Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 462 (10.5.1935)
- Date
- 1935-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 462 DIE NEUE WELT Seite 5 } II Landflucht" in Palästina Von Dr. J. Adler (Tel-Aviv) Während von der Gesamtbevölkerung Palästinas nur 40 Prozent Stadtbewohner sind — wobei selbst so kleine arabische Landgemeinden wie Beisan, Shefa-Anr, Khan-Yunis offiziell als „Städte" gerechnet werden —, treffen wir unter den Juden Palästinas nach der zuletzt stattgefundenen Volkszählung (vom 18. November 1931) nicht weniger als 74 Prozent Stadtbewohner an, wobei noch berücKsichtigt werden muß, daß selbst schon so weitgehend städtisch entwickelte jüdische Orte wie Petach-Tikwah, Rischon-le-Zion und Rechowoth amtlich nur als „Dörfer" bewertet wurden. Dies sogar, mit Ausnahme Petach-Tikwahs, selbst heute noch! Seit jener Volkszählung, die zu den oben mitgeteilten Resultaten führte, ist die ,,Verständterung" des Jischuw zweifellos erheblich fortgeschritten; insbesondere hat dazu die Einwanderungswelle von 1933, 1934 und 1835 beigetragen, die sich vorwiegend in Tel-Aviv, Haifa «n Jerusalem aufstaute. Daher läßt sich vermuten, daß heute wohl nicht einmal 20 Prozent der palästinensischen Juden außerhalb dieser drei Städte wohnen. Die hierin zutage tretende „Landflucht" ist vor allem die Folge der Immigrationserschwerung. Da, gemessen an der Expansion des Arbeitsmarktes, zu wenig jüdische Arbeiter nach Palästina kommen, so ballen sich begreiflicherweise die Menschenmassen dort zusammen, wo ihnen besonders hohe Löhne und zivilisatorisch angenehme Lebensbedingungen winken, also in den Städten bei der Bau- und Fabriksarbeit. Das flache Land, dessen Pflanzungen und Gemischtwirtschaftsbetriebe nicht solch hohe Löhne zahlen können wie die Unternehmungen in der Stadt, verödet infolgedessen in gewissem Grade. Wichtige Domänen der jüdischen Arbeit gehen uns dadurch verloren. JUDENSTAATLER! ~ Diesen bekannnten Sachverhalt hat man bisher hauptsächlich auf die politischen und ökonomischen Folgen hin untersucht. Dabei haben die soziologischen Auswirkungen jenes Phänomens leider zu wenig Beachtung gefunden. Wir möchten das Versäumte jetzt nachholen, indem wir das hochaktuelle Problem so formulieren: Haben sich unsere offiziellen Bevölkerungspolitiker schon einmal die Frage vorgelegt, was soziologisch zu erwarten steht, wenn Tel-Aviv in nicht mehr ferner Zukunft über 200.000 Einwohner zählen wird, also nicht viel weniger als die Hälfte der zu jenem künftigen Zeitpunkt zu vermutenden Gesamtzahl der Juden in Palästina? In der ganzen Welt hat man längst erkannt, daß die einseitige großstädtische Konzentration der Bevölkerung den gesunden Fortbestand der Nationen gefährdet. Einen sehr interessanten Beweis dafür hat die natürliche Struktur des deutschen Judentums geliefert — schon von 1933. Die deutschen Juden sind seit langem zu rund 75 Prozent Großstadtbewohner, während von der deutschen Gesamtbevölkerung nur erst 27 Prozent in den Goßstädten (Städte von 100.000 Einwohnern an) leben. Der abnorm hohe Einfluß des großstädtischen Daseins, also der übermäßige Verbrauch an Nervenkraft, das krankhaft gesteigerte „Tempo", die allzu verfeinerte Lebenshaltung, das „Zweikinder-System" oder gar das System der Kinderlosigkeit, hat sich (schon vor 1933!) in nachstehenden statistischen Tatsachen geäußert: Zahl der Geisteskranken bei den deutschen Juden relativ dreimal so hoch wie bei der deutschen Allgemeinheit, Zahl der Selbstmorde relativ doppelt so groß, Geburtenziffer um 40 Prozent geringer. Und nun das drastische Gegenbeispiel, ebenfalls aus dem jüdischen Leben in der Galuth gewählt: Als die damals 800.000 Juden in Galizien um das Jahr 1900 herum noch zum weitaus größten Teil In Dörfern und Kleinstädten lebten, davon 100.000 in der Landwirtschaft tätig, war Ihre Volksvermehrung relativ doppelt so stark wie die der neben ihnen lebenden Polen und Ukrainer. Heute beträgt die jüdische Volksvermehrung nicht einmal die Hälfte! Ein englischer Soziologe, Chambers, hat gesagt: „Die Großstadt von heute trifft zunächst eine Auswahl der Tüchtigen, um sie dann zu vernichten!" Pension Koch, Haifa Hadar-Hakarmel Hormon Street 20 Telephon 1139 Haus ersten Ranges / Herrliche ruhige Lage / Kühle Räume / Modern eingerichtete Zimmer mit fließendem Wasser / Gepflegte koschere Küche / Mäßige Preise. In Berlin ist die Zahl der Sterbefälle jährlich um rund 10.000 höher als die der Geburten. Aehnlichc Beobachtungen hat man in New York und London, Paris und Wien gemacht. Fände nicht immer wieder neuer Zuzug vom flachen Lande statt, so würden die Großstädte an Einwohnerzahl allmählich wahrnehmbar verlieren, gleichsam im Laufe der Zeit „aussterben", wie im Altertum Babylon und Ninive, als nach dem Zerfall der mesopotamischen Bewässerungskulturen der Zuzug neuer Menschen ausblieb, in der Tat ausgestorben sind. MATURASCHULE „UN1UERSUM" II IX, GARNISONGASSE 3. TELEPHON A-20-4-48 || Nun wissen wir sehr gut, daß Tel-Aviv heute noch in weiten Kreisen als die Großstadt gilt, die eine „Ausnahme von der Regel" bildet und von den soziologischen Mängeln anderer Großstädte frei ist. Insbesondere weist man auf die letzte Berechnung aus dem Jahre 1932 hin, wonach Tel-Aviv bei einer Jahres-Geburtenzahl von 27 per 1000 Einwohner und einer Jahres-Sterbezahl von nur 8 per 1000 sich einer natürlichen Vermehrung von 19 per 1000 erfreute — womit es freilich hinter dem allgemeinen palästinensischen Durchschnitt (im Jahre 1932: 44 Geburten per 1000 Einwohner, 22 Sterbefälle per 1000, also Geburtenüberschuß von 22 per 1000) schon etwas zurückblieb. Seit dem Jahre 1932 haben sich aber in Tel-Avivs Bevölkerung wichtige Veränderungen vollzogen, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Man darf leider nicht hoffen, daß heute noch in Tel-Aviv jährlich 27 Kinder per 1000 Einwohner das Licht der Welt erblicken. Die Verteuerung des Lebens, mit ganz besonderer Schärfe aber die Wohnungsnot, hat selbst jene Schichten der Tel-Aviver Bevölkerung, die, wie etwa HÜTET DAS ERBE HERZLS! die Jemeniten, nie zuvor an eine künstliche Geburtenbeschränkung dachten, in überraschend kurzer Zeit zu Anhängern der „Geburtenkontrolle" gemacht. Man überlegt es sich heute sehr gründlich, wieviel Kinder man großziehen kann, ohne die materielle Existenz der Familie zu gefährden. Auch gibt es leider in Tel-Aviv gegenwärtig schon nicht wenige Hausbesitzer, die „grundsätzlich" keine Wohnung an kinderreiche Familien vermieten. Noch vor kurzem hat der ganze Jischuw, ohne Ausnahm^ seine Freude und seinen Stolz in einem möglichst zahlreichen Nachwuchs gesehen, in jener „Alijah, die ohne Zertifikat und trotzdem .legal* ins Land kommt". Und heute? Heute gelten zwei Kinder pro Ehepaar schon als viel, und wenn man gar drei oder noch mehr hat, muß man befürchten, keine Wohnung zu bekommen, weil nach Ansicht mancher national gewissenloser Hausbesitzer „Kinder durch Lärm stören" — als ob die fröhlichen Lebenskundgebungen gesunder Kinder nicht ein wahres Labsal für unsere Nerven wären, wenn wir an die gräßlichen Disharmonien denken, mit denen uns allnächtlich jene Radio-Apparate und Sprechmaschinen belästigen, die, einer Pest gleich, Tel-Aviv, Rehavia und Hadar- Hakarmel überschwemmt haben. Um aber auf die ominöse Kmderzahi „3" zurückzukommen: wissennschaftlich ist festgestellt, daß drei Kinder pro Ehepaar gerade noch genügen, um die bestehende Volkszahl knapp aufrecht zu erhalten; zu wirklicher Volksvermehrung trägt erst das vierte Kind bei. Bei Vergiftuugserscheinungen, hervorgerufen durch verdorbene Speisen, bildet die sofortige Anwendung des natürlichen „Franz-Josef"-Bitterwassers ein außerordentlich wichtiges Hilfsmittel. Aerztlich bestens empfohlen. Wie Tel-Avivs „Geburtenziffer" sich seit 1932 zweifellos stark verschlechtert hat, so ist vermutlich auf der anderen Seite die „Sterbeziffer" — beides im Sinne der Relation zur Einwohnerzahl — wesentlich gestiegen. Selbstmorde und tödliche Verkehrsunfälle spielen dabei eine traurige Rolle. Außerdem hat die der Großstadt eigentümliche Ueber Spannung der Nerven- und Arbeitskraft die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten verschiedenster Art bedeutend 'geschwächt. Wenn bei alledem Tel-Aviv wahrscheinlich auch heute noch eine viel günstigere Bevölkerungsbilanz aufzuweisen hat als der Durchschnitt der europäischen und amerikanischen Großstädte, so liegt dies einzig und allein an der buchstäblichen „Jugend" der Stadt, an ihrem Charakter als Kolonialstadt, die in ganz überwiegendem Maße Wohnsitz und Wanderziel junger Menschen ist und relativ wenig Angehörige der höheren Altersklassen zählt. Das aber wird sich im Laufe der beiden nächsten Jahrgänge zweifellos nivellieren, und dann wird das Tel-Aviver etwa von 1955 hinsichtlich der Geburtenziffer, der Sterbeziffer, des Geburten-, bzw. Sterbe-Ueberschusses unter Umständen auch nicht viel besser dastehen als sonstige moderne Großstädte. Eine nervöse, Uberzivilisierte Stadt mit starkem Lebensgenuß, mit geringem Familiensinn, mit teuren, engen Wohnungen ohne PteU für Kinder, eine Stadt, in Neu renoviert! Glattere -wd* Restaurant Wien Vi, Schmalshofgasse 12 MftflU h S 1.30, 1.80, 2.-, 3.S0, A la carte billige Preise aiUMIkeWitt» gut« KUch«. Oute Bedienung. Kein Trinkzwang der mehr Menschen sterben, als neu geboren werden, in ihrer Art eine Wiederholung des jüdischen Schicksals im antiken Alexandrien — soll sie wirklich der bestimmende Faktor unserer gesamten soziologischen Entwicklung in Erez-Israel werden? Verschiedene Nationen, die ihren Bestand durch die Entvölkerung des flachen Landes und durch die Ueberfüllung der Großstädte bedroht fühlen, haben in letzter Zeit zu gründlichen Gegenmaßnahmen gegriffen. Erinnert sei an die Entwässerung und abschließende Kultivierung der ehemaligen „Pontinischcn Sümpfe" in Italien, an das großartige „Zuider-Zee"- Unternehmen Hollands, an die konstruktive Farmerhilfo Amerikas — wobei wir uns nicht verhehlen wollen, daß die Parole ^Zurück aufs Land!" in Staaten mit einer schon seit langem festgefügten sozialökonomischen Struktur nur sehr schwer, oft auch gar nicht durchzuführen Ist. Gegenüber „alten" Ländern von ausgeprägter „Statik" der Bevölkerung haben allerdings wir in Palästina den unschätzbaren Vorteil, ein „dynamisches" Aufbauland zu sein, wo sich manche Fehler der bisherigen* Siedlungspolitik noch rechtzeitig korrigieren lassen. Was uns soziologisch in erster Linie not tut, ist der selbständige agrarische Mittelstand, der jüdische Bauer, der seinen Rückhalt an einem wohlausgebauten Genossenschaftswesen findet, ist weiterhin die Verpflanzung unseres jüdischen Bau- und Industriearbeiters aus der überfüllten, teuren Großstadt aufs Land im Wege der vorstädtischen Kleinsiedlunng, Stadtrandsiedlung", die fhren Bewohnern mindestens einen Teil des Lebensunterhalts durch" Eigenproduktion (Hühner, Milchziege, Gemüsebeete, Obstbäume) gewährt. Alles, was wir an organisatorischen und finanzpolitischen Instrumenten des Jischuw besitzen, muß Vor allen Dingen diesem Ziele dienen, namentlich auch der'Apparat unserer Kreditwirtschaft. Noch haben wir heute, durch manche Tel-Aviver Symptome zur rechten Zeit gewarnt, die kostbare Chance, KAUFT DEN SCHEKEL! nach weitschauendem Plane die soziale Struktur des werdenden jüdischen Palästina vorzubestimmen. Bleiben wir jedoch passiv, so könnten wir nach einem weiteren Jahrzehnt des „Laissez-faire" gar leicht vor der alsdann vollzogenen und fast unabänderlichen Tatsache stehen, daß wir Juden auch in Palästina wieder ein Stadtvolk sein würden, mit allen von uns wahrlich schon im Uebermaß ausgekosteten Nachteilen der Ghetto- Existenz. . . . Von Arabern ermordet Aus Jerusalem: In der Nacht von Freitag auf Samstag wurde der 30jährige Kaiman Schapiro, Sohn des Rabbiners Jesaja Schapiro, der in Begleitung zweier jüdischer Mädchen im jüdischen Stadtviertel Keren Abraham in Jerusalem spazieren ging, von Arabern überfallen und durch Messerstiche getötet. Zwei Araber, die durch Polizeihunde im Dorfe Lifta gestellt wurden, wurden als des Mordes verdächtig verhaftet. Schapiro gehörte der von den Revisionisten gegründeten Nationalen Arbeiter- Organisation an. Vom Gebäude dieser Organisation weht eine Trauerfahne. Neue Oberrabbiner in Palästina Aus Antwerpen: Der Oberrabbiner von Antwerpen, A m i e 1, wurde als Nachfolger des verstorbenen Rabbi Aronson zum Oberrabbiner von Tel-Aviv bestimmt. Er begibt sich demnächst an seinen neuen Wirkungsplatz. Der Oberrabbiner von Brüssel, S e g a 1 owitsch, früher Danzig, wurde zum Oberrabbiner von Haifa bestimmt und begibt sich demnächst nach Palästina. 100.000 polnische Juden Iii Palästina Aus Warschau: Der soeben veröffentlichten offiziellen Statistik über die Einwanderung nach Palästina ist zu entnehmen, daß in den Jahren 1920 bis 1934 8 8.8 5 6 Juden aus Polen nach Palästina ausgewandert sind. Fast jedes neue Jahr brachte eine Steigerung der Auswanderung, die 1934 18.329 Seelen betrug. Heute sind es bereits über 100.000. The VVVl WM M* P.O.B. 119,Telephone963—964. Cable ------ address': „ASHRAIBANK" TEL-AVIV TEL-AVIV Ausführung sämtlicher Bankgeschäfte SPEZIALABTEILUNG für palästinensische und ausländische Wertpapiere Erteilung von Informationen für Neueinwanderer The Hadar Hacarmel P. O. B. 950, Telephone 344. Cable ...... address: „ASHRAIBANK" HAIFA HAIFA ——— —-*mma » "'J