönlich aneignen, zwangsläufig entweder ins Irre tili aus oder ins Zuchthaus führen müßten. Wir kennen die Phrasen „Deutschland in der Welt voran", „An Deutschlands Wesen wird die Welt genesen", die Phrasen von der Erlösung und der Vereinigung mit dem Reich. Für diese Absichten betätigen sich vor aller Welt bei uns in der Schweiz Spitzel und Rechtsbrecher. Gerade diese .ftechtsbrecher malen uns die Protokolle als die Landes- 'gjcfahr an. die Wand, um uns schließlich, wenn sie zum Ziel gelangen sollten, zu rechtlosen Untertanen zu erniedrigen." Nun richtet Loosli zwei Fragen an die gesunden Menschensinne: 1. Wem haben die Zionistischen Protokolle bis heute genützt? 2. Wer sind die Juden, die uns angeblich vernichten wollen? Loosli führte alle seine Freunde und persönlichen Bekannten jüdischer Abstammung an, mit denen er seit seiner Kindheit Freude und Leid geteilt habe, die ihm hilfreich beigestanden sind. Es könne keine Rede davon sein, daß das, was der Antisemitismus, was das nordische Ariertum über die Juden verbreitet, wahr sei. „Wenn das, Herr Präsident", ruft Loosli aus, „Wissenschaft ist, dann erbitte ich mir als höchste Gnade und Ehrung ein Diplom unheilbarer Trottelhaftigk ei t. Wenn es Wissenschaft heißen soll, daß die bekannten Massenmörder und Menschenflelschfresser, wie Haarmann, Kürthen, Denke, Sternickel, ferner Julius Streicher vermöge ihrer nordisch-arischen Abkunft edleren Blutes sein sollten als unsere Juden in der Schweiz, dann bitte ich um einen wohlgezielten Gnadenschuß, denn dann freut mich mein irdisches Dasein keine Minute mehr. Aber dem ist glücklicherweise nicht so. pas werde ich in meinen folgenden Ausführungen zu erhärten haben." Loosli stellt fest, daß die in den neuen Ausgaben der „Protokolle" behauptete jüdische Abstammung Jolys, des Verfassers der „Dialogues Enfers", welche den Fälschern als Unterlage dienten, nicht zutreffe. Der verstorbene A c h a d H a ä"m' 'häbe den' Grafen Reventlow gezwungen, öffentlich zu erklären, er bedaure, Achad Haam als den Verfasser der „Protokolle" bezeichnet zu haben. Es sei sonderbar um die Mentalität der Antisemiten bestellt: Klagen die Juden nicht, dann wird gesagt, sie erkennen selbst die Echtheit der „Protokolle" an. Klagen sie aber, so wird ihnen das als Frechheit angekreidet. Das ganze Gutachten Fleischhauers ist ein Gespinst, welches auf keinerlei Urkunden gegründet ist. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß die zionistischen Führer jemals das Bestreben gehabt halben, eine revolutionäre oder sonstige politische Tätigkeit in den Ländern der jüdischen Diaspora zu entwickeln. Das offizielle Programm der Zionisten. lautet: Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Der Zionistenkongreß wurde, wie jüdische und nichtjüdische Zeugen bestätigten, im breitesten Lichte der Öffentlichkeit geführt. Loosli wies nach, daß keine einzige Ausgabe der „Protokolle" mit anderen Ausgaben wörtlich oder auch nur sinngemäß übereinstimmt. Jede einzige Ausgabe sei somit eine Fälschung für sich. Dasselbe gilt für die Kommentare der verschiedenen Herausgeber der „Protokolle". Immer wieder werde von den Antisemiten die Methode der Zitate- und Urkundenfälschungangewandt. Loosli charakterisierte dann den Inhalt der ihm von der russischen Regierung zur Verfügung gestellten Dokumente, betreffend den Einfluß der zaristischen Ochrana auf die Entstehung der Fälschung der „Protokolle". Diesen Dokumenten sei zu entnehmen, daß Ratschkowsky und seine Mitfälscher selbst nicht für die Echtheit der „Protokolle" einstanden. Nikolaus II. hat, als er sich überzeugte, daß die „Protokolle" eine Fälschung sind, deren Zirkulation verboten; denn er wollte nicht gegen die Revolutionäre „eine reine Sache mit schmutzigen Mitteln" verfechten. Das ist eine urkundlich belegte Feststellung. Joly war —■ das ist festgestellt — kein Jude. Sein Buch „Dialogues" wurde bereits im Jahre 1865 deutsch, übersetzt und in Deutschland richtig als Pamphlet gegen Napoleon III. eingeschätzt. An 176 Stellen ist inhaltlich und wörtlich aus den „Dialogues" abgeschrieben worden. Wo in Jolys Broschüre Napoleon gemeint ist, werden in den „Protokollen" die Juden untergeschoben. In seinem Buche „M ein Kampf" bezieht sich Hitler wiederholt auf die „Protokolle", die er als echt bezeichnet. Rosenberg, der deutsche Kulturminister, der sein Buch „Mythos des 20. Jahrhunderts" — wie dies vom Bischof von Münster und seinen Mitarbeitern festgestellt wurde — zum Teil aus dem Buch eines Irrsinnigen, Grünwedel, abgeschrieben hat, ist der richtige Vorkämpfer für die Echtheit der „Protokolle". Man kann sich denken, wie solche Leute Talmud, Schulchan Aruch und anderes behandeln. Die Kronzeugen des Gutachters Fleischhauer, Taxil, Rohling usw., waren, wie einwandfrei festgestellt ist, gemeine Schwindler.. Was sind die Prolokolle? Am Mittwoch, den 8. Mai, führte der Gerichtsexperte C. A. Loosli sein Gutachten zu Ende. Er erklärte zunächst den Zweck der Fälschung, führte die Fälscher namentlich an und begründete ausführlich, daß keinerlei Zusamenhang zwischen Feimaurerei und Judentum bestehe. Bezüglich Fleischhauers wies er nach, daß sich dieser in der Hauptsache auf den verstorbenen Antisemiten Theodor Fritsch in Leipzig, der mehrfach wegen. Verleumdung und Fälschung vorbestraft war, berufe. Nach einer Darlegung der Entstehungsgeschichte der Protokolle erklärte Loosli, daß auf Grund des Berner Strafgesetzbuches und der Strafgesetzbücher der Kultusstaaten nicht nur die „Protokolle", sondern auch das Gutachten Fleischhauer über diese als S c h u n tili t e r a t u r zu bezeichnen sei. Nach einer Replik Fleischhauers zog Loosli folgende Schlußfolgerungen: 1. Die „Protokolle" der Weisen von Zion sind eino Fälschung. Ihre Unechtheit ergibt sich aus ihrer Form, ihrem Inhalt und ihrer Entstehungsgeschichte. 2. Die Protokolle sind ein Plagiat. Die Fälscher haben sich nicht einmal die Mühe genommen, die Quellentexte auch nur entsprechend umzuschreiben. 3. Die Hauptquelle der „Protokolle" sind die bereits mehrfach erwähnten „Dialogues..." von Maurice Joly. 4. Die „Protokolle" stehen zum Basler Zionistenkongreß 1897 in gar keinem als in dem von den, Fälschern der „Protokolle" behaupteten Zusammenhang. 5. Die „Protokolle" fallen in literarischer Hinsicht unter den Begriff der Schundliteratur. Sie gehören der niedrigsten und gefährlichsten Art der Schundliteratur an. Der StvaSantwag Freitag den IG, Mai, stellte der Vertreter der Klägerschaft den Antrag" Dia Beschuldigten Fischer Histd Schnell gemäß dem Gesetz gegen die Schundliteratur angemessen zu bestrafen, die inkriminierten Schriften, darunter dio „Protokolle" zu beschlagnahmen und die beiden Beschuldigten zur Tragung der Kosten zu verurteilen. Bezüglich der übrigen Beschuldigten stellte der Klagevertreter keine Anträge. ^llilllilllllllllllllHIIIIIIIlllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllll^ E ludenstaaispartei Oesterreichs E Mittwoch, den 15. Mai um halb 9 Uhr abends 5 E im Zentralheim, Wien I, Werdertorgasse 14 E E Referent: Dr. Solomon Wolf S E Thema: Der „Allgemeine Zionismus" vor dem E E 19. Zionistenkongreß E S Gäste willkommen! Gäste willkommen; ~ 1111111111111111111111111111111 m 11111111111111 m 1111111111111 s 1111 ii ■ i iT^ Weltpolitik der Woche Nach dem Weltkrieg wurde das wiedererstandene Polen Frankreichs natürlicher Bundesgenosse. Die Freiheitsparolen der französischen Revolution hatten nie aufgehört, der Nährboden für Polens Unabhängigkeitsträume zu sein, und als das Selbstbestimmungsrecht der Völker von einem Verbündeten Frankreichs, Amerika, proklamiert wurde, da konnte Polen, das, seinem eigenen Nationallied zufolge, „nie verdorben" war, wiederauferstehen. Das Dankbarkeitsgefühl seitens Polens hielt so lange an, als es im Einklang mit seinen Interessen gelegen schien. Es war nämlich allmählich klar geworden, daß Polens geographische Lage — eingekeilt zwischen Deutschland und Rußland — zwangsläufig eine Politik vorschreiben werde, die dieser Lage Rechnung trägt. Als Polen auf der einen Seite in umfangreiche wirtschaftliche Verflechtungen mit Sowjetrußland einging, auf der anderen Seite mit Hitler-Deutschland einen zehnjährigen Pakt schloß, der wie ein Freundschaftsabkommen aussieht, mußte Frankreich, bisher Polens „Vormund in internationalen Belangen", einsehen, daß eine Wendung in Polens Verhalten zu den europäischen Staaten eingetreten war. Polen wünschte als Großmacht, als gleichwertiger Verhandlungspartner' angesehen werden. Wollte Deutschland mit Sowjetrußland anbandeln, wollte Frankreich seine Beziehungen zu Sowjetrußland befestigen, so mußte es unwillkürlich auf die Republik Poler. stoßen, die unter dem Regime des Marschalls Pilsudski eine nicht zu unterschätzende Militärmacht geworden war. Nach beiden Richtungen hin wurden politische Akte getätigt, Polen-Deutschland sowie Frankreich-Sowjetrußland trafen gegenseitige Abkommen. Hiebei sieht der gegenseitige Hilfeleistungspakt zwischen Frankreich und Sowjetrußland im Vordergrund. Im Falle eines Angegriffenseins wird Rußlaad, wird Frankreich majft